mini|Das chinesische Fischerboot Tian Yu 8 in der Gewalt somalischer Piraten mini|Operationsgebiet somalischer Piraten von 2005–2010
Die Piraterie vor der Küste Somalias am Horn von Afrika bedrohte vor allem in den Jahren 2000 bis 2011 wichtige internationale Schifffahrtsrouten sowie die Lieferung von Nahrungsmittelhilfe für Millionen Somalier. Rund tausend Piraten operierten von der Küste Somalias aus im Indischen Ozean und im Roten Meer. Der Bürgerkrieg in Somalia schuf den rechtlosen Raum, in dem die teilweise gut bewaffneten Milizen operierten und den deren Hintermänner für ihre Geschäfte mit Waffen und Munition ausnutzten. Da die Übergangsregierung Somalias kaum Mittel und Möglichkeiten hatte, um gegen Piraten vorzugehen, übernahmen dies teilweise die Marinen anderer Staaten. Die Piraterie vor der Küste Somalias ging nach 2011 stark zurück, seitdem sie mit militärischen Mitteln (zum Beispiel im Rahmen der Operation Atalanta) bekämpft wurde und zusätzlich viele Reedereien die Dienste privater Sicherheitsunternehmen nutzten. Die Zahl der Angriffe sank dadurch innerhalb weniger Monate rapide und im Jahr 2015 war kein einziger somalischer Piratenangriff mehr festgestellt worden.
Im Oktober 2016 warnte die UNO vor einem Nachlassen der Aufmerksamkeit. Im Frühjahr 2017 wurden wieder mehrere Schiffe angegriffen.Die Rückkehr der Piraten NZZ vom 15. April 2017
Ursachen
Seit dem Sturz der Regierung Siad Barre im Jahr 1991 wurden die Hoheitsgewässer Somalias kaum mehr überwacht fehlte eine funktionierende Zentralregierung in Somalia (siehe auch Geschichte Somalias) verklappten ausländische Schiffe in somalischen Hoheitsgewässern Giftmüll, wurden die somalischen Gewässer durch ausländische Hochseefischereiflotten intensiv befischt (illegaler Fischfang, Überfischung)
Letzteres beeinträchtigte die Lebensgrundlage somalischer Fischer während der Zeit vor dem Aufkommen der Piratenangriffe als auch in der Zeit danach. Die Piraten waren zum Teil früher Fischer, die ihr Tun damit rechtfertigten, dass die ausländischen Schiffe durch den Fischfang in den Hoheitsgewässern Somalias ihren Lebensunterhalt gefährdeten. Möglicherweise wollten einige von ihnen die Fanggründe vor Eindringlingen schützen. Manche erpressten von Anfang an „Lizenzgebühren“ von auswärtigen Fangflotten und überfielen auch Frachtschiffe und Passagierschiffe. Der kenianische Experte Andrew Mwangura, dessen Seafarers Assistance-Programme in 90 Prozent aller Kaperungen zwischen somalischen Piraten und Reedern vermittelt (Stand 2010), nannte 2010 illegales Fischen als Wurzel der Piraterie.
Nach Angaben des UNO-Umweltprogramms UNEP wurde von 1991 bis mindestens ins Jahr 2008 Giftmüll vor Somalia verklappt. 2002 wurden tausende tote Fische an die somalische Küste geschwemmt. PresseberichtenAndrea Böhm, Heinrich Wefing: Seeräuberei: Wer ist hier der Pirat? In: Die Zeit, Nr. 49/2008 zufolge brach der Tsunami von 2004 zahlreiche Giftmüllfässer auf, deren Inhalt die somalischen Gewässer und Küsten möglicherweise vergiftete. (Seitenangabe fehlt.) 2008 berichtete die BBC von Erkrankungen im somalischen Küstenort Harardheere, die auf Giftmüll zurückgeführt wurden.
Entwicklung mini|hochkant=1.8|Zwei Schnellboote im Schlepp ihres Mutterschiffs werden von der US Navy 2011 beschossen. Der erste Piratenüberfall in neuerer Zeit war die Kaperung des zyprischen Frachters Panagia Tinou am 15. Juni 2002. Sie erfuhr auch in Deutschland Aufmerksamkeit, weil sich die deutschen Fregatten Bremen und Emden an der Bewältigung des Falles beteiligten. Die Kaperung wurde nach 16 Tagen mit der Zahlung eines Lösegeldes beendet.
