Die Tore der Welt (Originaltitel: World Without End) ist ein historischer Roman von Ken Follett und nutzt als Fortsetzung den Handlungsort sowie einige Motive aus Die Säulen der Erde. Der englische Originaltitel erschien im Oktober 2007, die deutsche Fassung erschien am 29. Februar 2008.
Protagonisten sind einige Nachfahren der Hauptfiguren von Die Säulen der Erde, die Handlung setzt ab dem Jahr 1327, also rund 200 Jahre nach dem Zeitfenster des Vorgängerromans ein, der aber für die Lektüre dieser „Fortsetzung“ nicht vorausgesetzt werden muss.
Als 2017 der dritte Roman der „Kingsbridge-Serie“, Das Fundament der Ewigkeit (Englischer Originaltitel: A Column of Fire, 2017), erscheint, ist das fiktive Kingsbridge wieder Ausgangspunkt der Handlung, die im Elisabethanischen Zeitalter des 16. Jahrhunderts spielt. In diesem dritten Roman weitet sich die Handlung auf ganz Westeuropa aus, und viele historische Figuren sind mit den fiktiven Personen aus Kingsbridge verwoben. Dies ist in diesem zweiten Teil der Serie nur in geringem Maße der Fall. 2023 erschien mit Die Waffen des Lichts ein weiterer Teil der Reihe.
Themen und Motive Ken Follett widmet sich ähnlich wie in Die Säulen der Erde gleich mehrerer Themen, die im Spätmittelalter wichtig waren. Die Geschichte spielt im England des 14. Jahrhunderts und schildert in erster Linie die Machtmechanismen und das Intrigantentum von feudalen und klerikalen Strukturen. Es geht um die Rolle der Frau im Mittelalter und ihre Emanzipation in der von Männern dominierten Welt des Spätmittelalters. Es geht um die Fortschritte der Medizin und der Heilkunst im Kampf gegen überholte Behandlungsmethoden, um die Rechte der Landarbeiter im angelsächsischen Feudalsystem und um ihr hartes und entbehrungsreiches Leben. Motive der Handlung sind Herrscherwillkür, Ausbeutung der Untergebenen, Macht und Missbrauch im Bereich der Kirche und Krone und diverse andere Themen. Über allem steht die Thematik des Existenzkampfs des entrechteten Individuums gegenüber großen Mächten. Hintergrund des Epos, welches teilweise als Familienchronik der verschiedenen Charaktere aufgebaut ist, ist der Beginn des Hundertjährigen Krieges und der Ausbruch der Pest, welche zu einer Verschiebung der herrschenden Ordnung in Europa führen.
Inhalt Handlung Der Roman spielt in der fiktiven britischen Stadt Kingsbridge,Das fiktive Kingsbridge hier ist nicht gleichzusetzen mit dem realen, gleichnamigen Kingsbridge in der Grafschaft Devon (England) welche 7.000 Einwohner besitzt und von dem dortigen Doppelkloster beherrscht wird.Ulrich Karger: Ken Follett: Die Tore der Welt, Rezension in der Büchernachlese, online unter buechernachlese.de Im England des ausgehenden Mittelalters stehen erneut Neubauten und komplexe Beziehungs- und Liebesgeschichten im Mittelpunkt des in sieben Teile unterteilten Romangeschehens. In Kingsbridge stürzt die wichtige Hauptbrücke ein, die den Zugang zur Stadt ermöglicht. Ebenfalls zeigt sich, dass der über den ursprünglichen Entwurf hinaus vergrößerte Kathedralenturm erneuert werden muss, da seine Fundamente zu schwach sind und er sich neigt. Für beide Bauten gilt es, neue Techniken zu nutzen, die jedoch auf großes Misstrauen und auf Widerstände wegen des vorhandenen Standesdünkels stoßen. Ähnliche Gegenwehr erfährt auch die Einführung neuer oder wiederentdeckter Methoden in der Heilkunst. Ganz allgemein geht es damit auch um die Auseinandersetzung mit der Willkür, die die feudalen Strukturen ermöglichen, die weltliche wie klerikale Machthaber nicht aufgeben wollen. Das bürgerliche Kingsbridge strebt nach dem Stadtrecht, um sich von der Herrschaft des Klosters zu lösen, das die Stadt bis in diese Zeit hinein dominiert hat.
