mini|Heerführer der Comitatenses und Limitanei im 5. Jahrhundert n. Chr. mini|Notitia Dignitatum: Die Kastelle Sextae (York), Praesidium, Dano (Doncaster), Morbio, Arbeia, Dictum, Concangios (Chester-le-Street), Lavatres (Bowes), Verteris (Brough), Barboniaco (Kirkby Thore), Maglove, Magis (Old Carlisle), Longovicio (Lanchester) und Derventione (Malton) im Norden Britanniens, die unter dem Kommando des Dux Britanniarum standen mini|Die spätantiken Provinzen in Britannien (400 n. Chr.)
Der Dux Britanniarum (wörtlich: „Herzog/Heerführer der Britannien“, d. h. aller britannischen Provinzen) war ein hoher Offizier in der spätrömischen Armee des Westens in Britannien. Das Amt wurde entweder durch Diokletian oder Konstantin I. im späten 3. oder frühen 4. Jahrhundert n. Chr. eingerichtet.
In der Notitia Dignitatum (ND) werden drei hohe Kommandostellen der Armee in Britannien aufgezählt, neben der des Dux Britanniarum die des
Comes Britanniarum und des Comes litoris Saxonici per Britanniam.
Definition und Funktion Am kaiserlichen Hof zählte der Dux zur höchsten Rangklasse der viri spectabiles. Er war im Krisenfall direkt dem Comes Britanniarum verantwortlich. Seine Pflichten beinhalteten den Schutz der Grenze, die Instandhaltung der Befestigungen und Rekrutierung von Soldaten. Zudem war die Versorgung seiner Truppen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Nordregion. Der Dux übte wohl großen Einfluss auf die Eliten seines Schutzgebiets aus und genoss aufgrund der großen Entfernung zur Zentralregierung in Ravenna auch eine gewisse Autonomie.
Namentlich bekannte Duces:
Fullofaudes (bis 367), Dulcitius (ab 367), Coelius bzw. Coelestinus (frühes 5. Jahrhundert).Anm.: John Morris vermutet, dass es sich bei Coelius um den mythischen Coel Hen handelt. Er dürfte der letzte von den Römern eingesetzte Militärgouverneur gewesen sein. Nach Abzug der Römer stieg er zum Hochkönig des nördlichen Britanniens auf.
Kommandobereich Der Dux Britanniarum war Befehlshaber über die Truppen der Nordregion (Provinzen Britannia secunda und Valentia) und des Hadrianswalles.
Seine Grenzschutzorganisation (tractus) umfasste die Wallzone samt deren Umland bis zum Fluss Humber im Südosten mit der Stadt (Legionslager) Deva/Chester sowie das heutige Yorkshire, Cumbria und Northumberland bis zum Bergland der Southern Pennines. Sein Hauptquartier befand sich in der Stadt bzw. dem Legionslager von Eboracum. Die in dieser Pufferzone stationierten Soldaten sollten vor allem, den wirtschaftlich wichtigen und wohlhabenden Südosten der Insel vor Angriffen der Stämme des schottischen Tieflands (Pikten) und irischen Plünderern (Scoten) bewahren. Das Problem mit diesem Abschnitt der Notitia ist, dass er wohl unvollständig überliefert wurde.
Dem Dux unterstanden vermutlich drei Militärbezirke (pars):
pars I, die Garnisonen der Wallkastelle und die der Küstenkastelle in Cumbria, pars II, die Garnisonen und Kastelle in Yorkshire (vielleicht auch die Signalstationen an der Küste), pars III, möglicherweise alle Garnisonen und Kastelle in Wales.
Letzterer ging entweder über die Jahrhunderte verloren oder die dortigen Grenzschutzeinheiten wurden schon zu einem früheren Zeitpunkt, wahrscheinlich unter der Herrschaft des Magnus Maximus (383–388), von dort abgezogen.
