mini|Schild im Eingangsbereich des ehemaligen Bruderhofs in Sannerz Die Bruderhöfer sind eine neutäuferische Bewegung, die eine am Vorbild der Jerusalemer Urgemeinde orientierte Gütergemeinschaft praktiziert. Ihre Entstehung geht unter anderem auf die Eheleute Eberhard und Emmy Arnold zurück, die 1920 in Hessen die erste Bruderhof-Gemeinschaft gründeten. Nach der Vertreibung durch die Nationalsozialisten 1937 fanden sie zunächst Zuflucht im Fürstentum Liechtenstein und später in England. Heute gibt es Niederlassungen der Bruderhöfer in Australien, Großbritannien, Österreich, Paraguay und in den Vereinigten Staaten. Nach zwei aufgegebenen Niederlassungsversuchen in den 1960er beziehungsweise 1980er Jahren existiert in Deutschland zurzeit eine Bruderhofgemeinschaft in Bad Klosterlausnitz, die 2004 gegründete Holzland-Gemeinschaft.

Die Bruderhöfer waren zeitweilig der Gemeinschaft der Hutterer angeschlossen und erhielten von ihnen den Beinamen Arnoldleut. Seit 1995 sind sie wieder von ihnen getrennt.

Geschichte mini|Gründerehepaar Emmy und Eberhard Arnold mit ihren Kindern Emmy-Margret, Heini und Hardy um 1915 Zur Vorgeschichte der Bruderhofbewegung gehören die sogenannten Offenen Abende, zu denen das Ehepaar Eberhard und Emmy Arnold ab 1919 in ihre Berliner Wohnung einlud, um mit Freunden über eine neue geistliche Lebensgestaltung nachzudenken. Der Erste Weltkrieg hatte bei den Arnolds und ihren Freunden eine tiefe Erschütterung ausgelöst und ließ sie nach anderen Möglichkeiten eines praktischen Christentums suchen. Die geistlichen Wurzeln ihrer neuen Ideale sahen sie im Täufertum und in der radikalen Reformation des 16. Jahrhunderts. Tausende hatten in jener Zeit die Großkirchen verlassen, um als Brüder und Schwestern in urchristlicher Gemeinschaft miteinander zu leben. Auch das Lebenszeugnis der württembergischen Pfarrer Johann Christoph Blumhardt und Christoph Blumhardt hatte die Mitglieder der Gemeinschaft entscheidend geprägt. Weitere Impulse kamen aus der Theologie des religiösen Sozialismus und der Jugendbewegung.Siehe dazu Ulrich Linse: „Zurück, o Mensch, zur Mutter Erde!“ Landkommunen in Deutschland 1890–1933. München 1983. S. 221 Der Volksschullehrer Georg Flemmig, der von Eberhard Arnold über dessen zahlreiche Veröffentlichungen unter anderem im Furche-Verlag gehört hatte, informierte den Berliner Kreis über seine Pläne, in Schlüchtern eine urchristliche Gemeinschaft, die mit einem Siedlungsprojekt verbunden sein sollte, ins Leben zu rufen. Erste Schritte in diese Richtung seien bereits gegangen und eine Landwirtschaft, der Habertshof, erworben worden.Die folgenden Daten und Fakten orientieren sich, wenn nicht anders vermerkt, an Fuldaer Zeitung (Mai 1970) / Emmy Arnold: 50 Jahre Bruderhofgemeinschaft Sannerz. Die Anfangsjahre der Bruderhofgemeinschaften in Deutschland (PDF online); eingesehen am 24. Juni 2019 Die Arnolds entdeckten Geistesverwandtschaft und luden für Pfingsten 1920 gemeinsam mit Flemmig zu einem großen Treffen nach Schlüchtern ein. Über 200 Teilnehmer erschienen. Viele von ihnen wurden zu Mitbegründern der Neuwerk-Bewegung, die bis 1935 existierte und aus der sich (zum Teil auch durch Abspaltung) mehrere christliche Siedlungsprojekte entwickelten, darunter der bereits erwähnte Habertshof und die Sannerz-Gemeinschaft. Letztere gilt als Keimzelle der Bruderhof-Bewegung.Zur Geschichte der Neuwerk-Bewegung siehe zum Beispiel Antje Vollmer: Die Neuwerkbewegung 1919–1935. Ein Beitrag zur Geschichte der Jugendbewegung, des Religiösen Sozialismus und der Arbeiterbildung. Verlag Blasaditsch, Augsburg 