Die Handlungsträger lassen sich schematisch zwei Parteien zuordnen: Auf der einen Seite stehen die „Fortschrittlichen“: An ihrer Spitze der Baumeister Merthin, ein ferner Nachfahre Jack Jacksons, weiterhin die geschäftstüchtige Caris, Tochter eines reichen Wollhändlers, die sich als spätere Priorin des Nonnenklosters die Errichtung eines Hospitals zum Ziel setzt, sowie Gwenda, die als Landarbeiterin für sich und ihren geliebten Wulfric um Gerechtigkeit kämpft. Die auf „altem Recht und alter Ordnung beharrende“ Gegenpartei sind allesamt Anverwandte: Der Prior Godwyn, ein Cousin von Caris, und sein Adlatus und späterer Nachfolger Philemon, ein Bruder von Gwenda. Weiterhin gehört dazu Ralph, Merthins Bruder und späterer Graf von Shiring.
Der übergreifende Handlungsstrang ist aber die Liebesbeziehung zwischen dem begabten Architekten und Baumeister Merthin und der klugen und auf ihre Eigenständigkeit bedachte Caris. Schon in der Kindheit und Jugend haben sie sich kennen und lieben gelernt, erst nach vielen Wirren des Lebens und Schicksalsschlägen kommen sie zusammen.
Inhaltsangabe Erster Teil (November 1327) (Seiten 1–75, Umfang: 75 Seiten), Illustration: Der verletzte Sir Thomas Langley im KlosterMichael Birke: Ken Follett – Die Tore der Welt, Rezension im Buchwurm.info vom 9. März 2008, online unter buchwurm.info
Die erste Romanepisode spielt in der Kathedrale, welche bereits Hauptschauplatz der Handlung in Die Säulen der Erde war. Der Tagelöhner Joby stiftet seine kleine Tochter Gwenda dazu an, während des Gottesdienstes zu Allerheiligen 1327 den Geldbeutel des Adeligen Sir Gerald zu stehlen. Er hat als Dieb eine Hand durch den Scharfrichter verloren und kann Diebstähle nicht mehr selbst ausführen. Dem kleinen Mädchen gelingt die Tat und sie kann damit ihrer Familie für einige Zeit das Überleben sichern.
Die Kinder Gwenda, Caris Wooler und die beiden Brüder Ralph und Merthin, die Söhne des bestohlenen Sir Gerald, wollen beim Bogenschießen der Männer auf einer Wiese vor der Stadt zuschauen, Merthin darf aber seinen kleinen selbstgemachten Bogen nicht ausprobieren. Deshalb wollen sie dies im nahegelegenen Wald tun. Dort erleben sie einen Schwerterkampf zwischen drei Rittern, wobei einer von ihnen getötet wird. Der zweite stirbt durch einen Pfeil, den Ralph in sein Auge schießt. Sie retten so dem am Schwertarm schwer verwundeten Ritter Thomas Langley das Leben. Er verrät dem zurückgebliebenen Merthin, dass ein wichtiges Geheimnis im Brief an den Grafen von Shiring steht, den er mit sich führt und nun an Ort und Stelle vergräbt. Den Inhalt erfährt Merthin nicht, er muss jedoch schwören, erst nach dem Tod Langleys den versteckten Brief zu öffnen, denn er bringt beide in die Gefahr, umgebracht zu werden.
Sir Gerald, Merthins Vater, hat durch den Diebstahl sein Vermögen verloren und überschreibt seinen Besitz an die Priorei von Kingsbridge, dafür kommt nach Entschluss des Lehensherrn Roland, des Grafen von Shiring, die Kirche für seinen Unterhalt auf. Er ist nun ein Muntling des Klosters, ist also unfrei geworden und besitzt kein Land mehr. Graf Roland bestimmt über die Zukunft seiner beiden Söhne. Merthin wird Lehrling bei Baumeister Elfric und Ralph soll zunächst bei ihm lernen und später als Junker die Laufbahn eines Ritters einschlagen.
Caris, die Tochter des wohlhabenden Wollhändlers Edmund Wooler, nimmt Gwenda in ihr Haus mit und stellt ihr ihre Familie vor: ihre schwer kranke Mutter und ihre Tante Petronilla, die Schwester ihres Vaters. Nach dem nahen Tod der Mutter will Petronilla an ihre Stelle treten. Die verwitwete Petronilla hat einen eigenen erwachsenen Sohn, Godwyn, der Mönch in der Priorei geworden ist.
Ein wichtiger Erzählstrang beginnt mit diesem 21-jährigen Mönch Godwyn, der vergeblich versucht, bei seinem Onkel Anthony, dem Prior des Männerklosters, und bei der Priorin Cecilia des Frauenklosters das Studium in Oxford finanziert zu bekommen. Der ins Hospital des Klosters gebrachte Langley wird notdürftig versorgt und will überraschenderweise Mönch werden, weil er sich als Mönch Sicherheit verspricht. Noch in dieser Nacht stirbt die Mutter von Caris und Alice und ihre Tante Petronella, die Mutter von Godwyn und Schwester von Prior Anthony, übernimmt bei den Mädchen die Mutterrolle.
