Afrikanische Kosmogonie beschreibt die zentralen Teile innerhalb des Formenkanons afrikanischer Mythen, die sich mit der Erschaffung der Urahnen und der Umwelt des Menschen beschäftigen. Die Herstellung einer kosmischen Ordnung ist, falls Mythen lebendig sind, als kulturreligiöse Aufgabe Voraussetzung für die soziale und wirtschaftliche Existenz einer Gemeinschaft. Kosmogonien, die sich mit der Erschaffung der Welt beschäftigen, stammen aus dem asiatischen Bereich und sind in Afrika weniger verbreitet.

In zahlreichen Variationen geht es dagegen um die Trennung von Himmel und Erde, einen Mythos aus demselben Bereich antiker Hochkulturen, wodurch das friedliche Zusammenleben von Urmenschen und Göttern beendet wurde und die Zeit der Urahnen begann. Der Paradiesverlust wurde durch einen Sündenfall eingeleitet.

Über allem und fast überall in Afrika existiert ein Hochgott, der oft auch erster Schöpfer ist. Er wird im Ritual angesprochen, häufiger ist er in die Ferne gerückt.Baumann, S. 164.

Abgrenzung Die Existenz der Dinge und des Menschen, auch die Normen des Zusammenlebens, müssen begründet werden. Mythen sind Erzählungen über deren Entstehen in einer Urzeit. Von Mythen spricht man nicht beiläufig. Sie gelten als heilig, einige Mythen dürfen bestimmten Gruppen der Bevölkerung (Frauen, Kinder, Nichtinitiierte) nicht bekannt sein. Dagegen mögen andere Geschichten, Märchen oder Tierfabeln genauso bunt sein, sie sind aber nicht wirklich, sondern (bestenfalls) komisch.

Eine den kosmogonischen Mythen entsprechende Struktur haben Ursprungsmythen, die zur Begründung aller möglichen Erscheinungsformen in der Welt eingeführt wurden.Mircea Eliade: Mythos und Wirklichkeit. Frankfurt 1988, S. 30 Sie erklären die Verhaltensweisen eines Tieres ebenso wie die von einem mythischen Gründer hergeleitete Macht des Königs. Diese Ursprungsmythen aktualisieren fortlaufend seit dem Uranfang neu in die Welt gekommene Situationen, die erst begründet werden müssen, damit sie bewältigt werden können.

Eine dritte Abgrenzung sollte besonders für Afrika zwischen Mythos und Magie erfolgen. Der Mensch steht dem Mythos als Teil seiner traditionell afrikanischen Religion passiv gegenüber, er kann nur versuchen zu gefallen. Magie ist ein aktives Vorgehen und basiert zwar genauso auf Glauben, ist aber wie Wissenschaft auf Überprüfbarkeit ausgerichtet. Dieselbe Ursache wird immer dieselbe Wirkung erzielen, also bringt die richtige Zeremonie auch das gewünschte Ergebnis, andernfalls wäre von anderswo eine noch mächtigere Magie im Spiel.James George Frazer: Der goldene Zweig. Eine Studie über Magie und Religion. Ullstein Verlag, Frankfurt 1977, Bd. 1, S. 72–76. (Entspricht der gekürzten englischen Fassung von 1922)

Akteure Die personifizierten Schöpferkräfte lassen sich innerhalb der jeweiligen Kultur hierarchisch nach ihrer Stellung in der jenseitigen Welt, ihrem praktischen Anteil an der Schöpfung oder nach dem Grad ihrer kultischen Verehrung einteilen. Da Mythen über die Gottheiten beträchtlich variieren und sich gelegentlich widersprechen, ergeben sich je nach Auslegung unterschiedliche Auflistungen.

Himmelsgötter Der Hochgott trägt meistens den Beinamen „Schöpfer“, über seine genaue Vorgehensweise bei der Schöpfung wird jedoch in der Regel nicht gesprochen. Im Himmel kann er weit entrückt, funktions- und kultlos geworden sein, andere nehmen hingegen in ihrer Eigenschaft als Gewitter- und Regengott spürbaren Einfluss. Allein ohne Frau erzeugt er alles aus sich selbst heraus als erste Ursache, seine Kinder sind Himmelsmenschen, die er aus Ton, Holz oder eigenem Blut geformt hat. Er schickt sie auf die Erde, um dort Menschen zu bilden.

Olorun Zu den bekanntesten Himmelsgöttern zählt der Schöpfer des Universums Olorun bei den Yoruba in Nigeria, der im Lauf der Zeit hinter seinem Sohn Obatala verschwand, dem eigentlichen Schöpfer, der die Menschen aus Lehm formte. Olorun ist ein entrückter Gott, geschlechtslos, ein „Eigner des Himmels“ oder „Himmelsherr“. Das Hervorbringen des festen Landes aus dem Urmeer überlässt er dem Erdgott Oduduwa.

