mini|Papst Leo XIII. (1878) rahmenlos|zentriert|klasse=skin-invert-image mini|Leo XIII., photomechanischer Druck, um 1878.

Leo XIII. (* 2. März 1810 in Carpineto Romano als Gioacchino Vincenzo Raffaele Luigi Pecci; † 20. Juli 1903 in Rom) war von 1878 bis 1903 der 256. Papst der römisch-katholischen Kirche.

Leo XIII. ist als „politischer Papst“ in die Geschichte eingegangen. Die von vielen gefürchtete Dogmenhäufung nach der Unfehlbarkeitserklärung aus dem Jahre 1870 unter Pius IX. blieb aus. Wohl aber kann man Leo XIII. den ersten Enzyklikenpapst nennen; er verfasste 86 dieser päpstlichen Rundschreiben (deren erstes auf Benedikt XIV. zurückgeht), darunter sieben zur Marienverehrung. Sein Ziel war es, die Kirche aus ihrer selbstgewählten Isolation gegenüber den neuzeitlichen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen herauszuführen, jedoch war er von der Notwendigkeit einer „zeitlichen Macht“ des Papstes (als Oberhaupt des Kirchenstaates) überzeugt. Einerseits orientierte er sich an der hochmittelalterlichen Ordnung von Kirche und Staat, andererseits verfasste er die erste Sozialenzyklika der römisch-katholischen Kirche und wertete damit die katholische Soziallehre auf. Wegen seiner Anteilnahme an sozialen Fragen wurde er mit dem Attribut „Arbeiterpapst“ und dem Beinamen „der Soziale“ bekannt.

Leo XIII. starb am 20. Juli 1903 in Rom im Alter von 93 Jahren.Münchner neueste Nachrichten vom 22. Juli 1903 zum Tod von Leo XIII., abgerufen am 9. Mai 2025. Kein amtierender Papst wurde bisher älter. Benedikt XVI. hatte als 85-Jähriger auf das Papstamt verzichtet und wurde als emeritierter Papst 95 Jahre alt.

Werdegang Vincenzo Gioacchino Pecci entstammte dem niederen Landadel. Vertreter der Familie standen bereits unter den Päpsten Benedikt XIV. bis Pius VII. in kirchlichen Diensten. Sein Vater Ludovico Pecci war Kriegskommissar und Oberst.

Ausbildung Bereits als Junge galt er als hochbegabt und entwickelte eine Vorliebe für das Lateinische. Von 1818 bis 1824 ging er am Jesuitenkolleg in Viterbo zur Schule, von 1824 bis 1832 folgte das Theologiestudium am Collegium Romanum. Die Ausbildung für den päpstlichen Verwaltungs- und Diplomatendienst an der Accademia dei Nobili Ecclesiastici in Rom dauerte von 1832 bis 1837.Ferdinando Procaccini di Montescaglioso: La Pontificia Accademia dei nobili ecclesiastici. Memoria storica. Befani, Rom 1889, S. 50. Pecci promovierte 1835 zum Doktor beider Rechte (Dr. iur. utr.).

Am 31. Dezember 1837 empfing der Kirchenjurist und Theologe durch Kardinalvikar Carlo Odescalchi die Priesterweihe. Im Alter von nur 28 Jahren wurde er 1838 päpstlicher Gesandter in Benevento (bis 1841), danach im gleichen Rang in Perugia.

Bischof mini|hochkant|Wappen von Gioacchino Vicenzo Pecci als Camerlengo während der Sedisvakanz 1878

1843 ernannte ihn Papst Gregor XVI. zum Titularerzbischof von Tamiathis und sandte ihn als Nuntius nach Belgien, von wo er allerdings auf Wunsch des Königs wieder abberufen wurde. Von 1846 bis 1878 war er Bischof von Perugia, wo er den Dom im neugotischen Stil umgestalten ließ. Am 19. Dezember 1853 wurde er von Papst Pius IX. zum Kardinal mit der Titelkirche San Crisogono erhoben. Er vertrat dort zunächst eine streng konservative und wissenschaftsfeindliche Linie. Zur Stärkung der Traditionen sollte seine Reform des Theologiestudiums dienen.

In der Umbruchsphase der Loslösung Umbriens vom Kirchenstaat (1860) war Pecci Anführer der Bischöfe gegen das italienische Staatskirchentum. In dieser Zeit musste sich Kardinal Pecci im Jahr 1862 vor Gericht „wegen Aufreizung zur Verachtung der bestehenden Staatsordnung“ (Verwarnung von drei Priestern) verantworten. Der Vorladung hatte er aber nicht Folge geleistet, sondern eine Denkschrift verfasst, in welcher er seine Rechte und Pflichten als Kardinal darlegte. Die Klage wurde daraufhin abgewiesen und hatte in der Folge auch keine Auswirkungen auf seinen weiteren Werdegang.Papst Leo vor Gericht. In: Berliner Tageblatt, 7. November 1902.

