mini|Franz Seldte (1933) Tobias Wilhelm Franz Seldte (* 29. Juni 1882 in Magdeburg; † 1. April 1947 in Fürth) war ein deutscher Politiker, Unternehmer und Veteran des Ersten Weltkriegs, der als Gründer und Bundesführer des in der Weimarer Republik politisch einflussreichen, rechtsgerichteten Wehrverbands Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten hervortrat, sich 1933 der NSDAP anschloss und von 1933 bis 1945 Reichsarbeitsminister war.
Leben Herkunft und Werdegang Franz Seldte war der Älteste von drei Söhnen des Sodawasserfabrikanten Wilhelm Seldte (1849–1895) und dessen Ehefrau Emma geb. Stutz (um 1855–1938) und wuchs in einer protestantisch-gläubigen Familie auf. Nach der Volksschule besuchte er das Wilhelm-Raabe-Realgymnasium in Magdeburg. Danach absolvierte er eine kaufmännische Lehre und studierte anschließend Chemie in Braunschweig und Greifswald. In Braunschweig wurde er Mitglied im Corps Teutonia-Hercynia Braunschweig.
1906 leistete er seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger in Magdeburg beim Infanterie-Regiment Nr. 66 und wurde Reserveoffizier der preußischen Armee.Seldte, Franz. In: Reichstags-Handbuch. VIII. Wahlperiode, 1933. Herausgegeben vom Büro des Reichstags, Berlin 1933, S. 265 (Digitalisat).Manfred Wille: Im Frühjahr 1907 heiratete er die ein Jahr jüngere Hildegard Martin, mit der er drei Kinder bekam. Nach Studienreisen ins Ausland übernahm Franz Seldte 1908 die Leitung der Seldte & Co. Essenzfabrik in Magdeburg-Sudenburg; sein Bruder Georg Seldte trat als Prokurist in das Familienunternehmen ein. Seit dem frühen Tod des Vaters war die Fabrik zuvor von ihrer Mutter gemeinsam mit dem Prokuristen Ernst Schuhmann geführt worden.
Erster Weltkrieg Ab August 1914 nahm Seldte am Ersten Weltkrieg teil und wurde 1916 in der Schlacht an der Somme als Führer einer Maschinengewehrkompanie schwer verwundet,Deutsche Verlustlisten des Ersten Weltkrieges: Ausgabe 1079 vom 3. August 1916 (Preußen 597), S. 13749 (Infanterie-Regiment Nr. 66, 1. Maschinengewehr-Kompagnie: Ltn. d. R. Franz Seldte – Magdeburg – schwer verwundet). wodurch er den linken Arm verlor.Klaus A. Lankheit: Seldte, Franz. In: Hermann Weiß (Hrsg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich. Fischer, Frankfurt am Main 1998, S. 426 f. (vollst. zit. bei Vollmer, Immaginäre Schlachtfelder (Materialienband, PDF; 877 kB), S. 413). Nach seiner Wiederherstellung kam er 1917 zu der im Vorjahr auf Betreiben General Erich von Falkenhayns gegründeten militärischen Abteilung des Auswärtigen Amtes (MAA) unter Oberst Hans von Haeften.Salvador Oberhaus: Deutsche Propaganda im Orient während des Ersten Weltkrieges (PDF; 500 kB). Dissertation, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf 2002, S. 29 f. Seldte wurde als Frontberichterstatter eingesetzt und führte einen Frontfilm- und Nachrichtentrupp. Er kam dadurch in Kontakt mit Walter Nicolai, dem Leiter der Abteilung III b des Großen Generalstabs, zu dessen Verantwortungsbereich die Kriegsberichterstattung in dieser Zeit gehörte.Walter Frey: Oberst W. Nicolei, Chef des deutschen militärischen Nachrichtendiensts III B im Großen Generalstab (1913–1918). In: Jürgen W. Schmidt (Hrsg.): Geheimdienste, Militär und Politik in Deutschland (= Geheimdienstgeschichte. Bd. 2). Ludwigsfelder Verlagshaus, Ludwigsfelde 2008, ISBN 978-3-933022-55-4, S. 156 ff. Ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz II. und I. Klasse wurde er zum Hauptmann der Reserve befördert. Von Juni bis November 1918 leitete er im Auswärtigen Amt die Auslandsstelle des im Januar 1917 durch von Haeften für Zwecke der Kriegspropaganda geschaffenen Bild- und Filmamtes (BuFA), das jetzt von Major Alexander Grau geführt wurde. Dieser wollte die „überragende Macht des Bildes und des Films als Aufklärungs- und Beeinflussungsmittel“Schreiben des BuFA-Chefs Alexander Grau und des Leiters der Militärabteilung des Auswärtigen Amtes OSL Hans von Haeften vom 4. Juli 1917 an das Kriegsministerium, zitiert nach: Hans-Michael Bock, Michael Töteberg: Das Ufa-Buch. Kunst und Krisen. Stars und Regisseure. Die internationale Geschichte von Deutschlands größtem Filmkonzern. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1992, S. 34. für den Krieg und die deutsche Propaganda nach innen und außen nutzbar machen, war damit aber nur mäßig erfolgreich.