Verwaltungsstab Das Officium (Verwaltungsstab) des Dux umfasste folgende Ämter (Officium autem habet idem vir spectabilis dux hoc modo):
Principem ex officiis magistrorum militum praesentalium alternis annis. (Kanzleileiter, wird jedes Jahr vom Heermeister neu bestellt) Numerarios ex utrisque officiis omni anno (Zahlmeister, wird jährlich neu bestellt) Adiutorem (Assistent) Commentariensem ut supra (Oberbuchhalter und Rechtskundiger) Subadiuuam (Hilfskraft) Regrendarium (Verwalter) Exceptores (Juristen) Singulares et reliquos officiales (Leibwächter und sonstige Beamte)
Truppen Der unruhige Norden der Insel wurde stets vom römischen Militär dominiert. Die Soldaten des Dux wurden vermutlich fast ausnahmslos in Britannien angeworben. Die Notitia Dignitatum listet mit den Besatzungen am Hadrianswall (zusammen mit einigen Stützpunkten an der Küste von Cumbria) insgesamt 38 Einheiten unter seinem Kommando auf. Archäologische Funde zeigen, dass aber auch noch andere Verbände hier stationiert gewesen sein müssen, die in der Notita allerdings nicht mehr berücksichtigt wurden. Die meisten von ihnen wurden wohl während des 3. Jahrhunderts aufgestellt. Dass die dort erwähnten britischen Heerführer in der Zeit der Abfassung dieses Dokuments alle noch im Amt waren, ist unwahrscheinlich. Die Truppenabzüge der Jahre 383, 401 und 407 hatten die Provinzstreitkräfte dramatisch geschwächt, sodass kaum noch kampfkräftige Kontingente auf der Insel gestanden haben können. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts sagten sich die britannischen Eliten infolgedessen vom übrigen Reich los.Michael Zerjadtke: Das Amt Dux in Spätantike und frühem Mittelalter: Der ducatus im Spannungsfeld zwischen römischem Einfluss und eigener Entwicklung. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2018, S. 287. Lange Zeit hielt man diese Truppenliste aufgrund der relativ großen Anzahl an mittelkaiserzeitlichen Einheitsbezeichnungen in der Forschung für antiquiert und nur deswegen weiter in der Notitia Dignitatum beibehalten, da Britannien offiziell nie von Rom aufgegeben wurde. Ausgrabungen bestätigten aber, dass die Lager am Hadrianswall bis ins 4. Jahrhundert – und in einigen Fällen auch darüber hinaus – von regulären Soldaten besetzt waren. Die Truppenliste in der Notitia könnte also bei Redaktionsschluss durchaus noch auf dem aktuellen Stand gewesen sein (d. h. der Bestand um 406). Das Amt des Dux dürfte bis 409 bestanden haben.Ralf Scharf: Der Dux Mogontiacensis und die Notitia Dignitatum. de Gruyter, Berlin 2005, S. 164 (Fußnote 22).
Alle Einheiten in der Armee des Dux zählten zu den Limitanei. Einige von ihnen standen bei Bedarf auch dem Comes Britanniarum, dem Befehlshaber des mobilen Feldheeres (Comitatenses), zur Verfügung. Die Liste des Dux Britanniarum wurde sicherlich noch vor der des Comes Britanniarum abgeschlossen. Die von den mittelalterlichen Kopisten überlieferte Version dürfte jedoch nicht mehr auf der Erstausgabe der Notitia Dignitatum beruhen, andernfalls müsste dort z. B. noch die Seguntienses aufscheinen, die vorher bei Segontium (heute Caernarfon in Wales) stationiert war, sich aber nur in den Listen des Magister peditum und in den Reihen der illyrischen Feldarmee (als Gardeeinheit) findet. Grund dafür ist, dass die Einheiten der britischen Limitanei in den Krisen des frühen 5. Jahrhunderts immer weiter ausgedünnt wurden, um zunächst als Pseudocomitatenses entweder in die britische oder gallische Feldarmee transferiert zu werden.
Im Kapitel XL werden neben dem Verwaltungsstab 14 Präfekten und ihre Einheiten mit ihren Stationierungsorten angegeben. Dann folgen die Garnisonen entlang des Hadrianswalles (item per lineam Valli,) übersetzt in etwa „stationiert entlang der Linie des Walls“, aber nicht immer direkt am Hadrianswall.sub dispositione viri spectabilis ducis Britanniarum, wörtlich: „zur Verfügung des höchst ehrenwerten Heerführers der britischen Provinzen“.
