mini|Wappen eines Fürstbischofs, das Schwert kennzeichnet die weltliche Gewalt Als Geistliches Territorium bezeichnet man ein Staatsgebiet im Mittelalter und der frühen Neuzeit, dessen Landesherr (Fürst) zugleich ein Geistlicher war und somit die geistliche mit der weltlichen Gewalt verband. Er übte in seinem kirchlichen Jurisdiktionsbereich (Diözese) die geistliche und in einem weltlichen Herrschaftsbereich (Stift), das nicht deckungsgleich sein musste, die weltliche Gewalt aus. Diese Herrschaftsform war vor allem im Heiligen Römischen Reich verbreitet.

Nach dem Krummstab, dem Herrschaftszeichen der Bischöfe und Äbte, wurden geistliche Territorien auch Krummstablande genannt.Manfred Heim: Von Ablass bis Zölibat. Kleines Lexikon der Kirchengeschichte. Verlag C. H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57356-9, S. 255

Im Heiligen Römischen Reich Geistliche Territorien innerhalb des Heiligen Römischen Reiches entwickelten sich aus dem ottonisch-salischen Reichskirchensystem und wurden teils schon nach der Reformation, spätestens 1803 im Zuge der Säkularisation durch den Reichsdeputationshauptschluss aufgelöst. Zwischenzeitlich hatten die Äbte viele jurisdiktionelle und politische Rechte inne und waren über Jahrhunderte ein wichtiges Element der kaiserlichen Macht. Da Bischöfe von den mittelalterlichen Kaisern die geistliche Gerichtsbarkeit zur Ausübung in den Territorien der weltlichen Fürsten übertrugen, resultierten daraus wiederkehrende Konflikte und Auseinandersetzungen zur Kompetenz der geistlichen Gerichte.Dietmar Willoweit: Staatsbildung und Jurisprudenz. Spätmittelalter und frühe Neuzeit. Gesammelte Aufsätze 2003–2016 (= Würzburger rechtswissenschaftliche Schriften. Bd. 105). Ergon Verlag, Baden-Baden 2019, ISBN 978-3-95650-551-5. S. 11 ff.; 57 ff. Reichsunmittelbare geistliche Herren wurden als Reichsprälaten bezeichnet und geistliche Herrschaften Reichsstifte. Im Einzelnen: die drei geistlichen der sieben Kurfürstentümer – im Einzelnen Mainz, Köln und Trier – die jeweils von einem Erzbischof regiert wurden. weitere Erz- und Fürstbistümer. Abhängig von der innerkirchlichen Hierarchie des jeweiligen Territorialherren wurden die Gebiete unterschiedlich bezeichnet: Sie wurden Erzstift genannt (etwa Erzstift Magdeburg), wenn sie von einem Erzbischof regiert wurden, und Hochstift, wenn sie von einem einfachen Bischof (Fürstbischof) regiert wurden (etwa Hochstift Münster, siehe auch Liste der Fürstbistümer um 1800). die Reichsabteien, die von einem Abt (oder auch einer Äbtissin) geleitet wurden (z. B. die Reichsabtei Werden). die anderen Reichsstifte, die von einem Propst geleitet wurden (z. B. die Fürstpropstei Berchtesgaden). weitere Reichsklöster, wie z. B. Kartausen.

Säkularisation Bis 1815 wurden sämtliche geistlichen Territorien säkularisiert. Die erste Säkularisation eines großen geistlichen Territoriums war die Umwandlung des Deutschordensstaats in das Herzogtum Preußen durch Hochmeister Albrecht. Im Zuge der Reformation wurden einige Territorien säkularisiert, andere von evangelischen Fürstbischöfen (erwählter Bischof oder postulierter Administrator) beherrscht. Nach dem Westfälischen Frieden wurden die meisten evangelischen Erz- und Hochstifter in weltliche Herzogtümer (Magdeburg, Bremen-Verden) bzw. Fürstentümer (Cammin, Minden, Ratzeburg, Schwerin) umgewandelt. Mit dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 wurden auch die restlichen Erz- und Hochstifter säkularisiert.

