Das schweizerdeutsche und südbadische Suffix -li (ausgesprochen ) ist ein Diminutivaffix und verkleinert ein Substantiv (vgl. Diminutiv) oder manchmal auch andere Wörter wie beispielsweise Pronomina. Funktional entspricht es grundsätzlich dem hochdeutschen -chen/-lein.

Andere Lautvarianten sind das schwäbische und in Teilen des Mittelalemannischen, Südbairischen und Südfränkischen vorkommende -le, das elsässische, südfränkische, rheinfränkische, nordbairische, thüringische, obersächsische und teilweise schlesische -el, das ostfränkische, nordbairische und teilweise schlesische -la sowie das bairisch-österreichische -l.

Herkunft -li bzw. hochdeutsch -lein entwickelte sich aus der Verbindung des althochdeutschen Suffixes -al, -il (vgl. etwa ahd. fogal «Vogel», leffil «Löffel») mit dem althochdeutschen Verkleinerungssuffix -īn und verselbständigte sich als neues, eigenständiges Suffix, indem es auf Wörter übertragen wurde, die ursprünglich kein l-Suffix besassen (vgl. etwa ahd. hūsilin «Häuslein»).Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Berlin 1989 (mit weiteren Auflagen), s. v.Walter Henzen: Deutsche Wortbildung. 3., durchgesehene und ergänzte Aufl. Niemeyer, Tübingen 1965, S. 143–146.

Formen und grammatisches Geschlecht -li kennt je nach Mundart, Affektionsgrad oder Wort auch die Varianten -eli, -ili.

Regionale, ganz überwiegend alpin- und voralpinschweizerdeutsche Varianten, die sprachgeschichtlich letztlich auch auf -li zurückgehen, sind -ji, -je, -elti, -etli, -ti, -tschi. Diese Suffixe entstanden einerseits aus speziellen artikulatorischen und silbenstrukturellen Gründen in einem durch germanisch-romanische Sprachmischung charakterisierten Umfeld und gründen anderseits in der Verschmelzung zweier schon vorhandener Suffixe beziehungsweise auf Verschmelzung von Wortauslaut und Suffix mit anschliessender morphologisch falscher Ablösung.Detailliert hierzu Roland Hofer: Suffixbildung im bernischen Namengut. Die Diminutiva auf -ti, -elti, -etli und die Kollektiva auf -ere. Ein Beitrag zur Namengrammatik. Berner Diss. Basel 2012, S. 23–83. Beispiele für diese Typen sind etwa Hundji, Hundi «Hündchen», Vogelti «Vöglein», Chuotschi «Kühlein», Alpelti/Alpetli «kleine Alp». Bis ins Mittelland vorgestossen ist der -tschi-Typus im Fall von bern- und luzerndeutschem Meitschi «Mädchen» und Müntschi «Kuss»; in einem noch grösseren geographischen Raum findet er sich auch in Namen wie Rüetschi zu «Rudolf». Überhaupt verbreitet schweizerdeutsch sind schliesslich semantisch verselbständigte Diminutive auf -i, einer Endung, die nicht auf althochdeutsch -ilīn, sondern auf althochdeutsch -īn zurückgeht, beispielsweise in Ändi «Ende».Zur Verbreitung verschiedener Diminutivvarianten vgl. Sprachatlas der deutschen Schweiz, Band III, Karten 149 (Hündchen), 150 (Häklein), 151 (Rädchen), 152 (Tröglein), 153 (Äpfelchen), 154 (Vögelchen), 155–158 (Ergänzungen zu den Diminutiv-Karten) sowie Schweizerisches Idiotikon, Bände I ff. Frauenfeld bzw. Basel 1881 ff., passim.

