mini|hochkant|Buchausgabe von 1911 Lucius Flavus ist ein historischer Roman des Schweizer Schriftstellers Joseph Spillmann, der um 1890 im Verlag Herder in Freiburg erschienen ist. Heute ist das Buch nur noch antiquarisch zu bekommen. Es erzählt die Geschichte eines jungen Römers namens Lucius Flavus vor dem Hintergrund des jüdischen Krieges, der Kämpfe um Jerusalem und der Zeit der ersten Christen.

Entstehung und Hintergrund

Es handelt sich bei Lucius Flavus um einen der ersten und auch erfolgreichsten Romane Spillmanns. Der für seine spannenden, lehrreichen und allgemeinbildenden, nicht zuletzt auf die christlichen Wahrheiten und die Kirchengeschichte aufgebauten Bücher bekannte Schriftsteller hatte vor Lucius Flavus bereits Personen und Schicksale aus der Zeit der Französischen Revolution, der Herrschaft Napoleons, der Besiedlung und Entdeckung Nord-, Mittel- und Südamerikas sowie Neuseelands und Australiens, des Boxeraufstandes in China oder der Geschichte Europas und des Orients beschrieben. Lucius Flavus ist sein einziges Werk, das zur Zeit des römischen Reiches spielt.

Spillmann nahm für dieses Buch vor allem die Werke des Augenzeugen Flavius Josephus zu Hilfe. Dazu schreibt er:

Nebenbemerkungen baute er weiter aus. Alle historischen Personen zeichnete er durch eingehende Recherchen so authentisch wie möglich. Er selbst schreibt:

Verschiedene Legenden aus jener Zeit wurden ebenfalls miteingebracht. Einen großen Bezug nimmt das Buch auch zur Bibel, besonders den vier Evangelien. Personen, die in der Bibel nebensächlich oder bewusst erwähnt werden, bekommen einen festen Platz, so zum Beispiel Rhode, Petrus' Gefängniswärter, der Gärtner des Lazarus oder Malchus. Daneben kommt die (in der Bibel nicht namentlich erwähnte) heilige Veronika vor.

Das ganze Buch vertritt eindeutig die katholische Religion, deren Lehre und Sinn sowie deren Wünsche und Logiken. Das in dieser und auch anderer Hinsicht durchaus zum Nachdenken anregende Buch endet mit einem an Thamar und Lucina gerichteten Wort von Papst Linus:

Spillmann tritt im Buch eindeutig für den Katholizismus ein, wie zum Beispiel in diesem Abschnitt. Er zeigt die Wege auf, wie man mit friedlichen Mitteln für das Gute eintritt und standhaft bis zum Tod bleibt. Für Leser mit christlicher Überzeugung bildet dieses Buch ein wunderbares, auch religiöses Erlebnis. Für diesbezüglich uninteressierte oder sogar Atheisten können einzelne Passagen vielleicht etwas störend sein, doch begeistert auch sie die spannende, informative und gekonnt mitreißend erzählte Handlung.

Trotz der zu Zeiten Spillmanns üblichen, im Vorurteil verwurzelten antisemitischen Meinung, ist bei Spillmann von dem nichts zu bemerken.

Lucius Flavus ist eng verbunden mit dem zur ähnlichen Zeit erschienenen Buch Judas Ende von De Waals. Spillmann schreibt dazu:

Lucius Flavus wurde mehrmals aufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt. Der Roman ist nur noch in deutscher Schrift zu bekommen.

Inhalt Handlung Erstes Buch: Das Paschafest des Jahres 66 nach Christus

77 n. Chr.: Der jüdische Rabbi Sadok befindet sich mit seinem elfjährigen Sohn Benjamin und seiner sechzehnjährigen Tochter Thamar sowie deren Amme Sara auf der Reise nach Jerusalem. Kurz vor Bethanien werden sie von einem als Kameltreiber verkleideten Räuber in die Irre geführt und von den Banden des Ben Gioras überfallen. Sadok wird schwer verwundet, Benjamin und Sara verschleppt. Ihnen kommt ein junger römischer Zenturio namens Lucius Flavus zu Hilfe. Er rettet Thamar, schlägt die Räuber in die Flucht oder tötet sie, es gelingt ihm aber nicht, Benjamin und die Amme zu retten. Er bringt sie nach Bethanien zu Eusebius, der sich als Christ herausstellt, in Pflege. Die Belohnung Sadoks schlägt er aus.

Den Gefangenen Ben Gioras, auf dessen Kopf eine hohe Belohnung gesetzt ist, bringt er zum Statthalter Gessius Florus, der ihm die Belohnung verweigert und ihn stattdessen für dessen Sicherheit haften lässt. Florus aber lässt sich von den Kumpanen des berühmten Räubers bestechen, lässt ihn Nachts frei und setzt Lucius gefangen, der aber nach Florus Absetzung wieder befreit wird.

