mini|Bilderzyklus zum Hymnos Akathistos, fünftes Kontakion Der Hymnos Akathistos, eigentlich Akathistos an die allerheiligste Gottesgebärerin und immerwährende Jungfrau Maria (griech. O Ακάθιστος ύμνος) ist ein altkirchliches Marienlob aus Konstantinopel und gilt weltweit als älteste und neben dem beliebten Marienhymnus Agni Parthene auch als schönste Mariendichtung. Das Attribut a-káthistos bedeutet „nicht im Sitzen“ zu singen und betont das Hervorragende dieses Hymnus im Gegensatz zu anderen, gewöhnlich im Sitzen gesungenen Hymnen. Der erste und zweite Teil des Akathistos (Stasis 1–2) orientiert sich weitgehend am Lukas-Evangelium und setzt mit einer Fülle von Anrufungen der Muttergottes den englischen Gruß des Erzengels Gabriels fort. Der dritte und vierte Teil des Akathistos (Stasis 3–4) meditiert über das neue Schöpfungswunder der Menschwerdung aus Maria und über die Wirkungen dieses Werkes durch die Zeiten. Er wird seit über 1200 Jahren hauptsächlich in der Ostkirche gesungen.Aus: Eberhard Maria Zumbroich: Das Geheimnis der Gottesmutter – Hymos Akathistos. ISBN 978-3-922072-00-3

Geschichte Der Akathistos an die allerheiligste Gottesgebärerin und immerwährende Jungfrau Maria (Hymnos Akathistos) wurde im Jahre 626 in Konstantinopel während der Belagerung der Stadt durch die Awaren und das Sassanidenreich das erste Mal gesungen, als griechische Truppen die Verteidigung der Stadt organisierten und der Patriarch von Konstantinopel in der Hagia Sophia vor der Ikone der Hodegetria die Muttergottes um Schutz bat und mit dem Volk den Akathistos an die allerheiligste Gottesgebärerin singend eine Prozession abhielt. Verschiedene byzantinische und heidnische Überlieferungen berichten von der gewaltigen Kraft des Akathistos bei der Abwehr des Angriffs. G. G. Meersseman OP hat die wissenschaftlichen Aspekte der Entstehungsgeschichte und damit zusammenhängend vermutbarer Autorschaft dargestellt. Auch der Rettung Konstantinopels bei den Angriffen in den Jahren 678 und 718 durch das Kalifat der Umayyaden sei dem Schutz der Hodegetria zuzuschreiben. Louis Bréhier: La Civilisation byzantine, Albin Michel, 1970, S. 326 Hier sang das Volk stehend den Akathistos an die allerheiligste Gottesgebärerin die ganze Nacht hindurch, ohne den Verfasser zu kennen. Er ist auch heute noch unbekannt. Manche vermuten Romanos Melodos als Verfasser der Mariendichtung, der sie in den Jahren 500 und 520 geschrieben haben könnte. Andere gehen von Georgios Pisides als Verfasser der Mariendichtung aus. Beweisen lassen sich beide Annahmen nicht. Ab dem 9. Jahrhundert wurde der Hymnos Akathistos im Orthros des fünften Samstages in der Fastenzeit nahe dem Fest Mariä Verkündigung gebetet und war dabei ein liturgischer Höhepunkt. Heute ist der Akathistos an die allerheiligste Gottesgebärerin das einzige Kontakion, das noch vollständig gesungen wird. Bereits gegen 800 wurde der Text des Hymnos ins Lateinische übersetzt und beeinflusste die mariologische Hymnographie der lateinischen Kirche.

Unter den Palaiologen entstanden Bilderzyklen zum Akathistos-Hymnos in Wandmalerei und illuminierten Handschriften des Textes.A. Pätzold: Der Akathistos-Hymnos: die Bilderzyklen in der byzantinischen Wandmalerei des 14. Jh. Steiner, Stuttgart – Wiesbaden 1989; I. Pérez Martín: The Escorial Akathistos: The last manuscript illuminated in Constantinople. In: Italia Medioevale e Umanistica 52 (2011) 227–262.