Die Diminutive auf -li sind gewöhnlich sächlich. Ausnahmen bilden die Ableitungen zu Ruf- und Familiennamen, etwa de(r) Hansli «Hänschen» oder en Bünzli «ein Kleinbürger», sowie vereinzelte weitere Wörter wie die gewöhnlich männlichen Peeterli «Petersilie» und Röteli «Kirschenlikör aus Graubünden», ferner das nur lokal bezeugte scherzhafte Durli «Durchfall»,Schweizerisches Idiotikon, Band XIII, Spalte 1470, Lemma Durchli. das das männliche Geschlecht des Grundworts behält, sowie nicht selten auch Egli «Flussbarsch», neben dessen älterem neutralem Genus ein jüngeres maskulines steht.

Gebrauch bei Substantiven Wortbildung Das Suffix zieht – soweit lautlich überhaupt möglich – meist Umlautung des Stammvokals des Grundwortes, das es diminuiert, nach sich:Siehe hierzu die unter «Literatur» genannten Grammatiken von Ludwig Fischer, Werner Marti, Rudolf Suter und Albert Weber. /a/ > /ä/: Männli «Männchen» zu Maa «Mann» /a/ > /e/: Negeli «Nägelchen» zu Nagel «Nagel» /ä/ = /ä/: Wäägli «Weglein» zu Wääg «Weg» /i/ = /i/: Wyybli «Weiblein» zu Wyyb «Weib» /iə̯/ = /iə̯/: Tierli «Tierlein» zu Tier «Tier» /o/ > /ö/: Röösli «Röschen» zu Roos(e) «Rose» /u/ > /ü/: Müüsli «Mäuschen» zu Muus «Maus» /uə̯/ > /üə̯/: Müesli «Müslein» zu Mues «Mus» /ü/ = /ü/: Füürli «Feuerchen» zu Füür «Feuer»

Wörter auf -le und -i sowie in manchen Fällen solche auf -e bilden ein Diminutiv auf -eli (das nicht zu verwechseln ist mit dem -eli, -ili, das in einigen Mundarten generell statt -li gebildet wird): Chügeli «Kügelchen» zu Chugle «Kugel» Byygeli «kleiner Stapel» zu Byygi «Stapel, Beige» Kässeli «Sparbüchse» zu Kasse «Kasse, Sparkasse»

Wörter auf -el bilden ein Diminutiv auf -i (das nicht zu verwechseln ist mit dem -i, das in einigen Mundarten generell statt -li gebildet werden kann): Tüüfeli «Teufelchen» zu Tüüfel «Teufel»

Können -li und -eli nebeneinander stehen, so ist letzteres mit grösserer Affektion (Zärtlichkeit) verbunden: Mäitli «Mädchen» gegenüber Mäiteli «(herziges) Mädchen» Hündli «kleiner Hund» gegenüber Hündeli «(lieber) kleiner Hund»

Variation mit oder ohne Umlautung – oft je nach Region und/oder mit Bedeutungsnuancen – findet sich etwa bei Hundeli/Hündli «Hündchen» zu Hund «Hund» Puurli/Püürli «Bäuerlein, Kleinbauer» zu Puur «Bauer» Umlautlose Varianten sind oft mit grösserer Affektion verbunden: Chueli «(herziges) Kühlein» gegenüber Chüeli «kleine Kuh» Hundeli «(herziges) Hündchen» gegenüber Hündli «kleiner Hund» Puurli «(liebenswürdiger) Kleinbauer» gegenüber Püürli «Kleinbauer» Gelegentlich sind die Differenzierungen semantisch relevanter:Zu den jeweiligen Wörtern konsultiere man in erster Linie Schweizerisches Idiotikon, Bände I ff. Frauenfeld bzw. Basel 1881 ff. Manndli «Männlein» gegenüber Männdli «kleiner Mann; Tiermännchen» Schachteli (früher) «Schachtel für das Schreibzeug» gegenüber Schächteli «kleine Schachtel»

Semantisch verselbständigt sind in der ganzen Deutschschweiz vertretene Diminutive auf -i, die nicht auf althochdeutsch -ilĩn, sondern -īn zurückgehen, etwa Ääri «Ähre» zu (maskulinem) Äher, Äär «Ähre» Ändi «Ende (bspw. eines Bindfadens)» zu Änd «Ende» Bäsi «weibliche Verwandte» zu Baas «Tante; weibliche Verwandte überhaupt» Chüni/Chini «Kinn» (Grundwort nicht mehr vorhanden) Hirni «Hirn» (Grundwort nicht mehr vorhanden). Rippi «Rippe» zu Ripp «Rippe»

