Die Bassariden (englischer Originaltitel: The Bassarids), Opera seria in einem Akt mit einem Intermezzo, ist eine Literaturoper von Hans Werner Henze, basierend auf der Tragödie Die Bakchen des Euripides; im Intermezzo wird die Sage Das Urteil der Kalliope dargestellt. Das Libretto stammt von W. H. Auden und Chester Kallman. Bei der Uraufführung am 6. August 1966 im Großen Festspielhaus Salzburg wurde eine deutsche Fassung von Helmut Reinold (Einrichtung) und Maria Bosse-Sporleder (Text) gespielt.
Zum Titel Bassariden ist ein spezieller Name für die thrakischen und lydischen Mänaden, der Name wird in Dichtung und Prosa ohne Unterschied von der Bezeichnung Mänaden gebraucht.Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, 1897, Band III/1,104
Handlung
Vorgeschichte
Nachdem Kadmos im Kampf einen Drachen getötet hatte, befahl ihm die Göttin Athene, dessen Zähne in die Erde zu pflanzen. Daraus sprossen bewaffnete Männer, die sich sofort bekämpften. Zusammen mit den fünf Überlebenden erbaute Kadmos die Stadt Theben, deren König er später wurde. Kadmos hatte vier Töchter: Autonoe, Ino, Semele und Agaue. Die jüngste, Agaue, vermählte er mit Echion, einem der Stadtgründer. Die beiden bekamen den Sohn Pentheus. Semele hingegen verliebte sich in den Gott Zeus und wurde von ihm schwanger. Zeus’ eifersüchtige Gattin Hera weckte in ihr den Wunsch, den Geliebten in seiner wahren göttlichen Gestalt zu sehen. Semele konnte jedoch seinen Glanz nicht ertragen und verbrannte. Zeus rettete das ungeborene Kind, indem er es in seinen Oberschenkel einnähte. Es erhielt den Namen Dionysos.
Erster Satz
Das Volk erwartet die Ankunft von Pentheus, den sein alternder Großvater Kadmos zu seinem Nachfolger als Herrscher Thebens ernannt hat. Ein Ruf in der Ferne kündet vom Erscheinen des Gottes Dionysos am Berg Kytheron, und die Menge eilt fort, um ihm zu huldigen. Der alte blinde Seher Teiresias ist ebenfalls fasziniert von dem neuen Kult und seinen Tänzen. Er rät Kadmos, den jungen Gott nicht zu verachten, da er bald an Macht gewinnen werde. Agaue hingegen bezweifelt die Göttlichkeit ihres Neffen Dionysos. Beroe, die Amme sowohl des Pentheus als auch des Dionysos, hält sich mit ihrer Meinung zurück. Kadmos ist unschlüssig. Er will auf keinen Fall Ärger mit den Göttern bekommen. Da erscheint der Hauptmann der königlichen Wache und verliest eine Proklamation des neuen Herrschers Pentheus: Dieser erklärt, Dionysos sei ein Betrüger, und verbietet den Kult. Allen Anhängern droht der Bann. Um seinem Verbot Nachdruck zu verleihen, löscht Pentheus persönlich die Flamme auf dem Altar von Semeles Grabstätte. Agaue ist beeindruckt von der Entschlossenheit ihres Sohnes. Doch da lockt eine Stimme zum Kytheron. Das Volk kann ihr nicht widerstehen, und auch Agaue und ihre Schwester Autonoe schließen sich wie unter einem Zauber der Menge an.
Zweiter Satz
Kadmos warnt seinen Enkel noch einmal davor, die Götter zu missachten. Er glaubt an die Göttlichkeit Dionysos’ und hat zur Zeit seiner eigenen Herrschaft grundsätzlich alle Götter geehrt. Pentheus hält den neuen Kult jedoch für eine Lüge. Er befiehlt dem Hauptmann, sämtliche Anhänger festzunehmen und ihm vorzuführen. Weigerungen sollen mit dem Tod bestraft werden. Er erklärt Beroe die Grundzüge seines Glaubens: Für ihn zählen nur Wahrheit und Güte. Dionysos dagegen sei ein „Ungott“ und „Feind des Lichts“. Pentheus schwört Beroe, dass er von nun an auf Wein, Fleisch und Frauen verzichten wolle. Der Hauptmann führt dem König eine Gruppe Bacchanten (Anhänger des Dionysos-Kults) vor, darunter Agaue, Autonoe, Teiresias und eine junge Mutter mit ihrer Tochter. Ein Jüngling fällt Pentheus dadurch auf, dass er sich im Gegensatz zu den anderen nicht in Trance befindet. Pentheus befiehlt dem Hauptmann, die Gefangenen zu foltern, um den Aufenthaltsort ihres Anführer herauszubekommen. Er selbst befragt seine Mutter Agaue, erhält aber nur eine ekstatische Arie zur Antwort. Die Folter durch den Hauptmann bleibt ebenfalls erfolglos. Beroe versucht Pentheus darauf hinzuweisen, dass es sich bei dem seltsamen Jüngling um Dionysos selbst handelt. Pentheus will sie jedoch nicht anhören. Er lässt seine Mutter und seine Tante einsperren und verbannt Teiresias. Anschließend wendet er sich dem jungen Mann zu, um ihn auszuhorchen. Der behauptet, dass sich Dionysos direkt bei ihm befinde. Er selbst heiße Acoetes, sei ein lydischer Kaufmannssohn und dem Gott auf Chios begegnet. Dort habe er ein schönes Kind gefunden und auf seinen Wunsch nach Naxos gebracht (die Meerfahrt des Dionysos). Pentheus lässt ihn ebenfalls zur Folter abführen.
