Unter Antijudaismus im Neuen Testament (NT) versteht man eine judenfeindliche Einstellung, die hinter manchen neutestamentlichen Aussagen vermutet wird (zum Beispiel ; ; ). Da die meisten NT–Schriften von Juden verfasst wurden, geht es hier um einen jüdischen Antijudaismus, also um eine Judenfeindschaft von Juden(christen).
Wer den „Antijudaismus“ vertritt, ist ein „Antijudaist“, was aber keinen Bezug hat zu (und auch nicht das Gegenteil ist von) einem Fachmann für Judaistik. Ebenso wenig besteht ein Bezug zu einem Judaisierer; das war ein Judenchrist, der aus der Sicht des Paulus streng am jüdischen Gesetz festhalten wollte und das Gleiche auch von Heidenchristen verlangte.
Einschätzung einzelner Aussagen
Konflikte zwischen Juden und Judenchristen als Hintergrund Aufgrund der Wirkungsgeschichte solcher negativer Aussagen wurden deren Entstehung und deren Absicht seit 1945 zum besonderen Forschungsthema. Diskutiert wird, ob und wieweit solche Aussagen das Judentum kollektiv ablehnen und somit prinzipielle Judenfeindlichkeit ausdrücken. Dabei ist mit zu bedenken, dass die Autoren der NT–Schriften „in der Mehrzahl gebürtige Juden“ warenPeter Schäfer: Kurze Geschichte des Antisemitismus. 2022, S. 44. und sich als Teil des Volkes Israel verstanden. Außerdem wird die positive Grundaussage des NT zum Judentum beachtet, erkennbar etwa in oder in . Während der Entstehung der Schriften des NT kam es zur erzwungenen Trennung der Judenchristen vom rabbinischen Judentum.Werner Bergmann: Geschichte des Antisemitismus. 2020, S. 9, spricht vom „konflikthaften Ablösungsprozess der frühen Christen vom Judentum“. Es kam „zu heftigen Reaktionen im Umfeld der Synagogen“:Mischa Meier: Die neronische Christenverfolgung und ihre Kontexte (= Schriften der Philosophisch-historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Band 62). Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2021, S. 24. Schon zu Beginn der Jesusbewegung verfolgte der Jude Saulus die Christen (); nach seiner eigenen Bekehrung wurde er verfolgt: „Fünfmal erhielt ich von Juden die vierzig Hiebe weniger einen“ (). „Ein weiteres Indiz für die gewaltsame Bekämpfung der Jesusbewegung liegt in der Steinigung des Jakobus, des Bruders Jesu, nach einem Beschluss des Hohen Rats … Die anfängliche Christenfeindschaft von Juden ist ein wesentlicher Faktor für die tragische Entfremdung zwischen Juden und (Juden-)Christen.“Franz Graf-Stuhlhofer (2024): Buchbesprechung zu Paul Schäfer: Kurze Geschichte des Antisemitismus, 2022. Von der Steinigung des Jakobus (vermutlich im Jahr 62) berichtet Flavius Josephus in seinem Werk Jüdische Altertümer, Buch XX.
Prophetische Mahnrede im Alten Testament Die im Neuen Testament manchmal auftauchende Form einer pauschalen Beschuldigung findet sich oft auch bei den Propheten des Alten Testaments (Tanach), etwa in Jesaja 1,3f: „Israel hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht. Wehe der sündigen Nation, dem schuldbeladenen Volk, der Brut von Übeltätern, den Söhnen, die Verderben bringen! Sie haben den HERRN verlassen, den Heiligen Israels verschmäht und ihm den Rücken zugekehrt.“Zitiert von Graf-Stuhlhofer (2024): Buchbesprechung zu Paul Schäfer: Kurze Geschichte des Antisemitismus, 2022. Die Mahnreden jüdischer Propheten richteten sich zum Teil an andere Völker, zum Teil an das eigene Volk. Jesu Kritik an Samaritern und an eigenen Anhängern Gemäß den Evangelien tritt Jesus einerseits ermutigend auf, andererseits ermahnend. In einem Gleichnis erscheint der „barmherzige Samariter“ () als vorbildlich. Aber zur Samariterin am Brunnen sagte Jesus direkt: „Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen“ (). Das ist eine heftige Kritik an der religiösen Praxis der Samariter.
