Yazılıkaya (; türkisch für „beschriebener Fels“) ist ein ehemaliges hethitisches Heiligtum, das in der Hauptsache im 13. Jahrhundert v. Chr. entstand. Es liegt zwei Kilometer nordöstlich der damaligen Hauptstadt Ḫattuša in der türkischen Provinz Çorum beim heutigen Ort Boğazkale. Die vom Heiligtum nach oben offenen natürlichen Felskammern A und B haben eine Wandhöhe von zwei bis zwölf Metern. Dort sind auf Reliefs zwei Prozessionen von männlichen und weiblichen Mitgliedern des hethitischen Pantheons sowie des mutmaßlichen Errichters Großkönig Tudhalija IV. zu sehen. Vor den beiden Kammern lagen tempelartige Gebäude, von denen die Grundmauern erhalten sind. Die Stätte war in der Zeit des hethitischen Großreichs Schauplatz kultischer Handlungen, über deren Inhalt noch Unklarheit besteht.
Seit 1986 ist der Ort gemeinsam mit Ḫattuša in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO eingetragen, er gehört mit der weiteren Umgebung zum türkischen Nationalpark Boğazköy-Alacahöyük.
Lage
Ḫattuša und Yazılıkaya liegen im Halysbogen, östlich des Flussgebiets des antiken Halys, heute Kızılırmak, auf der Nordseite des Akçadağ Tepesi, der zur Bozok-Hochebene (türk.: Bozok Platosu) gehört. Die Stadt liegt an den Seitenhängen eines Tales, das der heute Büyükkaya Deresi genannte Bach bildet. Vom Großen Tempel führte in hethitischer Zeit ein Prozessionsweg zum Heiligtum, der heute nicht mehr vorhanden ist, sich aber aufgrund der landschaftlichen Gegebenheiten rekonstruieren lässt. Er verließ die Unterstadt am nördlichen Ende durch ein noch nicht entdecktes Tor. Dort durchquerte er den an dieser Stelle relativ seichten Bach und setzte sich nach Norden, später nach Nordosten fort, wobei er einer noch erkennbaren Rinne entlang der Stadtmauer folgte. Auf halber Strecke passierte er die Felsgruppe Osmankayası, wo sich neben einer Quelle ein Bestattungsplatz aus hethitischer Zeit befindet. Danach führte er weiter über relativ ebenes, stetig ansteigendes Gelände, bis er schließlich seitlich vor dem Felsmassiv endet. Dieses durchbricht hier, ähnlich zahlreichen anderen im Stadtbereich in Form von einzelnen Felsbänken oder -klippen aus Kalkgestein, das Randgebirge.Peter Neve: Hattuscha Information. Archaeology and Art Publications, Istanbul 1987.
Während das Heiligtum heute mehr als einen Kilometer Luftlinie von den sichtbaren Resten der Stadt entfernt liegt, reichte in hethitischer Zeit die Bebauung durch Siedlungen, die außerhalb der Stadtbefestigung lagen, weit den Osthang hinauf bis nahe an die Anlage heran, wie Oberflächen- und geophysikalische Untersuchungen ergeben haben.Jürgen Seeher: Götter in Stein gehauen. Das hethitische Felsheiligtum von Yazılıkaya. Verlag Ege Yayınları, Istanbul 2011, ISBN 978-605-5607-53-1, S. 19. Eine moderne Fahrstraße führt vom Eingang von Ḫattuša aus drei Kilometer zunächst nach Norden und später nach Osten, wobei sie um etwa 150 Höhenmeter ansteigt. Sie endet auf einem Parkplatz vor dem Gelände. Eine weitere Straße aus Boğazkale trifft auf halbem Weg die Erstere.
Funktion In Yazılıkaya wurden unter anderem Gegenstände aus der frühen Bronzezeit, dem dritten Jahrtausend v. Chr., gefunden. Eine Nutzung des Areals als Kultplatz ist in dieser Zeit nicht nachweisbar. Auf Grund zahlreicher Funde von hethitischer Keramik sowie wegen einer den Kammern vorgelagerten Mauer, die einen Abschluss nach außen bildet, wird vermutet, dass hier etwa ab dem 15. Jahrhundert v. Chr. Versammlungen einer Kultgemeinde stattfanden. Im 13. Jahrhundert v. Chr. ließ vermutlich Tudhalija IV. Reliefs und Vorbauten erstellen. Nach Einschätzung des Archäologen Jürgen Seeher vom DAI, der die Ausgrabungen in Ḫattuša bis 2006 leitete, stellt Yazılıkaya ein „Neujahrsfesthaus [dar], das Haus des Wettergottes, in dem sich alljährlich zum Neujahrs- und Frühlingsfest alle Götter vereinigen“.Jürgen Seeher: Hattuscha-Führer, Ein Tag in der hethitischen Hauptstadt. S. 125. Zu diesem Neujahrsfest, bei dem gleichzeitig der Großkönig in seinem Amt bestätigt wurde, fand wahrscheinlich vom großen Tempel in Ḫattuša, der der Verehrung des Wettergottes diente, eine Prozession nach Yazılıkaya statt.Birgit Brandau, Hartmut Schickert: Hethiter, die unbekannte Weltmacht. S. 73. Trotz der Fülle der in der Stadt gefundenen Tontafeln fand sich aber dort kein direkter Hinweis auf das Heiligtum, sodass der damalige Name der Stätte nicht bekannt ist und über die genaue Funktion des Geländes nur Vermutungen angestellt werden können.Kurt Bittel: Hattuscha – Hauptstadt der Hethiter. DuMont, Köln 1983, ISBN 3-7701-1456-6, S. 135.