Der Hymnos Akathistos in der byzantinisch-ostkirchlichen Kirchentradition Dieser an die Muttergottes gerichtete Hymnus ist in der byzantinischen Tradition eine der höchsten Ausdrucksformen marianischer Frömmigkeit.Vgl. Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie. Grundsätze und Orientierungen (17. Dezember 2001), 207: Ench. Vat. 20, Nrn. 2656–2657. Den Worten des Byzantinisten Louis Bréhier zufolge „durch seine elegante Form, durch die Tiefe des mystischen Gefühles und der klanglichen Schönheit seiner Worte ist der Akáthistos an die allerheiligste Gottesgebärerin einzigartig“. Louis Bréhier: La civilisation byzantine, Albin Michel, 1970, S. 326 Er wird als literarisches und theologisches Meisterwerk betrachtet, das die Mariologie der ganzen Christenheit in Form eines Gebets präsentiert. Die Quellen, die zur Dichtung inspirierten, sind die Heilige Schrift, die durch das Erste Konzil von Nicäa abgefasste Doktrin, die Doktrinen von Ephesos und Chalkedon sowie die Reflexion der orientalischen Kirchenväter des 4. und 5. Jahrhunderts. Es ist seit Jahrhunderten Brauch, an den ersten vier Samstagen der Fastenzeit den Gesang jeweils eines der vier Teile des Akathistos der Göttlichen Liturgie voranzustellen. Häufig ersetzt man auch Horen des Stundengebets durch den Hymnos Akathistos. Bei zahlreichen, anderen Gelegenheiten in der Kirche oder zuhause wird der Hymnos Akathistos ebenfalls gebetet. Seine Verwendung wird zur Förderung der Frömmigkeit empfohlen.

Der Hymnos Akathistos in der Tradition der römisch-katholischen Kirche 1967 hatte Eberhard Zumbroich (1933–2014) ein Gelübde abgelegt, diesen bedeutendsten byzantinischen Großhymnus nach alten griechischen Quellen neu ins Deutsche zu übertragen und zum Singen einzurichten. Bereits 1970 sendete der Süddeutsche Rundfunk das Werk auf vielfachen Hörerwunsch dreimal. Noch im selben Jahr entstanden eine Tonaufnahme mit gedrucktem Text, die 2005 in der 64. Auflage erschienen. Der weltweite Erfolg führte 1971 zur Gründung des „Ton-Archivs zum Byzantinisch-Ostkirchlichen Ritus TABOR“ und 1978 zur Stiftung der Verklärung-Christi-Kapelle im württembergischen Gaildorf. Papst Paul VI. ließ 1973 durch seinen Staatssekretär Benelli dem Autor Zumbroich schreiben: „Sehr willkommen ist seiner Heiligkeit das Werk, das jenen uralten und ehrwürdigen Gesang des Hymnos Akathistos wiedergibt, von Ihnen selbst sachkundig ins Deutsche übertragen und in Musik gesetzt. Mit der Veröffentlichung haben Sie sich nicht nur um den Glauben und die marianische Frömmigkeit sehr verdient gemacht, die in jenem erhabenen Liede gipfelt, sondern insbesondere dadurch, dass Sie ein hervorragendes Stück orientalischer Liturgie und Theologie den deutschsprachigen, christlichen Gemeinden in großartiger Weise zugänglich gemacht haben.“ Weil Eberhard Zumbroich etliche gewöhnlich unbekannte byzantinische Quellen erschloss, wurde sein Werk sogar in andere Sprachen übersetzt, so auch ins Polnische und ins Ungarische. Teresa Stankiewicz, die künstlerische Beraterin Kardinal Wojtyłas, des späteren Papstes Johannes Paul II., schuf zu Zumbroichs Text den ersten neuzeitlichen Bildzyklus zum Hymnos Akathistos in 24 Farbtafeln. 800.000 meist junge Menschen aus 193 Nationen feierten am 20. August 2005 auf dem Marienfeld bei Köln mit Papst Benedikt XVI. die Vigil. Etwa 200 Millionen Menschen verfolgten weltweit das Stundengebet im Fernsehen. Die 12. ordentliche Bischofssynode aus dem Jahre 2008, deren Beschlüsse Papst Benedikt XVI. in seinem apostolischen Schreiben Verbum Domini festhielt, stellte fest, „es verdiene, bekanntgemacht, geschätzt und verbreitet zu werden; mit seinen Worten zu beten, erweitert die Seele und macht sie bereit für den Frieden, der von oben kommt, von Gott – für jenen Frieden, der Christus selbst ist, der zu unserem Heil aus Maria geboren ist.“ nachsynodales apostolisches Schreiben Verbum Domini Archiv Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. vom 30. September 2010, Kapitel 88

Struktur und Inhalt Der Hymnos AkathistosKritische Ausgabe des griechischen Textes: C. A. Trypanis: Fourteen Early Byzantine Cantica [Wiener Byzantinische Studien 5]. Verlag der Österr. Akad. der Wiss., Wien 1968, 29–39. besteht aus dem Prooimion (Einleitung) und 24 Oikoi („Häuser“, Stanzen, Strophen). Diese 24 Oikoi stehen bei der Originalfassung auf Griechisch im alphabetischen Akrostichon, das heißt, jeder Anfangsbuchstabe eines Oikos entspricht einem Buchstaben des griechischen Alphabets. Ursprünglich wurden die Oikoi jeweils durch Siebenzeiler eingeleitet und hatten das gleiche Versmaß. Die ungeraden Oikoi (1, 3, 5 bis 23) enthalten zusätzlich je zwölf Chairetismen (χαι̃ρε chaire, „Sei gegrüßt“). Sie teilen sich wieder in drei Vierzeiler mit gleicher Melodie (bzw. sechs Couplets mit gleichem Versmaß). Die Einleitungen der 24 Oikoi werden üblicherweise vom Vorsänger rezitiert, die Akklamationen jeweils vom Chor (oder Volk). In jüngerer Zeit wurden von den langen alten Kontakien meist nur die Prooimien und die ersten Oikoi verwendet, und es vollzog sich ein Bedeutungswandel. Unter slawischem Einfluss wurde aus einem Oikos ein Ikos und aus dem Wort Kontakion oft ein Kondakion. Der Ikos bezeichnet nun die lange Strophe, das Kondakion die kurze.https://www.metropolitancantorinstitute.org/liturgy/Kontakia.html (engl.)

