mini|hochkant|St. Michael Blessem ist ein Stadtteil von Erftstadt im Rhein-Erft-Kreis in Nordrhein-Westfalen, der nach § 1 Absatz 2 der HauptsatzungHauptsatzung der Stadt Erftstadt vom 17. März 2015 (abgerufen am 10. April 2016) gemeinsam mit dem südlich angrenzenden Frauenthal einen Stadtbezirk bildet.

Das Dorf wurde wahrscheinlich in fränkischer Zeit gegründet und wurde erstmals 1155 in einer Handschrift des Benediktinerklosters Deutz als „Bladesheim“ und Ort der Pfarre Lechenich genannt. Gesicherte Angaben über die Burg Blessem und ihre Besitzer gibt es seit 1363.

Geografie Lage Das Dorf Blessem liegt unmittelbar rechts der eingedeichten Erft quer in deren Flussaue. Es befindet sich nur wenige Kilometer vom Abhang der Ville entfernt. Am östlichen Ortsrand verläuft die Bundesstraße 265, am westlichen Ortsrand die A 1. In Ortsnähe sind am Autobahndreieck Erfttal die A1 und die A 61 verknüpft. Im Ort treffen sich die Landesstraße L 163 und die Kreisstraße K 44. An Blessem grenzen die Erftstädter Stadtteile Lechenich, Dirmerzheim, Kierdorf, Köttingen und unmittelbar Liblar sowie die kleine südöstlich angrenzende Siedlung Frauenthal.

Nachbarstadtteile

Geschichte Vorgeschichte (Neolithikum) Die Geschichte Blessems geht zurück bis in die Jungsteinzeit. Eine Siedlung der Linearbandkeramiker wurde 2015 bei der Erweiterung einer Kiesgrube am Ostrand von Blessem entdeckt. Drei Langhäuser mit etwa 30 Meter Länge wurden freigelegt. Ein weiteres bei einer anschließenden Untersuchung 2017 gefundenes Haus gehörte in die Zeit der älteren Linearbandkeramik. Das am heutigen Nordrand von Lechenich im Jahr 2010 angeschnittene Gräberfeld einer jungsteinzeitlichen Siedlung dehnte sich nach Osten bis in die Feldflur des heutigen Blessems aus. Die Befunde der dort freigelegten Grabbeigaben konnten in die Zeit um 4950 bis 4800 vor Christus datiert werden. Die Art der aufwendig verzierten Keramiken der Grabbeigaben ließ diese Artefakte der Großgartacher Kultur zuordnen.KSTA vom 19. August 2010. Nördlich von Blessem westlich des Liblarer Mühlengrabens wurde 2014 ein größeres eisenzeitliches Siedlungsareal gefunden.Petra Tutlies, Claus Weber: Archäologie in Erftstadt . Berichte zu Ausgrabungen, Beobachtungen und Funden aus den Jahren 2005 bis 2016. Jahrbuch der Stadt Erftstadt 2018. Erftstadt 2017. S. 86–90

Römische Zeit 1969 wurde eine große villa rustica aus römischer Zeit in der Nähe der Erft und der heutigen Burg während des Aushebens der dortigen Kiesgrube entdeckt. Keramikfunde aus dem Areal wurden in das 1. bis 4. Jahrhundert datiert. Nur 950 Meter entfernt lag in der Nähe von Frauenthal in der heutigen Flur „Frauendaler Acker“ ein römisches Landhaus, das Spuren der Oberflächenstruktur in einer Luftaufnahme zeigt, es wird in den Ortsakten des Landesmuseums in Bonn als Portikushaus in Liblar-Frauenthal geführt und soll erst in späterer Zeit untersucht werden.Schreiber: Archäologische Funde und Denkmäler des Erftstädtischen Raumes. S. 35–37 und 133 Da beim Bau einer Lärmschutzwand an der Autobahn nahe der Erft ebenfalls römische Trümmerreste zu Tage kamen und auf eine Mansio hinwiesen, deren Gebäude dem Landhaus vorgelagert waren, schließt man eine größere Gesamtanlage an der Römerstraße Trier–Köln, heute Agrippa-Straße Köln–Trier genannt, nicht aus.