Die Piratenüberfälle konzentrierten sich zu Beginn auf Mogadischu und Umgebung in Südsomalia, verlagerten sich aber bald auf den weitaus ergiebigeren Golf von Aden im Norden. Die meisten Piratenaktivitäten gingen von der faktisch autonomen Region Puntland im Nordosten Somalias aus, genauer von den Häfen Eyl, Harardheere und Hobyo.
Als sich die Piraterie als einträgliche Tätigkeit erwies, begannen sich Kriminelle und Warlords in diesem Bereich zu engagieren. Sie unterstützten Piraten und teilten das üblicherweise gezahlte Lösegeld mit ihnen. Die Lösegelder wurden genutzt, um die Piraten aufzurüsten, sodass sie mit besseren Waffen, modernen Navigationsgeräten und nicht nur direkt von der Küste aus, sondern auch von „Mutterschiffen“ aus auf hoher See operieren konnten.
mini|Somalische Piraten auf der Faina 2008 Die Piratenmilizen setzten sich aus drei verschiedenen Personengruppen zusammen: aus den ehemaligen Fischern mit ihren Kenntnissen über das Meer, aus Bürgerkriegskämpfern, die zuvor an Land für verschiedene Warlords gekämpft hatten, und aus Technik-Experten, die Navigationsgeräte und Satellitentelefone bedienten. Mit den Lösegeldern können sie schnell reich werden und einen aufwändigen Lebensstil praktizieren. Dies machte die Piraterie attraktiv für junge Männer aus Puntland und ganz Somalia, die ansonsten kaum Zukunftsaussichten hatten.
Für die gelegentlich geäußerte Befürchtung, die Piraten stünden mit den in Somalia tätigen Islamisten in Verbindung und diese könnten von der Beute der Piraten profitieren, gab es keine Anhaltspunkte. Vielmehr hatte der Aufstieg der Union islamischer Gerichte in der zweiten Jahreshälfte 2006 die Piraterie stark zurückgehen lassen. Nach der Entmachtung der Union durch die Invasion Äthiopiens im Dezember 2006 nahmen die Piratenaktivitäten wieder zu.
Laut einer Studie von Chatham House wurden von Januar bis Mitte September 2008 insgesamt 61 erfolgreiche oder versuchte Überfälle auf Schiffe vor Somalia gemeldet, wobei sich die von den Piraten kassierten Lösegelder für 2008 insgesamt auf 18 bis 30 Millionen Dollar summierten. Ein Vertreter der kenianischen Regierung gab im November 2008 gar an, die Piraten hätten in Somalia in den vergangenen 12 Monaten Lösegeldzahlungen von mehr als 150 Millionen US-Dollar (etwa 120 Millionen Euro) erhalten. Nach Angaben des International Maritime Bureau wurden im Jahr 2008 42 Schiffe erfolgreich gekapert. Infolge der Bekämpfungsmaßnahmen sei die Zahl der erfolgreichen Piratenattacken jedoch stark zurückgegangen, so seien im Dezember 2008 nur mehr zwei Schiffe gekapert worden.
Nach einer Studie vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, unter Berufung auf Zahlen des International Maritime Bureau, hatte sich die Anzahl der Piratenangriffe trotz Beginn der Militäraktionen insgesamt weiter erhöht. In der ersten Jahreshälfte 2010 wurden 84 Angriffe gemeldet und 27 Schiffe gekapert. Die Piraterie im Golf von Aden war gesunken, im Somalibecken und dem Indischen Ozean hingegen gestiegen.
Im Jahr 2011 wurde der Höhepunkt mit 250 angegriffenen Schiffen erreicht.
Auswirkungen Ab 2005 hatten verschiedene internationale Organisationen einschließlich der International Maritime Organization und des Welternährungsprogramms ihre Sorge über den Anstieg der Piraterie ausgedrückt. Die Piraterie beeinträchtigte die Lieferung von Nahrungsmittelhilfen nach Somalia, die hauptsächlich auf dem Seeweg geschah. Sie gilt auch als Gefahr für den internationalen Handel, da sie die wichtige Schifffahrtsroute zwischen Asien und Europa durch den Sueskanal und das Rote Meer betrifft.
Schiffseigentümer müssen hohe Kosten für Versicherungen, Sicherheitsmaßnahmen oder Lösegeldzahlungen auf sich nehmen oder aber als Ausweichmöglichkeit den wesentlich längeren und daher kostspieligeren Weg um ganz Afrika (Kap der guten Hoffnung) herum nehmen. Ägypten befürchtete 2010 sinkende Einnahmen aus Durchfahrtsgebühren aus dem Sueskanal. Auch auf die anderen Anrainerstaaten des roten Meeres wie Oman und Jemen wirkte sich die Piraterie negativ aus. Hier spielten der Rückgang der Schifffahrt, die Erhöhung von Versicherungsprämien und der Rückgang in der Fischereiindustrie eine maßgebliche Rolle. Die dänische Reederei A. P. Møller-Mærsk, zweitgrößtes Logistikunternehmen der Welt, gab am 21. November 2008 bekannt, die Tankerrouten nicht mehr durch den Sueskanal und den Golf von Aden zu führen.
