Heribert Illig (* 1947 in Vohenstrauß in Bayern) ist ein deutscher Publizist und Verleger, der als Vertreter der pseudowissenschaftlichen Chronologiekritik bekannt geworden ist. Seine Thesen zur Existenz von „erfundenen“ Zeiträumen in der Mittelalter-Chronologie werden von der akademischen Geschichtswissenschaft nahezu einhellig abgelehnt und als methodisch unfundiert charakterisiert.

Leben

Illig studierte Germanistik und wurde 1987 an der Universität Bremen mit einer Arbeit über Egon Friedell promoviert. In weiteren Büchern hat Illig Friedells Werk teils ediert, teils kommentiert. Er arbeitete als Systemanalytiker bei einer Bank, bevor er sich hauptberuflich seiner publizistischen Tätigkeit widmete.

Von 1981 bis 1988 war Illig führendes Mitglied der pseudowissenschaftlichen Gesellschaft zur Rekonstruktion der Menschheits- und Naturgeschichte. Er gab von 1989 bis 1994 die Zeitschrift Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart heraus und ist Herausgeber der daraus hervorgegangenen Zeitschrift Zeitensprünge. Er ist ferner Inhaber des Mantis-Verlags in Gräfelfing, in dem unter anderem diese Zeitschrift und Bücher von Illig und Gunnar Heinsohn erscheinen.

Chronologiekritische Arbeiten Seine Werke konzentrieren sich seit vielen Jahren auf die Chronologiekritik. Dabei wandte er sich zunächst der Frühgeschichte zu. Gemeinsam mit Heinsohn arbeitete Illig ebenso zur Geschichte des alten Ägypten, für das sie eine Kürzung von zweitausend Jahren vorschlagen. Demzufolge falle der Bau der Cheopspyramide in das erste vorchristliche Jahrtausend ebenso wie die Megalithkultur. Damit würden sich die Abstände zur Altsteinzeit sowie zu den damaligen Höhlenmalereien untereinander in den Jahrtausendbereich verkürzen. Für das Mittelalter stellte Illig 1991 die bekannter gewordene These auf, dass 297 Jahre der Geschichtsschreibung im Zeitraum September 614 bis August 911 nicht stattgefunden hätten. Illig bezeichnet diese Zeit als Erfundenes Mittelalter (gelegentlich auch: Phantomzeit). Diese Thesen sind wissenschaftlich nicht haltbar.

Rezeption Illigs Thesen zur Chronologiekritik erhielten vornehmlich in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen sowie in Tageszeitungen mediale Aufmerksamkeit. Von Geschichtswissenschaftlern wurden sie u. a. mit dem Verweis auf methodische Fehler als pseudowissenschaftlich abgelehnt und als wissenschaftlich widerlegt bezeichnet.

Nach Illigs Veröffentlichung des Buches Das erfundene MittelalterHeribert Illig: Das erfundene Mittelalter – Die größte Zeitfälschung der Geschichte. Düsseldorf 1996, (). 1996 im Econ Verlag war dessen Inhalt Gegenstand des wissenschaftlichen Interesses und fand Beachtung in mehreren Rezensionen.

Bereits im April 1996 äußerte sich Johannes Fried in der Historischen Zeitschrift und bekräftigte mit dem Hinweis auf gleichzeitige und unabhängig in vielen Quellen auftauchenden Berichte über den Sohn Karls des Großen die Existenz Karls des Großen und bezeichnete Illigs These als „eine in die Irre führende, unzulässige Illusion.“Johannes Fried: Wissenschaft und Phantasie. Das Beispiel der Geschichte. In: Historische Zeitschrift. Band 263, Nr. 2, 1996, S. 291–316, S. 314, ().

Am 1. Oktober 1996 kommentierte Matthias Gräßlin in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Illigs BuchMatthias Grässlin: Dr. Seltsam und die Zeitbombe — Heribert Illig kuriert die Chronologie. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 1. Oktober 1996; S. L31. und wies darauf hin, dass es für Illigs These keine Beweise gebe, sie auf fragwürdigen Methoden beruhe und „historisch wertlos“ sei.Matthias Grässlin: Dr. Seltsam und die Zeitbombe „Eine passable Romanidee, nur ist sie historisch wertlos: Sie basiert auf keinerlei Dokumenten.“ (…) „Auch Illigs bau- und kunstgeschichtliche Argumente wirken zunächst evident und anschaulich, münden aber stets in Milchmädchenrechnungen.“ (…) „Da ihm allerdings die Regeln der methodischen Quellenkritik unvertraut sind, beschränkt er sich entweder auf sehr allgemeine Argumente oder auf punktuelle Beobachtungen, die vor allem das Gebiet der Mathematik oder Astronomie betreffen.“ (…) „Illigs Theorie (…) verwechselt Geschichte mit Logik“. etc. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 1. Oktober 1996.