Gründung im Mittelalter Der Name Blessem, auch „Bladisheim“, „Bledisheim“ oder „Blesheim“ genannt, deutet wie bei anderen Orten mit der Endung -heim auf eine Besiedlung in fränkischer Zeit hin. Es ist nicht auszuschließen, dass der Name eines Romanen Bladinus im fränkischen -heim Namen enthalten ist.Heinrich Dittmaier: Die linksrheinischen Ortsnamen auf –dorf und -heim. Bonn 1799, S. 57. Alternativ könnte ein Germane mit dem Personennamen Bladmar (stand für „Lebenskraft“) oder eines davon abgeleiteten Namens wie Bladin oder Blado Namensgeber des von ihm errichteten „Heims“ sein.Die fränkische Landnahme – Deutung des Ortsnamens. In: Albert Esser: Das Dorf Blessem. S. 11–13. Blessem wurde erstmals 1155 im Codex thiodorici, einer Handschrift des Benediktinerklosters Deutz, als „Bladesheim“ und Ort der Pfarre Lechenich genannt.HAStK Bestand Abtei Deutz RH2, Abschrift des verschollenen Codex thiodorici Gemeinsam mit den Nachbarorten entrichtete auch Blessem als Teil der „parochia Lecheniensis“ Abgaben an die Deutzer Abtei und ihren Sifter und Erzbischof Heribert von Köln, „um vor Unwetter bewahrt zu bleiben.“Die ersten Quellen. In: Albert Esser: Das Dorf Blessem. S. 13–14. Vor dieser Zeit gehörte Blessem mit dem Gericht Lechenich wahrscheinlich dem Kölngau oder dem Zülpichgau an. In der Folge wandelte sich der Name über „Bledisheim“, „Blesheim“ und „Bleshem“ zum heutigen „Blessem“.

Der kleine Ort entwickelte sich um einen Hof, die spätere Burg Blessem. Im Jahr 1254 wurde die Pfarrkirche zu Lechenich, der auch die umliegenden Dörfer einschließlich Blessem angehörten, dem Stift St. Aposteln in Köln zugeordnet, womit auch die Abgabe des Zehnten verbunden war. Nach einem um 1293 entstandenen Verzeichnis der Einkünfte des Erzbischofs von Köln, Siegfried von Westerburg, wohnten im Ort fünf Familien, die dem Erzbischof von Köln ihre Abgaben sowohl in Naturalien als auch in Geld zahlten.HAStK Bestand Auswärtiges 170b, veröffentlicht in: K. und H. Stommel: Quellen zur Geschichte der Stadt Erftstadt. Band I Nr. 178.

Neuzeit Einwohner Die Bewohner des Dorfes, die zur Lechenicher Bürgerschaft gehörten,HAStK Bestand Domstift Urkunde 3/1978, veröffentlicht in: Stommel: Quellen. Band III Nr. 1559. waren meist Kleinbauern und Tagelöhner mit geringem Grundbesitz. Bei der auf kurfürstlichen Befehl 1661 durchgeführten Vermessung und steuerlichen Veranschlagung hatte das Dorf 28 Häuser. Außer dem Burghof gab es nur zwei größere Höfe.HAStK Bestand Domstift Akte 452 Bl. 1-45, und HSTAD Bestand Kurköln II 1117, veröffentlicht in Stommel: Quellen. Band IV Nr. 2566 und Nr. 2570. Neben Grundpachten mussten die Einwohner noch den großen Zehnt an das Stift St. Aposteln in Köln und landesherrliche Steuern an den Erzbischof und Kurfürsten entrichten.HSTAD Bestand Kurköln II 1904 und 1117, veröffentlicht in: Stommel: Quellen. Band IV 2063 und Nr. 2570. Die landesherrlichen Steuern sammelten die Ortsvorsteher ein, die spätestens seit dem 17. Jahrhundert zu den Versammlungen des Lechenicher Stadtrates geladen wurden.Archiv Schloss Gracht Akten Nr. 51–53.

Für den Alltag der Blessemer Bewohner bestanden festgesetzte Regeln, die einzuhalten waren. Zur Nutzung als Viehweide stand den Einwohnern das Weiderecht in festgelegten Grenzen (Schweid) zu. Brennmaterial holten sich die Familien an festgesetzten Zeiten aus der Ville.HSTAD Bestand Kurköln IV 676 und 682 Wer sich nicht an die Verordnungen hielt, unbefugt Holz sammelte, Reiser abschnitt oder beim heimlichen Gras- oder Ährendiebstahl ertappt wurde, hatte „Feldschaden“ oder „Waldfrevel“ begangen und musste nach einem Amtsverhör eine Brüchtenstrafe zahlen.Archiv Schloss Gracht Akten 47–49 In den kriegerischen Auseinandersetzungen des 17. und 18. Jahrhunderts, vor allem bei der Belagerung Lechenichs 1642,Walram/Sarburg: Die heldenhafte Verteidigung von Burg und Stadt Lechenich 1642. Köln 1643. wurde die Blessemer Bevölkerung durch Einquartierungen, Fouragelieferungen und Geldzahlungen stark belastet. In Kriegszeiten suchten die Bewohner Blessems mit ihrer Habe und ihrem Vieh Schutz in der Blessemer Burg.

