Der Netzpython (Malayopython reticulatus, Syn.: Python reticulatus) zählt zur Gattung Malayopython in der Familie der Pythons (Pythonidae). Er ist eine der größten Schlangen der Welt. Netzpythons leben in den Tropen Südostasiens. Ursprünglich bewohnte die Art dort feuchte Regenwälder und Sümpfe, sie ist jedoch sehr anpassungsfähig und besiedelt auch landwirtschaftliche Nutzflächen und Siedlungen.
Beschreibung Der Netzpython zählt zu den größten Schlangen der Welt. Hinsichtlich Körperlänge und -gewicht zeigt die Art einen sehr starken Sexualdimorphismus, Weibchen sind im Mittel erheblich größer und schwerer als Männchen. Im Süden Sumatras erreichten bei einer Stichprobe von insgesamt 1046 Individuen Männchen maximal eine Kopf-Rumpf-Länge von 4,25 Metern und ein Gewicht von 20 Kilogramm, Weibchen eine Kopf-Rumpf-Länge von 6,08 Metern und ein Maximalgewicht von 75 Kilogramm.R. Shine, P. S. Harlow, J. S. Keogh, Boeadi: The influence of sex and body size on food habits of a giant tropical snake, Python reticulatus. In: Functional Ecology. Band 12, Nr. 2, 1998, S. 248–258, doi:10.1046/j.1365-2435.1998.00179.x.R. Shine, Ambariyanto, P. S. Harlow, Mumpuni: Reticulated pythons in Sumatra: biology, harvesting and sustainability. In: Biological Conservation. Band 87, Nr. 3, 1999, S. 349–357, doi:10.1016/S0006-3207(98)00068-8. Inselformen bleiben, wie bei vielen Wirbeltieren, wesentlich kleiner (→ Inselverzwergung). Auf der zwischen Sulawesi und Flores liegenden Insel Jampea erreichen Männchen maximal eine Gesamtlänge von 2,10 Metern, Weibchen maximal 3,35 Metern.M. Auliya, P. Mausfeld, A. Schmitz, W. Böhme: Review of the reticulated python (Python reticulatus Schneider, 1801) with the description of new subspecies from Indonesia. In: Naturwissenschaften. Band 89, Nr. 5, 2002, S. 202, doi:10.1007/s00114-002-0320-4.
Gesicherte Angaben zur Maximallänge der Art liegen bisher nicht vor. Generell sind Netzpythons von über 6 m Gesamtlänge selten. Eines der längsten bisher seriös vermessenen Individuen stammt aus der Nähe von Balkipapan, Ost-Borneo, wies im anästhesierten Zustand eine Gesamtlänge von 6,95 m auf und war nach einer Fastenzeit von 3 Monaten 59 kg schwer.G. M. Fredriksson: Predation on Sun Bears by Reticulated Python in East Kalimantan, Indonesian Borneo. In: Raffles Bulletin of Zoology. Band 53, Nr. 1, 2005, S. 165–168 (PDF). Zum Teil weithin publizierte Angaben zu weit größeren Exemplaren mit Längen bis fast 9 m hielten bisher in keinem Fall einer wissenschaftlichen Überprüfung stand, auch der Netzpython Colossus war nach einer neueren Untersuchung bei seinem Tod nicht knapp 9 m, sondern nur 6,35 m lang.D. G. Barker, S. L. Barten, J. P. Ehrsam, L. Daddono: The Corrected Lengths of Two Well-known Giant Pythons and the Establishment of a New Maximum Length Record for Burmese Pythons, Python bivittatus. In: Bulletin of the Chicago Herpetological Society. Band 47, Nr. 1, 2012, S. 1–6 (PDF).
Dieser Python ist relativ schlank, der Kopf ist groß, abgeflacht und sehr deutlich vom Hals abgesetzt. Auf den Schwanz entfallen etwa 13–14 % der Gesamtlänge. Von oben erscheint der Kopf recht länglich, die Schnauze ist gerundet. Die Nasenlöcher sind seitlich angeordnet, aber noch von oben sichtbar. Das Rostrale ist von oben kaum sichtbar. Die vorderen Präfrontalia sind ebenfalls groß und länger als breit. Dahinter folgt ein Band unregelmäßig geformter Schuppen, die wahrscheinlich die hinteren Präfrontalia darstellen. Das Frontale selbst ist groß und oval und häufig durch eine vertikale Sutur geteilt. Die Supraocularia sind groß und meist ungeteilt. Die Parietalia sind zahlreich und klein.J. G. Walls: The Living Pythons. T. F. H. Publications, 1998, ISBN 0-7938-0467-1, S. 159 ff.
mini|200px|Porträt eines Netzpythons In der Seitenansicht befinden sich zwischen Nasale und Auge zwei bis vier große, unregelmäßig geformte Zügelschilde (Lorealia) und zwei Präocularia. Es gibt zwei bis vier kleine und unregelmäßig geformte Postocularia. Die Anzahl der großen Supralabialia kann zwischen 10 und 14 liegen, die ersten vier zeigen tiefe Labialgruben mit ziemlich schmalen, schrägen Schlitzen. Im Normalfall berührt nur das siebte Supralabiale das Auge. Der Unterkiefer zeigt 20–23 Infralabialia, von denen die vorderen 6 rundliche Labialgruben zeigen.