Distributio Numerorum Die Notitia Dignitatum beinhaltet noch die alten Offiziersränge und Organisationsstrukturen aus der ersten Tetrarchie, die offensichtlich bis zum Zusammenbruch des Westreichs gültig blieben. In der Auflistung der dem Dux unterstellten Einheiten werden folgende Offiziersränge als deren Kommandeure genannt:
Praefectus: Dieser Rang (= „mit der Verantwortung betraut“) bezeichnete in der spätrömischen Armee sowohl einen Kommandeur einer Kavallerie- oder Flotteneinheit (praefectus classis) als auch einer Infanteriekohorte. In der Kaiserzeit wurden dieser Rang den Kommandeuren der Hilfstruppenkohorten verliehen, die Offiziere der Kavallerieeinheiten bezeichnete man als praefecti equitum. In der mittleren Kaiserzeit befehligte ein Praefectus Kavallerieeinheiten verschiedener Stärke, ala quingenaria (500 Mann) und ala miliaria (1000 Mann). Letzteres kam eher selten vor. In diesem Fall stand ihr Präfekt rangmäßig über den anderen Hilfstruppenkommandanten. Er wurde meist von Angehörigen des Ritterstandes bekleidet, die zur römischen Oberschicht zählten und über den notwendigen Reichtum und Status verfügten, um größere Truppenkontingente zu befehligen. Während der chaotischen Zustände in der Mitte des 3. Jahrhunderts wurden die Aristokraten aus militärischen Positionen entfernt. Anstelle der senatorischen Legati wurden die Legionen nun von einem praepositus agentes vice legati oder praefectus legionis kommandiert, in die nun auch Männer aus den unteren Gesellschaftsschichten befördert werden konnten. Der militärische Rang wurde im späten 4. Jahrhundert n. Chr. abgeschafft, als die römische Armee noch einmal umorganisiert wurde. Praefecti dienten dann u. a. als Generalquartiermeister am Hof des Kaisers. Unter Konstantin I. dem Großen (312–337) wurden auch die vier Prätorianerpräfekten ihrer militärischen Funktionen enthoben, aber sie behielten ihre Justiz- und Finanzzuständigkeiten und zählten zu den höchsten Amtsträgern der Reichsverwaltung.
Tribunus: Diese Offiziere hatten in der mittleren Kaiserzeit noch einen weit höheren Status als die Militärpräfekten, zum Zeitpunkt der Zusammenstellung der Notitia war das Gegenteil der Fall. Dieser Rang kommt ab der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts wieder in Gebrauch und bezeichnet meist die Kommandeure der damals schon stark verkleinerten Legionen des spätrömischen Feld- oder Bewegungsheeres.Ross Cowan: Roman Legionary AD 284–337. The age of Diocletian and Constantine the Great (= Warrior. 175). Osprey Publishing, Oxford 2015, ISBN 978-1-4728-0668-0, S. 35 f. Auch der Kohortenpräfekt bei den Hilfs- und Grenztruppen wurde in der Spätantike vom tribunus abgelöst.Benjamin Knör: Das spätantike Offizierskorps. S. 55 f. Er füllte somit die Funktion eines höheren Truppenoffiziers aus. Tribunen der spätrömischen Armee befehligten eine eigene Einheit oder Untereinheit (Legion, Kohorte, Vexillation oder Numerus). Dabei konnten sie eigenständig oder in einem größeren Heeresverband operieren. Im späten 4. und 5. Jahrhundert war er der gebräuchlichste höhere Offiziersrang und wurde variabel für jeden Kommandanten unterhalb der höchsten Führungsebene verwendet, teilweise auch zusätzlich zu der Bezeichnung praepositus. Als Tribunus vacans („überzähliger Tribun“) konnten Militärtribunen auch ohne eigenes Truppenkommando an einer Schlacht teilnehmen und waren eventuell für Sonderaufgaben eingeteilt. Auch in der römischen Flotte, in der kaiserlichen Leibwache und der kaiserlichen Verwaltung war dieser Rang gebräuchlich. Außerdem wurde er auch an gentiles verliehen, lokale (nichtrömische) Adelige oder Notabeln, die als Anführer verbündeter Volksgruppen (foederati) die Reichsgrenzen sicherten.
Laut der ND Occ. standen dem Dux folgende Einheiten zur Verfügung:sub dispositione.
Kavallerie