mini|hochkant=1.7|Tätigkeitsgebiet des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) war eine nationalsozialistische Organisation, die im Juli 1940 zunächst zur Erfassung von jüdischem Archiv- und Buchmaterial gegründet wurde und während des Zweiten Weltkriegs systematisch Kunst- und Kulturgüter aus besetzten Ländern raubte. Unter der Leitung des NS-Parteiideologen Alfred Rosenberg und des von ihm geführten Außenpolitischen Amtes der NSDAP (APA) diente der ERR sowohl ideologischen als auch materiellen Zielen.

Entstehung mini|Bücherlager des ERR, Riga, November 1943 Offizielle Ausgangsbasis des ERR war das Projekt der „Hohen Schule“, die als „zentrale Stätte der nationalsozialistischen Forschung“ geplant war.Ernst Piper: Alfred Rosenberg – der Prophet des Seelenkrieges. Der gläubige Nazi in der Führungselite des nationalsozialistischen Staates. In: Michael Ley, Julius H. Schoeps (Hrsg.): Der Nationalsozialismus als politische Religion. Bodenheim bei Mainz 1997, ISBN 3-8257-0032-1, S. 122. Rosenberg wollte sein Forschungsinstitut mit dem Material der Gegner der nationalsozialistischen Weltanschauung füllen. Nach der Niederlage Frankreichs erkannte Georg Ebert vom Außenpolitischen Amt der NSDAP, dass große Bibliotheken in Paris – darunter die der Freimaurerloge Grand Orient de France – zurückgelassen worden waren. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass jüdische Institutionen in Paris zusammengebrochen waren. Der Parteiideologe Alfred Rosenberg schlug am 18. Juni 1940 über Martin Bormann Hitler vor, diese Bibliotheken zu beschlagnahmen. Währenddessen entdeckten die Besatzungskräfte große Mengen an Kunst und kulturellen Schätzen, die in französischen Gebäuden zurückgelassen worden waren. Mit Hitlers Zustimmung wurde der ERR zwischen Juni und Juli 1940 eingerichtet.Donald E. Collins, Herbert P. Rothfeder: The Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg and the Looting of Jewish and Masonic Libraries during World War II. The Journal of Library History, Vol. 18, Nr. 1, 1983, S. 24 f. Da man bald auch zurückgelassene private Bibliotheken beschlagnahmen wollte, teilte Wilhelm Keitel für das Oberkommando der Wehrmacht der Militärverwaltung in Paris mit, dass Übereignungen an den französischen Staat nach der Kriegserklärung Frankreichs vom 1. September 1939 gegenstandslos und rechtsunwirksam seien. Damit war der traditionelle Kunstschutz ausgehebelt und es wurde klar, dass es um rücksichtslose Ausplünderung ging.Ernst Piper: Alfred Rosenberg – Hitlers Chefideologe. Allitera Verlag, 2015, ISBN 978-3-86906-693-6, S. 416. Der ERR war während des Krieges in allen besetzten Staaten als Wehrmachtsgefolge aktiv und wurde bei der Auffindung und Beschlagnahmung von Gestapo und Sicherheitskräften unterstützt.Donald E. Collins, Herbert P. Rothfeder: The Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg and the Looting of Jewish and Masonic Libraries during World War II. S. 26. Erst danach entstand die Führungsorganisation in Berlin als Unterabteilung des Amtes III des APA. Da der ERR in den besetzten Gebieten tätig werden sollte, wurde er als Wehrmachtsgefolge der Wehrmacht zugeordnet, so dass er die Feldpolizei bei Beschlagnahmungen und die Möglichkeiten der Wehrmacht für den teils frontnahen Transport und die Kommunikation nutzen konnte.Donald E. Collins, Herbert P. Rothfeder: The Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg and the Looting of Jewish and Masonic Libraries during World War II. The Journal of Library History, Vol. 18, Nr. 1, 1983, S. 26.

Nach dem Westfeldzug 1940 stießen die Mitarbeiter des ERR bei der Suche nach Büchern und Archivmaterial vor allem in Frankreich und den Benelux-Ländern auf umfangreiche Bestände von Kunstgegenständen aus jüdischem Eigentum. Die deutsche Botschaft in Paris und SS-Einsatzkommandos der Geheimen Feldpolizei begannen sofort nach der Besetzung, aus bekannten Sammlungen und Galerien die wertvollsten Bilder zu rauben. Rosenberg und seine Organisation wollten an diesen Raubzügen beteiligt werden. Rosenberg gelang es, von Hitler die Vollmacht zu erhalten, als einzige Kunstrauborganisation in den besetzten Ländern wirken zu können. Die Nationalsozialisten waren derart darauf fixiert, sich wertvolle Kunstwerke anzueignen, dass der NS-Kunstraub das wichtigste Arbeitsfeld des ERR wurde. Daneben wurden viele Bibliotheken geraubt, die den genannten Studien dienen sollten, so für das einzurichtende Institut zur Erforschung der Judenfrage in Frankfurt am Main, vor allem aber für die Bibliothek der „Hohen Schule“.

Zwischen 1940 und 1945 war der ERR erst in Frankreich, den Benelux-Ländern, dann in Polen und Griechenland, im Baltikum, auf dem Gebiet der Sowjetunion im Reichskommissariat Ostland sowie Reichskommissariat Ukraine und in Italien tätig. Der Einsatzstab verfügte über acht regionale Haupteinsatzgruppen und zunächst fünf fachlich gegliederte „Sonderstäbe“ (Musik, Bildende Kunst, Vorgeschichte, Bibliotheken, Kirchen). Die Raubzüge des ERR waren verbunden mit der Deportation der ausgeraubten Menschen in Konzentrationslager, die sie zumeist in den Tod führte.

Der Machtkampf zwischen Rosenberg und Göring Alfred Rosenberg, der Leiter des ERR, galt als ideologischer Vordenker, aber als ineffektiver Organisator mit begrenztem Einfluss. Nachdem der ERR erste große Sammlungen von Kunstwerken beschlagnahmt hatte, wollte Rosenberg diese nach Deutschland transportieren lassen. Doch der Militärbefehlshaber Frankreichs in Paris verweigerte dies und untersagte kurzerhand den Abtransport. In dieser Situation griff Hermann Göring ein.

Göring, der zweitmächtigste Mann im NS-Staat, war entschlossen, sich an den geraubten Schätzen in den besetzten Gebieten zu bereichern. Als Oberbefehlshaber der Luftwaffe verfügte er über eigene Soldaten, Transportmittel und Devisenschutzkommandos in Paris. Diese Ressourcen setzte er ein, um den ERR bei der Plünderung und dem Transport der Kunstwerke zu unterstützen – im Gegenzug bestand er darauf, die wertvollsten Stücke zuerst auszuwählen. Um seinen Einfluss weiter zu sichern, brachte Göring heimlich ERR-Personal auf seine Seite. So zeigte sich der Leiter des ERR in Frankreich, Kurt von Behr, besonders bemüht, Görings Wünsche zu erfüllen. Göring wiederum unterstützte von Behr bei Konflikten mit Rosenberg.

Auch der Berliner Leiter aller Sonderstäbe, Gerhard Utikal, war Göring gegenüber loyal und handelte oft gegen die Interessen seines Vorgesetzten Rosenberg. Göring beschaffte zusätzliches Fachpersonal für den ERR, indem er Heeresangehörige zur Luftwaffe versetzte und nach Paris abkommandierte. So kamen der Kunsthistoriker Günther Schiedlausky und der Fotograf Karl Kress zum ERR – beide standen Göring in erster Linie zur Verfügung.

Ein besonders wichtiger Verbündeter Görings wurde der junge Kunsthistoriker Bruno Lohse. Ursprünglich als Gefreiter der Panzerjäger in Ostpreußen stationiert, wurde Lohse für einen Monat zum ERR nach Paris abgeordnet. Dort beeindruckte er Göring mit seinem Fachwissen über niederländische Maler des 17. Jahrhunderts. Göring bot Lohse daraufhin an, dauerhaft für ihn zu arbeiten und seine Interessen im ERR zu vertreten. Lohse wurde stellvertretender Leiter des Sonderstabes Bildende Kunst in Paris, wechselte zur Luftwaffe und bereitete regelmäßig Ausstellungen mit geraubten Kunstwerken für Göring vor.

Zwischen 1941 und 1942 reiste Göring etwa 20-mal mit seinem Sonderzug nach Paris. Bei diesen Besuchen nahm er die für ihn ausgewählten Kunstwerke in angehängten Waggons direkt mit nach Deutschland. Zudem beauftragte er Lohse, gezielt Gemälde auf dem Kunstmarkt zu beschaffen. Lohse war vollständig mit Aufgaben für Göring ausgelastet und handelte fast ausschließlich in dessen Auftrag, ohne sich an die Weisungen der ERR-Leitung zu halten.James Plaut, Angehöriger der US-amerikanischen Art Looting Investigation Unit, die für den Nürnberger Prozess den Kunstraub aufklärte, beschrieb 1946 in dem Magazin Atlantic Monthly die Rolle des Einsatzstabs mit dem Satz „A Goering Show under the Rosenberg Flag“. s. unter Weblinks James Plaut: Loot for the Master Race in Atlantic Monthly September 1946 Eingesehen am 4. Februar 2021.

Chronik mini|hochkant=1.5|Markierungsstempel des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg Mit Führerbefehl vom 5. Juli 1940 ermächtigte Adolf Hitler den ERR: alle wertvoll erscheinenden Kulturgüter des so genannten „herrenlosen jüdischen Besitzes“ zu erfassen und zu beschlagnahmen, die Staatsbibliotheken und Archive nach Schriften zu durchsuchen, die für das nationalsozialistische Deutschland wertvoll seien, die Kanzleien der Kirchenbehörden und Logen nach gegen Deutschland gerichteten Vorgängen zu durchforschen und das Material sicherzustellen.

Am 17. September 1940 bevollmächtigte Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel im Auftrage Hitlers den ERR, „jeglichen herrenlosen Kulturbesitz sicherzustellen“.Jonathan Petropoulos: Kunstraub und Sammelwahn. Kunst und Politik im Dritten Reich. Berlin 1999, S. 168.

Im Juli 1940 wurde der ERR Frankreich, Dienststelle Westen, unter Kurt von Behr in Paris eingerichtet. Das Zentralamt des ERR befand sich neben dem Amt Rosenberg und Außenpolitischen Amt der NSDAP in der Margaretenstraße 18 in Berlin.Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 489. Der ERR war keine staatliche Einrichtung, sondern eine Unterorganisation der NSDAP.Abweichend davon nennt eine westdeutsche Verordnung von 1965 allerdings das Reichsministerium, also ein staatliches Organ, als Träger der Dienststelle Westen, wobei an dem Kunst- und Möbelraub (sog. M-Aktion) demnach weitere Stellen „des Reichs“ als die D. W. beteiligt waren (Quelle).

Rosenberg hatte auch den Auftrag zur Gründung und Einrichtung der Hohen Schule der NSDAP. Sie sollte die zentrale Stätte der NS-Forschung, Lehre und Erziehung werden. Für den Bestand der künftigen Zentralbibliothek unternahm der ERR einen systematischen Bücherraub in überwiegend jüdischen Bibliotheken in Paris, Brüssel, Amsterdam, Prag oder Wien.Evelyn Adunka: Der Raub der Bücher. Über Verschwinden und Vernichten von Bibliotheken in der NS-Zeit und ihre Restitution nach 1945. Czernin Verlag, Wien 2002. Rosenberg ließ auch jüdische und freimaurerische Bibliotheken beschlagnahmen, um Kenntnisse über den Gegner zu gewinnen.Siehe hierzu Führerbefehl vom 5. Juli 1940. Als die Beschlagnahmekommandos in Frankreich unterwegs waren, entdeckten die Verantwortlichen, dass es sehr große Mengen von Kunstgut gab, deren man habhaft werden konnte. Daher wurde der Kompetenzbereich des Kommandos ERR auf die Beschlagnahme sämtlichen Kunst- und Kulturgutes erweitert.Siehe auch Keitelbefehl vom 17. September 1940. Von April 1941 bis Juli 1944 brachten 29 Transporte beschlagnahmte Werke aus Paris nach Deutschland, wo der ERR im Schloss Neuschwanstein sein Hauptdepot unterhielt.

Länderaktivitäten Frankreich (ab 1940) mini|Tafel am Jeu de Paume in Paris, das vom Herbst 1940 bis zum Sommer 1944 dem Amt Westen des ERR als Zwischenlager und Ausstellungsgebäude diente An über 50 verschiedenen Orten in Frankreich wurden Kunstgegenstände konfisziert, und anschließend im Museum Jeu de Paume in sieben Ausstellungen gezeigt. Damit sollte auch Alfred Rosenberg und Hermann Göring, mit dem der ERR in Paris eng zusammenarbeitete, ein Überblick über die wertvollsten Gegenstände dargeboten werden. Die beschlagnahmten Bibliotheken, darunter die „Polnische Bibliothek“, die „Turgenjew-Bibliothek“ und die Bibliotheken zahlreicher Pariser Logen, sollten der Zentralbibliothek der ‚Hohen Schule der NSDAP‘ zugutekommen. Laut Arbeitsbericht umfassen die Beschlagnahmungen 21.903 Objekte aus 203 Sammlungen.