Die schöne Helena () ist eine Opéra-bouffe (Buffo-Oper)Angabe im Klavierauszug der Edition Bote & Bock, deutsche Übersetzung von E. Dohm in drei Akten von Jacques Offenbach und den Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy. Die Uraufführung fand am 17. Dezember 1864 im Théâtre des Variétés in Paris statt. Offenbach konnte damit an den Erfolg seiner Opéra-bouffe Orpheus in der Unterwelt (1858) anknüpfen, die ebenfalls einen Stoff der klassischen Antike persifliert. Allerdings steht und fällt der Erfolg der Schönen Helena mit der weiblichen Titelrolle – in der Uraufführung dargestellt von Hortense Schneider, bei der Wiener Erstaufführung von Marie Geistinger. Berühmte weitere Interpretinnen waren u. a. Emily Soldene im anglo-amerikanischen Raum.
Aufführungsgeschichte Hortense Schneider (1833–1920) war die gefeierte Sängerin und Kurtisane, für deren spezielle Talente Offenbach La belle Hélène konzipierte sowie später auch weitere Operetten wie Barbe-bleue 1866, La Grande-Duchesse (de Gerolstein) 1867, La Périchole 1868 und La Diva 1869.Kevin Clarke: Die Geburt der Operette aus dem Geist der Pornographie: Definitionsmerkmale einer modernen Musiktheatergattung. In: Marie-Theres Arnbom, Kevin Clarke, Thomas Trabitsch (Hrsg.): Welt der Operette. Glamour, Stars und Showbusiness. Brandstätter Verlag, Wien 2011. Schneider zeichnete sich mehr durch ihre enorme Bühnenpräsenz und erotischen Reize aus als durch klassische Gesangskünste. Der Romancier Emile Zola porträtiert sie – ironisch zugespitzt – in Nana (1880) als Darstellerin ohne sonderliche Begabungen, die es aufgrund ihrer körperlichen Reize schafft, das Pariser Gesellschaftspublikum mit Nacktauftritten in den Bann zu schlagen.projekt-gutenberg.org Projekt Gutenberg-DE
Das Publikum der Offenbach-Operetten bestand – wie u. a. Kracauer in Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit schreibt – aus höchsten Adelskreisen und der Halbwelt. So fand man im Publikum Bankiers, Schriftsteller, Diplomaten, Kurtisanen aber auch kaiserliche Würdenträger, die großen Amüsierbedarf (sowohl intellektuell als auch sexuell) hatten und deutlich lockerere Moralvorstellungen als das Bürgertum.Siegfried Kracauer: Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1976, S. 265.
Offenbach und seine Librettisten machen sich in den sogenannten „Offenbachiaden“ besonders über die Mittelschicht, Neureiche, Emporkömmlinge und deren konservative Moralvorstellungen lustig; nicht, wie fälschlich oft angenommen, über die Herrschenden insgesamt, im Sinn von Brechts klassenkämpferischem Theater. Es war ein Lachen von oben nach unten, kein Protest von unten nach oben. Somit kann auch die Figur der Sparta-Königin Helena – der „schönsten Frau der antiken Welt“ – nicht als Abbild von Kaiserin Eugénie gesehen werden, wie manchmal behauptet wird.
Anhand der Tagebücher des Librettisten Halévy lässt sich feststellen, dass er als Staatsbeamter zwar eine zwiespältige Haltung gegenüber dem Regime Napoleons III hatte, jedoch sind keine Hinweise auf Untergrabungen gegen Napoleon III. zu finden. Anhaltspunkte für den Verfall der Sitten und Kritik am Zweiten Kaiserreich sucht man ebenso in den Tagebüchern vergebens. Was man aus ihnen sicher ableiten kann, ist, dass sich die Operette aktiv an der Polemik gegen die falschen Moralisten (jene, die die Staatsmacht als oberste Instanz und Hüter der Moral ansahen, in Verkörperung des Kaisers, der für seine halbweltlichen Eskapaden bekannt war) beteiligt hatte.Ralph-Günther Patocka: Operette als Moraltheater, Jacques Offenbach Libretti zwischen Sittenschule und Sittenverderbnis. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2002.