1973 (Inaugural-Dissertation, Berlin 1973). Sannerz mini|Die Paulsche Villa – Wohnhaus der Sannerz-Gemeinschaft mini|Bruderhofgemeinschaft Sannerz (1924)Die mit Zahlen gekennzeichneten Personen: (1)Eberhard Arnold, (2)Monika von Hollander, (3)Emmy Arnold, (4)Lotte Henze, (5)Karl Keiderling, (6)Else von Hollander, (7)Hans-Hermann Arnold, (8)Erny-Margret Arnold, (9)Gertrud Dalgas-Hüssy, (10)Hardy Arnold, (11)Sophie Schwing, (12)Johann Heinrich Arnold. mini|Titelseite der Sonnenlieder – Gesangbuch der Bruderhöfer Am Tag nach dem Schlüchterner Treffen besuchten Eberhard und Emmy Arnold das in der Nähe gelegene Dorf Sannerz. Tagungsteilnehmer hatten sie auf die Paulsche Villa (siehe Bild) aufmerksam gemacht; sie stünde zur Verpachtung oder zum Verkauf und würde sich mit ihren zahlreichen Zimmern als Domizil einer christlichen Lebensgemeinschaft eignen. Das Ehepaar Arnold verhandelte mit dem Besitzer Konrad Paul und konnte nur wenige Tage später Haupt- und Nebengebäude sowie neun Morgen Land zunächst auf zehn Jahre pachten. Für die erste Jahrespacht, notwendige Reparaturen und Anschaffungen stellte der Hamburger Reeder Kurt Woermann, ein Freund Georg Flemmigs, 30.000 RM zur Verfügung.Zu Einzelheiten siehe Emmy Arnold: Gegen den Strom. Ein Leben in der Herausforderung der Bergpredigt. Rifton, Robertsbridge, Elsmore 2013². S. 41ff Zu den ersten Bewohnern des „Sannerz-Hauses“ gehörten neben dem Ehepaar Arnold und ihren fünf Kindern Else von HollanderElse von Hollander war die Schwester Emmy Arnolds. Sie wurde 1895 geboren und verstarb 1932 auf dem Rhönbruderhif, wo sie auch begraben ist (Hymnary.org: Else von Holander; eingesehen am 26. Juni 2019)., Eva ÖhlkeEva Öhlke (1893–1970) wurde später die (vermutlich) erste ordinierte evangelische Geistliche Deutschlands; siehe LR online: Erste examinierte Pastorin Deutschlands (14. Juni 2003). dem bekannten Volkslied Kein schöner Land in dieser Zeit fügte sie eine weitere Strophe hinzu, die vor allem in christlichen Kreisen Bekanntheit erlangte; die erste Zeile dieser Strophe lautet: „Ihr Brüder wisst, was uns vereint“; siehe dazu Antje Vollmer: Die Neuwerkbewegung. Zwischen Jugendbewegung und religiösem Sozialismus. Herder: Freiburg, Basel, Wien 2016. S. 120 , Suse Hungar Suse Hungar war Kapitänin der Heilsarmee und Lehrerin; siehe Markus Baum: Eberhard Arnold. Ein Leben im Geist der Bergpredigt. Neufeld-Verlag: Schwarzenfeld 2013. ISBN 978-3-86256-035-6. S. 117, Gertrud Cordes und der Schriftsteller Otto SalomonOtto Salomon (1889–1971) war als Schriftsteller unter dem Pseudonym Otto Bruder tätig. Er entstammte einer jüdischen Familie und war 1911 zum Christentum konvertiert. Nachdem er die Sannerz-Gemeinschaft verlassen hatte, avancierte er 1922 zum leitenden Mitarbeiter des Christian Kaiser Verlags. In Nazi-Deutschland erhält er Berufsverbot, geht in die Schweiz und wird Mitarbeiter im Ökumenischen Rat der Kirchen. 1959 wird er zum Dr. honoris causa der Universität Zürich promoviert. Zu seiner Biographie siehe Ludwig und Margrit Hönig (Hrsg.): Otto Bruder. Aus seinem Leben und Wirken. Evangelisches Verlagswerk: Stuttgart 1975. ISBN 3-7715-0169-5. In den folgenden Monaten kamen weitere Bewohner hinzu, darunter die Pädagogin Gertrud Dalgas, genannt „Trudi“.Gertrud Dalgas (1897–1985) heiratete 1931 das Bruderhofmitglied Walter Hüssy. Sie war die Mitherausgeberin des Liederbuchs Sonnenlieder, dem Gesangbuch der Bruderhöfer; siehe zu ihr die Kurzbiographie im freikirchlichen Gesangbuch Feiern & Loben, S. 746, Sp II. Dort findet sie sich unter ihrem späteren Ehenamen Hüssy.

