Das Combahee River Collective war eine US-amerikanische Gruppe, die vom Standpunkt schwarzer lesbischer Feministinnen den Diskurs um Mehrfachunterdrückung mitprägte. Sie wurde 1974 in Boston gegründet und löste sich 1980 auf. Bedeutung für heutige soziale Bewegungen hat das Kollektiv vor allem wegen des noch heute viel gelesenen und diskutierten Combahee River Collective Statement von 1977, das unter anderem den Begriff Identitätspolitik in die politische Debatte einführte.

Das Kollektiv

miniatur|Harriet Tubman um 1855 miniatur|Zeitgenössische Zeitungsillustration zum Combahee River Raid aus Harper’s Weekly, 4. Juli 1863

Gründerin war Barbara Smith, die auch den Namen gab. Benannt wurde die Gruppe nach dem Combahee River, an dem 1863 750 schwarze Sklaven unter der Führung von Harriet Tubman befreit wurden (Combahee River Raid). Die Idee war, die Gruppe nicht nach Tubman selbst zu benennen, einer einzelnen Person, sondern nach einer kollektiven Befreiungsaktion.Duchess Harris: of Who I am in the Same Place”: The Combahee River Collective, abgerufen am 17. Januar 2023.

Die Gruppe kam zunächst als Folge der Gründung der National Black Feminist Organization (NBFO) 1972 in New York City zusammen in dem Versuch, eine Bostoner Ortsgruppe der NBFO zu gründen. In den Diskussionen schälte sich jedoch eine eigene, radikalere Identität sowohl mit Blick auf ökonomische Zusammenhänge – die Mitglieder entwickelten eine sozialistische Analyse – als auch in Bezug auf die lesbische Identität der Mitglieder heraus. 1975 beschlossen sie, nicht zur NBFO gehören zu wollen, sondern eine eigene Gruppe zu gründen.

In der Politik Bostons war das Combahee River Collective u. a. engagiert in der Unterstützung Kenneth Edelins, eines afroamerikanischen Arztes am Boston City Hospital, der im Auftrag einer Mutter eine Abtreibung vorgenommen hatte und dafür vor einer weißen, römisch-katholischen Jury angeklagt wurde. Mitglieder des Kollektivs waren auch an dem Fall Ella Ellison beteiligt, einer schwarzen Frau, die wegen Mordes angeklagt war, weil sie in der Nähe war, als ein Mord begangen wurde. Sie unterstützten auch die Third World Workers Coalition. 1979 waren sie führend an der Mobilisierung anlässlich einer Mordserie gegen schwarze Frauen in Boston beteiligt, bei der zwischen dem 28. Februar und dem 30. Mai 1979 zwölf Frauen ermordet wurden. Dabei wiesen sie auf die Kombination von Rassismus und Sexismus als Ursache der Morde hin.Erster und vorletzter Absatz bei Duchess Harris: of Who I am in the Same Place”: The Combahee River Collective, abgerufen am 17. Januar 2023. Zur Mordserie und der Intervention des Collective siehe Terrion L. Williamson: Why Did They Die? On Combahee and the Serialization of Black Death. In: Souls. Band 19, Nr. 3, 2017, S. 328–341 (doi:10.1080/10999949.2017.1389633).

Eine weitere wichtige Aktivität waren die Retreats im amerikanischen Nordosten, die das Kollektiv zwischen 1977 und 1980 abhielt (am 8.–10. Juli 1977; 4.–5. November 1977; 24.–26. März 1978; 21.–23. Juli 1978; 8. Juli 1979; ein weiteres, sechstes Treffen 1979; und das siebte und letzte Treffen am 16.–18. Februar 1980). Dabei kam nicht nur die Bostoner Gruppe zusammen, sondern Frauen auch aus anderen Städten des Nordostens (u. a. Chicago, New York). Bei den Treffen diskutierten die Teilnehmerinnen zu aktuellen Problemen der sozialen Bewegungen und der Politik aus einer feministischen, antirassistischen und lesbischen Perspektive. Sie betrieben Consciousness Raising, entwickelten eine gemeinsame Analyse und diskutierten Publikationen und Publikationsprojekte; es wurde auch gefeiert, gegessen und geflirtet. An den Treffen nahm auch Audre Lorde teil.

Das Kollektiv war zusammengesetzt aus hoch gebildeten schwarzen lesbischen (teilweise auch bisexuellen) Feministinnen. Einige der Mitglieder des Combahee River Collective waren Cassie Alfonso, Cheryl Clarke, Demita Frazier, Gloria Akasha Hull, Audre Lorde, Chirlane McCray, Margo Okazawa-Rey, Sharon Page Ritchie, Barbara Smith und ihre Zwillingsschwester Beverly Smith. Im Combahee River Collective Statement thematisieren die Autorinnen explizit ihre Position nicht nur im allgemeinen rassistischen und kapitalistischen System der Vereinigten Staaten, sondern auch ihre eigene Stellung als hoch gebildete Akademikerinnen:

Combahee River Collective Statement

In heutigen feministischen, antirassistischen und Klimabewegungen ist das Collective vor allem für sein im April 1977 verfasstes Black Feminist Statement bekannt, meist Combahee River Collective Statement genannt. In dem Statement, dem Manifest der Gruppe, definieren die Autorinnen zunächst ihre eigene Stellung als diejenige von schwarzen, lesbischen Frauen, die sowohl in der von weißen Frauen dominierten feministischen Bewegung als auch in der von Männern dominierten antirassistischen Bewegung der USA (v. a. im Schwarzen Nationalismus) bisher marginalisiert wurden. Sie thematisieren die spezifische Position, in der sich schwarze Frauen im rassistischen, sexistischen System der USA wiederfinden und die sich auch von der schwarzer Männer unterscheide. Gleichzeitig definieren sie ihre Position als antikapitalistisch und sozialistisch, fordern aber, dass eine mögliche sozialistische Revolution gleichzeitig auch antisexistisch und antirassistisch sein muss, um auch ihre Befreiung zu garantieren. In diesem Zusammenhang schließen sie sich Karl Marx’ ökonomischer Theorie zwar an, weisen aber auch auf die Notwendigkeit hin, sie um eine Analyse von Rassismus und Sexismus zu erweitern.Combahee River Collective: The Combahee River Collective Statement. In: Keeanga-Yamahtta Taylor (Hrsg.): How We Get Free. Black Feminism and the Combahee River Collective. Haymarket Books, Chicago 2017, S. 15–27, hier S. 19–20 (online).

Um dieses Projekt zu verwirklichen, schlägt das Kollektiv eine Politik vor, die ihre eigenen Erfahrungen in den Mittelpunkt stellt. In diesem Zusammenhang prägt das Combahee River Collective den Begriff „Identitätspolitik“.Lea Susemichel, Jens Kastner: Linke Identitätspolitik. Partikularinteressen versus soziale Verantwortung?, in: Deutschlandfunk, 10. Februar 2019. Sie führen den Begriff folgendermaßen aus:

Die Autorinnen grenzen sich vom in zeitgenössischen feministischen Kreisen diskutierten lesbischen Separatismus und jedem biologistischen Determinismus ab. Dieser schließe „viel zu viele“ Menschen aus.Combahee River Collective: The Combahee River Collective Statement. In: Keeanga-Yamahtta Taylor (Hrsg.): How We Get Free. Black Feminism and the Combahee River Collective. Haymarket Books, Chicago 2017, S. 15–27, hier S. 21 (online). Sie fordern die Zentrierung der Erfahrung schwarzer Frauen gerade deswegen, weil sie zur Befreiung aller führen werde:

Auf den letzten Seiten des Manifests findet sich noch ein Abriss ihrer eigenen Aktivitäten der letzten Jahre.

Im Rückblick stellte Barbara Smith 1994 in einem Interview dazu fest:

Ausgaben des Statements

Combahee River Collective Statement. In: Zillah Eisenstein (Hrsg.): Capitalist Patriarchy and the Case for Socialist Feminism. 1978 (Erstdruck in einer Anthologie). Combahee River Collective: A Black Feminist Statement. In: Gloria T. Hull, Patricia Bell-Scott, Barbara Smith (Hrsg.): But Some of Us Are Brave. Black Women’s Studies. Old Westbury 1982, S. 13–22. Combahee River Collective: The Combahee River Collective Statement. In: Keeanga-Yamahtta Taylor (Hrsg.): How We Get Free. Black Feminism and the Combahee River Collective. Haymarket Books, Chicago 2017, S. 15–27 (online).

Literatur

Keeanga-Yamahtta Taylor (Hrsg.): How We Get Free. Black Feminism and the Combahee River Collective. Haymarket Books, Chicago 2017. Keeanga-Yamahtta Taylor: Until Black Women Are Free, None of Us Will Be Free. Barbara Smith and the Black feminist visionaries of the Combahee River Collective. In: The New Yorker. 20. Juli 2020 (online). Duchess Harris: From the Kennedy Commission to the Combahee Collective: Black Feminist Organizing, 1960–1980. In: Bettye Collier-Thomas, Vincent P. Franklin (Hrsg.): Sisters in the Struggle: African American Women in the Civil Rights Movement. NYU Press, New York 2001. Terrion L. Williamson: Why Did They Die? On Combahee and the Serialization of Black Death. In: Souls. Band 19, Nr. 3, 2017, S. 328–341 (doi:10.1080/10999949.2017.1389633).

Weblinks

Online-Version des Combahee River Collective Statement Duchess Harris: of Who I am in the Same Place”: The Combahee River Collective

Anmerkungen

Kategorie:Feministische Organisation Kategorie:Historische Organisation (Vereinigte Staaten) Kategorie:Vereinsgründung 1974 Kategorie:Organisation (Boston) Kategorie:Geschichte des Feminismus Kategorie:Frauengeschichte (Vereinigte Staaten) Kategorie:Aufgelöst 1980