Hans-Jörg Neuschäfer begründet in seinem Artikel „Die Mythenparodie in La Belle Hélène“ in Jacques Offenbach und seine Zeit, wie Offenbach mit dem Aspekt des Scherzhaften spielt, jedoch den Mythos der Helena-Sage bewahrt. Er begründet seine Aussage mit zwei Prinzipien, die für ihn vor allem den Aspekt der Burleske (des Scherzhaften) aufzeigen. Ein Prinzip besteht für ihn darin, dass die antiken Schauplätze der Operette mit der Gegenwart verbunden werden. So wird aus Sparta Paris und aus Nauplia das mondäne Seebad Trouville. Somit rückt die Handlung der Belle Hélène in Reichweite des Pariser Publikums der 1860er Jahre. Das zweite Prinzip ist die Reduktion des Übermaßes an moralischer und physischer Kraft, bzw. die Herabsetzung des Heroismus der antiken Sagenvorlage auf das Mittelmaß menschlicher Schwäche, um komischen Effekt zu erzielen (die Helden der Geschichte werden alle als lächerliche Könige und Krieger dargestellt).Hans Jörg Neuschäfer: Die Mythenparodie in La Belle Hélène. In: Elisabeth Schmierer (Hrsg.): Jacques Offenbach und seine Zeit. Laaber 2009. ISBN 978-3-89007-251-7
Offenbach und das Moraltheater Offenbachs Operetten sind indirekt, wie auch direkt, mit der Entwicklung des Moraltheaters verbunden. Indirekt, da sie sich die große Kontroverse mit dem Sprechtheater teilen, die in den 1850er Jahren das Feuilleton bestimmte. Direkt, indem sie Motive und Themen des Moraltheaters aufgreifen. Die Rolle des Geldes und die Rolle der Ehe in der Gesellschaft sind die zentralen Themen, die Offenbach aus dem Moraltheater übernommen hat.
Die schöne Helena gewann ihre provozierende Wirkung nicht nur dadurch, dass viele historische Darstellerinnen in dem Stück nackt bzw. fast nackt zu sehen waren, sondern auch aus der Behandlung des Themas Ehebruch, das Helena als schicksalhaft und unvermeidlich nennt. Dies wurde von verschiedenen Seiten als Befürwortung der Wiedereinführung der Scheidung gesehen, meint Ralph-Günther Patocka in seinem Buch Operette als Moraltheater, Jacques Offenbach Libretti zwischen Sittenschule und Sittenverderbnis.
Nacktheit in der Operette Helena, die „schönste Frau der Welt“, sehnt sich nach Abwechslung von ihrem Ehealltag und weiß, dass die Göttin Venus dem Prinzen Paris die Liebe der schönsten Frau auf Erden versprochen hat, also Helena. Mit Spannung erwartet sie Paris, der sich ihr als Schäfer verkleidet nähert.Siegfried Kracauer: Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit. Allert de Lange, Amsterdam 1937, S. 323. Im 2. Akt erscheint Paris in Helenas Schlafgemach. Da sie glaubt, dies alles sei nur ein Traum – in dem alles erlaubt sei – gibt sie sich Paris in einer wilden Liebesszene hin. Diese Nachtszene mit dem erotisch aufgeladenen Traumduett «Ce n’est qu’un rêve» erhitzte die Gemüter der Moralisten, da die Darstellerin der Helena bei der Uraufführung und später der Wiener Erstaufführung nackt auf der Bühne stand. In einem Eintrag in den Münchner Polizeiakten heißt es im Zusammenhang mit einer Aufführung in Bayern: „Bei alledem verdient Anerkennung, daß die Direction des Theaters [in München, Anm.] sichtlich bestrebt war, das Stück möglichst dezent zu geben. Die Costüme enthüllten bei weitem nicht die Blöße so, wie in Paris am Vaudevilletheater oder in Wien am Carltheater der Fall ist. In Paris u. Wien entkleidete sich Helena in der Nachtszene des II. Actes fast vollständig auf der Bühne.“Akten der Polizeidirektion vom 19. August 1867
In Biographien von Sängerinnen und Tänzerinnen der Epoche fallen die häufigen Verbindungen zu gewissen Logenbesuchern auf. Daraus lässt sich durchaus schließen, dass die Theater, wo Frivoles, Laszives und sexuell Angespieltes gezeigt wurde, auch als Edelbordell genutzt wurden und die Sängerinnen, Chorsängerinnen und die Tänzerinnen als Edelprostituierte fungierten. Dies wird u. a. von Zola in Nana ausführlich dargestellt, wo der Direktor des Vaudeville-Theaters von seinem Haus wiederholt als „Bordell“ spricht.
