mini|Bildnis eines nubischen Königs aus Tabo, möglicherweise König Natakamani, 1. Jahrhundert n. Chr. Die Geschichte des Sudan umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Republiken Sudan, Südsudan (bis zu dessen Abspaltung 2011) und historischer sudanesischer Reiche von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Sie ist stark verknüpft mit der Geschichte Ägyptens, mit dem sich das historische Nubien das Niltal teilt, eine der Wiegen der menschlichen Zivilisation.
Der Sudan war, bis zur Abspaltung des Südsudan im Jahr 2011, das größte Land Afrikas. Große Teile beherrscht die Wüstenlandschaft der Sahara. Der Nil ist die Hauptlebensader des Landes und bietet so die Bedingungen zum Entstehen einer Hochkultur südlich des historischen Ägyptens. Der Süden des heutigen Sudan gehört bereits zu Subsahara-Afrika mit dem wichtigen Nachbarland Äthiopien. Der Sudan ist ethnisch und kulturell äußerst vielgestaltig. Seit über 50 Jahren ist das Land von Bürgerkrieg und Armut gezeichnet – trotz seines relativ günstigen Potenzials an fruchtbarem Land und Bodenschätzen.
Zur Zeit der Pharaonen war das historische Nubien teils Bestandteil Ägyptens, teils selbst Herr des ganzen Niltals. Die Islamisierung erfasste das Land erst Jahrhunderte nach Ägypten. Im 19. Jahrhundert wurde es zunächst von Ägypten erobert, dann für kurze Zeit von der Mahdi-Bewegung zurückerobert und schließlich mit britischer Hilfe der so genannte Anglo-Ägyptische Sudan bis zu seiner Unabhängigkeit 1956. Seitdem gab es immer wieder parlamentarisch-demokratische Ansätze, die durch Militärputsche annulliert wurden. Weiter gab es innere Konflikte wie den Kampf der Befreiungsarmee SPLA von 1983 bis 2011 gegen die Zentralmacht in der Hauptstadt Khartum und den seit 2003 andauernden Darfur-Konflikt. Im Jahr 2005 wurde ein Friedensabkommen zwischen der sudanesischen Regierung und der Befreiungsarmee vereinbart, das die Autonomie des Südsudan und dessen Weg in die Unabhängigkeit regelte.
Vorgeschichte
Altsteinzeit (bis 8000 v. Chr.)Gamal el-Deen Idris: Die Altsteinzeit im Sudan (= Archäologische Berichte. Band 4). Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte e. V., Bonn 1994, ISBN 3-86097-137-9 (Digitalisat).
Älteste menschliche Siedlungsspuren im heutigen Sudan sind mindestens 300.000 Jahre alt, vermutlich sogar älter, und gehören demnach zu Homo erectus. Technologisch und kulturell gehören diese ältesten Fundkomplexe ins Acheuléen. Aus Homo erectus entwickelte sich in Afrika der moderne Mensch (Homo sapiens), der von Ostafrika aus das Land am Nil besiedelte, bevor er – unter anderem dem Nil nach Norden folgend – auch Asien und Europa für sich zu erschließen begann. Altsteinzeitliche Fundplätze konzentrieren sich im Niltal: Khashm el-Girba, Khor Musa.
Mittelsteinzeit (8000–5000 v. Chr.)
Der erste Fundort dieser Zeitstellung, der untersucht wurde, war Khartoum Hospital, weshalb diese Kultur in der Archäologie auch als Khartoum Mesolithic bekannt ist. Die Träger dieser Kultur waren halbsesshafte Wildbeuter, die allerdings bereits die Keramikherstellung kannten. Ihre Wirtschaftsweise war aneignend. Die Flussressourcen standen dabei im Vordergrund, weshalb diese Fundkomplexe zuweilen auch als „aqualithic“ bezeichnet werden. Die typische Keramik heißt nach der bestimmenden Dekoration Wavy-Line-Keramik. Die Fundorte befinden sich hauptsächlich an den Ufern von Flüssen und Seen. Wichtige Fundorte/-regionen sind: Ad-Damir, Abu Darbein, Wadi Howar, Shaqadud.
Jungsteinzeit (4900–3000 v. Chr.)