Durch die Piraterie waren vor dem Jahr 2010 die Lebensmittelpreise für die somalische Bevölkerung um 20 bis 30 Prozent gestiegen, da nur noch wenige Frachtschiffe bereit waren, einen somalischen Hafen anzulaufen. Auch für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen wurde es zunehmend schwieriger, die Hilfsbedürftigen mit Nahrungsmitteln zu versorgen, da immer weniger Schiffseigentümer bereit waren, ihre Containerschiffe in die Region fahren zu lassen.
Die illegale Fischerei vor dem Horn von Afrika war jedoch damals zurückgegangen, da die ausländischen Fangflotten Piratenangriffe fürchteten. Fischer in Somalia und Kenia berichteten 2010, dadurch wieder mehr Fisch zu fangen.
Maßnahmen zur Bekämpfung Zivile Maßnahmen Von der MARLO (Maritime Liaison Office) wurde zur sicheren Passage für zivile Schiffe ein Korridor, der International Recommended Transit Corridor, eingerichtet. Die Bundesregierung prüfte im August 2011 den Einsatz privater Sicherheitsdienste zum Schutz deutscher Handelsschiffe vor Piraten, wie sie von verschiedenen Firmen angeboten werden.Meldung des ORF Abgerufen am 19. August 2011.
Am 27. Dezember 2011 rief der Verband Deutscher Reeder (VDR) die Bundesregierung erneut auf, Rechtsgrundlagen für private Sicherheitsdienste an Bord von Handelsschiffen zu schaffen. Die Piratenbekämpfung werde durch etliche Gesetzeshürden teils absurd erschwert. Die Bundesregierung solle das grundsätzlich bereits gebilligte Zertifizierungsverfahren für Sicherheitsteams an Bord umsetzen, damit der bewaffnete Schutz deutscher Schiffe möglich würde. Dies war den knapp 500 Frachtern und Tankern unter deutscher Flagge verboten. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages hatte zum Einsatz privater Sicherheitskräfte ein Gutachten erstellt: Ein Kapitän könne sich beim Waffeneinsatz wegen fahrlässiger Körperverletzung oder gar Tötung straffällig machen. Andere Nationen setzten zivile Schutzteams sehr erfolgreich ein. Laut VDR konnte sich (Stand Ende 2011) jedes aktiv geschützte Schiff erfolgreich gegen Piratenangriffe wehren. Der Schutz der deutschen Handelsflotte ist jedoch grundsätzlich eine hoheitliche Aufgabe. Die Bundesregierung sah Rechtsprobleme beim Einsatz von Soldaten auf Handelsschiffen; die Polizei sei dazu befugt.Reeder wollen gegen Piraten aufrüsten
Somalische Aktivitäten Die somalische Übergangsregierung verfügte über keine Seestreitkräfte. Sie hat verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die Piraterie zu bekämpfen, etwa durch die gelegentliche Freigabe somalischer Gewässer für ausländische Marineschiffe. Häufiger jedoch konnten die somalischen Piraten der Verfolgung dadurch entgehen, dass sie sich in die Hoheitsgewässer Somalias zurückzogen, wo die Kriegsschiffe die Jagd abbrechen mussten.
Die Regierung der faktisch autonomen Region Puntland, von wo ein Großteil der Piraterie ausging, unternahm bis 2008 ebenfalls Anstrengungen im Kampf gegen Piraterie. Im Mai 2008 hatten Kämpfer der radikal islamistischen al-Shabaab, die der bewaffneten Opposition gegen die Übergangsregierung Somalias angehören, Piraten bekämpft. Am 21. November 2008 griffen Kämpfer der al-Shabaab Piraten in dem Küstenort Haradhere an. Mutmaßlich war dies eine Reaktion auf das Kapern des Supertankers Sirius Star, ein Schiff aus dem muslimischen Bruderland Saudi-Arabien.
Seit 2009 verfügen der De-facto-Staat Somaliland im Norden Somalias und dessen Streitkräfte von Somaliland über eine von Großbritannien ausgerüstete Marine, wodurch hunderte Piraten vor Gericht gestellt und zu Haftstrafen verurteilt werden konnten.
Vereinte Nationen