Ihre Götter bildeten die Griechen oft mit blonden Haaren ab. So verwundert es nicht, dass auch Helena in der Operette mit blonden Haaren dargestellt wird. Betrachtet man jedoch die Darstellung der Helena als „Blondine“ mit dem Hintergrundwissen, dass in den 1860er Jahren blond gefärbte Haare bei Frauen der Mittelschicht als „barbarisch“ angesehen wurden und als Erkennungszeichen von Prostituierten galten,Robert C. Allen: Horrible Prettiness burlesque and American culture. Univ. of North Carolina Press, 1991. erscheint Offenbachs Helena in einem anderen Licht. In ihrer Arie singt sie durchaus provokant in diese Richtung anspielend: «On me nomme Hélène la blonde». Natürlich ist auch die Titelfigur Nana in Zolas Roman blond und eine gefeierte Kurtisane.
In dem Genre der Operette, das Offenbach pflegte, konnten unter dem Deckmantel der Parodie und Groteske viele Übertreibungen aller Art und sehr freizügige Anspielungen von Erotik auf die Bühne gebracht werden, die unter realistischen oder normalen Umständen von der Zensur auf einer öffentlichen Bühne in Paris niemals erlaubt worden wären. Über die Darstellung der Helena durch Marie Geistinger in Wien bemerkt Zeitzeugin Bertha Glöckner: „Heute sehe ich noch diese Helena vor mir, in ihren durchsichtigen Tarlatangewändern, ich sehe ihre junonische Gestalt, ihre klassischen Beine, ihr reizvolles Profil mit dem leicht ironischen Lächeln um den Mundwinkel. Wenn sie den Paris bei der ersten Begegnung mit der ihr eigenen schwungvollen Handbewegung begrüßte und dann anlorgnettierte, wenn sie in der Traumszene die Tunique abwarf … das war ein Bild unnachahmlicher Grazie.“Bertha Glöckner, zit. in Emil Pirchan, Marie Geistinger: Die Königin der Operette, Wien 1947. Es verwundert angesichts des schlüpfrigen Themas Ehebruch und der „in verschiedenem Sinne florierenden Nacktheit“ im StückWiener Zeitung, 18. März 1865 nicht, dass der bei der Pariser Uraufführung anwesende Fürst Metternich beim Verlassen des Theaters zu seiner Ehefrau gesagt haben soll: „Wir haben unrecht daran getan, der Premiere beizuwohnen. […] Unser Name wird in allen Zeitungen stehen, und es ist nicht angenehm für eine Frau, gewissermaßen offiziell in einem solchen Stück gewesen zu sein.“Zit. nach Kracauer, 1994.
Handlung Ort und Zeit Die Operette spielt im mythologischen Griechenland (Sparta und Nauplia) kurz vor Beginn des Trojanischen Krieges, vermischt mit Elementen der Gegenwart zur Zeit der Uraufführung.
Erster Akt Bild: Tempelplatz in Sparta
Helena, die Gattin des Königs Menelaos, gilt als die schönste Frau der Welt, und sie glaubt das auch von sich selbst. Weil ihr etwas trotteliger Ehemann schon sehr betagt ist, kann er seine Frau nicht mehr befriedigen. Helena bittet deshalb Venus, die Göttin der Liebe, ihr endlich mal wieder einen richtigen Liebhaber zu senden. Dabei denkt sie an jenen Schäfer, dem Venus einst auf dem Berge Ida die schönste Frau der Welt versprochen hat. Auch Menelaos hat von dieser Geschichte gehört und sorgt sich seither sehr um die Treue seiner schönen Frau.
In Sparta findet gerade ein geistiger Wettkampf statt. Einer der Teilnehmer ist Prinz Paris aus Troja, der sich – getarnt als Schäfer – unter die Teilnehmer gemischt hat. Weil er auf jede Frage die richtige Antwort weiß, hat er bald Helenas Interesse geweckt. Paris erkennt rasch, dass der Großaugur Kalchas vor allem auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, und besticht ihn, damit er bei seinem Werben um Helena für günstige Umstände sorge. Kalchas verkündet dem Volk, die Götter hätten befohlen, dass sich Menelaos nach Kreta begeben müsse. Schweren Herzens tritt dieser die Reise an.
Zweiter Akt Bild: Gemach der Helena
Kalchas hat Helena für die kommende Nacht einen wunderschönen Traum versprochen. Als die schöne Frau in ihrem Gemach Paris erblickt, glaubt sie, dass jetzt der Traum wahr werde. Beide verbringen eine ausgelassene Liebesnacht und stillen ihr Verlangen. Doch womit sie nicht gerechnet haben: Menelaos kehrt früher als erwartet von seiner Reise zurück. Er ertappt sein Weib beim Seitensprung und will den Rivalen verhaften lassen. Doch bevor es seinen Häschern gelingt, diesen zu ergreifen, gelingt ihm die Flucht.
Dritter Akt Bild: Strandpromenade in Nauplia