Wiener Blut ist eine „komische Operette“ in drei Akten von Johann Strauss (Sohn), zusammengestellt und bearbeitet von Adolf Müller junior. Der Titel stammte von dem Konzertwalzer Wiener Blut op. 354 (1873). Die Uraufführung der Operette fand am 26. Oktober 1899 im Carltheater Wien statt. Das Libretto stammt von Victor Léon und Leo Stein, die später auch das Libretto zur Operette Die lustige Witwe von Franz Lehár verfassten.
Entstehung Die Entstehungsgeschichte, die den gängigen Werken (Belegen) folgt, ist in weiten Teilen unzutreffend: Im Wesentlichen besteht die gängige Saga daraus, dass nach einem imposanten Lebenswerk und mitten in seiner Arbeit am Ballett Aschenbrödel der 74-jährige Johann Strauss auch gesundheitlich nicht (mehr) in der Lage war, eine neue Operette in Angriff zu nehmen. Gleichwohl, so die gängige Erzählung, habe er dem Drängen des Theaterdirektors Franz Jauner, seiner geschäftstüchtigen Ehefrau Adele und natürlich auch den Librettisten nachgegeben, eine Operette mit seinem Namen zu autorisieren, nachdem der Kapellmeister des Theaters an der Wien, Adolf Müller jun., eine Kompilation bereits vorliegender Tanzmelodien ins Gespräch gebracht hatte.So zum Beispiel bei Helmut Reichenauer: Gedanken zur Operette „Wiener Blut“. In: Kulturverein „Wiener Blut“ (Hrsg.): Almanach – Die magische Welt der Strauss-Familie. Almanach Nr. 1, Oktober 2011, o. S. (im vorliegenden Werk abgezählt S. 6)
Dies alles ist, trotz verschiedener Abwandlungen, falsch, wie auch andere Erzählungen der Art, dass etwa Strauss persönlich in irgendeiner Form daran beteiligt gewesen wäre. Richtig ist vielmehr, dass Strauss mit der Entstehung dieser Operette nichts zu tun hatte. Sie wurde vielmehr erst unmittelbar nach seinem Tod im Juni 1899 ins Auge gefasst (die erste öffentliche Meldung dazu ist vom 20. Juni 1899, also nicht einmal drei Wochen nach Strauss' Tod im „Wiener Tagblatt“)abgedruckt in Franz Mailer: Johann Strauss – Briefe und Dokumente, Band X (1898–1899), Schneider, Tutzing 2002, ISBN 3-7952-1096-8, S. 300. und wurde auf Drängen von Franz Jauner in kürzester Frist so fertiggestellt, dass sie noch 1899, dem Todesjahr des Komponisten uraufgeführt werden konnte. Auf Grund dieser Fristenlage kam nur eine Kompilation vorhandener Strauss-Melodien und keine Sichtung des musikalischen Nachlasses in Frage, wie bereits in belegter Meldung des Wiener Tagblatts vom 20. Juni 1899 angegeben.
Diese Kompilation übernahm, wie schon am 20. Juni 1899 verkündet, Müller jun. selbst, der sich hier erneut als erfahrener und hochbegabter Theaterpraktiker erwies: Er stellte aus verschiedensten Werken von Strauss effektvoll die Musik zusammen. Wobei, so die gängige Behauptung, Strauss selbst nur sichtend oder beratend tätig gewesen sei – was aber nicht zutrifft, denn Strauss war schon zum Beginn der Arbeit an „Wiener Blut“ überhaupt wenige Tage vorher verstorben.
Müller griff (siehe Abschnitt „Kompilation“) auf nachweisbar mindestens 31 Werke zurück, deren bekannteste sich sehr schnell erschließen (wie zum Beispiel die Walzer Wiener Blut oder Morgenblätter oder auch die Polka schnell Leichtes Blut), er griff aber auch auf sehr frühe, biedermeierlich wirkende Tänze von Strauss aus den 1840er-Jahren zurück, die er geschickt mit den nostalgischen Momenten der Operette verband: „Gerechterweise müsste es also heißen: ‚Wiener Blut‘, Operette von Adolf Müller nach Motiven Strauss’scher Werke“, ist das gerechte Urteil von Helmut Reichenauer. Diese Art Zweitverwertung von Tanzkompositionen als Pasticcio auf der Bühne war 1899 neu und verbreitete sich erst später in der Wiener Operette nach dem Ersten Weltkrieg.