Zweiter Teil (8. bis 14. Juni 1337) (Seiten 76–219, Umfang: 144 Seiten), Illustration: Gwenda bei den Geächteten
Der zweite Teil des Romans spielt fast zehn Jahre später, aus den Kindern sind junge Erwachsene geworden, die nun über ihr Leben selbst bestimmen wollen und starke Gefühle entwickeln, die weiterhin die Romanhandlung bestimmen. Caris fühlt sich ebenfalls zu einem Medizinstudium berufen, muss aber einsehen, dass der Beruf des Arztes allein Männern vorbehalten ist und in ihrer Zeit vorwiegend von Mönchen ausgeübt wird, welche allerdings noch überholte und schädliche Behandlungsmethoden wie den Aderlass praktizieren.
Mittlerweile gehen Gerüchte vom Tod König Edwards II. um. Es ist die Rede von einer Rebellion, die von Roger Mortimer angeführt wird. Der verletzte Thomas Langley wird von den Nonnen gerettet, nachdem man ihm seinen Unterarm amputiert hat. Gegen den Widerstand der Priorin, Mutter Cecilia, welche die Aufnahme von Kriegern ablehnt, wird der Adelige zum Mönch Bruder Thomas.
Zwischen Merthin und Caris entwickelt sich eine leidenschaftliche Liebesbeziehung. Merthin erleidet als Lehrling bei Elfric zahlreiche Schikanen, die er jedoch in Kauf nimmt, um von der konservativ denkenden Zunft später als Geselle akzeptiert zu werden. Elfrics Tochter Griselda verführt den jungen Mann aus Rache, nachdem sie von einem anderen verlassen wurde und eröffnet ihm wenig später, sie sei von ihm schwanger. Es kommt zu einem Eklat. Elfric fühlt sich als Vater in seiner Ehre verletzt und schlägt Merthin zusammen. Bei dem Gerangel wird eine neue von Merthin geschnitzte Tür für die Kathedrale zerstört. Merthin erzählt Caris von seiner ungewollten Vaterschaft, was die verliebte junge Frau tief verletzt. Sie verspricht ihm aber, ihm weiter beizustehen.
Ralph wird in der Gefolgschaft des Grafen Roland zum Junker ernannt. Angesichts des anstehenden Krieges mit Frankreich und der damit verbundenen Kontribution reist Graf Roland nach Kingsbridge und will mit aller Macht Kriegssteuern eintreiben. Die Geschäfte auf dem Wollmarkt laufen nicht gut, aufgrund der besseren Infrastruktur hat der Markt der Nachbarstadt Shiring große Standortvorteile. Im Dorf Wigleigh entbrennt eine Schlägerei zwischen Junker Ralph und dem Bauernsohn Wulfric, nachdem Ralph die Eierverkäuferin Annet auf dem Markt unsittlich berührt hatte. Dabei bricht Wulfric Ralph das Nasenbein. Er erlebt dabei eine Schmach, die er sein Lebtag nicht mehr vergessen wird. Lady Philippa wird Zeugin der Prügelei und gibt Ralph die alleinige Schuld daran. Wulfric wird für vierundzwanzig Stunden an den Pranger gestellt.
Bei einem nächtlichen Kirchgang entdeckt Godwyn, dass Bischof Richard Geschlechtsverkehr mit seiner eigenen Nichte Margery hat und bewahrt dieses Geheimnis für spätere Erpressungen auf seinem Weg zur Macht. Die junge Lady Margery, ein Mündel von Graf Roland, ist dem Grafen von Monmouth versprochen, um Rolands Machtposition in Südwestengland zu festigen.
Gwenda wird von ihrem Vater im Austausch mit einer Kuh an Sim Chapman, einen Hausierer und Kopf einer Bande von Gesetzlosen, verkauft und erlebt dabei ein Martyrium. Godwyn hat den Verkauf der eigenen Tochter mit Berufung auf das Buch Exodus, Kapitel vorher legitimiert. Gwenda gelingt es, aus dem Waldlager der Geächteten zu fliehen, indem sie einem ihrer Bewacher bittet, austreten zu dürfen. Unter dem Vorwand freiwillig Sex mit ihm zu haben, ersticht sie ihn dabei und flieht daraufhin in Richtung Kingsbridge.