Gründung des Stahlhelm mini|hochkant=0.8|Leitspruch des Stahlhelm Als Gegenreaktion auf die Novemberrevolution in Deutschland gründete Franz Seldte am 25. Dezember 1918 in Magdeburg zusammen mit seinen Brüdern und verschiedenen Regimentskameraden den monarchistisch-nationalistischen Veteranenverband „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“. Das Anliegen der Gruppe brachte Seldte bei einem Vortreffen am 13. November 1918 auf die Formel, „diese Schweinerei von Revolution nicht weiter so hingehen zu lassen“.Hans-Joachim Bieber: Bürgertum in der Revolution. Bürgerräte und Bürgerstreiks in Deutschland 1918–1920 (= Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, Band 28). Christians, Hamburg 1992, ISBN 3-7672-1148-3, S. 174. Ziel war es, den nach Magdeburg heimkehrenden, demobilisierten Soldaten eine Heimstatt zu geben, den Geist der Front in die Heimat zu tragen, die Interessen der Soldaten zu vertreten und am Kampf gegen den Kommunismus-Bolschewismus teilzunehmen.Manfred Wille: Magdeburgs Aufbruch in die Moderne. Magdeburger Kommunalpolitik vom Ausgang des ersten Weltkrieges bis zum Beginn der NS-Diktatur (= Publikationen des Stadtplanungsamtes, Band 39/II). Landeshauptstadt Magdeburg, Magdeburg 1995, S. 15.
Seldte, der schon vor 1914 den Nationalliberalen nahestand, gehörte zum Jahreswechsel 1918/1919 auch zu den prominenten Gründungsmitgliedern des Ortsvereins der DVP, die er 1927 wieder verließ, und war zeitweilig Mitglied des Magdeburger Stadtrates. Bezüglich der Kriegsniederlage behauptete er im Sinne der Dolchstoßlegende, im Weltkrieg sei die Propaganda der Feinde in Deutschland auf offene Ohren getroffen, „so daß schließlich die Heimarmee dem Feldheer in den Rücken gefallen“ sei.
Im Sommer 1919 begann der Stahlhelm mit der Gründung von Ortsgruppen in ganz Deutschland. Am 14. März 1920 fand in Magdeburg der erste „Reichsfrontsoldatentag“ statt, in dessen Verlauf Franz Seldte zum ersten Bundesführer des Stahlhelm gewählt wurde und den bisherigen Vorsitzenden und Mitbegründer, den Magdeburger Rechtsanwalt Gustav Bünger, ablöste.Bestand BArch R 72 („Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten e. V. 1918–1939“), Bibliographische Angaben (erstellt 2007–2011), abgerufen über das EHRI-Portal. Nach dem gescheiterten Kapp-Putsch (den Seldte ablehnte, während unter Stahlhelm-Anhängern auch Sympathien für die Putschisten bestandenDetlef Belau: Der Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten. In: ders.: Naumburg an der Saale 1918 bis 1945. Notizen zur Stadtgeschichte. Onlineveröffentlichung, Stand: 6. Juni 2010, abgerufen am 8. August 2020.) und der Auflösung rechtsgerichteter Einwohnerwehren und Freikorps nutzte Seldte den hieraus resultierenden Mitgliederzustrom, um den Stahlhelm zu einem paramilitärisch organisierten Wehrverband umzubauen.Andreas Wirsching: Vom Weltkrieg zum Bürgerkrieg? Politischer Extremismus in Deutschland und Frankreich 1918–1933/39. Berlin und Paris im Vergleich. Oldenbourg Verlag, München 1999, S. 311. Zwei Jahre später hatte der Bund bereits über 100.000 Mitglieder. Bis 1924 wurden ausschließlich Weltkriegsteilnehmer aufgenommen.Steffen Raßloff: Flucht in die nationale Volksgemeinschaft. Das Erfurter Bürgertum zwischen Kaiserreich und NS-Diktatur (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Kleine Reihe, Band 8). Böhlau, Köln/Weimar 2003, ISBN 3-412-11802-8, S. 253.