Der Yoruba-Kosmos gehört zu den am meisten durchstrukturierten Mythengebäuden Afrikas. Es gibt zwei voneinander getrennte Welten, die in Riten durch eine hälftig geteilte Kalebasse dargestellt werden. Die obere Halbschale ist der himmlische, geistige Bereich der Urahnen und aller Gottheiten und wird Orun genannt. Von hier aus strahlen sie eine Lebenskraft (Ase) in alle Bereiche der sichtbaren Welt der Menschen, die Aye-Welt. Durch Rituale und Opfer muss der Kontakt zu den Göttern gehalten und der fortwährende Fluss dieser Kraft gewährleistet werden. Obwohl in die Ferne gerückt, übt Olorun Macht über die spezialisierten Götter aus, die 201 oder 401 Orishas.Hans Gerald Hödl: Afrikanische Religionen II. Einführung in die Religion der Yoruba. (Vorlesung) Institut für Religionswissenschaft, Universität Wien, 2003, S. 5f

Mulungu Der ostafrikanische Hochgott Mulungu ist ebenso entrückt wie Olorun und wird wenig verehrt. Sein Verbreitungsraum erstreckt sich von Mosambik und Malawi bis in Teile Kenias. Im Zentrum liegt das Siedlungsgebiet der Nyamwezi in Tansania, bei denen 45 verschiedene Beinamen für den Gott gezählt wurden.Baumann, S. 50 Bei einigen Völkern galt er ursprünglich als Erdgott, häufiger als Ahnengott. Von Reisenden wurde er in manchen Gegenden als Beschützer mit Zweig- oder Steinhaufen geehrt. Wichtiger ist seine Verantwortung für Regen und Fruchtbarkeit. Bei Missernte waren früher zuerst die Ahnen, in zweiter Linie war Mulungu als Oberhaupt der Ahnen schuld. Bei Donner spricht Mulungu. Die Zuordnung der Farbe Weiß zeigt seine bedeutende Stellung. Die Rolle als Schöpfer kam erst später hinzu.

Kalunga Noch mehr mit Erde verbunden und einst beherrschender Ahnengott war Kalunga. Sein Verbreitungsgebiet ist der Westen Südafrikas, südlich des Kongo-Flusses und Nord-Angola. Gebietsweise war er auch Unterweltsgott, dafür spricht seine Verbindung mit Wasser, Meer, Tod und Mond. In vielen Bantusprachen haben Flussnamen den Wortstamm „lunga“ oder „longa“.Baumann, S. 80 In einer Gegend Angolas gibt es zwei Bezeichnungen Kalungas, es wird „im Himmel“ oder „Fluss“ dem Namen angehängt.

Zum Schöpfer wird Kalunga im Himmel, nachdem er den ersten von Menschen erbauten Turm zum Einsturz brachte und nur Sambi und dessen Frau Ndumba am Leben ließ. Sambi nahm er mit in den Himmel und schickte einen kleinen Vogel hinunter auf den Nabel der Ndumba, der in den Leib hinein kroch und sie schwanger machte. Der Mythos endet mit Kalungas Worten: „So mache ich Menschen.“Baumann, S. 85. Turmbau, kleiner Vogel als Überbringer (fliegt bei der biblischen Sintflut der Arche voraus), Nabeleingang und -ausgang, Geburtsvogel (Storch) sind weit verbreitete Bilder. Auf den Fruchtbarkeitsvogel beziehen sich Holzfiguren, die auf Dächern platziert und von Frauen mit Kinderwunsch gefüttert werden.

LezaEncyclopedia of Myths: Leza. ist ein Schöpfergott im zentralen südlichen Afrika mit Wohnsitz im Himmel, der sich in Regen, Blitz, Donner und Regenbogen manifestiert. Er ist ein eindeutiger Himmelsgott. Aus der Verbindung mit der Erdgöttin Bulongo („Lehm“) wachsen Getreide und alle Dinge.

Mawu-Lisa Bei den Ewe und Fon von Benin ist Lisa ein Himmelsgott und mit der Sonne assoziiert. Bei einer Sonnen- oder Mondfinsternis vereinigt er sich mit seiner Gattin Mawu, der Mondgöttin.Baumann, S. 135ff spricht von Mawu, wenn er die Eigenschaften des männlichen Gottes beschreibt. Eine zitierte Bemerkung, Mawu sei weiblich, weist er zurück. Nach einem Mythos stammt das Paar von der Urmutter Nana Buruku ab, die die Welt erschuf und sich dann zurückzog.Parrinder, S. 21 Sie werden meist zusammen als Mawu-Lisa verehrt.Encyclopedia of Religion: Mawu-Lisa.