Benjamin erlauscht unterdessen bei den Räubern, dass Thamar nach dem Willen ihres Vaters mit Eleazar, dem Enkel des ehemaligen Hohenpriesters Kaiphas, verlobt ist. Ananus, der Vater des Bräutigams, hat es jedoch nur auf Thamars Reichtum abgesehen und die Räuber angestachelt, sie durch Mord an Thamars Angehörigen zur Alleinerbin zu machen, da das Haus des Kaiphas hoch verschuldet ist. Der Räuberhauptmann Ben Gioras aber will nun seinerseits Ananus mit Benjamin erpressen. Durch Sara, die als Unterhändlerin nach Bethanien geschickt worden ist, erfährt Thamar von diesen Ereignissen und auch, dass ihr Bräutigam ein Verbrecher sei, was allerdings nicht stimmt, da nur dessen Vater in die Sache verwickelt ist. Was die wenigsten wissen, ist, dass Eleazar eigentlich schon mit Rachel, einer guten aber von ihm gehassten Frau verheiratet ist.

Unterdessen erfahren Thamar und Sadok davon, dass ihre Gastwirte Christen sind. Sadok erleidet durch diese Aufregung einen schlimmen Blutsturz und seine Tochter hält ihn für Tod. Auch der Gefahr wegen, welche ihr von Ananus und Ben Gioras droht, schreibt sie an Lucius Flavus. Dieser bringt sie zu seiner Gönnerin Berenice, der Enkelin des Herodes, gerade noch rechtzeitig, bevor die Leute des Ben Gioras und die Leute Eleazars ins Haus eindringen. Eusebius, der gerade zu dieser Zeit nicht im Haus ist, kommt erst später zurück. Die Leute Eleazars aber nehmen statt der nicht anwesenden Thamar deren alte Amme Sara mit sich. Nachdem sich dieser Irrtum allerdings zu spät herausgestellt hat, wird sie freigelassen.

Benjamin wird unterdessen ins Haus des Kaiphas gebracht, Thamar flieht mit Berenices Schwester Drusilla nach Masada. Eleazar, der sie nicht aufgeben will, findet ihre Spur, holt sie zurück und bringt sie zu den Tempeljungfrauen. Ananus gewährt ihr ein Gespräch mit ihrem Bruder Benjamin, welcher bereits von Ananus erkauft ist.

Nach seiner Rückkehr nach Bethanien bringt Eusebius Sadok, der tatsächlich noch lebt, nach Jerusalem. Dieser wird langsam wieder gesund, verlässt den Pfleger aber wieder, da dieser seiner Meinung nach Götzendienst betreibt. Tatsächlich handelt es sich aber um die Verehrung des Schweißtuchs der Veronika.

Die Aufstände in Jerusalem nehmen ihren Lauf. Eleazar und Ben Gioras, die abwechselnd als Messias gefeiert werden, streiten sich um die Gunst des Volkes und sammeln Anhänger. Schließlich wird die Burg Antonia angegriffen. Die Römer ergeben sich und lassen sich von den jüdischen Siegern freien Abzug und sofortige Entlassung versprechen. Diese aber brechen ihr Wort und machen alle Römer nieder, mit Ausnahme des Lucius Flavus, den Eleazar heimlich mit sich nimmt, um sich an ihm zu rächen, da er ihm Thamar mehrmals vorenthalten und ihm abtrünnig gemacht habe.

Zweites Buch: Der Aufstand

Lucius kommt in das Verlies des wahnsinnigen Kaiphas. Thamar, die davon erfährt, flieht nachts aus der Klausur der Tempeljungfrauen, um mit Benjamins Hilfe Lucius zu befreien. Vor der verschlossenen Kerkertür jedoch wird den Geschwistern die Fortsetzung der Befreiung unmöglich, Thamar und Lucius verabschieden sich fürs Leben und gestehen sich ihre Liebe. Schließlich aber findet Benjamin den Schlüssel und zu dritt fliehen sie durch Nachbarsgärten zum nächsten Haus.

Dies ist zufällig die Unterkunft der Christen, denen auch Eusebius angehört und die drei werden gerne versteckt und aufgenommen. Thamar, die sich verletzt hat, wird gepflegt. Paulinus, der Neffe des Heiligen Paulus, unterrichtet die ganze Hausgemeinschaft in den christlichen Lehren. Thamar, die schon vorher halb und halb bekehrt worden war, lässt sich unter die Katechumenen aufnehmen.

