mini|Hermann von Wedderkop, um 1919
Hermann von Wedderkop, auch Hans von Wedderkop und Harro von Wedderkop (* 29. November 1875 in Eutin; † 4. Oktober 1956 in Hamburg), auch bekannt unter seinem Spitznamen WeddoDURCH SCHNITT KUNST In: taz. die tageszeitung, 20. März 1990. S. 24–25., war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber der Zeitschrift Der Querschnitt von 1924 bis 1931.Kirchenkreis Ostholstein: Kirchenbuch Eutin Taufen 1876-1879. S. 554Behörde für Kultur und Medien: Generalregister Sterbefälle Ot-Zy 1956 (Best. 332-5 Nr. 49109)FelixArchief: van Wedderkop Herman80 Jahre Standesämter im Kreise Eutin. 1. Eintragung: Sohn Hermann von Wedderkop - Bisher 250 Registerbände In: Ostholsteiner Anzeiger vom 11. März 1956.
Leben Frühe Jahre Wedderkops Vater, Magnus von Wedderkop war ein Oberamtsrichter und Kammerherr im Großherzogtum Oldenburg. Seine Mutter war Elisabeth Post († 1895), eine Ur-Enkelin des Bremer Bürgermeisters Liborius Diederich Post. In Anlehnung an ihren Großvater Albert Hermann von Post führte er auch den von der Reichsschrifttumskammer eingetragenen Decknamen „Hermann Albert Post“. Ab dem vierten Lebensjahr spielte von Wedderkop Klavier.
Mit 19 Jahren absolvierte Hermann von Wedderkop seine Reifeprüfung auf dem Großherzoglichen Gymnasium in Eutin. Am 1. April 1895 trat er als Avantageur in das Infanterie-Regiment Großherzog von Sachsen (5. Thüringisches) Nr. 94 in Weimar ein. Er wurde dort zum Leutnant, musste dort aufgrund eines Herzleidens allerdings 1899 seinen Abschied nehmen. Es folgte ein Rechtsstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, bei dem er unter anderem unter Franz von Liszt und Heinrich Dernburg studierte.Ludwig-Maximilians-Universität München: Amtliches Verzeichnis des Personals der Lehrer, Beamten und Studierenden an der königlich bayerischen Ludwig-Maximilians-Universität zu München. Sommer-Semester, 1899.Bundesarchiv PERS 101/4479 Neben dem Recht studierte er auch Kunstgeschichte und Archäologie. Am 6. September 1912 wechselte er als Referendar in den Staatsdienst und war an den Landgerichten in Altona und Berlin tätig.Bundesarchiv PERS 101/4474 Später leitete er das Amtsgericht Mölln und wurde später Regierungsassessor in Köln.
1907 traf er in Paris auf den Kunsthändler Alfred Flechtheim, der ihm erste künstlerische Impulse gab und ihn später für die Galerie-Zeitschrift Querschnitt gewann. Von September 1909 bis Juli 1910 absolvierte er ein Volontariat bei der Pariser Privatbank Alfred Gans & Co. In dieser Zeit wird er auch Mitglied im ersten Pariser Boxverein, dem Pelican Boxing Club.Le Figaro vom 25. März 1910, S. 7 Ab dem 1. September 1911 wurde Wedderkop Stellvertreter des Vorsitzenden der Einkommensteuerveranlagungskommission in Köln und schied aus dem Justizdienst aus. 1912 schrieb Wedderkop einen kleinen Ausstellungsführer für die Sonderbundausstellung in Köln. Zum 1. Juli 1913 wurde er zunächst kommissarisch und ab dem 1. August 1914 Vorsitzender der Kommission.Bundesarchiv PERS 101/4476 Im Ersten Weltkrieg wurde Wedderkop Ordonnanzoffizier des Kreischefs von Brüssel Land und ab dem 2. September 1915 Zivilkommissar der deutschen Besatzungsverwaltung beim kaiserlichen Kreischef in Brüssel.Georg Kolbe Museum: Brief von Hermann von Wedderkop an Georg KolbeBrand Whitlock: Belgium Under the German Occupation: A Personal Narrative. W. Heinemann, 1919, Seite 253. Dort lernte er auf dem Schloss La Hulpe des von ihm verehrten Schriftstellers Carl Sternheim dessen sich gerade trennende Gattin Thea Sternheim und Gottfried Benn kennenDeutschlandfunk Kultur: Vorzeigedichter der Adenauer-Republik, der zu dieser Zeit als Lazarettarzt gerade mit Kokain „experimentierte“ und sich daher den Unmut des Verwaltungsbeamten Wedderkop zuzog. Benn sagte ihm später eine genauso desavouierende Affäre mit der 20 Jahre jüngeren und später dezidiert „anti-deutsch“ auftretenden Nachwuchsschauspielerin Yvonne George nach.Gottfried Benn, Thea Sternheim, Mopsa Sternheim: Briefwechsel und Aufzeichnungen. 2004, S. 376. Angesichts des Mangels an Polizisten und der Zunahme von Nachtdiebstählen in den Gemeinden des Großraums Brüssel ordnete er als Zivilkommissar von Wedderkop per Rundschreiben und Plakat an, dass die Gemeinden ab dem 1. Mai 1918 alle männlichen Einwohner im Alter von 17 bis 55 Jahren zur Bewachung der Gemeinde einziehen müssen.Christian Vreugde: La révolution allemande à Bruxelles, 9 novembre – 18 novembre 1918. In: Cahiers Bruxellois – Brusselse Cahiers, 2018, Ausgabe 1, S. 220–221. Ab dem 3. Mai 1917 wurde Wedderkop Kölner Regierungsrat. Ab dem 1. Oktober 1919 war er Leiter des Staatssteueramts in Jülich. Auf eigenen Wunsch wurde er zum 1. Juli 1921 in den Ruhestand versetzt und widmete sich fortan literarischen Tätigkeiten.