Geistliche und adelige Besitzungen Kurfürstlicher Besitz Der Erzbischof und Kurfürst von Köln besaß Ackerland und Benden zwischen Blessem und Köttingen in der Schwarzau. Sie gehörten zur „Swaifhufe“, die Erzbischof Heinrich von Virneburg im Jahre 1317 an sich gebracht hatte.HSTAD Bestand Kurköln Urkunde Nr. 251, veröffentlicht in Stommel: Quellen. Band I. Nr. 230. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich über Swaisauwe, Swairsauwe (1537) Schwasaue (1643) die heutige Bezeichnung Schwarzau.

Besitz des Klosters Frauenthal/Marienforst Die Blessemer Ländereien des Klosters Frauenthal, später des Klosters Marienforst bei Godesberg, wurden, sofern sie nicht an Blessemer Familien verpachtet waren, vom Klosterhof in Frauenthal bewirtschaftet.HSTAD Bestand Marienforst Akte 15f, veröffentlicht in Stommel Quellen Band IV Nr. 2064.

„Blessemer Höfchen“ der Familie Wolff Metternich zur Gracht Der Hof mit Haus, Hofstatt und Ländereien, den Hieronymus Wolff Metternich 1558 von der Familie von Irresheim erworben hatte,Archiv Schloss Gracht Akte Nr. 554 bestand 100 Jahre später nur noch aus Ackerland und Benden, die vom Grachter Hof in Liblar bewirtschaftet wurden.

Burg Blessem mini|Tor- und Herrenhaus Gesicherte Angaben über die Burg und ihre Besitzer gibt es seit 1363, als Ludwig von Blessem als Burgmann von Lechenich mit der Burg belehnt wurde. Durch Heirat kam die Burg an die Familie der Scheiffart von Merode in Bornheim bei Bonn, in deren Besitz sie über Generationen blieb. Im Jahre 1696 wurde die Burg an Prior und Konvent des Dominikanerklosters in Köln verkauft.Henriette Meynen: Wasserburgen, Schlösser und Landsitze im Erftkreis. Köln 1992, S. 144.

Französische Zeit mini|Blessem am Anfang des 19. Jahrhunderts

Als unter französischer Herrschaft neue Verwaltungsbezirke nach französischem Vorbild geschaffen wurden, gehörte Blessem zum Kanton- und zur Mairie Lechenich.Joseph Hansen: Quellen zur Geschichte der Rheinlande im Zeitalter der französischen Revolution 1780–1801. Bonn 1938. Band IV Nr. 76 und Nr. 100.

Im Jahre 1801 hatte Blessem 136 Einwohner und 56 Kinder unter 12 Jahren. Von den 47 Familienvorständen waren 14 Landwirte. Außer dem Burghof gab es nur zwei größere landwirtschaftliche Betriebe, einen Hufschmied, 28 Tagelöhnerfamilien, darunter vier Witwen mit ihren Kindern, und vier arme Frauen.K. Stommel: Die französischen Einwohnerlisten aus Erftstadt 1798–1801. S. 28–36.

Infolge der Säkularisation wurde das Hofgut des Dominikanerklosters mit Haus, Gebäuden, Garten, Baumgarten, Wiesen und über 50 Hektar Ackerland 1802 als geistlicher Besitz enteignet und 1808 an Johann Wilhelm Meyer aus Köln verkauft.W. Schieder (Hrsg.): Säkularisierung und Mediatisierung in den vier rheinischen Departements, Kanton Lechenich. S. 462.

Seit 1815 In preußischer und nachfolgender Zeit blieb der Ort bei Lechenich bis zur kommunalen Verwaltungsreform und der Bildung der Stadt Erftstadt 1969.

Der Bau der Kreisbahnstrecke Liblar-Euskirchen im Jahre 1894/1895 brachte den Bauern des Ortes große Vorteile. Sie konnten ihre Produkte an der Bahnstation Frauenthal (Liblar-Frauenthal) verladen. Die Zusammenlegung der Anbauflächen in den 1920er Jahren war ein Fortschritt für die Landwirtschaft. Sie ermöglichte den Einsatz moderner Maschinen.Albert Esser: Das Dorf Blessem. S. 34. Eine wirtschaftliche Verbesserung war für viele Blessemer die Ende des 19. Jahrhunderts beginnende Intensivierung des Braunkohleabbaus im Rheinischen Braunkohlerevier. Seit etwa 1880 arbeiteten viele Einwohner in den Braunkohlegruben und Brikettfabriken, zum Beispiel bei Carl Brendgen. Auch bei der Reichsbahn und der Westdeutschen Maschinengesellschaft in Liblar, der Hauptwerkstätte der Westdeutschen Eisenbahngesellschaft für Lokomotiven und Wagen, fanden viele einen Arbeitsplatz. Die meisten Arbeiter betrieben zusätzlich eine kleine Landwirtschaft für ihren Eigenbedarf.Albert Esser: Das Dorf Blessem. S. 39.

Kirchliche Verhältnisse