Aber auch die eigenen Anhänger Jesu – später wurden sie „Christen“ genannt – hörten von Jesus mitunter harte Aussprüche. Zu Petrus sagte er: „Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ (). Kurz davor wurde Petrus als „selig“ bezeichnet, weil er sich von Gott Einsicht schenken ließ; Jesus spricht ihm zu, „Petrus“ zu sein, also Fels ().
Die Evangelien und auch sonst das NT enthalten harte Aussagen, nicht nur im Blick auf Juden. Der Vergleich mit der Kritik an anderen Gruppen kann manche Judenkritik relativieren. Aber natürlich steht jede einzelne negative Aussage in der Gefahr, herausgenommen und für bestimmte Zwecke missbraucht zu werden. Das ist in der Kirchengeschichte geschehen.
Neutestamentlicher Befund Paulusbriefe Paulus schrieb an die Römer: Das Evangelium von Jesus „ist eine Kraft Gottes zur Rettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, aber ebenso für den Griechen.“ (). Hier wird ein zeitlicher Vorrang für Juden erkennbar. Paulus betet für die Juden, „dass sie gerettet werden. Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer haben für Gott, aber ohne Erkenntnis.“ (). Auch wenn Paulus respektvoll redet, macht er deutlich, dass es für Juden wichtig ist, das Evangelium von Jesus zu erfassen.Rainer F. Uhlmann: Judenmission. In: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde, Band 2, 2019, Sp. 1618–1622, dort 1619. Die Erwählung des Volkes Israel bleibt aber aufrecht: „Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er im Voraus erwählt hat.“ ().
Paulus erlebte bei seinem Missionieren in Syrien und Kleinasien Widerstand durch Juden. Er schreibt, diese haben „sowohl den Herrn Jesus als auch die Propheten getötet und uns verfolgt“; „sie sind allen Menschen feindlich und wehren uns, zu den Nationen zu reden, damit die errettet werden“ (). Mit diesen Konflikten befassen sich auch Althistoriker: „Dass die Predigten der frühen Christen in der Tat zu heftigen Reaktionen im Umfeld der Synagogen führen konnten, wissen wir aus der Apostelgeschichte und dem paulinischen Corpus“.So Mischa Meier: Die neronische Christenverfolgung. 2021, S. 24. Als konkrete Belege nennt Meier hier Apg 6 und 12–18 sowie 2.Kor 11,24f, außerdem 1.Thess 2,2 und 2,15f.
In wird die Verantwortung am Tod Jesu den „Herrschern dieser Welt“ angelastet, hinter denen Satan stehe. Dies kann als Hintergrundfolie für den „Triumph des Kreuzes“ () betrachtet werden.
Lukasevangelium: Älteste der Juden bitten Jesus Ein Hauptmann schickte „Älteste der Juden“ zu Jesus mit der Bitte, seinen todkranken Knecht zu heilen (). Diese Ältesten unterstützten das Anliegen des Hauptmanns bereitwillig: „Als sie aber zu Jesus kamen, baten sie ihn inständig und sprachen: ‚Er ist es wert, dass du ihm dies erfüllst; denn er hat unser Volk lieb, und die Synagoge hat er uns erbaut.‘“ Jesus kam sofort mit ihnen mit und heilte den Knecht. Hier wird eine gute Kooperation zwischen Jesus und Ältesten der Juden erkennbar. Diese Ältesten trauen Jesus offenbar ein solches Wunder zu und hoffen darauf, dass Jesus auf ihre Bitte positiv reagiert, und Jesus macht das.
Wie wirkte ein solcher Bericht auf Leser? Es kommt ein gutes Verhältnis zwischen manchen Ältesten der Juden sowie Jesus zum Ausdruck. Und Juden, auch speziell deren religiöse Repräsentanten, erscheinen hier positiv gegenüber Jesus und einem heidnischen Hauptmann (dem sie dankbar sind).
Das Gleichnis von den Weingärtnern Der Prophetenmord kommt in den synoptischen Evangelien auch in dem Gleichnis von den Weingärtnern (; ; ) vor. Das Gleichnis wird bereits im Text als Mordanschuldigung erklärt und wird unmittelbar von der Forderung Jesu gefolgt, die Verse des Psalters „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unseren Augen“ zu deuten.
Das theologische Motiv der „Verwerfung“ des ganzen Gottesvolks wurde aus den Schlussworten des Gleichnisses abgeleitet:
was als Verlust der Erwählung Israels und deren Übergabe an das neue Gottesvolk gedeutet wurde, denn der Weinberg wird schon im Alten Testament oft als Metapher für das erwählte Volk in seiner Beziehung zu Gott verwendet.