Aufstieg als Schriftsteller und Herausgeber des Querschnitts Von 1914 bis 1920 schreibt Wedderkop für die Kunstzeitschrift Kunst und Künstler sowie von 1920 bis 1922 für Der Cicerone und Guido Bagiers Feuer. Monatsschrift für Kunst und künstlerische Kultur und von 1921 bis 1922 für Die Weltbühne. Er gab 1922 das Buch „Deutsche Graphik des Westens“ heraus, in dem er selbst Texte zu Otto von Wätjen und Rudolf Großmann verfasste. Zudem war er für die von Efraim Frisch gegründete und herausgegebene Kulturzeitschrift Der neue Merkur tätig. Anfang der 20er Jahre war Wedderkop im beratenden Ausschuss der Künstlervereinigung Das Junge Rheinland. In der Reihe Junge Kunst im Verlag Klinkhardt & Biermann Leipzig veröffentlichte er 1920 seinen ersten Band über Paul Klee, der gleichzeitig die erste Monografie über Klee war. 1921 folgte ein zweiter Band über Marie Laurencin. Im selben Jahr war er Mitarbeiter des Querschnitt, der sich aus den von Flechtheim herausgegebenen Galerienachrichten entwickelte. Als Herausgeber gelang es Wedderkop, den Querschnitt zum führenden deutschen Zeitgeist-Magazin der 1920er Jahre zu machen: offen für die künstlerische Avantgarde, wie Pablo Picasso, Marc Chagall oder Fernand Léger, ebenso wie für die Heroen des Boxsports, ironisch elitär und mit künstlerischen Fotos männlicher und weiblicher Aktmodelle garniert.
In Paris lernte Wedderkop den jungen US-amerikanischen Pianisten und Komponisten George Antheil in der Buchhandlung Shakespeare & Company von Sylvia Beach kennen. In der irrigen Annahme, Antheil sei ein Literat, bat Wedderkop ihn in seiner Rolle als Querschnitt-Herausgeber der Zeitschrift, sein Pariser Vertreter zu werden. Mit Hilfe von Ford Madox Ford und Ezra Pound erwarb Antheil fünf Gedichte aus James Joyce’ Kammermusik (ursprünglich 1907 erschienen) und einen Essay von Pound.Jeffrey Meyers: Hemingway & Alfred Flechtheim. In: The New Criterion, New York, Vol. 34, N° 10, Juni 2016, S. 86–90. Laut Ernest Hemingway, war Wedderkop wie der US-amerikanische Schriftsteller Antisemit. So erzählte Hemingway seinem Freund William B. „Bill“ Smith, dass Wedderkop „Kikes mehr hasse, als sie selbst“.Michael Reynolds: Hemingway: The Paris Years. W. W. Norton & Company, 1999, S. 240. ISBN 978-0-393-34526-1 Das Wort „Kike“ ist eine besonders abwertende und beleidigende Bezeichnung für eine jüdische Person.Oxford English Dictionary: kike, NOUN & ADJECTIVE Flechtheim war Jude. Auch in den Tagebüchern Thea Sternheims finden sich antisemitische Stereotype Wedderkops, der Flechtheim kapitalistische Korruption und moralische Verkommenheit vorwarf. Dabei wurde eine direkte Parallele zur Dreyfus-Affäre gezogen.Andrea Bambi, Axel Drecoll (Herausgeber): Alfred Flechtheim: Raubkunst und Restitution. Band 110 von Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Berlin / Boston, Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2015, S. 88, ISBN 978-3-11-040497-5 Wedderkop war einer der Autoren in Rudolf Großmanns 1926 erschienenen Buch Fünfzig Köpfe der Zeit. Er schrieb auch für Der Piperbote für Kunst und Literatur.