Mitte der 1870er-Jahre öffnete er sich allmählich der modernen Kultur und Technik. Nach dem Tod des bisherigen Camerlengos Filippo de Angelis wurde er 1877 zum Nachfolger ernannt. In dieser Funktion führte Kardinal Pecci die Amtsgeschäfte während der Sedisvakanz im Jahr 1878. Er wurde als Kandidat der Gemäßigten am 20. Februar nach zweitägigem Konklave, dem ersten in der Sixtinischen Kapelle, zum Nachfolger von Pius IX. gewählt.

Pontifikat mini|hochkant|Papst Leo XIII. mit der Tiara (Bild von Giuseppe Ugolini, zw. 1887 und 1897) Die Krönung Papst Leos erfolgte am 3. März 1878 in der Sixtinischen Kapelle. Seine angegriffene Gesundheit ließ ein eher kurzes Übergangspontifikat erwarten.

Seine Wahl des Papstnamens Leo war ein Zeichen der Verehrung für Leo XII. und dessen persönliche Tugenden, aber auch ein Signal für den von ihm angestrebten Wandel in der Stellung des Papsttums.

Der Münzgraveur Max von Kawaczynski schuf für das 25-jährige Papstjubiläum 1903 eine künstlerische Medaille mit dem Porträt Leo XIII., das er bereits „zum Ablassjahr 1900“ für eine Zinnmedaille im deutschsprachigen Raum entworfen hatte.33 mm großer Durchmesser der Medaille mit Original-Henkel; Sammlung Benutzer:Schudi 45.

Restauratives Programm Ohne einschneidend mit der Politik seiner Vorgänger zu brechen, erstrebte er als Antwort auf die Nöte seiner Zeit die Restauration der von ihm als vorbildlich erachteten hochmittelalterlichen Ordnung von Kirche und Staat. Dabei stand die Reform des Theologiestudiums mit ihrer Orientierung an Thomas von Aquin an erster Stelle. Sein persönliches Vorbild war Innozenz III. (1198–1216); 1891 ließ er dessen sterbliche Überreste nach Rom überführen und in San Giovanni in Laterano beisetzen.

Die Hinwendung zum Mittelalter fand ihren symbolischen Ausdruck im Kirchenbau jener Zeit; vornehmlich wurden neogotische Gotteshäuser errichtet.

Verhältnis zu den Ortskirchen und zur Weltmission Im Bewusstsein der universalen Stellung des Papsttums verstärkte Leo XIII. den römischen Zentralismus. Die Bischöfe erhielten häufig genaue Instruktionen, und päpstliche Interventionen in den einzelnen Ländern wurden immer häufiger. Dazu wurde die Stellung der Nuntien gegenüber den Bischöfen gestärkt. Auch die zunehmenden Pilgerfahrten nach Rom und Reformen in der Organisationsstruktur der Orden (z. B. bei den Benediktinern und Franziskanern) dienten zur Verstärkung der Bindungen von Klerus und Laien an den Heiligen Stuhl.

Unter Leo XIII. wurde die Weltmission auf eine neue organisatorische Grundlage gestellt und ausgeweitet. Es gab gleichsam einen Globalisierungsschub bei den kirchlichen Strukturen: 48 Apostolische Vikariate und 248 Diözesen wurden neu errichtet.

Verhältnis zu anderen Staaten mini|Karikatur von Wilhelm Scholz zur Beendigung des Kulturkampfes. Papst und Reichskanzler fordern sich gegenseitig zum Fußkuss auf, im Hintergrund Ludwig Windthorst.Kladderadatsch Nr. 14/15, 18. März 1878.

In der Auseinandersetzung mit dem italienischen Staat untersagte der Papst den Katholiken die parlamentarische Mitwirkung. Durch Zugeständnisse an Otto von Bismarck (gegen den Willen der Zentrumspartei) beendete Leo XIII. den Kulturkampf. Er forderte die französischen Katholiken zum Frieden mit der Republik auf, denn er wollte seine Kräfte auf die Auseinandersetzung mit Italien konzentrieren, was letztlich scheiterte.

Bei der Beilegung der Streitigkeiten mit der Schweiz und den lateinamerikanischen Staaten war er erfolgreicher. Er knüpfte engere Kontakte zu Russland und den Vereinigten Staaten, die Beziehungen zu England und Spanien verbesserten sich. Die Vermittlung im Konflikt um die Karolinen (1885), ein geschickter taktischer Zug Bismarcks, wertete zusätzlich die internationale Stellung des Papsttums auf. Das von ihm angestrebte Maß von politischer Mitsprache und Einflussnahme konnte er jedoch nicht erreichen. Auch die Teilnahme an der Haager Friedenskonferenz von 1899 kam nicht zustande.

In der am 16. Februar 1892 veröffentlichten Enzyklika Au milieu des sollicitudes anerkannte Leo XIII. die Dritte Französische Republik und ließ den französischen Katholiken die Wahl, welche Regierungsform sie unterstützen. Er begründete dies unter anderem damit, dass für ihn unabhängig von politischen Systemen Religion allein soziale Bindungen schaffen könne, was zur Bewahrung des Friedens einer Nation reiche.Text der Enzyklika Au milieu des sollicitudes auf der Website des Vatikans (französisch).

Franziskanischer Dritter Orden Seit 1872 war Leo XIII. Mitglied im franziskanischen Dritten Orden. Er förderte diese Gemeinschaft und approbierte 1883 deren neue Statuten durch die apostolische Konstitution Misericors Dei Filius, weil er im Dritten Orden ein Mittel zur Wiederverchristlichung der Menschen und zur Lösung der Sozialen Frage sah.Gisela Fleckenstein: Die Franziskaner im Rheinland 1875–1918 (= Franziskanische Forschungen, Heft 38). Dietrich-Coelde-Verlag, Werl 1992, S. 184.

Verhältnis zur Freimaurerei Am 20. April 1884 veröffentlichte Papst Leo XIII. die Enzyklika Humanum genus, der zufolge die Menschheit aus zwei gegnerischen Gruppen besteht; die eine kämpfe für Wahrheit und Tugend, die andere für Lüge und Laster. Die eine entspreche dem Reich Gottes auf Erden, der Kirche Jesu Christi, die andere dem Königreich Satans, das durch die Freimaurerei geleitet oder gefördert werde. Spätere von ihm verfasste Schriften gegen die Freimaurerei waren Dall’alto dell’Apostolico Seggio, Custodi di quella fede und Inimica vis.

Stärkung der Katholischen Soziallehre Die berühmte Enzyklika Rerum Novarum (dt. Geist der Neuerung) 1891 begründete den Ruf Leos XIII. als „Arbeiterpapst“. Er prangerte die Ausbeutung der Arbeiter an und wies auf ihre Verelendung infolge der Industrialisierung hin. Zudem beschrieb er deren negative Auswirkungen auf Wirtschaft und Staat und zeigte einen Weg zur Besserung der Verhältnisse auf. Gleichzeitig wandte er sich gegen den Sozialismus als Ausweg aus der Misere und befürwortete das Privateigentum. Der Papst entwickelte mit dieser Enzyklika eine Lehre von der menschlichen Person und ihren Rechten, von der Ordnung der Wirtschaft, von der Koalitionsfreiheit der Arbeiter und der sozialen Verpflichtung des Staates. Arbeitsschutz sei eine staatliche Aufgabe, ebenso der gesetzliche Rahmen für die Arbeiterrechte. Seitdem kann man von einer lehramtlich fundierten kirchlichen Soziallehre sprechen. Diese Enzyklika wird als die „Mutter aller Sozialenzykliken“ betrachtet; die nachfolgenden Päpste bezogen sich darauf mit „Fortentwicklungsenzykliken“. Laut André Habisch, Professor für Wirtschafts- und Sozialethik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, ist die Enzyklika bis in die Gegenwart prägend für die deutsche Wirtschaftsordnung.Gerda Frey, Anja Zwittlinger-Fritz: Geld und Religion. Der Arbeiterpapst Leo XIII. Focus und Focus online, 16. September 2012.

Verhältnis zu anderen Kirchen (Ökumene) Sein Engagement für eine Beendigung der Schismen zu den Orthodoxen Kirchen und zu den Anglikanern hatte keinen Erfolg, da er von ihnen forderte, dass sie seinen Primat anerkennen und die Anglikaner ihre Weiheriten für ungültig erklären sollten.

Leo XIII. forderte mit dem Apostolischen Schreiben Orientalium dignitas (1894) von den anderen Kirchen, dass sie sich in der Frage des Primates dem Papst unterwerfen sollten.

Die päpstliche Bulle Apostolicae curae (1896) erklärt die Weihe von Diakonen, Bischöfen und Priestern in den Anglikanischen Kirchen (einschließlich der Church of England) für ungültig. Gleichzeitig erkannte er die Weihen der orthodoxen und orientalischen Kirchen an.

Verhältnis zur Theologie und zur Wissenschaft