Liste der geistlichen Territorien des Heiligen Römischen Reichs mini|250px|Das Heilige Römische Reich am Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648. Die unter geistlicher Herrschaft stehenden Gebiete sind violett gefärbt. Nicht gezeigt werden die unter einem benachbarten evangelischen Fürsten stehenden geistlichen Territorien.Hier werden die Fürstentümer der Erzbischöfe, Bischöfe, Äbte und Prioren aufgezählt, die über eine Virilstimme im Reichstag verfügten. Die zahlreichen, oft nur wenige Dörfer umfassenden Territorien der Reichsprälaten sind unter Rheinisches Reichsprälatenkollegium und Schwäbische Prälatenbank angeführt. Rang Territorium HerrschersäkularisiertErzstiftMainzErzbischof von Mainz1803ErzstiftKölnErzbischof von Köln1803ErzstiftTrierErzbischof von Trier1803ErzstiftMagdeburgErzbischof von Magdeburg1648ErzstiftBremenErzbischof von Bremen1648ErzstiftErzstift BesançonErzbischof von Besançon1697Meistertum des Deutschen OrdensMergentheimDeutschmeister1803Hochstift AugsburgBischof von Augsburg1803HochstiftBambergBischof von Bamberg1803FürstbistumBaselBischof von Basel1803HochstiftBrandenburgBischof von Brandenburg1571FürstentumNeisseBischof von Breslau1810HochstiftBrixenBischof von Brixen1803HochstiftCamminBischof von Cammin1648HochstiftChiemseeBischof von Chiemsee1803Hochstift ChurBischof von Chur1367Hochstift EichstättBischof von Eichstätt1803HochstiftFreisingBischof von Freising1803Hochstift HalberstadtBischof von Halberstadt1648HochstiftHavelbergBischof von Havelberg1571Hochstift HildesheimBischof von Hildesheim1803Hochstift KonstanzBischof von Konstanz1803Hochstift LübeckBischof von Lübeck1803HochstiftLüttichBischof von Lüttich1801HochstiftMetzBischof von Metz1648HochstiftMeißenBischof von Meißen1581HochstiftMerseburgBischof, später Administrator von Merseburg1815HochstiftMindenBischof von Minden1648HochstiftMünsterBischof von Münster1803HochstiftNaumburgBischof, später Administrator von Naumburg1815HochstiftOsnabrückBischof von Osnabrück1803Hochstift PaderbornBischof von Paderborn1803HochstiftPassauBischof von Passau1803Hochstift RatzeburgBischof von Ratzeburg1648HochstiftRegensburgBischof von Regensburg1803HochstiftSchwerinBischof von Schwerin1648Hochstift SpeyerBischof von Speyer1803HochstiftSittenBischof von Sitten1634Hochstift StraßburgBischof von Straßburg1803HochstiftTrientBischof von Trient1803HochstiftToulBischof von Toul1648HochstiftUtrechtBischof von Utrecht1525Hochstift VerdenBischof von Verden1648HochstiftVerdunBischof von Verdun1648Hochstift WormsBischof von Worms1803Hochstift WürzburgBischof von Würzburg1803HerrschaftHeitersheimGroßprior von Deutschland des Malteserordens1803Ballei des Deutschen OrdensThüringenLandkomtur von Thüringen1809Ballei des Deutschen OrdensWestfalenLandkomtur von Westfalen1809Ballei des Deutschen OrdensHessenLandkomtur von Hessen1805Ballei des Deutschen OrdensSachsenLandkomtur von Sachsen1809Ballei des Deutschen OrdensFrankenLandkomtur von Franken1806Ballei des Deutschen OrdensKoblenzLandkomture von Koblenz1809Ballei des Deutschen OrdensSchwaben-Elsass-BurgundListe der Landkomture der Ballei Elsass-Burgund1806Ballei des Deutschen OrdensAn der Etsch und im GebirgeLandkomtur an der Etsch und im Gebirge1811Ballei des Deutschen OrdensLothringenLandkomtur von Lothringen1803Ballei des Deutschen OrdensÖsterreichLandkomtur von Österreich1809Ballei des Deutschen OrdensBiesenLandkomtur von Biesen1809Stift, ab 1792 HochstiftCorveyAbt, später Bischof von Corvey1803Stift, ab 1752 HochstiftFuldaAbt, später Bischof von Fulda1803StiftBerchtesgadenPropst von Berchtesgaden1803Stift EllwangenPropst von Ellwangen1803Stift St. GallenAbt von St. Gallen1803StiftHersfeldAbt von Hersfeld1648Stift KemptenAbt von Kempten1803StiftMurbachAbt von Murbach1789StiftStablo und MalmedyAbt von Stablo und Malmedy1794

Außerhalb des Reiches Auch außerhalb des Reiches gab es geistliche Territorien, wie etwa die päpstlichen Herrschaftsgebiete Grafschaft Avignon und Comtat Venaissin, den Kirchenstaat (dessen Reichszugehörigkeit umstritten war) und das Fürstbistum Ermland (bis 1466 im Ordensstaat Preußen, dann in Preußen Königlichen Anteils). Weitere baltische Bischöfe (Kurland, Ösel-Wiek, Riga) erlangten für Teile ihrer Diözesangebiete als Fürstbischöfe Landeshoheit. In England hatten die Bischöfe von Durham in früheren Zeiten auch territoriale Macht.

Siehe auch Germania Sacra Immunitätsbezirk

Literatur Bettina Braun: Princeps et Episcopus. Studien zur Funktion und zum Selbstverständnis der nordwestdeutschen Fürstbischöfe nach dem Westfälischen Frieden. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, ISBN 978-3-525-10121-6, Einleitung Teil 1: Die Wiederentdeckung der geistlichen Staaten, S. 12–16 (Vorschau bei Google Bücher für einen Forschungsüberblick mit vielen Literaturnachweisen).

Weblinks Meinrad Schaab, Hans-Martin Maurer, Anneliese Müller, Hans Pfeifer: Entwicklung ausgewählter geistlicher Territorien in Südwestdeutschland Landesarchiv Baden-Württemberg, abgerufen am 19. Januar 2016 Dieter J. Weiß: Bamberg, Hochstift: Territorium und Struktur, in: Historisches Lexikon Bayerns, abgerufen am 19. Januar 2016

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