Sivas (, Sêwas, , ) ist die Hauptstadt der gleichnamigen türkischen Provinz in Zentralanatolien und zugleich Zentrum eines direkt dem Gouverneur (Vali) unterstellten Kreises, des zentralen Landkreises (Merkez). Die Stadt liegt etwa 450 Straßenkilometer (Luftlinie: 350 km) östlich der Landeshauptstadt Ankara. Laut Stadtsiegel ist Sivas seit dem Jahr 1828 eine Belediye (Gemeinde).

Geographie Der zentrale Landkreis liegt im Zentrum der Provinz. Er grenzt im Osten an den Kreis Hafik, im Süden an die Kreise Ulaş und Altınyayla, im Südwesten an den Kreis Şarkışla sowie im Nordwesten an den Kreis Yıldızeli. Eine Außengrenze bildet die Provinz Tokat im Norden.

Neben der Kreisstadt besteht der Kreis mit Yıldız (2.095 Einw.) aus einer weiteren Gemeinde (Belediye) sowie 153 Dörfern (Köy) mit durchschnittlich 162 Bewohnern. Yakupoğlan (2.000), Kurtlapa (1.232) und Güney (1.127) sind die größten der Dörfer. 40 Dörfer haben mehr Einwohner als der Durchschnitt, 81 haben weniger als 100 Einwohner. Die ehemaligen Belediye Gümüşdere, Kurtlapa und Yakupoğlan wurden 2013 wieder zu Dörfern zurückgestuft.

Der Kreis hat die höchste Bevölkerungsdichte (109,7 Einw. je km²), fast das Fünffache des Provinzwertes von 22,6. Der städtische Bevölkerungsanteil beträgt 93,50 Prozent.

Klimatabelle

Etymologie Die Stadt wurde Strabon zufolge von Gnaeus Pompeius Magnus nach seinem Sieg über Mithridates VI. von Pontos und im Zuge der Neuordnung des östlichen Mittelmeerraumes unter dem (Pompeius’ Ehrennamen Magnus entsprechenden) Namen Megalopolis durch Zusammenlegung älterer Siedlungen gegründet. Münzlegenden zeigen, dass sie zwischen 1 und 6 n. Chr. zu Ehren von Kaiser Augustus den Namen Sebasteia (Σεβάστεια; lat. augustus = gr. σεβαστός) annahm und im Jahr 64/65 n. Chr. endgültig in römische Verwaltung überging.Strab. 12, 3, 37 (p. 560); vgl. Strabons Geographica. Mit Übersetzung und Kommentar herausgegeben von Stefan Radt. Band 7. Buch IX–XIII: Kommentar (Göttingen 2008) 396. 398; Tabula Imperii Byzantini, Band 2. Kapadokien (Kappadokia, Charsianon, Sebasteia und Lykandos) von Friedrich Hild und Marcell Restle (Wien 1981) 274–276; W. Leschhorn, Antike Ären. Zeitrechnung, Politik und Geschichte im Schwarzmeerraum und in Kleinasien nördlich des Tauros (Stuttgart 1993) 141–143; Ch. Marek, Stadt, Ära und Territorium in Pontus-Bithynia und Nord-Galatia (Tübingen 1993) 37–39. 54–58. Die türkischen und kurdischen Namensformen leiten sich zwanglos aus dem griechischen Namen ab und sind insbesondere durch Erscheinungen wie den Wandel des stimmhaften bilabialen Plosivs in einen stimmhaften labiodentalen Frikativ, Veränderungen der Vokalqualität und Verkürzungen zu erklären, wie sie häufig im anatolischen Griechisch der römischen Kaiserzeit zu finden sind.Cl. Brixhe, Essai sur le Grec Anatolien au début de notre ère (Nancy 1984); Cl. Brixhe, Linguistic Diversity in Asia Minor during the Empire: Koine and Non-Greek Languages, in: E. J. Bakker (ed.), A Companion to the Ancient Greek Language (Malden/Oxford 2010) 228–252; hier: 232–236.

Demographie Die Bevölkerung besteht überwiegend aus Türken und zu einem geringen Teil aus Kurden. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten in Sivas Armenier und Pontosgriechen mit christlichem Glauben. Siehe dazu: Vertrag von Lausanne

1914 hatte Sivas rund 45.000 Einwohner, mehr als ein Drittel waren Armenier, der Rest Griechen und Türken.