Dritter Satz
Erster Teil
Die Gefangenen können während eines Erdbebens entkommen. Die Opferflamme auf der Semeles Grabstätte entzündet sich unvermittelt wieder. Pentheus ist zunehmend fasziniert von der Schönheit des Jünglings, lehnt aber weiterhin seine Riten ab. Der junge Mann lässt sich von Beroe den Spiegel seiner Mutter bringen und zeigt Pentheus darin das Geschehen auf dem Kytheron.
Intermezzo
Garten mit mythologischen Statuen, umrahmt von Proszeniumsbogen und Seitenlogen eines Rokokotheaters
Agaue, Autonoe, Teiresias und der Hauptmann verkleiden sich für das Schäferspiel Das Urteil der Kalliope. Darin spielt Agaue die Göttin Venus, Autonoe deren Rivalin Proserpina und der Hauptmann den von beiden verehrten schönen Jüngling Adonis. Teiresias mimt den Schiedsrichter in Gestalt der Kalliope, der Muse der epischen Dichtung. Sie fordert die beiden Frauen auf, ihren Anspruch zu begründen. Venus beginnt: König Kinyras von Zypern prahlte mit der Schönheit seiner Tochter Myrrha, die er für schöner als Venus erklärte. Diese rächte sich für diese Beleidigung, indem sie Myrrha in ihren eigenen Vater verliebt machte. Als Kinyras eines Nachts schwer betrunken war, nutzte Myrrha die Gelegenheit, um mit ihm zu schlafen – und wurde schwanger. Ihr Vater war darüber so erbost, dass er sie töten wollte. In ihrer Not rief Myrrha Venus um Hilfe an. Als Kinyras mit dem Schwert nach ihr schlug, verwandelte Venus Myrrha in eine Myrte, die durch den Schlag zerbrach und den kleinen Adonis freigab. Venus war somit maßgeblich an dessen Geburt beteiligt. Proserpina fordert sie auf, nun auch den Rest der Geschichte zu erzählen: Venus erkannte, dass aus dem Kind später ein schöner Jüngling werden und es dadurch in Gefahr geraten würde. Daher sperrte sie es in einen Kasten, den sie in die Unterwelt brachte, das Reich Proserpinas und Plutos. Dort öffnete Proserpina den Kasten und lehrte den Knaben die Kunst der Liebe. Kalliope erkennt, dass beide Frauen einen gleichwertigen Anspruch auf Adonis haben, dieser aber auch Zeit für sich selbst brauche. Daher solle er ein Drittel des Jahres (unter dem Steinbock) bei Venus leben, ein weiteres Drittel (unter der Schlange) bei Proserpina und das letzte Drittel (im Löwen) frei sein. Venus jedoch fesselt Adonis mit ihrem Zauberband das ganze Jahr an sich. Ihr eifersüchtiger Gatte Mars tötet Adonis in Gestalt eines Ebers. Das Spiel endet mit einem Trauergesang aller Mitwirkenden.
Zweiter Teil
Pentheus fühlt sich abgestoßen von dem Gesehenen. Er ist sich jedoch nicht sicher, ob er dem Spiegel trauen kann. Die volle Wahrheit kann er nur erfahren, wenn er selbst zum Berg Kytheron geht. Der Fremde rät ihm, sich zur Sicherheit als Frau zu verkleiden. Beroe erkennt, dass Dionysos seinen Vetter in eine Falle locken will. Mit Hinweis darauf, dass sie ihrer beider Amme war, bittet sie ihn, seinen Vetter zu schonen. Dionysos will davon nichts hören. Er wirft Beroe vor, seine Mutter Semele nicht beschützt zu haben. Auf dem Berg beobachtet der verkleidete Pentheus das wilde Treiben seiner Untertanen, während Beroe in Theben bereits seinen Verlust beklagt. Der alte Kadmos beschließt sorgenvoll, vor dem Tempel zu wachen. Auf dem Kytheron preisen die Bassariden ekstatisch den Dionysos. Eine Stimme weist sie darauf hin, dass sich unter ihnen ein Fremdling versteckt habe. Pentheus wird erkannt, und die Menge stürzt sich auf ihn. Seine eigene Mutter Agaue tötet ihn im Glauben, es handle sich um einen Löwen, und nimmt seinen Kopf als Trophäe. Die anderen feiern ihre Tat.