Programmatisch wandte sich der Stahlhelm nicht mehr an den klassischen Veteran von 1870/71, sondern den politisierten Frontsoldaten des Weltkriegs, und grenzte sich durch die praktische Ausrichtung auf die Interessen der Mitglieder von den auf Traditionspflege und Geselligkeit bedachten Kriegervereinen alten Stils ab, auch wenn Doppelmitgliedschaften häufig waren. Im Vordergrund der Verbandssatzung stand die wirtschaftliche und politische und wenn nötig auch militärische Selbsthilfe. Politische Ziele waren die Revision des Versailler Vertrages, die Beseitigung des Weimarer Parlamentarismus und die Wiederaufrichtung eines autokratisch-autoritären Staatswesens mit einer „starken Regierung“.
Nominell überparteilich und mit dem Anspruch errichtet, als Organisation aller Kriegsteilnehmer die neue republikanische Staatsform anzuerkennen und radikale politische Strömungen zu bekämpfen,Aussage von Theodor Gruß (Bundeskämmerer des Stahlhelms von 1919 bis zur Auflösung 1935) als Zeuge im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vom 13. August 1946. stand der Stahlhelmbund tatsächlich von Beginn an in eindeutiger Opposition zum politischen System der Weimarer Republik.Burkhard Asmuss (DHM): Der "Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten". In: Lebendiges Museum Online, Stand: 14. September 2014. Am 16. Januar 1922 fand im Kristall-Palast Magdeburg die erste Reichsgründungsfeier statt, die der Verband in Erinnerung an die Kaiserproklamation von 1871 anstelle des Verfassungstags am 11. August, des Jahrestags der Unterzeichnung der Weimarer Verfassung, bis 1932 in Magdeburg beging. Trotz einer demokratischen Mitgliederverfassung, nach der die Führer von den Mitgliedern gewählt wurden, und gewisser sozialegalitärer Elemente der Ideologie, die das soldatische Gleichheitsideal betonten und eine begrenzte Attraktivität über das national eingestellte Bürgertum hinaus erklären, positionierte sich die Vereinigung während der 1920er Jahre zunehmend antidemokratisch und antirepublikanisch.Marcus Weidner: Seldte, Franz. In: ders.: Die Straßenbenennungspraxis in Westfalen und Lippe während des Nationalsozialismus. Datenbank der Straßenbenennungen 1933–1945. Münster 2013 ff. Internet-Portal „Westfälische Geschichte“ des LWL, Stand: 11. April 2019. Der als DVP-Mitglied prinzipiell verfassungstreue Seldte besaß ausgezeichnete Verbindungen zur Reichswehr und zu anderen antirepublikanischen Parteien und Organisationen und hoffte, er selbst und seine Organisation könnten die Führung des nationalkonservativen Lagers übernehmen.
Intern kam es allerdings zu andauernden Auseinandersetzungen mit dem stellvertretenden Bundesführer Theodor Duesterberg, der im Kaiserreich ein ranghoher Offizier im Kriegsministerium gewesen und 1919 in Halle (Saale) zum Stahlhelm gestoßen war. Er war Wahlkreisgeschäftsführer der DNVP und verlagerte seine Aktivitäten 1923 in die Hallenser Ortsgruppe des Stahlhelm, die er zum Kern eines völkisch-nationalen Flügels der Organisation ausbaute und vor allem in Mitteldeutschland einen beachtlichen Zuwachs an Mitgliedern für den Bund erzielte. Es gelang ihm gegen Bedenken aus dem liberalkonservativen Stahlhelmflügel unter Seldte, einen antisemitischen Arierparagraphen in die Satzung einzubringen, der jüdische Veteranen von der Mitgliedschaft im Stahlhelm ausschloss.Ehr und Wehr. In: Der Spiegel 42/1967 (9. Oktober 1967), S. 80–84 (Besprechung zu Volker R. Berghahn: Der Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten, Düsseldorf 1966). Anm.: Berghahn behandelt den 1924 beschlossenen „Arierparagraphen“, der jüdische Stahlhelm-Mitglieder zum Austritt zwang, auf S. 65 f. Einzelne Ortsgruppen des Stahlhelm nahmen auch 1926 noch jüdische Mitglieder auf, wie ein Bericht im Organ des RjF aus diesem Jahr belegt (Der Schild Nr. 21, 22. Mai 1926). Ab 1924 amtierte Franz Seldte als 1. Bundesführer des Stahlhelm,Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften: Seldte, Franz. Steckbrief zur Online-Edition der Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik, abgerufen am 8. August 2020. Duesterberg als 2. Bundesführer.
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