Bevölkerungsentwicklung Nachfolgende Tabelle zeigt den vergleichenden Bevölkerungsstand am Jahresende für die Provinz, den zentralen Landkreis und die Stadt Sivas sowie den jeweiligen Anteil an der übergeordneten Verwaltungsebene. Die Zahlen basieren auf dem 2007 eingeführten adressbasierten Einwohnerregister (ADNKS).Central Dissemination System/Merkezi Dağıtım Sistemi (MEDAS) des TÜIK, abgerufen am 14. August 2021

Jahr Provinz Landkreis Stadt absolut anteilig (%) absolut anteilig (%) absolut 2020635.88960,16382.52092,95355.570 2019638.95659,68381.32592,62353.178 2018646.60858,39377.56192,35348.683 2017621.30159,92372.30092,45344.185 2016621.22458,78365.13592,01335.943 2015618.61758,07359.21991,61329.082 2014623.11656,40351.43190,92319.532 2013623.82455,88348.62390,39315.107 2012623.53555,59346.62990,18312.587 2011627.05655,14345.76289,84310.647 2010642.22455,26354.91389,74318.488 2009633.34753,48338.72888,80300.795 2008631.11252,13329.01187,75288.693 2007638.46452,47335.00287,88294.402

Volkszählungsergebnisse Zu den Volkszählungen liegen folgende Bevölkerungsangaben über die Stadt, den Kreis, die Provinz und das Land vor:Genel Nüfus Sayımları (Volkszählungsergebnisse 1965 bis 2000), abgerufen am 8. August 2021 Ein Teil der Werte (1960 und davor sowie 1997) wurden PDF-Dokumenten entnommen, die über die Bibliothek des TÜIK abruf- und downloadbar sindBücherei des Türkischen Statistikinstituts TÜIK, abrufbar nach Suchdateneingabe. Region 1945 1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1997 2000 Stadt (Şehir) 44.856 52.234 66.843 93.368 108.320 133.979 149.201 172.864 198.553 221.512 232.352 251.776 zentraler Kreis (Merkez) 84.108 99.904 119.317 149.749 169.964 195.908 214.346 239.817 265.768 270.329 278.734 299.935 Provinz (İl) 490.493 542.004 590.869 669.922 705.186 731.921 741.713 750.144 772.209 767.481 698.019 755.091 Türkei 18.790.174 20.947.188 24.064.763 27.754.820 31.391.421 35.605.176 40.347.719 44.736.957 50.664.458 56.473.035 62.865.574 67.803.927

Religion mini|links|Fassade der Pascha-Moschee In Sivas ist heute der Islam die Hauptreligion. Etwa 81 % der Bevölkerung in Sivas sind sunnitische Muslime, 18 % sind Aleviten, und der Rest setzt sich aus Juden, Christen und anderen zusammen. Die armenisch-apostolische Gemeinde hatte in Sivas bis zum Völkermord an den Armeniern sechs Kirchen (Meryemana, Surp Sarkis, Surp Minas, Surp Prgitsch, Surp Hagop, Surp Kevork),Pars Tuğlacı: Tarih boyunca Batı Ermenileri tarihi. Cilt 3. (1891 – 1922), Pars Yayın ve Tic., Istanbul und Ankara 2004, ISBN 975-7423-06-8 vier Klöster (Surp Nschan, Surp Hreschdagabed, Surp Anabad, Surp Hntragadar), ein Waisenhaus, ein Krankenhaus und mehrere Schulen. Die Katholiken hatten eine Kirche mit Sitz des Metropoliten von Sebastea, die Protestanten verfügten über zwei Kirchen und acht Schulen.

Geschichte mini|Die Stadt Sivas auf einer osmanischen Miniatur des Matrakçı Nasuh aus seinem Reisebuch von 1537. Sivas Erstbesiedlung reicht von 7000 bis 5000 v. Chr. zurück. Die Hethiter, deren Siedlungsreste bei Topraktepe nahe Sivas zu finden sind, herrschten dort von 1600–884 v. Chr., danach für etwa 100 Jahre die Phryger (800–695 v. Chr.). Die Phryger wurden durch die Lyder abgelöst. Die Lyder verloren das Gebiet im Jahre 546 an die Perser. Das persische Reich wurde von Alexander dem Großen unterworfen, so dass Sivas bis etwa 17 n. Chr. von den Diadochen beherrscht wurde. Bis 395 war Sivas Teil des Römischen Imperiums, danach bis 1075 byzantinisch. Unter Kaiser Diokletian war Sivas Hauptstadt der Provinz Armenia minor.

Nach mehrjährigen Verhandlungen entschädigte Kaiser Basileios II. 1021 Seneqerim Johannes, König von Vaspurakan in Südarmenien, mit dem Territorium von Sebaste in Kappadokien. Seneqerim Johannes zog mit seinem Hof, dem hohen Klerus und 14.000 Familien nach Sivas und verwaltete es als byzantinischer Vasall.Robert H. Hewsen: Armenia. A Historical Atlas, The University of Chicago Press, Chicago und London 2001, S. 116

Im 11. Jahrhundert tauchten die ersten türkischen Stämme in Anatolien auf. Von 1142 bis 1171 herrschte die Danischmenden-Dynastie über Sivas. 1174 eroberten die Seldschuken unter Kılıç Arslan II. die Stadt und ließen unter anderem 1197 die Ulu Cami (deutsch: Große Moschee) errichten. Sivas diente neben Konya zeitweise als Hauptstadt der Seldschuken. 1232 wurde Sivas wie weite Teile Eurasiens von den Mongolen überfallen. Den Mongolen folgte das Beylik von Eretna, dem von Kadi Burhan al-Din ein Ende gesetzt wurde. 1398 eroberten die Osmanen unter Sultan Bayezid I. die Stadt und verloren sie 1400 an Timur, der die Stadt zerstörte. 1403 gelang es den Osmanen, sie zurückzuerobern.Robert H. Hewsen: Armenia. A Historical Atlas, The University of Chicago Press, Chicago und London 2001, S. 190 Sivas war bis zum späten 19. Jahrhundert Hauptstadt der osmanischen Eyalets Rum. Ab 1864 wurde es Hauptstadt des nun eigenständigen Vilâyets Sivas.

Die Osmanen regierten die Stadt bis zum Ersten Weltkrieg. 1913 kam es zum Boykott christlicher Unternehmer und Händler in der Stadt.Raymond Kévorkian: Le Génocide des Arméniens; Odile Jacob, Paris 2006; S. 533 Im April/Mai 1914 wurde der Markt von Sivas Opfer eines Brandes. Am 5. Juli 1915 begann die Deportation der armenischen Bevölkerung von Sivas.Raymond Kévorkian: Le Génocide des Arméniens; Odile Jacob, Paris 2006, S. 543 1915 schloss auch das 1912 von Erzurum hierher verlegte armenische Sanasarian College. Bei diesem Völkermord hatte Sivas und dessen Umgebung die größte Zahl an getöteten Nichtmuslimen. Die überlebenden, nach Armenien geflohenen Armenier gründeten in Jerewan das Stadtviertel Malatia-Sebastia.

mini|Der Sivas-Kongress 1919 Nach der Niederlage des osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg formierte sich unter Mustafa Kemal eine nationale Widerstandsbewegung, die mit dem Amasya-Zirkular und den Beschlüssen des Kongresses von Erzurum die komplette Unabhängigkeit und Unteilbarkeit des besetzten Reiches forderte. Dazu wurden nach Sivas Repräsentanten aus dem ganzen Land eingeladen, zu deren Vorsitzenden (Heyet-i Temiliye) Mustafa Kemal Pascha gewählt wurde. Diese 31 Teilnehmer umfassende Gruppe hielt vom 4. bis 11. September 1919 den Sivas-Kongress abHalil Gülbeyaz: Mustafa Kemal Atatürk. Vom Staatsgründer zum Mythos. Parthas, Berlin 2003, ISBN 3-932529-49-9, S. 87 ff. und formte die „Gesellschaft zur Verteidigung der nationalen Rechte Anatoliens und Rumeliens“ (Anadolu ve Rumeli Müdafaa-i Hukuk Cemiyeti), einen neben der osmanischen Regierung agierenden Zusammenschluss, der unter anderem den Abzug der ausländischen Truppen, die komplette Unabhängigkeit und Unteilbarkeit des Landes, Neuwahlen des osmanischen Parlamentes und den Rücktritt des ihnen gegenüber feindlich agierenden osmanischen Innenministers Damat Ferid forderte.

Republik In den 1930er Jahren wurde die Stadt erstmals an das anatolische Eisenbahnnetz angeschlossen. Es folgten Investitionen in Zementfabriken, Eisenwerke und in größere staatliche Landwirtschaftsbetriebe. Gegen Ende der 1970er Jahre verstärkte sich die Landflucht. Besonders viele Binnenmigranten zogen nach Istanbul.Ömer Demirel: Sivas. In: Islam ansiklobedisi, 2009, Band 37, S. 282

mini|Gedenk-Demonstration 2007 in Sivas zum Sivas-Massaker Am 2. Juli 1993 versammelte sich ein nationalistischer Mob vor dem Madımak-Hotel, in dem im Rahmen eines alevitischen Kultur-Festivals zum größten Teil alevitische Musiker, Schriftsteller, Dichter und Verleger logierten, darunter Kinder und Jugendliche. Das Hotel wurde in Brand gesetzt, während auf den Straßen die durch vom Freitagsgebet heimkehrende Sunniten vergrößerte Menge anschwoll und mit Pflastersteinen bereitstand. Wegen der Menschenmenge vor dem Hotel konnten die Menschen im Gebäude nicht ins Freie. 35 Menschen verbrannten im Hotel; wenige überlebten, so auch der Autor Aziz Nesin, dem laut verschiedenen Angaben der Anschlag in erster Linie gegolten hatte. Nesin war als Übersetzer von Salman Rushdies Buch Die satanischen Verse offener Anfeindung ausgesetzt. Obwohl Polizei und Feuerwehr frühzeitig alarmiert waren, griffen sie erst nach acht Stunden ein. Das Staatssicherheitsgericht in Ankara urteilte, dass die große Menschenmenge die Einsatzkräfte bei den Rettungsarbeiten behindert hatte.