Vierter Satz
Noch immer in Trance bringt Agaue das vermeintliche Löwenhaupt nach Theben und zeigt es Kadmos. Beroe fordert von ihr eine Erklärung über den Verbleib des Königs. Um ihre Entrückung zu lösen, erinnert Kadmos sie an ihre Vergangenheit und ihre Familie und fordert sie auf, sich den Kopf genauer anzusehen. Erst jetzt erkennt Agaue, dass sie ihren eigenen Sohn getötet hat. Die Leute des Hauptmanns haben unterdessen am Kytheron den Rest der Leiche gefunden und bringen sie in die Stadt. Verzweifelt wünscht sich Agaue selbst den Tod. Das Volk allerdings fühlt sich nicht schuldig an dem Geschehenen. Agaue richtet letzte Worte an ihren toten Sohn und erklärt, dass ihrer beider Handlungen der Wille der Götter gewesen seien. Dionysos gibt sich jetzt offen zu erkennen. Er verbannt die Königsfamilie aus der Stadt und befiehlt dem Hauptmann, den Palast zu verbrennen. Seine Rache für den Tod seiner Mutter ist nun vollzogen. Er fordert Proserpina im Namen seines Vaters Zeus auf, Semele freizugeben. Gemeinsam mit seiner nun Thyone genannten Mutter steigt er in den Himmel auf. Vor dem Grab Semeles bleiben zwei Statuen zurück, vor denen sich das Volk anbetend niederwirft.
Gestaltung
Orchester
Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:
Holzbläser: vier Flöten (2. mit tiefem H, 3. auch Piccolo, 4. auch Altflöte und Piccolo), zwei Oboen, zwei Englischhörner, vier Klarinetten (3. auch Altsaxophon, 4. auch kleine Klarinette und Altsaxophon), Bassklarinette (auch Altsaxophon und Tenorsaxophon), vier Fagotte (4. auch Kontrafagott) Blechbläser: sechs Hörner, vier Trompeten (4. auch Basstrompete), drei Posaunen, zwei Tubas (2. auch Kontrabasstuba) Pauken, Schlagzeug: große Trommel mit Becken, Holztrommel, Militärtrommel, Tamburin, drei hängende Becken, zwei Paar Becken, drei Tamtams, drei Bongos, Glockenspiel, Xylophon (vorzugsweise Marimba), Vibraphon, verschiedene Zimbeln und Röhrenglocken, kleine Triangel, Metallblöcke, Peitsche, Güiro, Maracas, kleine, mittlere und große Almglocken Celesta, zwei Klaviere zwei Harfen Streicher Bühnenmusik: vier Trompeten ad lib. (aus dem Orchester), zwei Mandolinen, Gitarre
1992 erstellte Henze eine Fassung mit reduzierter Orchesterbesetzung.
Musik
Die Oper ist ohne Pause zu spielen. Sie entspricht formal einer viersätzigen Sinfonie. Entsprechend sind die einzelnen Teile auch nicht als Akte, sondern als Sätze bezeichnet. Sie zeugen von Henzes Beschäftigung mit den Werken Gustav Mahlers. Der erste Satz steht in der Sonatensatzform. In der Exposition werden die beiden gegensätzlichen Prinzipien von Pentheus und Dionysos vorgestellt. Pentheus besitzt „blockhaft dichte Klänge“ mit Fanfarenmotiven, Dionysos dagegen „schwirrende luxurierende Klangwelten“. Den beiden Charakteren sind verschiedene „zwölftonartige Modi“ zugewiesen: der des rationalen Pentheus ist eher diatonisch gehalten, während der des Dionysos mehr Chromatik enthält. Die beiden Themen folgen nicht als Blöcke aufeinander, sondern sind auf komplexe Weise verwoben. Der zweite Satz ist ein Scherzo mit orgiastischen Tänzen. Die Arie des Dionysos zitiert den Beginn der Sarabande aus dem ersten Teil von Johann Sebastian Bachs Clavierübung. Der dritte Satz, in dem die beiden Gegenspieler aufeinandertreffen, ist ein Adagio. Es wird durch ein Intermezzo von völlig gegensätzlichem Charakter unterbrochen und mündet in eine Fuge. Dieser Satz enthält im Duett der beiden Protagonisten ein Zitat aus Mahlers 5. Sinfonie. Der vierte Satz ist eine komplexe Passacaglia, die in einen Trauermarsch überleitet. Der Rhythmus des letzteren prägt auch noch die Apotheose des Dionysos. Henze nannte diese Musik das „Dies irae der Götter“ und „Lacrymosa des Eros“.