1997 stellte Illig mehrere Aussagen seiner These zur Erfindung des Frühmittelalters in der Zeitschrift Ethik und Sozialwissenschaften zur Diskussion. Die Äußerungen Illigs zum „erfundenen Mittelalter“ wurden von Fachleuten aus verschiedenen historischen Richtungen betrachtet:Ethik und Sozialwissenschaften. Streitforum für Erwägungskultur (EuS). Heft 4, 1997.

Gerd Althoff legt dar, dass eine Hochkultur mit allen Facetten hätte erfunden werden müssen, wenn Illig recht hätte, und bezeichnet Illigs These als „abstruse Vorstellung“.Gerd Althoff: Kann man eine Hochkultur erfinden? In: EuS. Heft 4, 1997, S. 483. Zudem stellt Althoff die enorme Fälschungsleistung dar, die zur Stimmigkeit der Illigschen These nötig gewesen wäre. Althoff kommt zu dem Schluss, dass die von Illig postulierte Fälschung des Mittelalters unmöglich sei.„Aber es ist müßig, darüber nachzudenken, was eigentlich unmöglicher ist: das Niveau der Kultur zu fälschen, Fälschungen in solcher Größenordnung zu produzieren oder die innere Stimmigkeit der Fälschungen herzustellen. Nicht zufällig verbieten sich Komparativ oder Superlativ von unmöglich schon rein sprachlich. Alle drei Dinge aber sind mit Sicherheit unmöglich.“ Gerd Althoff: Kann man eine Hochkultur erfinden? In: EuS. Heft 4, 1997, S. 484.

Werner Bergmann betrachtet Illigs These in Bezug auf die Komputistik und berechnet die Auswirkungen der Gregorianischen Kalenderreform auf den zum Konzil von Nicaea festgelegten Ostertermin. Dabei weist er nach, dass entgegen Illigs Behauptung keine Zeit fehlt.„Damit gibt es aufgrund der mittelalterlichen Komputistik und des Kalendersystem – neben vielen anderen Argumenten –, daß ein Zeitraum von 3 Jahrhunderten nicht ausgefallen sein kann.“ Werner Bergmann: Osterfestrechnung und Kalender. In: EuS. Heft 4, 1997, S. 485.

Michael Borgolte untersucht Illigs Vorgehensweise, die dem positivistischen Denken des 19. Jahrhunderts verhaftet sei. Illig übersehe die geschichtswissenschaftliche Erkenntnis, dass niemals alle Fakten vollständig gesammelt werden können und dass diese Fakten Erkenntnis nicht aus sich selbst, sondern nur im Zusammenhang mit anderen Fakten ermöglichen. Daher kritisiert Borgolte auch Illigs Anstoß an allen frühmittelalterlichen Begebenheiten, die scheinbar ohne Analogien in ihrer Zeit blieben. Borgolte kommt zu dem Schluss, Illigs Ansätze seien „methodisch verfehlt und wissenschaftlich problematisch“.Michael Borgolte: Vom Staunen über die Geschichte. In: EuS. Heft 4, 1997, S. 486.

Laut Helmut Flachenecker gehe Illig von einer Verschwörungsthese aus, ohne jedoch Verschwörer und Zweck der Verschwörung anzugeben. Auch mangele es Illig an anderen Quellen, die seine These belegen können. Dieser These bliebe daher nur die „wissenschaftliche Selbstaufgabe“.Helmut Flachenecker: Von der Erfindung einer widerspruchslosen Zeit. In: EuS. Heft 4, 1997, S. 488. Flachenecker kritisiert Illigs Fortschrittsgläubigkeit und Hybris, die sich in seiner fehlerhaften Prämisse einer geradlinigen Geschichte zeige,„Wer aber wie Illig annimmt, die Geschichte habe geradlinig zu verlaufen und damit der Hybris der eigenen Gegenwart verfällt, in der besten aller Zeiten zu leben, der hat den Rahmen einer wissenschaftlich redlichen Vorgehensweise eigentlich überschritten.“ Helmut Flachenecker: Von der Erfindung einer widerspruchslosen Zeit. In: EuS. Heft 4, 1997, S. 488. Illigs These sei aufgrund ihrer geschichtstheoretischen Schwäche abzulehnen.

Gunnar Heinsohn hält „eine sorgfältige Prüfung der Illigschen These“ für „unabweislich“ und schlägt vor, Illigs These anhand von Grabungen in Städten mit angenommener Siedlungskontinuität zwischen 600 und 900 zu überprüfen. Zudem führt er weitere Beispiele auf, nach denen Schriftquellen zwischen 500 und 800 abgenommen haben sollen. Er sieht in Illigs These einen Lösungsansatz zur Datierung der Lebensdaten von Moses von Choren. Außerdem spekuliert Heinsohn über mögliche Motive der von Illig postulierten Fälschung.Gunnar Heinsohn: Armenier und Juden als Testfall für die Streichung von drei Jahrhunderten durch Heribert Illig. In: EuS. Heft 4, 1997, S. 490–491.

Theo Kölzer lehnt eine Auseinandersetzung mit Illigs Thesen von vornherein ab, weil er sie für abstrus hält.„Die Anfrage von EuS verwundert mich sehr, denn die Thesen von Herrn Dr. Illig sind so abstrus, daß eine Zeitschrift mit wissenschaftlichem Anspruch Gefahr läuft, sich lächerlich zu machen. An dieser Diskussion werde ich mich jedenfalls nicht beteiligen“. Theo Kölzer: Brief statt Kritik. In: EuS. Heft 4, 1997, S. 491.

Dietrich Lohrmann weist ebenso wie Werner Bergmann Illigs fehlerhaften Berechnungsansatz zur gregorianischen Kalenderreform nach. Er widerlegt die Behauptung, der Bau der Aachener Pfalzkapelle sei voraussetzungslos, und weist Illig Mängel bei der Interpretation von Quellen insbesondere in lateinischer Sprache nach. Lohrmann kritisiert, dass Illig sich nicht mit den Hinterlassenschaften der von ihm in Frage gestellten Zeit, sondern hauptsächlich mit Sekundärliteratur beschäftigt habe.„Illig ist ein eifriger Leser von Sekundärliteratur, guter und weniger guter. Er deckt in ihr mancherlei Ungereimtheiten auf, präsentiert sie mit Geschick und Ironie. Aber die Zeugen der Zeit befragt er nicht.“ Dietrich Lohrmann: Richter über Zeiten und Zeugen. In: EuS. Heft 4, 1997, S. 493.

Jan van der Meulen setzt sich eingehend mit Illigs architekturhistorischen Einlassungen auseinander und weist diese zurück.Jan van der Meulen: Die Grabeskultstätte Saint-Denis. In: EuS. Heft 4, 1997, S. 493ff.

Wolfhard Schlosser überprüft anhand historisch bekannter astronomischer Ereignisse die Stimmigkeit der Illigschen Thesen und kommt zu dem Schluss, dass diese aus astronomischer Sicht nicht haltbar seien.„Summa summarum bleibt aus astronomischer Sicht festzustellen, daß es keinen Grund für eine Abänderung der bewährten Chronologie gibt.“ Wolfhard Schlosser: Astronomie und Chronologie. In: EuS. Heft 4, 1997, S. 507.

Heribert Illig hatte im selben Heft von Ethik und Sozialwissenschaften die Möglichkeit, auf alle genannten Einwände einzugehen und sie auszuräumen.EuS. Heft 4, 1997, S. 507–520.

Ebenfalls 1997 beschäftigte sich die damalige Zeitschrift des Verbandes der Geschichtslehrer Geschichte in Wissenschaft und Unterricht mit Illigs Thesen:Geschichte in Wissenschaft und Unterricht. (GWU), Heft 10, 1997.

Hartmut Boockmann äußerte sich im Editorial zu Illig und bezeichnet Illigs Buch als „offensichtlich unsinnig“ und verweist mit Wilhelm Kammeier auf einen Vorgänger Illigs, der das gesamte Mittelalter als Produkt einer Fälschung betrachtete.GWU. Heft 10, 1997, Editorial.

Rudolf Schieffer äußerte sich in der gleichen Zeitschrift und wies Illig zahlreiche methodische Fehler nach.Ein Mittelalter ohne Karl den Großen, oder: Die Antworten sind jetzt einfach. In: GWU. Heft 10, 1997, S. 611–617.