Synchron schliessen sich hier Diminutive der Kindersprache an, etwa Bibi «Hühnchen, Küken» (nach dem Piepsen der Küken) Büsi «Kätzchen» (zum Lockruf bus-bus) Zizi «Kätzchen» (zum Lockruf zi-zi)

Pluralbildung In den alemannischen Dialekten des Schweizer Mittellands, den meisten der Voralpen und manchen der Alpen (Urkantone, Glarus, Graubünden) sind die Formen von Einzahl und Mehrzahl identisch: e(s) Vögeli, zwei/zwöi Vögeli «ein Vögelchen, zwei Vögelchen».Emil Abegg: Die Mundart von Urseren. Frauenfeld , S. 75; Heinrich Baumgartner: Die Mundarten des Berner Seelandes. Frauenfeld 1920, S. 142; Leo Brun: Die Mundart von Obersaxen im Kanton Graubünden. Frauenfeld 1918, S. 153; Walter Clauss: Die Mundart von Uri. Frauenfeld 1920, S. 182; Ludwig Fischer: Luzerndeutsche Grammatik. 2. Aufl. Hitzkirch 1989, S. 190; Werner Marti: Berndeutsch-Grammatik. Bern 1985, S. 87; Paul Meinherz: Die Mundart der Bündner Herrschaft. Frauenfeld 1920, S. 171; Martin Schmid, Gaudenz Issler: Davoserdeutsches Wörterbuch. Chur 1982 (zum Beispiel S. 79: Hääremji «Grosses, auch Kleines Wiesel», Plural wie Einzahl); Rudolf Suter: Baseldeutsch-Grammatik. 3. Aufl. Basel 1992, S. 66; Georg Wanner: Die Mundarten des Kantons Schaffhausen. Frauenfeld 1941, S. 164; Albert Weber: Zürichdeutsche Grammatik. 3. Aufl. Zürich 1987, S. 110. Viele Dialekte kannten jedoch noch bis ins 20. Jahrhundert im Dativ Plural eine besondere Form auf -ene, beispielsweise de Vöglene «den Vögelchen».Emil Abegg: Die Mundart von Urseren. Frauenfeld , S. 75; Leo Brun: Die Mundart von Obersaxen im Kanton Graubünden. Frauenfeld 1918, S. 153; Walter Clauss: Die Mundart von Uri. Frauenfeld 1920, S. 182; Ludwig Fischer: Luzerndeutsche Grammatik. 2. Aufl. Hitzkirch 1989, S. 190; Georg Wanner: Die Mundarten des Kantons Schaffhausen. Frauenfeld 1941, S. 164; Albert Weber: Zürichdeutsche Grammatik. 3. Aufl. Zürich 1987, S. 110. Keine gesonderte Dativformen kannten schon die älteren Mundarten des Berner Mittel- und Seelands, Basels und der Bündner Herrschaft; siehe die oben genannten Einzelnachweise.

