miniatur|Der krasse Fuchs. Cover einer Ausgabe von 1911.

Ein Studentenroman ist ein Roman, der Ereignisse der Studienzeit als Sujet wählt. Die Gattung ist in weltweiter Perspektive ausgeprägt deutsch. Die Produktion wird von zwei historischen Schwerpunkten gekennzeichnet: zum einen der Zeit von 1690 bis 1740 und zum anderen der des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die beiden Perioden haben dabei nur wenig miteinander zu tun.

Studentenromane des 17. und 18. Jahrhunderts miniatur|hochkant=1.8|Titelseite von Des Verliebten Studentens ander Theil (Cölln: Peters Marteau ältester Sohn, Jonas Enclume, 1715).

Typisch für die Studentenromane des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts ist, dass in ihnen Autoren, Protagonisten und Leser im Wesentlichen derselben Schicht angehören; die Titel entstammen einer unmittelbaren skandalösen „galanten“ Interaktion zwischen Studenten und ihrem Publikum auf dem Buchmarkt.

Wurzeln im satirischen Roman des 17. Jahrhunderts Gattungsgeschichtlich haben die Studentenromane, die im frühen 18. Jahrhundert Furore machen, Wurzeln im satirischen Roman des 17. Jahrhunderts.Die nachfolgenden Ausführungen sind eine Zusammenfassung von Olaf Simons: Marteaus Europa oder Der Roman, bevor er Literatur wurde. Rodopi, Amsterdam 2001, S. 98–112 und 259–349, sowie von Olaf Simons, „Zum Corpus 'galanter' Romane zwischen Bohse und Schnabel, Talander und Gisander“, in: Günter Dammann (Hrsg.): Das Werk Johann Gottfried Schnabels und die Romane und Diskurse des frühen 18. Jahrhunderts (Tübingen: Niemeyer, 2004). Das wird deutlich, wenn man auf die „politischen Romane“ Christian Weises und seines Umfelds sieht, die der Produktion vorangehen. Politisch heißt bei ihnen, dass sie das kluge Verhalten lehren, das sich in Maximen der „politischen Klugheit“, des kalkulierten Verhaltens, fixieren lässt. Der erste Roman, der das studentische Milieu klarer erfasst, ist 1690 Eberhard Werner Happels Academischer Roman, worinnen das Studenten-Leben fürgebildet wird. Er erzeugt jedoch noch nicht, was für die Studentenromane des frühen 18. Jahrhunderts typisch ist: eine Rivalität studentischer Verfasser, die hier mit eigenen Geschichten auftreten.

Das publizistische Terrain wurde klarer von Christian Reuter erkundet mit den beiden Teilen seines Schelmuffsky (1696/97) und mehr noch seinen „Comödien“ um „Frau Schlampampe“ L'honnête femme oder Die ehrliche Frau zu Plißine (1695) und Der ehrlichen Frau Schlampampe Leben, Krankheit und Tod (1696). Es handelt sich bei diesen Schriften zwar nicht um Studentenromane, dafür aber um Veröffentlichungen, die aus dem Milieu stammen und es in den Blick nehmen. Halle, Leipzig und Jena rücken ins Zentrum mit Geschichten von Studenten, die in Bürgerhäusern einquartiert sind, und die publizieren, was sie an Skandalen aus dem städtisch bürgerlichen Umfeld erfassen. Bei Reuter ist die Vermieterin das satirische Opfer. Der Mut des Autors vor den Kommilitonen wird in den neuen Publikationen ausgekostet. Reuter fehlt jedoch die galante Conduite als Auszeichnung studentischen Verhaltens. Sein Schelmuffsky ist ein grobschlächtiger „Bärenhäuter“ und „Aufschneider“; er steht mit denen, die mit ihm umgehen müssen und sich dabei entblößen, im Zentrum des Humors, der in der Handlungsführung und in der Gestaltung des Helden auf Eulenspiegel-Erzählungen und Schelmenromane zurückgreift.