Victor Léon und Leo Stein wiederum verfassten den Handlungsstrang und stellten sich der auch nicht einfachen Aufgabe, fertigen Musikstücken, zum Teil von hohem Bekanntheitsgrad, singbare Texte zu unterlegen, die zudem zusammen auch noch eine brauchbare Handlung ergeben sollten. Aus beidem entstand schließlich ihr Libretto über die amourösen Eskapaden des Grafen Zedlau zur Zeit des Wiener Kongresses.
Mit einem neuen Werk aus der Feder des Walzerkönigs, so die Werbekampagne des Frühherbstes 1899, glaubte Franz Jauner, der Direktor des Carltheaters, sich vor dem drohenden Konkurs retten zu können.
Zunächst, so auch eine gängige, aber ebenfalls unzutreffende, Behauptung, es habe Strauss allerdings das Werk für das Theater an der Wien bestimmt, dort sei es allerdings zu Streitigkeiten über Honorarforderungen gekommen. Johann Strauss habe schließlich dem Drängen von Jauner keinen Widerstand mehr entgegengesetzt, dass es daraufhin dem Carltheater angeboten wurde und vier Monate nach Strauss’ Tod wurde dort die Verwechslungskomödie aus der Taufe gehoben. Dies ist insofern unzutreffend, hat es ein solches Angebot dieser Operette, zumal etwa von Strauss selbst, an das Theater an der Wien, so nicht gegeben. Belegt ist vielmehr folgender Ablauf: Die geschäftstüchtige Direktorin des Theaters an der Wien, Alexandrine von Schönerer drängte ab dem Jahreswechsel 1898/1899 darauf, ihrem Haus exklusiv für Wien die Aufführungsrechte an den populärsten Operetten von Strauss zu sichern, dem Strauss per Brief am 12. April 1899 auch rechtsverbindlich zustimmte.abgedruckt in Franz Mailer: Johann Strauss – Briefe und Dokumente, Band X (1898–1899), Schneider, Tutzing 2002, ISBN 3-7952-1096-8, S. 182–183. In diesem stimmte Strauss aber auch zu, dass die nächste zu komponierende Operette, die er entweder selbst oder ein Dritter durch Kompilierung erstellen würde, dem Theater an der Wien exklusiv zugesichert wäre: Es ging also nicht um Honorarprobleme, wie dem allen Biographen besonders nahekommend, Helmut Reichenauer formulierte, sondern schlicht um eine "finanzielle Abgeltung" (recte: Abkauf) des von Strauss unterschriebenen Exklusivrechtes zugunsten des Theaters an der Wien.
In summa erweist sich anhand aller Belege, dass die „Legende um die Entstehung von ‚Wiener Blut‘“, die mehr oder minder von Jauner, seiner Witwe, der Librettisten Léon und Stein und Müller jun. unmittelbar nach dessen Tod beginnend erarbeitet und schrittweise der Öffentlichkeit präsentiert wurde, als wohl eine der großen „Fakes“, weil sich diese bis heute als „unausrottbar“ erweist. Insbesondere gibt es keinerlei, wie auch immer geartete Mitwirkung von Strauss selbst.