Lucius, Thamar und auch Benjamin werden überall gesucht. Schließlich planen sie die Flucht mittels eines Korbes über die Mauer. Für Thamar ist dies ihrer Verletzung wegen unmöglich, sodass nur die beiden anderen zusammen mit Paulinus die Flucht wagen.

Drittes Buch: In Cäsarea und in Rom

In Cäsarea trifft Lucius auf seine ehemaligen Kampfgenossen sowie Berenice. Der Totgeglaubte muss nun als einziger Augenzeuge der schrecklichen Ereignisse in Jerusalem alles genau erzählen, was dort geschah. Bei Cestius Gallus trifft Lucius den Rabbi Sadok, der für tot gehalten worden war. Dieser beschimpft und verflucht ihn zunächst, da er ihn für den Unterschlager seines Vermögens hält. Nachdem er aber alles erfahren hat, dankt er ihm und verspricht ihm die Hand Thamars. Lucius führt in bald mit Benjamin zusammen und die beiden feiern ihr Wiedersehen.

Lucius aber bekommt den Rang eines Tribunen verliehen und die Aufgabe, den angeklagten, ehemaligen Statthalter Florus nach Rom zu bringen, damit er von Nero verurteilt werde. Außerdem erwirkt er bei dem ihm befreundeten und gutgelaunten Gallus die Auszahlung des Geldes, welches auf den Kopf des Ben Gioras gesetzt und das Florus ihm vorenthalten hatte.

Am Abend führt ihn Berenike in das Haus einer ägyptischen Wahrsagerin. Diese zeigt den beiden ein Bild, auf dem Lucius mit Berenike abgebildet ist, im Hintergrund das brennende Jerusalem und in seiner Hand eine Krone. Die Sibylle deutet das Bild, damit, dass Lucius zum Kaisertum berufen sei und Jerusalem nicht mehr lange existieren werde. Lucius verdrängt nun die Eindrücke aus Jerusalem, das Gesicht Thamars und die christlichen Lehren und beginnt, von Macht, Karriere und Triumph zu träumen.

Sadok bringt Benjamin im Haus des Reeders Jonas unter, welcher den Jungen aber schlecht behandelt, sodass Benjamin durchbrennt. Sadok selbst muss mit einer jüdischen Gesandtschaft, die von Nero Gnade erbitten will, nach Griechenland reisen. Lucius und Paulinus segeln nach Rom. Auf dem Schiff diskutieren beide über den christlichen Glauben, wobei dem Leviten die neuen Aussichten des Tribuns schmerzlich klar werden. Paulinus kann einen Anschlag des Florus auf Lucius verhindern, wird dabei aber selbst schwer verwundet.

In Rom angekommen bringt Lucius Paulinus zu seiner Mutter und Schwester. Diese sind mittlerweile auch zu Christen geworden. Tigellinus, der Präfekt der Prätorianer, ist allerdings schon länger eifersüchtig auf die Gunst, die Lucius überall erhält. Er belauscht ein Gespräch zwischen Lucius und seiner Schwester Lucilla über das Christentum, in welchem eine geheime Zusammenkunft der christlichen Häupter, darunter auch Petrus, erwähnt wird. Lucius schickt seine Schwester und Mutter zum Schutz in die Sabiner Berge.

In der Nacht umstellt Tigellinus das Haus. Lucius sowie die ganze Versammlung der Christen im Haus, darunter auch der Papst Petrus, werden gefangen genommen und unter dem Zirkus eingekerkert. Briefe an Berenice bleiben seltsamerweise ohne Reaktion. Lucius erhält eine Zelle mit einem ihm unbekannten, älteren Mann. Dieser erhält Besuch von Paulinus. Dadurch erfährt Lucius, dass es sich um den Heiligen Paulus von Tarsus handelt. In der nächsten Zeit unterrichtet er Lucius, dieser lässt sich nach einiger Zeit taufen. Nach der Hinrichtung Pauli und Petri kommt Lucius in eine schlechtere Kammer.

Inzwischen steht der Krieg mit Jerusalem vor der Tür. Vespasians Sohn Titus (bei dem es sich zufällig um einen alten Schulfreund von Lucius handelt) soll den Feldzug leiten. In einer Beratung, in der auch der Name Lucius Flavus fällt, kommt es zur Diskussion über die kampffähigen Christen und Vespasian bestimmt, dass diese zu einer Strafzenturie zusammengefügt werden sollen. Alle werden ihrer Titel und Ehren enthoben. Unter diesen ist auch Lucius. Auf Titus' Rat will er sich zunächst das Leben nehmen, besinnt sich dann aber seines Glaubens wegen anders. Títus gibt ihm ab da alle Verachtung zu spüren.

Viertes Buch: Jerusalems Ende