Während des 5. Jahrtausends v. Chr. gelangten die aus den Domestikationszentren Vorderasiens stammenden Haustiere Rind, Schaf und Ziege aus Ägypten auch in das zentrale Niltal. Die aneignende Wirtschaftsweise (Jagen, Fischen und Sammeln) wandelt sich langsam zu einer kombinierten Subsistenzweise, indem neben Fischen und Jagen auch Tierhaltung betrieben wurde. Mancherorts dominierte weiterhin die aneignende Lebensweise, während in anderen Gebieten des Sudan bereits die Haltung von Haustieren die Fleischversorgung der Bevölkerung garantierte und die Jagd lediglich eine untergeordnete Rolle spielte. Die Übernahme des Ackerbaus ist mangels eindeutiger Funde nur schwer nachzuweisen. Auf Mahlsteinen, die bei Grabungen häufig zutage treten, wurden auch schon zuvor gesammelte Wildgetreidekörner gemahlen. Die Gerstennachweise in Gräbern von Kadruka sind jedenfalls ein erster Hinweis auf Ackerbau. Während in der früheren Phase einfache Gefäßformen dominieren, treten in der jüngeren Phase auffällige Gefäßformen in den Mittelpunkt wie etwa die eleganten tulpenförmigen Becher. Wichtige Fundorte/-regionen sind: Kadero, esh-Shaheinab, Kadruka, Kerma, Wadi Howar.
Im Osten des Sudan sind diverse Kulturen bezeugt. Die Butana-Gruppe datiert vor allem in das 4. Jahrtausend v. Chr. Auf ihr folge die Gash-Gruppe (etwa 3000 bis 1800 v. Chr.). Die Leute lebten vom Ackerbau und von der Tierhaltung. Keramik wurde produziert. Bei Mahal Teglinos wurde eine Ortschaft mit fast stadtartigen Ausmaßen ausgegraben. Die Bebauung bestand aus einfachen runden Hütten, aber auch aus rechteckigen Lehmbauten, die südlichsten dieser Zeit in Afrika überhaupt. Es wurden große Friedhöfe gefunden, wobei die Gräber zum Teil mit großen, undekorierten Steinstelen markiert waren. Es fanden sich Siegel und Siegelstempelungen, die auf Formen der Verwaltung hinweisen. Ägyptische Keramik und Faience-Perlen belegen Handel mit Ägypten. Muscheln vom Roten Meer bezeugen Beziehungen dorthin.Andrea Manzo: Eastern Sudan in its Setting, The archaeology of a region far from the Nile Valley, Archaeopress 2017, ISBN 978-1-78491-558-2, S. 33–42 online
Kerma-Kultur (2500–1520 v. Chr.)
Pharaonenzeit miniatur|Pyramiden von Meroe, erbaut durch das Reich Kusch – Luftbild von 2001
Zur Zeit der ägyptischen Pharaonen und in der Antike war die Region des heutigen Sudan als Obernubien bekannt.
Es gab schon früh Verbindungen zum nördlichen Ägypten und sogar bis nach Griechenland. Begünstigt wurde das durch die geografische Lage am Oberlauf des Nils. Hier existierte einst das Königreich von Kerma, der älteste bekannte schwarzafrikanische Staat, der seinen Herrschaftsbereich bis zur Südgrenze Ägyptens ausdehnen konnte, im 2. Jahrtausend v. Chr. aber von den Pharaonen zurückgeschlagen wurde.
Vermutlich ab 1080 v. Chr. (spätestens aber ab 750 v. Chr.) bis zum 3. Jahrhundert besteht hier das Reich Kusch. Hauptstadt war zunächst Napata, später dann Meroe. Das Reich kann auf eine starke Militärmacht und große Goldfunde aufbauen.
Um 700 v. Chr. erobert Kusch Ägypten und stellt dort die 25. Dynastie der (nubischen) Pharaonen.
Christianisierung und Islamisierung miniatur|Karte der christlichen Königreiche im Mittelalter
Zwischen dem fünften und sechsten Jahrhundert etabliert sich das Christentum, ausgehend vor allem vom koptischen Ägypten, aber zum Teil auch vom heutigen Äthiopien und von Byzanz, in nördlichen und östlichen Teilen des Sudan. Es entstehen die christlichen Königreiche Alwa, Makuria und Nobatia, von denen Makuria das bekannteste ist. Ab 640 n. Chr. verbreitet sich der Islam im Norden durch arabische Händler. Die Ansiedlung und Vermischung arabischstämmiger und indigener Bevölkerung führt im Laufe der Zeit zu einer Arabisierung des Gebiets und einem starken Einflussverlust des Christentums. Dennoch können sich christliche Königreiche in Nubien bis ins 14. Jahrhundert halten. Ab dem 16. Jahrhundert werden auch einige südsudanesische Volksgruppen muslimisch. Der Großteil des Südens bleibt jedoch bis ins 20. Jahrhundert den traditionellen Religionen treu.