Die Anzahl der Bauchschuppen (Ventralschilde) variiert je nach Herkunft der Individuen zwischen 290 und 334, die der paarigen Subcaudalia zwischen 78 und 102J. G. Walls: The Living Pythons. T. F. H. Publications, 1998, ISBN 0-7938-0467-1, S. 161. und die Anzahl der dorsalen Schuppenreihen in der Körpermitte zwischen 64 und 81.
Die Grundfarbe ist sehr variabel über gelb, hell- und dunkelbraun bis fast schwarz. Die Art zeigt auf dem Rücken eine komplizierte Zeichnung unregelmäßiger, heller Rauten, die breit dunkel und anschließend hell gerandet sind. Diese Rautenzeichnung wird an den Flanken durch dunkle Flecken mit einem hellen Zentrum ergänzt. An den Flanken stoßen jeweils nach oben zugespitzte Dreiecke zwischen diese dunklen Flecken. Insgesamt entsteht so eine Netzzeichnung, der die Art ihren deutschen Namen verdankt. Der Kopf ist einfarbig und bis auf einen schmalen, schwarzen Streifen vom Auge bis zum Mundwinkel und einen dunklen Mittelstrich ungezeichnet. Die Iris ist meist orange, auf Sulawesi jedoch häufig auch goldfarben, im Osten Indonesiens eher weißlich-grau. Die Zunge ist größtenteils fast schwarz mit einer weißlichen Spitze, auf den indonesischen Inseln Jampea und Selayar ist die Zungenbasis eher rosa bis dunkellila.
Der weitestgehend zeichnungslose Kopf und die sehr markante Rückenzeichnung unterscheiden die Art von allen anderen Pythons.
Verbreitung und Lebensraum mini|250px|Das Verbreitungsgebiet des Netzpythons in Südostasien Das Verbreitungsgebiet des Netzpythons umfasst große Teile des tropischen Süd- und Südostasiens. Es erstreckt sich vom Südosten von Bangladesch und dem Bundesstaat Assam in Indien und den Nikobaren im Westen nach Osten bis zu den Philippinen und in Indonesien bis zu den Molukken. Die Nordgrenze der Verbreitung ist im Detail noch umstritten, so wird das Vorkommen im Nordosten Indiens zum Teil bezweifelt; auch ob in Vietnam eine nördliche Verbreitungsgrenze existiert und ob die Art in China vorkommt, wird kontrovers diskutiert.M. Auliya, F. Abel: Zur Taxonomie, geographischen Verbreitung und Nahrungsökologie des Netzpythons (Python reticulatus). Teil 1: Einleitung, Material und Methode, Taxonomie und geographische Verbreitung. In: herpetofauna. Band 22, Nr. 127, 2000, S. 5–18. Die Art schwimmt sehr gut und hat daher auch alle größeren Inseln in diesem Areal besiedelt. Bereits 1908 wurde sie als eine der ersten Wirbeltierarten wieder auf der 1883 durch einen Vulkanausbruch völlig zerstörten Inselgruppe Krakatau festgestellt.P. A. Rawlinson, R. A. Zann, S. van Balen, I. W. B. Thornton: Colonization of the Krakatau islands by vertebrates. In: GeoJournal. Band 28, Nr. 2, 1992, S. 225–231, doi:10.1007/BF00177236.
Die Art bewohnte ursprünglich feuchte tropische Regenwälder und Sümpfe. Netzpythons haben sich jedoch als sehr anpassungsfähig erwiesen und besiedeln heute auch Sekundärwälder, landwirtschaftliche Nutzflächen und menschliche Siedlungen bis hin zu Großstädten; die Art ist beispielsweise in Bangkok nicht selten und wurde auch mehrfach in Jakarta nachgewiesen. In allen besiedelten Habitaten sind Netzpythons eng an Wasser gebunden und halten sich meist in der Nähe kleiner Flüsse, Kanäle oder Tümpel auf.