Der moderne Roman europäischer Novellistik bestimmt ab 1700 die Mode Der Roman, der die studentischen Romane der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts entscheidend prägte, erschien im Frühjahr 1700: Christian Friedrich Hunolds Verliebte und galante Welt, in Hamburg bei Gottfried Liebernickel in den Druck gebracht, jedoch deutlich im Blick auf Absatz im Raum der mitteldeutschen Universitäten verfasst. Hunold, der soeben sein Studium in Jena aus Mangel an weiteren finanziellen Mitteln abbrechen musste und nach Hamburg floh, blickt von dort aus auf Amouren seines studentischen Umfeldes zurück – Seitenblicke auf Leipzig und Halle schließt das ein. Der Roman fand binnen nur zweier Wochen reißenden Absatz, da sich hier ein Anfang 20-jähriger als galanter Beobachter feiert, der mit freierer Moral auf Seitensprünge und Amouren sieht, wohl wissend, dass sein Publikum diese Moral allenfalls pro forma teilt, die Publikation damit skandalös bleibt. Neu ist hier der Held, der anders als in satirischen Romanen des 17. Jahrhunderts selbst nicht lächerlich ist. Man muss über Rivalen lachen, die weniger souverän die moderne galante Conduite beherrschen – sie wird das offizielle didaktische Angebot des neuen Romans, der ansonsten vom Skandalwert lebt, davon, dass womöglich nichts an ihm erfunden ist. Hunold alias Menantes knüpft in diesen Punkten an die französischen Autoren an, die zuletzt skandalöse Romane mit eigenem Leben garniert in der Hochpolitik spielen ließen.Eingehender dazu das eigene Unterkapitel Skandalöse Ausgriffe in die Historie, 1600–1750 im Artikel Roman. In der Positionierung auf dem deutschen Markt schließt sich Hunold dabei an Talander (August Bohse) an, der eine eigene Mischung asiatischer Romane und europäischer chronique scandaleuse herausgebracht hatte, jedoch nicht sich selbst noch die Studentenschaft als die neue modische Generation gefeiert hatte. Hunolds Pseudonym schafft den Anknüpfungspunkt and Talander; die spezielle Art novellistisch zu erzählen,Siehe hierzu im Artikel Roman das Kapitel „Petites Histoires“: Die Novelle als Alternative, 1600–1740. einen weiteren; der Einschluss von Briefen, Gedichten und Dialogpartien („Complimenten“, die man für Interaktionen auswendig lernt) einen dritten. Unterschwellig distanziert sich Hunold gleichzeitig von Talander: Seine Helden meiden eine blumige Sprache, ihre galante Aktion ist eher von aktuellem französischem Esprit und von einer neuen Toleranz wie einem neuen Wettbewerb innerhalb der modischen Schicht gekennzeichnet.

Während Hunold in Hamburg nahezu unverzüglich die Aufdeckung seines Pseudonyms riskiert und sich als maßgeblicher neuer Autor unter den galanten positioniert (er gibt Privatkollegien in der modernen Conduite), haben seine Romane in den Universitätsstädten Halle (Saale), Jena und Leipzig stilprägenden Einfluss. Studenten rezipieren sie und nehmen Anteil am Schicksal des Autors, der ihr Alter hat und in den nächsten sechs Jahren seine weitere bürgerliche Existenz aufs Spiel setzt. Die Publikation des Satyrischen Romans (1706) zwingt Hunold am Ende, Hamburg zu verlassen und in seine thüringische Heimat zurückzukehren. In Halle wird er von Studenten ersucht, weitere Kollegien in Poesie und galanter Conduite zu geben, sie erlauben ihm später das Auskommen, mit dem er sein Studium finanzieren kann. Ein Rezeptionszeugnis von der Lektüre der Menantes-Romane in Studentenkreisen findet sich in Meletaons (Johann Leonhard Rosts) Schau-Platz der galanten und gelährten Welt (1711):

Der Autor „Meletaon“ gibt sich selbst in diesem seinem Studentenroman als Menantes-Verehrer und Student aus. Seinen eigenen Roman will er unter denselben Bedingungen geschrieben haben, wie der hier geschilderten, in „Compagnie“. Entscheidend ist für den Studentenroman stilistisch der negligante Umgang mit dem Publikum wie dem poetischen Anspruch früherer Romane:

Ab 1706: offener Wettstreit unter studentischen Autoren miniatur|hochkant=1.8|Zollstation vor Halle, „Studenten-Gut ist frey“, eine ruinierte Bürgerstochter flieht die Stadt mit dem Kind, das ihr ein Student anhängte. Frontispiz und Titelseite zu Le Content, Accademischer Frauenzimmer-Spiegel (1718). Markenzeichen der Produktion, die ab etwa 1706 in den Universitätsstädten Halle, Leipzig und Jena anläuft und zwei bis fünf Titel pro Jahr auf den Markt bringt, sind die partielle Anonymität der Autoren, deren studentischer Stand und deren Ausrichtung auf die eigene Schicht als Kunden. Talander, Menantes und Meletaon agieren als zentrale Markennamen und Vorbilder. Dass sich mit dem Verfassen von Romanen Geld verdienen lässtSiehe den Artikel zu Meletaon mit dem Versuch einer Berechnung des Jahreseinkommens, das Johann Leonhard Rost erzielt haben muss. wird zuweilen erwähnt:

Strukturell werden hier keine Entwicklungsromane geboten. Die Erzähler geben Geschichten zum besten, die sie selbst erlebt oder bezeugt haben wollen; zuweilen wechseln die Erzähler auch – dann, wenn sie sich in Gesellschaft bewegen und einzelne Protagonisten ihre Liebesgeschichten einbringen. Es entstehen in solchen Momenten novellistische Erzählrunden, deren Sujets in die Novellen zurückverweisen, in denen Chaucer und Boccaccio bereits gewitzte Studenten benutzten, um einfältige Bürger zu hörnen.Siehe etwa Chaucers "Miller’s Tale" in den Canterbury Tales für ein einschlägiges Muster.

Das akademische Leben der Universitäten, der Studienalltag wie Studentenbräuche sind in diesen Titeln durchweg ausgeblendet. Das dürfte vor allem damit zu tun haben, dass etwa der Vorlesungsbetrieb die von den Verfassern und den Lesern geteilte Lebensrealität ist. Auch Szenerien der Studienorte sind allenfalls genannt, selten eingehender beschrieben. Auch hier scheinen die Autoren darauf zu vertrauen, dass ihre Leser die passenden Bilder im Kopf haben.

Sehr genau werden dagegen Verwicklungen der Amouren beschrieben. Die Helden verlieben sich in Töchter der Häuser, in die sie einquartiert sind, und beschreiben hier zuweilen das bauliche Interieur. Sexuelle Handlungen können explizit ausgeschildert werden, wichtiger sind jedoch die „Intriguen“. Wer betrog wen? Welche junge Dame aus einem der Bürgershäuser stellte sich als liederlich heraus? Wie kriegte wer eine besonders standhafte Tochter herum? Wie schmählich ließ er sie sitzen, wie gestaltete sich danach ihr Ruin? Hier gibt es oft schadenfrohe Skizzen, zuweilen, vermehrt ab 1713, auch ansatzweise moralische Handlungsverläufe.

miniatur|hochkant=1.6|links|Sarcander, Amor auf Universitäten (1710).

Mit den Romanen Celanders ist bereits 1709 und 1715 das Maximum an Schilderung sexueller Handlungen aufgeboten. Mit der Interaktion, die sich hieraus unter den „Romanisten“, speziell zwischen Meletaon, Celander, Sarcander, Menantes und Selamintes entwickelt, gewinnt der Studentenroman zwischen 1709 und 1720 Format eines publizistischen unter Pseudonymen geführten Austauschs: Man droht, Rivalen auffliegen zu lassen, agiert in eigenen Romanen, um ein „Frauenzimmer“ zu schützen, das in einem anderen Roman angeblich schamlos angegriffen wurde, brandmarkt die Leichtfertigkeit oder den mangelnden Mut rivalisierender Autoren; Namen sind hier neben den genannten noch Amaranthes, Melissus, Adamantes, L’Indifferent, Le Content, Parthenophilus. Einen Wendepunkt bringt in der gesamten Interaktion 1713 Menantes’ publizistisch vollzogener Ausstieg aus der Mode und seine rückwirkende Distanzierung von den Romanen, die er veröffentlichte. Meletaon übernimmt diesen – deutlich strategischen – Ausstieg in Publikationen 1714 und 1715. Wie Hunold muss Rost sich um seine bürgerliche Karriere Sorgen machen, während die anderen Autoren des Feldes, die unter Pseudonymen verbleiben, ungenierter agieren können. Dennoch steht eben damit ab 1713 die Frage nach der Moral im Raum. Das galante Verhalten war bislang im Rückgriff auf Christian Thomasius schlicht das erfolgversprechende Verhalten europäischer aristokratischer Mode. Hier bestand vor 1713 Konsens und der Studentenroman war dabei wesentliches Medium der zu erlernenden Conduite, die sich durch Freimütigkeit in allen Lebensbereichen auszeichnete und dadurch Souveränität gewann. Ein Standard ist hier der Werdegang, den in Sarcanders Amor auf Universitäten (1710) einer der Helden für sich resümiert: