mini|hochkant|Mary Freiin von Vetsera (1887)

Marie Alexandrine Freiin von Vetsera, genannt Mary (* 19. März 1871 in Wien; † 30. Jänner 1889 auf Schloss Mayerling), war eine österreichische Adelige und Geliebte des Kronprinzen Rudolf von Österreich-Ungarn.

Leben Mary Vetsera war das dritte von insgesamt vier Kindern des aus Preßburg stammenden Diplomaten Albin Johannes Ritter von Vetsera (1825–1887),Marys Großvater war der Stadthauptmann von Preßburg Bernhard von Vetsera (* 1796, † 1870). der 1867 als Ritter in den Adels- und 1870 in den Freiherrenstand erhoben worden war, und seiner Gattin Helene geborene Baltazzi (1847–1925), die aus einer der reichsten griechischen Familien stammte.

Im Jahre 1880 bezogen die Vetseras mit ihren vier Kindern ein herrschaftliches Palais (das Palais Salm-Vetsera) in der Salesianergasse 11 im 3. Wiener Gemeindebezirk Landstraße. Helene von Vetsera führte hier ein großes Haus und gab in der Faschingssaison Bälle. Obwohl die Vetseras zur „Zweiten Gesellschaft“ zählten, waren sie um Kontakte in die höchsten adeligen Kreise bemüht; so besuchten auch Mitglieder der Hofgesellschaft ihre opulenten Bälle, obgleich sie die neuadlige und neureiche Familie nie als gleichwertig anerkannten.

mini|hochkant|Mary Vetsera (rechts) und ihre beste Freundin Gräfin Marie Larisch von Moennich; diese ließ das Foto für den Kronprinzen aufnehmen, unmittelbar bevor sie ihm Mary in der Hofburg vorstellte.

Wie viele Mädchen damals schwärmte Vetsera für Kronprinz Rudolf, den sie 1888 bei einem Pferderennen in der Galopprennbahn Freudenau gesehen, möglicherweise auch kennengelernt hatte. Dabei hatte Gräfin Marie Larisch, eine Cousine Rudolfs und Affäre ihres Onkels Heinrich Baltazzi, ihre Hand im Spiel. Vetseras Französischlehrer und Vertrauter Gabriel Dubray schrieb in einem Artikel im Pariser Le Matin, dass sich nach diesem Treffen Benehmen und Stimmung des Mädchens auffallend verändert hätten; sie habe vom Kronprinzen mit großer Begeisterung gesprochen. Vetsera las täglich die Berichte der Klatschpresse, sammelte Fotos und zog Erkundigungen ein. Als ihre Mutter diese Schwärmerei bemerkte, unternahm sie zur Ablenkung mit ihrer Tochter eine Englandreise.Robert Seydel: Die Seitensprünge der Habsburger. Carl Ueberreuter, Wien 2005, ISBN 3-8000-7038-3, S. 104–110. Nach einem Briefwechsel nahm Gräfin Larisch ihre Freundin in den ersten Novembertagen 1888 erstmals zu einem Besuch beim Kronprinzen in die Wiener Hofburg mit, dem bis zum 28. Jänner noch ca. 20 weitere Treffen folgten. Diese geheimen Besuche wurden von Rudolfs Leibfiaker Josef Bratfisch, Gräfin Larisch und der Zofe Vetseras, Agnes Jahoda, unterstützt. Ein Aktporträt Vetseras von einem unbekannten Maler, das heute zur Sammlung des Wiener Hofmobiliendepots gehört, dürfte auf einen Wunsch Rudolfs zurückgehen.commons.wikimedia.org.

Schon die fünfzehnjährige Mary wurde von der Wiener Salonnière Nora Fugger, welcher sie im Frühjahr 1886 beinah den Bräutigam ausgespannt hätte, als „verführerische kleine Nixe“ bezeichnet.Fürstin Nora Fugger: Im Glanz der Kaiserzeit. Amalthea, Wien 1932, Neuauflage Meistersprung Verlag 2016, ISBN 3-85002-132-7, S. 118: „Es fehlte nicht viel und mein lieber Vetter wäre der verführerischen kleinen Nixe ins Garn gelaufen, doch so weit kam es nicht. Reumütig kehrte er zu mir zurück und die Versöhnung fand darin ihren schönen Abschluß, daß ich mich mit ihm verlobte.“ Nora Fugger war mit Hanna Vetsera, Marys Schwester, befreundet und kannte beide seit ihrer Kindheit. In ihren Memoiren schrieb sie: „Der Kronprinz wurde bei einem Rennen im Frühjahr 1888 auf Mary aufmerksam, lernte sie jedoch damals nicht kennen, scheint aber auf ihr Augenspiel gleich eingegangen zu sein, was ihr ganz den Kopf verdrehte. Bald darauf hat sie den Kronprinzen in der Oper gesehen, wobei sie durch ihr Benehmen, en face der Hofloge, ihre Gefühle so deutlich erkennen ließ, daß ihr der Kronprinz dann auch mittels Opernglases seine Aufmerksamkeit zuwendete.“ Der späteren Denkschrift von Marys Mutter zufolge wäre es Mary jedoch niemals möglich gewesen, aus ihrer Schwärmerei eine ernste Liebesaffäre zu machen. Nora Fugger fährt fort: „Sie war wohl für ihr Alter avanciert; doch es fehlte ihr an Routine und Courage, um sich allein die Möglichkeit zu intimen Zusammenkünften mit dem Kronprinzen zu schaffen.“ Marys Mutter zufolge sei es Marie Larisch gewesen, die im Auftrage des Kronprinzen die Begegnungen arrangierte. Der Kronprinz habe auch einmal die Wohnung des Generaldirektors der Länderbank, Eduard Palmer, für ein Rendezvous genutzt.Nora Fugger: Im Glanz der Kaiserzeit. Amalthea, Wien 1932, Neuauflage Meistersprung Verlag 2016, S. 129.

Bereits einige Tage vor der Tat soll Mary Vetsera versucht haben, sich in Mayerling Zutritt zum Schloss zu verschaffen, was ihr jedoch nicht gelungen sei, da der Kronprinz auf der Jagd gewesen und sie von zwei als Schloßbedienstete auftretenden Detektiven der Staatspolizei, die den Kronprinzen beschatteten, abgewiesen worden sei.Nora Fugger: Im Glanz der Kaiserzeit. Amalthea, Wien 1932, Neuauflage Meistersprung Verlag 2016, S. 130.

Am 28. Jänner 1889 traf Rudolf gegen 15:30 Uhr in seinem Jagdschloss in Mayerling ein, Vetsera wurde wenig später von Leibfiaker Bratfisch nach Mayerling kutschiert. Die Nacht vor der Abreise hatte der Kronprinz noch bei seiner Geliebten Mizzi Kaspar verbracht. Der Polizeiagent Florian Meissner, der für Rudolfs Überwachung zuständig war, gab zu Protokoll: „Montag, den 28/1. 1889 war bei Mizzi bis 3 Uhr morgens, trank sehr viel Champagner, gab dem Hausmeister zehn Gulden Sperrgeld. Als er sich von Mizzi empfahl, machte er ganz gegen seine Gewohnheit ihr an der Stirne das Kreuzzeichen. Von Mizzi fuhr er (direct?) nach Mayerling.“Friedrich Weissensteiner: Frauen um Kronprinz Rudolf. Kremayr & Scheriau, Wien 1991, ISBN 3-218-00534-5.Robert Seydel: Die Seitensprünge der Habsburger. Carl Ueberreuter, Wien 2005, S. 104–109-110.

mini|Abschiedsbrief von Vetsera an ihre Mutter

Zu Ursachen und Hergang der Tat gibt es unterschiedliche Theorien. Die Behauptung, dass Rudolf die Beziehung zu Vetsera vor allem deshalb einging, weil sie ihm als geeignete Partnerin für seine Pläne eines erweiterten Suizids erschien, lässt sich nicht beweisen.Ilsebill Barta (Hrsg.): Kronprinz Rudolf – Lebensspuren (= Publikationsreihe der Museen des Mobiliendepots. Band 26). Hofmobiliendepot – Möbel-Museum Wien, Wien 2008, S. 35 ff. Dass sie jedoch in den Suizid einwilligte, ist durch ihre Abschiedsbriefe erwiesen, die 2015 in der Schoellerbank wiederentdeckt wurden. An ihre Mutter schrieb sie: „Ich konnte der Liebe nicht widerstehen. In Übereinstimmung mit Ihm will ich neben Ihm im Friedhof von Alland begraben sein. – Ich bin glücklicher im Tod als im Leben.“ Österreichische Nationalbibliothek, abgerufen am 8. April 2023.

Der Kammerdiener Johann Loschek berichtete später von einem der Tat vorangegangenen langen Gespräch: „Ich hörte die ganze Nacht über Rudolf und Vetsera in sehr ernstem Tone sprechen. Verstehen konnte ich es nicht. 5 Minuten vor 1/4 Sieben Uhr früh kam Rudolf vollständig angezogen zu mir in das Zimmer heraus und befahl mir, einspannen zu lassen. Ich war noch nicht im Hof draußen, als ich zwei Detonationen hörte, ich lief sofort zurück, der Pulvergeruch kam mir entgegen, ich stürmte zum Schlafzimmer, doch es war entgegen der Gewohnheit… abgesperrt.“Volltext der Loschek-Denkschrift. In: mayerling.de, abgerufen am 8. April 2023.

Nach dem Auffinden der beiden Leichen am Morgen des 30. Jänner wurde ein kaiserliches Ärztekollegium nach Schloss Mayerling entsandt, das bei Vetsera Selbstmord durch einen Kopfschuss aus nächster Nähe konstatierte. Die Tatsache, dass der Kronprinz sie vor seinem Selbstmord erschossen haben sollte, musste zur Ehrenrettung der Dynastie verschleiert werden. Lange Zeit umstritten war die Schussrichtung: Laut der Denkschrift des Grafen Josef Hoyos, der als einziger Übernachtungsgast in Mayerling anwesend war und am nächsten Morgen die verschlossene Tür aufbrechen ließ, habe die Kommission festgestellt, dass die tödliche Kugel im rechten oberen Schädelbereich eingedrungen und hinter dem linken Ohr wieder ausgetreten sei. Laut der Denkschrift von Marys Mutter soll es hingegen umgekehrt gewesen sein, was es ausgeschlossen erscheinen ließe, dass die Rechtshänderin selbst die Waffe abfeuerte.Ergebnisse der gerichtsmedizinischen Untersuchungen an der exhumierten Leiche. Dargestellt in der Dokumentar-Fernsehsendung „Der Fall Rudolf“ (Österreich 2006) auf 3sat am 8. April 2012. Hoyos begab sich noch am Vormittag per Eilzug nach Wien und informierte persönlich die Kaiserin, diese sodann den Kaiser.Nora Fugger: Im Glanz der Kaiserzeit. S. 137−140.

Mary Freiin von Vetseras Leiche wurde, um kein Aufsehen zu erregen, sitzend und in eine grüne Mohair-Decke gewickelt in der Kutsche des k.u.k. Leibarztes Franz Auckenthaler abtransportiertSüdtiroler Kulturgüterportal: Decke / Überwurf (mit Abbildung und Beschreibung). und in den Morgenstunden des 1. Februar auf dem Ortsfriedhof von Heiligenkreuz beerdigt. Ihre Mutter ließ ihr dort eine Gruft errichten, in die Mary Vetsera am 16. Mai in einem Prunksarg aus Kupfer umgebettet wurde. 1925 stand für die Erhaltung des Grabes nur noch ein Fonds von zehn Kronen zur Verfügung.

Abschiedsbriefe Mary Vetsera hinterließ drei Abschiedsbriefe an ihre Mutter Helene, ihre Schwester Hanna und ihren Bruder Franz Albin („Feri“), geschrieben auf Briefpapier von Schloss Mayerling. Die Briefe an Mutter und Bruder sind kurz, der an die Schwester ist ausführlich und auf „Dienstag, den 29.“ (29. Jänner 1889) datiert.Katrin Jilek: „Ich konnte der Liebe nicht wiederstehen“. Forschungsblog der Österreichischen Nationalbibliothek, 19. September 2019, abgerufen am 24. September 2026. Ihre Mutter zitierte daraus in einer Denkschrift, mit der sie die Familie rehabilitieren wollte. Nach Helene Vetseras Tod 1925 verbrannte ihre Schwiegertochter Margit Vetsera diese Denkschrift, damit sie nicht „in die falschen Hände“ gelange. Man nahm an, dass damals auch die Originalbriefe vernichtet worden waren.Abschiedsbriefe von Mary Vetsera gefunden. In: wien.orf.at, 31. Juli 2015, abgerufen am 8. April 2023.Sensationsfund in der Schoellerbank: Österreichische Nationalbibliothek erhält verloren geglaubte Abschiedsbriefe von Mary Vetsera. Österreichische Nationalbibliothek, Pressemeldung vom 31. Juli 2015, abgerufen am 8. April 2023.

Tatsächlich hatte 1926 eine unbekannte Person einen braunen Ledereinband mit den Initialen „HV“ in der Wiener Schoellerbank hinterlegt. Die Archivarin der Bank, Sylvia Linc, fand ihn 2015 bei einer Archivrevision im Tresor. Neben den drei Abschiedsbriefen enthielt er unter anderem ein Kuvert mit den Siegeln des Kronprinzen, Tauf- und Totenscheine, Fotografien sowie einen bis dahin unbekannten Brief von Marys Klavierlehrerin Hermine Tobis an Hanna Vetsera, der über die Beziehung zu Rudolf berichtet. Die Schoellerbank übergab die Dokumente der Österreichischen Nationalbibliothek als Dauerleihgabe; diese bezeichnete den Fund als „Sensationsfund“. Ausgewählte Stücke wurden 2016 in der Ausstellung der Nationalbibliothek zum 100. Todestag von Kaiser Franz Joseph I. gezeigt. Der Journalist Georg Markus war an der Prüfung der Dokumente beteiligt.Georg Markus: Apropos Gestern. Meine Geschichten hinter der Geschichte. Amalthea Signum, Wien 2015, ISBN 978-3-99050-004-0, S. 287–291.

Grabschändung, Grabraub mini|hochkant|Vetseras Grab (2014)