Zur weiteren Ausbreitung des Islam trägt das islamische Sultanat von Sannar (1504–1821), auch Schwarzes Sultanat genannt, bei. Unter seinem Einfluss kommt es zur Arabisierung und Islamisierung verschiedener indigener Völker im Sudan. Es gibt jedoch auch Entwicklungen wie bei den Bedscha, die in den Bergen des Roten Meeres siedeln. Sie behalten trotz Konversion zum Islam und Mischehen mit arabischen Einwanderern eine abgegrenzte eigene Kultur.
Das mächtige Sultanat Darfur besteht vom 16. Jahrhundert bis zur Eroberung durch türkische Besetzer 1874 und nimmt anders als das Fung-Reich eine Schlüsselrolle im transafrikanischen Handel ein. Es wird dann unter Ali Dinar nach Ende der Mahdiherrschaft 1898 wiederhergestellt und bleibt bis ins Jahr 1916 bestehen.
Besetzung und Kolonialzeit Osmanisch-ägyptische Herrschaft
Anfang des 19. Jahrhunderts waren die dominanten Staaten auf dem Gebiet des heutigen Sudan das Königreich Sannar im Osten und das Sultanat Darfur. In beiden Staaten bildeten Sklaven die Basis für das Militär und die Staatsverwaltung.
Im Jahr 1820 befahl Muhammad Ali Pascha, der vom Osmanischen Reich gestützte Vizekönig von Ägypten, die Eroberung des heutigen Sudans von Norden aus. Das von ihm geführte osmanische Ägypten war in seiner Machtausübung weitgehend autonom, weswegen der Vizekönig auch eigene militärische Projekte planen und durchführen konnte. Weite Teile der nördlichen Ausläufer des Sudans wurden bereits 1821 erobert, aber ihre vollständige Besetzung dauerte bis 1840. Vorstöße in den rohstoffreichen Südsudan begannen bereits in den 1820ern, wurden aber in den 1830er-Jahren intensiviert. Der Widerstand der im Südsudan ansässigen Dinka, Nuer und Schilluk wurde bis 1874 gebrochen.
Die ägyptische Regierung geriet während der Regierungszeit von Ismail Pascha (1863–1879) in starke finanzielle Bedrängnis, da insbesondere das Großprojekt Suezkanal die Regierung an den Rand des Staatsbankrotts trieb. Die Regierung des Vereinigten Königreichs sprang ein, um im Austausch gegen Finanzhilfen Einfluss in Ägypten zu gewinnen. Im Jahr 1877 erhielt der Sudan mit Charles G. Gordon seinen ersten britischen Generalgouvernour. Dies löste wiederum Ressentiments der ägyptischen Bevölkerung mit sich, was 1879 in große gewalttätige Unruhen mündete, die auch Rassenunruhen gegen Europäer in Ägypten und dem Sudan mit sich brachten. Im Herbst 1882 führten britische Truppen eine militärische Intervention in Ägypten durch und stationierten unter der simultanen Auflösung der ägyptischen Streitkräfte im Dezember 1882 eine eigene Besatzungsarmee im Land.
Mahdi-Aufstand miniatur|Muhammad al-Mahdi
Ab 1881 konnte sich die Bewegung des sudanesischen religiösen Führers Muhammad Ahmad (genannt al-Mahdi – der von Gott geleitete) durchsetzen. Ägypten, das seit 1882 durch Großbritannien besetzt war, zog sich aus dem Sudan zurück. Diese Phase wird auch als Mahdi-Aufstand bezeichnet. Am 26. Januar 1885 fiel die Hauptstadt Khartum in die Hand des Mahdis. Gouverneur Gordon wurde dabei getötet. Der Mahdi gründete in Omdurman, am anderen Nilufer von Khartum, eine neue Hauptstadt, wo er am 12. Juni 1885 starb. Der Mahdi-Nachfolger, Kalif Abdallahi ibn Muhammad, errichtete einen Staat der sich von Darfur im Westen bis Sawakin im Osten (ohne die Stadt selbst) und von Dunqula im Norden bis Bahr al-Ghazal im Süden erstreckte. Das Kalifat von Omdurman bildete die erste nationale sudanesische Regierung. Die Scharia regelte alle Bereiche des menschlichen Daseins. Der Sklavenhandel wurde unter dem Kalifen wieder erlaubt. Abdallahi ibn Muhammad wurde erst 1898 durch ägyptische Truppen unter dem britischen General Herbert Kitchener, 1. Earl Kitchener in der Schlacht von Omdurman geschlagen. Die Mahdisten flohen daraufhin nach Süden. Hier kontrollierten sie bis Oktober 1899 das Gebiet von Darfur bis zur Grenze nach Äthiopien.
Britisch-ägyptisches Kondominium
miniatur|Faruq (I.), zehnter ägyptischer Herrscher des Sudan, wurde 1951 zum König von Ägypten und des Sudan ausgerufen