Exegeten haben den Passus als Ankündigung „des Gerichts über Israel“ und des „Übergang[s] der Verheißung an andere“ gedeutet und in dieselbe Reihe mit analogen Gerichtsaussagen (im Matthäusevangelium ; ; ) gestellt. Solche Aussagen seien gegen die ganze jüdische Volksgemeinde gerichtet, nicht nur gegen seine Führer.Vgl. Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Matthäus. S. 369ff und (dort zit.) Günther Bornkamm / Gerhard Barth / Heinz Joachim Held: Überlieferung und Auslegung im Matthäusevangelium.
Aus einem nicht-theologischen Gesichtspunkt heraus hat René Girard die Ausstoßung in dem Gleichnis von den Weingärtnern und des mit dem „Stein des Anstoßes“ in ; und dem „Ärgernis“ der Evangelien in Verbindung gebracht:In: Livre III. In: Des choses cachée depuis la fondation du monde. das dritte Buch fehlt in der deutschen Übersetzung Das Ende der Gewalt.
Was als Verwerfung des jüdischen Volkes oder seiner religiösen Führer gilt, ist nach Auffassung Girards nichts anderes als die so oft in den Evangelien und im Alten Testament vorkommende Offenbarung des blutigen Charakters der opferkultischen Religion. Dem ewigen Hindernis (skandalon) der Idolatrie für das Volk Israel folgt die Verurteilung des Opferkults durch die Propheten und die Offenbarung des Opfermechanismus durch Jesus, der die Rolle des Opfers unter aller Augen übernimmt: Der offengelegte Mechanismus wird zum „Ärgernis“ (skandalon), weil er nicht mehr funktioniert und nur noch Blutvergießen hervorbringt. In diesem Sinne seien aber die abschließenden Verse des Passus „Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen aber er fällt, den wird er zermahlen“ ( || ) nicht als Verwünschung, sondern zusammen mit || zu lesen: „Und selig ist, der nicht Ärgernis nimmt an mir“.
Matthäus 27: „Sein Blut komme über uns …“ Im Matthäusevangelium folgt auf die Selbstentlastung des Pilatus von der Schuld am Tod Jesu die Selbstbelastung der Volksmenge: „Und das ganze Volk antwortete und sprach: ‚Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!‘“ (Mt 27,25). Wie in der Antwort, die im Matthäusevangelium dem Gleichnis von den Weingärtnern folgt: „Er wird den Bösen ein böses Ende bereiten …“ (), findet sich auch in diesem Text eine Selbstverurteilung.
Auf alle Nachkommen Israels bezogen, wanderte der Satz als festes Stereotyp in die Adversus-Iudaeos-Literatur der Kirchenväter ein. Er prägte die christliche Volksfrömmigkeit und begleitete seit dem 4. Jahrhundert die Ausgrenzung und blutige Verfolgung jüdischer Gemeinden im christianisierten Europa. Die oft im Kontext kirchlicher Passionsspiele ausgelösten Pogrome wurden dann als Erfüllung des „Fluchs“ ausgegeben. Damit wurde die Schuld des Christentums am Leiden der Juden auf diese zurückprojiziert. Die Stelle wird teilweise als Blutfluch oder Blutruf bezeichnet.
Heutige Exegeten wenden sich unter dem Eindruck dieser Wirkungsgeschichte dem Text zu. Einige haben in diesem Passus die Absicht des Matthäus gesehen, die „eigentlichen Schuldigen“ des Mords, den Pilatus und die „Hohenpriester und Ältesten“, anzuklagen, indem er zeigte, wie diese die Verantwortung dem jüdischen Volk aufbürdeten.Theo C. de Kruijf: Antisemitismus: Im Neuen Testament. In: Theologische Realenzyklopädie, Band III (1978), S. 126. Andere haben betont, dass in dem Passus der Evangelist die „todbringende Verwerfung des Unschuldigen“ dazu benutzt, um ebendiese Unschuld und nicht die Schuld des Volkes hervorzuheben. Die Schuldübernahme diene aber auch dazu, die heilsgeschichtliche Wende vom alten zum neuen Gottesvolk zu bezeichnen.Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Matthäus. S. 471 und 474. Für die theologische Reflexion über dieses Thema und die Kritik am Begriff der „Selbstverfluchung“ siehe die dort angegebene Literatur.