Der erste und zweite Teil (Stasis 1–2) erzählt die Heilsgeschichte weitgehend anhand des Evangelium nach Lukas; der dritte und vierte Teil sind theologisch-dogmatischer Natur und preisen die neue Schöpfung, die durch die Menschwerdung und Erlösung geschieht. Jede Stasis kann separat gebetet werden, sie endet dann mit dem Schlussgebet (Kontakion 13).

Stanze Nr.Beginn auf Griechisch im alphabetischen AkrostichonBeginn auf DeutschAkklamationBildtitel1Ἄγγελος πρωτοστάτηςAus dem Himmel her trat ein ErzengelSei gegrüßtMariä Verkündigung2Bλέπουσα ἡ ἉγίαSo ganz ihres lauteren Wesens inneHallelujaMariä Verkündigung3Γνῶσιν ἄγνωστον γνῶναιDie unerkannte Kunde zu erkunden suchendSei gegrüßtMariä Verkündigung4Δύναμις τοῦ ὙψίστουDa überschattete die Kraft des AllerhöchstenHallelujaMariä Empfängnis5Ἔχουσα θεοδόχον ἡ ΠαρθένοςDa Maria Gott empfangenSei gegrüßtMariä Heimsuchung6Zάλην ἔνδοθεν ἔχων λογισμῶνEin innerer Ansturm zweideutiger GedankenHallelujaDie Zweifel des hl. Josef7Ἤκουσαν oἱ ποιμένεςAus den Jubelchören der EngelSei gegrüßtDie Geburt des Herrn8Θεοδρόμον ἀστέραEinen Stern beachteten die WeisenHalleluja9Ἴδον παῖδες ΧαλδαίωνDie den Stern deuten, sahenSei gegrüßtDie Anbetung durch die Heiligen Drei Könige10Kήρυκες θεοφόροι γεγονότεςZu gotterfüllten Kindern gewordenHallelujaDie Rückkehr der Heiligen Drei Könige nach Babylon11Λάμψας ἐν τῇ ΑἰγύπτῳNach Ägypten hast du das Feuer der Wahrheit getragenSei gegrüßtDie Flucht nach Ägypten12Mέλλοντος ΣυμεῶνοςAls Simeon bestimmt warHallelujaDie Darstellung Jesu im Tempel13Nέαν ἔδειξε κτίσινEine neue Schöpfung brachte der Schöpfer hervorSei gegrüßtDer menschgewordene Gott14Ξένον τόκον ἰδόντεςSolch ungewöhnlicher Geburt nachsinnend15Ὅλως ἦν ἐν τοῖς κάτωGanz war er eins mit unsSei gegrüßtDie Gegenwart Christi im Himmel und der Kirche16Πᾶσα φύσις ἈγγέλωνDurch und durch erschauerten die EngelHallelujaEngel erschauern vor dem Geheimnis der Menschwerdung17Ῥήτορας πολυφθόγγουςSprachlos werden die wortwendigen RednerSei gegrüßtMaria und ihr Sohn thronen über den Rhetoren18Σῶσαι θέλων τὸν κόσμονDer Allherrscher hat sich erbotenHallelujaGott will seine Schöpfung erlösen19Τεῖχος εἶ τῶν παρθένωνBei dir, jungfräuliche GottesgebärerinSei gegrüßtHeilige Jungfrau über allen Jungfrauen 20Ὕμνος ἅπαςJeglicher Lobgesang vermisst sich vergebensHallelujaDer sitzende Christus nimmt die Huldigung der Liturgen entgegen21Φωτοδόχον λαμπάδαIm leuchtenden StrahlenkleideSei gegrüßtMaria führt die Irrenden22Χάριν δοῦναι θελήσας ὀφλημάτωνWeil er aus Liebe alle begnadigen wollteHallelujaChristus zerreißt den Schuldschein23Ψάλλοντές σου τὸν τόκονDeinem Sohn Lob singendSei gegrüßtMaria thront über den Heiligen und Priestern24Ὦπανύμνητε ΜῆτερDu über alles gepriesene MutterHallelujaDie stehende Maria beschützt die Kirche

Gewährung eines Ablasses