Von Anfang an war das Wohn- und Siedlungsprojekt in Sannerz, das man in Anspielung auf den Ortsnamen Sonnherzgemeinschaft nannte, ein Magnet für zahlreiche Besucher aus unterschiedlichen sozialen und weltanschaulichen Herkünften. Zu den rund 2000 GästenDiese Zahl wird in der Online-Ausgabe von Emmy Arnolds Lebenserinnerungen Gegen den Strom, S. 62 genannt. der Jahre 1920/21 gehörten unter anderem Hermann Kutter (1863–1931), Begründer der Schweizer Bewegung des Religiösen Sozialismus, der Schriftsteller Theo Spira (1885–1961), der Reform- und Friedenspädagoge Kees Boeke (1884–1966), der Schriftkünstler Rudolf Koch (1876–1934), der später die Titelseite des bereits erwähnten Bruderhof-Gesangbuchs Sonnenlieder entwarf, sowie der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878–1965). Zu den zahlreichen Besuchern gehörten aber auch Mitglieder der proletarischen, freideutschen und christlichen Jugendbewegung. Einige blieben nur kurze Zeit, manche für ein paar Wochen, andere für immer.Antje Vollmer: Die Neuwerkbewegunng. Zwischen Jugendbewegung und religiösem Sozialismus. Herder: Freiburg, Basel, Wien 2016. S. 95 Auch Lebenskünstler und originelle Weltverbesserer stellten sich ein. Unter ihnen war auch Hans Fiehler, einer der Brüder Karl Fiehlers, des späteren Nazi-Oberbürgermeisters von München. Er war nach traumatischen Erlebnissen aus dem Ersten Weltkrieg als Pazifist zurückgekehrt, zog viele Jahre obdachlos durch Deutschland und verkündete seine Friedensbotschaft vor allem musikalisch. Seine Markenzeichen waren Zipfelmütze, kurze Hose und ein rotes Hemd, das die Aufschrift „Hans im Glück“ trug.Zu Hans Fiehler siehe Emmy Arnold: Gegen den Strom. Ein Leben in der Herausforderung der Bergpredigt. Rifton, Robertsbridge, Elsmore 2013². S. 47–49. In den Sonnenliedern findet sich unter der Nummer 83 das von Hans Fiehler getextete Lied „Menschheitseiszeit war geworden“.

Im Winter 1921/1922 kam es innerhalb der Sannerz-Gemeinschaft zu schwerwiegenden Auseinandersetzungen, die dann im darauffolgenden Sommer zu einer schmerzhaften Trennung führten. Bereits im Februar 1922Nach Antje Vollmer trat Salomon bereits im Januar 1922 aus der Sannerz-Gemeinschaft aus: Die Neuwerkbewegunng. Zwischen Jugendbewegung und religiösem Sozialismus. Herder: Freiburg, Basel, Wien 2016. S. 95 verließ Otto Salomon die Sonnherzgemeinschaft. Eine seiner Begründungen war, dass „so viele Wertlose“ Aufnahme in die Gemeinschaft gefunden hätten und deshalb „die Wertvollen mehr und mehr fort“ geblieben seien.Zitiert nach Emmy Arnold: Gegen den Strom. Ein Leben in der Herausforderung der Bergpredigt. Rifton, Robertsbridge, Elsmore 2013². S. 64 Salomon schloss sich nach seinem Austritt für kurze Zeit einem von Flemming initiierten Männerbund an, verließ dann aber noch im Jahr 1922 die Neuwerk-Bewegung, um die Leitung des Christian Kaiser Verlages zu übernehmen. Andere Mitglieder der Sonnherzgemeinschaft warfen Eberhard Arnold im Blick auf die wirtschaftlichen Verhältnisse des Projektes „Verantwortungslosigkeit und eine unlautere Vermischung von wahren Glaubens- und bloßen Geschäftsdingen vor“.Zitiert nach Antje Vollmer: Die Neuwerkbewegunng. Zwischen Jugendbewegung und religiösem Sozialismus. Herder: Freiburg, Basel, Wien 2016. S. 132 Während die Familie Arnold im Sommer 1922 in der Bilthovenener Brüderschaft Kees Boekes ihren Urlaub verbrachte, kam es in Sannerz zum offenen Aufstand und nach Rückkehr der Arnolds zum Austritt von über 40 erwachsenen Mitgliedern und deren Kindern. Zurück blieben Eberhard und Emmy Arnold mit ihren fünf Kindern, Else und Monika von Hollander, Paul Hummel, Suse Hungar und Gertrud Dalgas.Zu Einzelheiten des Konflikts siehe Markus Baum: Eberhard Arnold. Ein Leben im Geist der Bergpredigt. Neufeld Verlag Schwarzenfeld 2013. S. 137–143

Rhönbruderhof 1926 wechselte die Gemeinschaft auf die Rhön und übernahm dort den heruntergekommenen Sparhof mit mehreren Nebengebäuden und 75 Hektar Land, um Landwirtschaft zu betreiben. Die Kaufsumme betrug 26.000 Mark. Vereinbart war eine Anzahlung von 10.000 Mark, die Fürst Günther von Schönburg-Waldenburg übernahm.Emmy Arnold: Gegen den Strom. Ein Leben in der Herausforderung der Bergpredigt. Plough Publishing House: Rifton (Newyork), Robertsbridge (England), Elsmore (Australia) [o. J.]. ISBN 978-0-87486-887-6. S. 94f