Zeitungen kommentierten die Premiere hingegen ironisch als „Urlaub, den sich Meister Strauss vom Himmel genommen“ habe, und verglichen ihn mit Titurel, der in Richard Wagners Parsifal aus dem Grabe singt. Das Fiasko der Uraufführung führte unter anderem zu Jauners Selbstmord. Dies lag allerdings wohl auch an dem Zeitgeist begründet, der das Jahr 1899 beherrschte und der gebannt auf das 20. Jahrhundert blickte und erhoffte, bessere Zeiten zu erleben. In einer solchen Situation war der Blick zurück auf den Wiener Kongress nicht gefragt.Helmut Reichenauer: Gedanken zur Operette „Wiener Blut“. In: Kulturverein „Wiener Blut“ (Hrsg.): Almanach – Die magische Welt der Strauss-Familie. Almanach Nr. 1, Oktober 2011, o. S. (im vorliegenden Werk abgezählt S. 7)
Zu dem erhofften Kassenerfolg wurde erst die Neueinstudierung der Operette 1905 im Theater an der Wien, der zu einem Siegeszug um die Welt wurde, der bis heute anhält.
Inhalt Die lebenslustige Wienerin Gabriele ist mit Balduin Graf Zedlau, einem Gesandten von Reuß-Schleiz-Greiz, getraut worden. Schon nach kurzer Zeit entpuppt sich Zedlau als sehr spießig und da ihm das Wiener Blut fehlt, zieht Gabriele wieder auf das Schloss ihrer Eltern. Der einsame Zedlau beginnt daraufhin eine Affäre mit der schönen Franziska Cagliari. Zudem wirft Balduin ein Auge auf die Freundin Pepi Pleininger seines Dieners Josef, die als Probiermamsell arbeitet.
Gabriele erfährt vom Treiben ihres Mannes und kehrt in seine Villa zurück. Nach turbulenten Verwechslungen treffen alle einander in Hietzing beim Heurigen. Gabriele lässt sich von Fürst Ypsheim-Gindelbach, dem Premierminister von Reuß-Schleiz-Greiz und Chef von Graf Balduin, geleiten. Balduin vergnügt sich mit der Probiermamsell Pepi Pleininger und Josef kommt mit der schönen Franziska Cagliari. Trotzdem kommt es zum Happy End, die jeweiligen Paare (Gabriele und Balduin, Pepi und Josef, Cagliari und Ypsheim-Gindelbach) finden wieder zueinander und alle erkennen, dass daran nur das Wiener Blut schuld sein kann, und singen einen großen Schlusschor.
Die kurzen Textzeilen zeigen, dass der Walzer ursprünglich nicht für Singstimmen, sondern instrumental gedacht war. So war man gezwungen, als Gesangstext etwas Knappes, aber doch Verständliches und sich Reimendes zu finden:
Wiener Blut, / Wiener Blut! / Eig'ner Saft, / Voller Kraft, / Voller Glut. / Wiener Blut, / selt'nes Gut, / Du erhebst, / Du belebst / Unser’n Mut! Wiener Blut, / Wiener Blut! / Was die Stadt / Schönes hat, / In dir ruht! / Wiener Blut, / Heiße Flut! / Allerort / Gilt das Wort: / Wiener Blut!
Der Titel „Wiener Blut“ und diese Verszeilen über ihn wurden zum geflügelten Wort: Geschickt wird auf diese Weise die Exklusivität des „blauen Bluts“ auf die ganze Einwohnerschaft der multikulturellen Stadt Wien übertragen.
Kompilation
Für die Zusammenstellung verwendete Adolf Müller jun. nachgewiesen 31 Werke in unterschiedlichen Situationen, wobei das Tonträgerbeispiel sich auf die einzige, bisher vorhandene Johann-Strauss-Gesamtausgabe der Marco Polo Edition (Naxos) bezieht und nur des Nachhörens wegen aufgenommen wurde. Die Angaben folgen Helmut Reichenauer: Gedanken zu Wiener Blut im Almanach des Kulturvereins „Wiener Blut“ (Nr. 1, Oktober 2011).Die Angaben folgen Helmut Reichenauer: Gedanken zur Operette „Wiener Blut“. In: Kulturverein „Wiener Blut“ (Hrsg.): Almanach – Die magische Welt der Strauss-Familie. Almanach Nr. 1, Oktober 2011, o. S. (gezählt S. 12–14)