In der südwestlichen Deutschschweiz kennen die Dialekte hingegen eine Differenzierung von Einzahl und Mehrzahl (und innerhalb der Mehrzahl oft auch von Nominativ/Akkusativ und Dativ). So heisst es beispielsweise im Berner Simmental, im Berner Haslital, im freiburgischen Sensebezirk und im freiburgischen Jaun Vögeli (Singular) – Vögeleni (Nominativ/Akkusativ Plural), Vögelene (Dativ Plural, bzw. im Haslital -enen; besondere Dativform fehlt im Sensebezirk),Armin Bratschi, Rudolf Trüb u. a.: Simmentaler Wortschatz. Thun 1991, S. 13; Hans Dauwalder: Haslitiitsch. Wie mma s seid und cha schriiben. Eine haslideutsche Kurzgrammatik. Gemeinnütziger Verein Meiringen, Meiringen 1992, S. 21 (mit anderen Beispielen, etwa Wägelli, Wägelleni, Wägellenen); Walter Henzen: Die deutsche Freiburger Mundart im Sense- und südöstlichen Seebezirk. Frauenfeld 1927, S. 186; Carl Stucki: Die Mundart von Jaun im Kanton Freiburg Frauenfeld 1917, S. 267. und im Walliser Visperterminen sowie überhaupt im Wallis heisst es Redli «Rädlein» – Redlini (Nominativ/Akkusativ Plural) – Redlinu (Dativ Plural).Elisa Wipf: Die Mundart von Visperterminen im Wallis. Frauenfeld 1910, S. 125; Karl Bohnenberger: Die Mundart der deutschen Walliser im Heimattal und in den Aussenorten. Frauenfeld 1913, S. 194.

Bedeutung Funktionen sind Verkleinerung, Vereinzelung, Affektion/Wertschätzung, Geringschätzung/Herabsetzung sowie Verniedlichung. Daneben kommen funktionslose Diminutiva vor.Schweizerisches Idiotikon, Bände I ff. Frauenfeld bzw. Basel 1881 ff.; Ludwig Fischer: Luzerndeutsche Grammatik. 2. Aufl. Hitzkirch 1989, S. 461–463; Werner Marti: Berndeutsch-Grammatik. Bern 1985, S. 198; Rudolf Suter: Baseldeutsch-Grammatik. 3. Aufl. Basel 1992, S. 183 f.; Albert Weber: Zürichdeutsche Grammatik. 3. Aufl. Zürich 1987, S. 228–230; Werner Hodler: Beiträge zur Wortbildung und Wortbedeutung im Berndeutschen. Berner Diss. Francke, Bern 1915; Nachdruck Kraus, Nendeln/Liechtenstein 1970, S. 114 f. und 118–121. Verkleinerung: Büechli «kleines Buch» Vereinzelung: Chörnli «einzelnes Korn», Erbsli «einzelne Erbse», Gresli «einzelnes Gras», Häärli/Höörli «einzelnes Haar» Wertschätzung / Herabsetzung: Puurli «liebenswürdiger oder aber gering geschätzter Kleinbauer», Bappeli «liebenswürdiges oder aber leicht vertrotteltes Väterchen», Buebetrickli «Täuschungsmanöver im Eishockey, auch politischer Winkelzug», Gschäftli «fragwürdiges Geschäft», Kantönligeist «Kirchturmpolitik» Verniedlichung: Rüüschli «kleiner Rausch», Ämtli «regelmässige Aufgabe (besonders für Kinder, aber auch für Erwachsene)», es Glesli Wyy «ein Glas Wein» Funktionslos: Lyybli «Leibchen», Zündhölzli «Streichholz», Widli «Bindereis»

Das Diminutiv kann auch bedeutungsmässig verselbständigt sein, etwa beiWerner Hodler: Beiträge zur Wortbildung und Wortbedeutung im Berndeutschen. Berner Diss. Francke, Bern 1915; Nachdruck Kraus, Nendeln/Liechtenstein 1970. Chäpsli «Pulverladung für die Kinderpistole» Chätzli «Blütenkätzchen», zu Chatz «Katze» (da sie ein ähnlich weiches «Fell» aufweisen) Chnödli «Gelenkkopf an Fingern und Zehen», zu Chnode «Gelenkknoten, -kopf, Knöchel» Chnöpfli «eine Art Spätzle», zu Chnopf «Knopf» Gipfeli «Hörnchen, Croissant», angelehnt an Gipfel «Bergspitze; oberster Teil einer Pflanze; gekrümmtes Gebäck (Nuss-, Vanillegipfel)», doch eigentlich von österreichisch Kipfel zu althochdeutsch kipf(-a, -o) «Wagenrunge» Glesli «Hyazinte», zu Glaas «Glas» (nach den kelchförmigen Blüten)