Er lehnte die „alte Literatur“ um Gerhart Hauptmann und Thomas Mann ab und vertrat die Forderung nach einem wirklichkeitsnahen Gesellschaftsromanvgl. Hermann von Wedderkop: Wandlungen des Geschmacks. In: Der Querschnitt, Bd. 6 (1926), S. 497ff und Inhalt und Technik des neuen Romans. In: Der Querschnitt, Bd. 7 (1927), S. 426ff. Er hat selbst 1927 mit Adieu Berlin beim S. Fischer Verlag einen entsprechenden, autobiographisch gefärbten Sportroman vorgelegt. Dem als kränkelnd und krankmachenden Großstadtdschungel von Berlin stellt er die frische Natur des Nordseebades Kampen und den neuen Frauentyp des „Sport-Girls“ entgegenNanda Fischer: Traumhelden, Sportgirls und Geschlechterspiele. Sport als Literatur. Zur Theorie und Praxis einer Inszenierung. F&B Verlag, Eching 1999, S. 92ff. Gegen die zur gleichen Zeit erscheinenden Sportromane von bereits etablierten Autoren wie Hugo von Waldeyer-Hartz (Sportmädel, 1926) oder Erich Maria Remarque (Station am Horizont, 1927) fand er wenig Beachtung. Den Einband gestalteten Renée Sintenis und Emil Rudolf Weiß nachdem er ursprünglich George Grosz dafür gewinnen wollte.Archiv der Akademie der Künste: George-Grosz-Archiv, Signatur: Grosz 497, Der Querschnitt, Hermann von Wedderkop an George Grosz.- Erfolgreicher waren Wedderkops alternative Reisebücher, die im Piper Verlag in der Reihe Was nicht im „Baedeker“ steht erschienen sind.
Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit übte Wedderkop nach Studium bei Artur Schnabel und Wilhelm Backhaus mehrere Jahre lang eine Konzerttätigkeit als Pianist aus.Ein Kämpfer für den Geist. Hermann von Wedderkop 80 Jahre alt In: Ostholsteiner Anzeiger vom 28. November 1955. Mitte der 1920er spielte er auch im Rahmen halböffentlicher Salongeselligkeit mit Marie-Anne von Goldschmidt-Rothschild Theater.Anna-Carolin Augustin: Berliner Kunstmatronage Sammlerinnen und Förderinnen bildender Kunst um 1900. Wallstein Verlag, Göttingen 2018, ISBN 978-3-8353-3180-8, S. 354
Ende beim Querschnitt und NS-Zeit Die Tatsache, dass Wedderkop 1929 vom Ullstein Verlag ein Chefredakteur an die Seite gestellt und er im Mai 1931 von seinem Herausgeber-Posten des Querschnitt entfernt wurde, soll nach Wilmont Haacke etwas mit Wedderkops publizistischer Begeisterung für Benito Mussolini zu tun gehabt haben. Wedderkop besuchte Mussolini am 5. Mai und 10. Oktober 1930 sowie am 28. Mai 1935.Wolfgang Schieder: Mythos Mussolini: Deutsche in Audienz beim Duce. Oldenbourg Verlag, München 2013, S. 144. Nach seinem ersten Besuch widmete er Mussolini im Querschnitt das Porträt Mussolini wie ich ihn sehe, in dem er den Faschismus als einzig italienische Angelegenheit und streng national betrachtete.Hermann von Wedderkop: Mussolini wie ich ihn sehe. In: Der Querschnitt, Band 10, 1930, H. 6, Juni, S. 356 Auch in Das Buch von Rom widmete er Mussolini einen Abschnitt. Zum 1. Mai 1933 trat Wedderkop der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.592.748). Er verbrachte die meiste Zeit des Nationalsozialismus in Italien, u. a. in Rapallo.Archiv der Akademie der Künste: Ernst-Legal-Archiv, Signatur: Legal-Ernst 2704, H. v. Wedderkop Er besuchte häufig den Monte Verità in Ascona, wo er sich auch mit Werner von der Schulenburg traf. Beide sahen im Faschismus Mussolinis eine positive Alternative zum Nationalsozialismus.Jobst C. Knigge: Werner Graf von der Schulenburg – Kulturvermittler zwischen Italien und Deutschland. Humboldt-Universität Berlin 2016 (Digitalisat, PDF, 1,4 MB) Im Rahmen der Olympischen Sommerspiele 1936 schrieb er das Buch „Das unbekannte Berlin“.Nationalsozialistische Monatshefte, Deutschland, Franz-Eher-Verlag, 1938, S. 92–93.