Systematik Bevor der Netzpython von Reynolds et al. 2014 der neu eingeführten Gattung Malayopython zugeordnet wurde, war er als Python reticulatus in die Gattung der Eigentlichen Pythons (Python) eingruppiert. Die Monophylie der Gattung Python wurde seit langem kontrovers diskutiert. Unter anderem Walls wies darauf hin, dass zumindest der Netzpython in einer Reihe von morphologischen Merkmalen den Pythons der Gattung Morelia viel näher steht als den anderen Arten der Gattung Python.J. G. Walls: The Living Pythons. T. F. H. Publications, 1998, ISBN 0-7938-0467-1, S. 166. Eine 2008 veröffentlichte molekulargenetische Untersuchung hat die Paraphylie der Gattung Python bestätigt.L. H. Rawlings, D. L. Rabosky, S. C. Donnellan, M. N. Hutchinson: Python phylogenetics: inference from morphology and mitochondrial DNA. In: Biological Journal of the Linnean Society. Band 93, Nr. 3, 2008, S. 603–619, doi:10.1111/j.1095-8312.2007.00904.x. Demnach ist der nächste Verwandte des Netzpythons der Timorpython. Diese beiden Arten bilden das Schwestertaxon aller Pythons Australiens und Papua-Neuguineas, sind mit diesen also näher verwandt als mit den übrigen Arten der Gattung Python. Aufgrund dieser Ergebnisse wurden Netzpython und Timorpython zunächst in die bereits von HoserR. T. Hoser: A reclassification of the Pythoninae including the descriptions new genera, two new species and nine new subspecies. Continued. In: Crocodilian – Journal of the Victorian Association of Amateur Herpetologists. 4, 2004, S. 21–39. vorgeschlagene Gattung Broghammerus überführt, die allerdings ungültig ist, da die Gattung in einer Zeitschrift beschrieben wurde, die kein Peer-Review-Verfahren durchführt. Anfang 2014 wurde deshalb der wissenschaftliche Gattungsname Malayopython reticulatus für die Typusarten Netzpython und den Timorpython eingeführt.R. Graham Reynolds, Matthew L. Niemiller, Liam J. Revell: Toward a Tree-of-Life for the boas and pythons: Multilocus species-level phylogeny with unprecedented taxon sampling. In: Molecular Phylogenetics and Evolution. Band 71, Nr. 1, Februar 2014, S. 201–213, doi:10.1016/j.ympev.2013.11.011, (Volltextversion).
Trotz des riesigen Verbreitungsgebietes wurde die Frage, ob Unterarten differenzierbar sind, erst 2002 untersucht. Aufgrund molekulargenetischer und morphologischer Untersuchungen wurden neben der Nominatform vorerst mindestens zwei weitere Unterarten vorgeschlagen:
M. r. reticulatus (Nominatform) – Asiatisches Festland, Große und Kleine Sundainseln M. r. saputrai – Südwesten und Südosten von Sulawesi sowie die Insel Selayar südlich von Sulawesi M. r. jampeanus – nur auf der Insel Jampea zwischen Sulawesi und Flores
Die molekulargenetischen Ergebnisse legen außerdem eine Abgrenzung der Population auf der etwa 200 km nördlich von Sulawesi liegenden Insel Sangihe als weitere Unterart nahe.M. Auliya, P. Mausfeld, A. Schmitz, W. Böhme: Review of the reticulated python (Python reticulatus Schneider, 1801) with the description of new subspecies from Indonesia. In: Naturwissenschaften. Band 89, Nr. 5, 2002, S. 204 und Abb. 2, S. 205, doi:10.1007/s00114-002-0320-4.
Verhalten Trotz des riesigen Verbreitungsgebietes und ihrer Häufigkeit in vielen Bereichen des Areals ist über das Verhalten der Art fast nichts bekannt. Studien zur Lebensweise der Art im Freiland gibt es nicht; schon der Lebendfang der Tiere zur Vermessung oder Markierung ist extrem aufwändig und schwierig.z. B. M. A. Riquier: Status, Population Biology and Conservation of the Water Monitor (Varanus salvator), the Reticulated Python (Python reticulatus), and the Blood Python (Python curtus) in Sumatra and Kalimantan, Indonesia. Project Report Kalimantan. In: Mertensiella. Band 9, 1998, S. 119–129. Netzpythons sind offenbar ausschließlich nachtaktiv und bewegen sich sehr unauffällig und meist in dichter Vegetation. Über Aktivitätsphasen und über die Größe des genutzten Lebensraumes einzelner Individuen gibt es keine Erkenntnisse. Der Tag wird in Verstecken verbracht. Auch über diese Verstecke ist wenig bekannt, in besiedelten Bereichen ruhen die Tiere aber regelmäßig unter Häusern, wo sie dann häufig entdeckt und getötet werden.