Zur Herstellung eines Menschen gebrauchten sie die Kinnlade eines verstorbenen Familienangehörigen, Muskeln und Fleisch wurden aus Lehm hinzugefügt – ein übliches Verfahren. (Bis ins 19. Jahrhundert gehörte es zum Ritus, die Kiefernknochen von Königen getrennt vom Körper in zwei verschiedenen Grabstätten beizusetzen. Mutesa von Buganda, der 1884 starb, untersagte als erster Herrscher seiner Dynastie diesen Brauch nach seinem Tod.)Clara Mayer-Himmelheber: Die Regalia des Kabaka von Buganda. Eine Biographie der Dinge. Lit-Verlag, Münster 2004, S. 142

Die beiden sind wie alle Himmelsgötter weit entrückt. In Kontakt zu den Menschen stehen sie über die von ihnen geschaffenen Vodun,Vodun haben neben ihrem Arbeitsgebiet im Himmel auch eine Zuständigkeit für die ihnen gewidmeten Kultorganisationen. Vgl. die synkretistischen Kulte in Teilen Mittel- und Südamerikas unter dem Namen Voodoo. 14 Götter, deren oberster der Gott des Eisens Ogún ist.Müller, S. 264. Die Beherrschung des Eisens war in der Geschichte Afrikas für die Entwicklung der Landwirtschaft von zentraler Bedeutung, daher erklärt sich, weshalb die beiden Himmelsgötter den mächtigen Ogun bestimmten, um in ihrem Auftrag die Welt einzurichten.

Bei den Ewe, die weiter westlich in Togo bis zum Voltafluss leben, gibt es den männlichen höchsten Gott Mawu (oder Mawu-ga). Er ist der allwissende gute Schöpfergott, Strafen lässt er durch niedere Gottheiten (Trowo) ausführen. Mawu scheint weniger zurückgezogen zu sein als andere Himmelsgötter, da er den Menschen Regen und Nahrung bringen kann. Bei den Schöpfungsmythen von Mawu ist ein christlicher Einfluss nicht zu trennen. Mawu erschafft Menschen aus Ton und der Kinnlade eines Verstorbenen. Es gibt drei weitere Himmelsgötter bei den westlichen Ewe, die möglicherweise als Aspekte des einen Hochgottes aufgefasst werden können.Werner F. Bonin: Die Götter Schwarzafrikas. Verlag für Sammler, Graz 1979, S. 173–181

Nana Buruku Die westafrikanisch-brasilianische Göttin Nana Buruku (auch Nana Buluku) wird von den Fon, Ewe und Yoruba unterschiedlich beschrieben. Im 17. Jahrhundert galt Nana Buruku im Königreich Dahomey bei den Fon als oberste Göttin, die Mawu hervorbrachte, während ab der Mitte des 18. Jahrhunderts unter der Herrschaft von König Tegbesu Mawu (oder Mawu-Lisa) ihre Eigenschaften als ursprüngliche Schöpferin des Universums übernahm.Sandra E. Greene: Religion, History and the Supreme Gods of Africa: A Contribution to the Debate. In: Journal of Religion in Africa, Band 26, Nr. 2, Mai 1996, S. 122–138, hier S. 132; Emefie Ikenga-Metuh: Religious Concepts in West African Cosmogonies: A Problem of Interpretation. In: Journal of Religion in Africa, Band 13, Nr. 1, 1982, S. 11–24, hier S. 15, 18

Urahnen und untere Gottheiten Das sind nach den Himmelsgöttern die einflussreichsten Schöpferkräfte. Dazu zählen chthonische Gottheiten im unterirdischen Seelenreich, die vereinfacht Erdgötter genannt werden. Bei den Ewe heißen sie Trowo. Den Menschen etwas näher stehende mythische Urahnen gehören ebenfalls hierzu. Sie entsprechen persönlichen Schutzgöttern. Die schöpferischen Urahnen stammen selbst aus Bäumen, Flüssen oder Erdlöchern und können – ebenso wie Erdgötter – Menschen, Tiere oder Dinge aus denselben Orten hervorrufen. Diese Hervorrufmythen sind weit verbreitet, aber von der Form her einfach.

Hilfreiche Wesen, Ahnen und Tierhelden Auf dieser Ebene findet keine aktive Schöpfung statt, es geht um das Herbeischaffen der ersten Kulturgüter und rechtfertigende Begründung für soziale und religiöse Einrichtungen. Hunde, Erdferkel und Spinnen wirken bei der Schöpfung mit, Vögel geben gute Ratschläge. In einem von zahlreichen Schöpfungsmythen der Akan in Westafrika wurde die Spinne Anansi mit der Weltschöpfung beauftragt. Berühmtheit erlangte das Huhn mit fünf Zehen, das die Yoruba-Welt erschuf.

Erschaffung der Welt