Volkert Haas sieht einen Zusammenhang mit dem itkalzi-Ritual auf Grund von deutlichen Übereinstimmungen in der Beschreibung der Götterabfolge bei diesem Zeremoniell mit derjenigen in Kammer A von Yazılıkaya. Dabei handelt es sich um ein hethitisch-hurritisches Reinigungszeremoniell.Volkert Haas: Geschichte der hethitischen Religion. Brill, Leiden 1994, ISBN 90-04-09799-6, S. 638 bei Google Books.Rita Strauss: Reinigungsrituale aus Kizzuwatna: ein Beitrag zur Erforschung hethitischer Ritualtradition und Kulturgeschichte. Walter de Gruyter 2006, ISBN 3-11-017975-X, S. 160 bei Google Books Daniel Schwemer hält die von Hans Gustav Güterbock vorgeschlagene Interpretation des Ortes als ḫuwaši-Heiligtum für wahrscheinlich. Ḫuwaši-Heiligtümer dienten der Verehrung eines Gottes, in diesem Fall des Wettergottes, repräsentiert durch eine Felsstele oder einen Felsblock, wobei dieser ebenfalls als ḫuwaši bezeichnet wurde.Daniel Schwemer: Das hethitische Reichspantheon. In: R. G. Kratz u. a. (Hrsg.): Götterbilder, Gottesbilder, Weltbilder: Ägypten, Mesopotamien, Persien, Kleinasien, Syrien, Palästina. Mohr Siebeck, Tübingen 2006, ISBN 3-16-148673-0, S. 263 bei Google Books. Zudem weist Schwemer auf die Ähnlichkeiten der Abfolge der Götter in den Reliefs mit der Abfolge der Götter in den hurro-hethitischen kaluti-Opferlisten hin.Siehe dazu mit weiterführender Literatur Daniel Schwemer: Das hethitische Reichspantheon. In: R. G. Kratz u. a. (Hrsg.): Götterbilder, Gottesbilder, Weltbilder: Ägypten, Mesopotamien, Persien, Kleinasien, Syrien, Palästina. Mohr Siebeck, Tübingen 2006, ISBN 3-16-148673-0, S. 260 mit Anmerkung 64.
Daneben ist auch eine Nutzung als Begräbnisstätte nachgewiesen. In zwei Felsspalten an der nördlichen Außenseite, Spalte 3 und 4, sind Bestattungen gefunden worden, die durch beigegebene Keramikfunde in die hethitische Großreichszeit datiert werden konnten.Kurt Bittel: Hattuscha – Hauptstadt der Hethiter. DuMont, Köln 1983, ISBN 3-7701-1456-6, S. 158. Im zur Kammer B führenden Gang kamen in einer Felsmulde drei zusammengepresste Skelette zutage.Volkert Haas: Geschichte der hethitischen Religion. Brill, Leiden 1994, ISBN 90-04-09799-6, S. 636 bei Google Books. Allerdings wurden hethitische Bestattungen auch in Spalten an anderen Felsblöcken in der Umgebung nachgewiesen, sodass ein Zusammenhang mit der besonderen Funktion des Platzes als Kultstätte nicht wahrscheinlich ist.Jürgen Seeher: Götter in Stein gehauen. Das hethitische Felsheiligtum von Yazılıkaya. Verlag Ege Yayınları, Istanbul 2011, ISBN 978-605-56-0753-1, S. 144. In Kammer D, die östlich von der Hauptkammer abzweigt, wurde ein in einer Schale bestatteter und mit Nägeln fixierter Schweineembryo gefunden, was auf hier vollzogene Reinigungsriten hindeutet.Rita Strauss: Reinigungsrituale aus Kizzuwatna: ein Beitrag zur Erforschung hethitischer Ritualtradition und Kulturgeschichte. Walter de Gruyter, 2006, ISBN 3-11-017975-X, S. 163 bei Google BooksVolkert Haas: Materia Magica et Medica Hethitica: ein Beitrag zur Heilkunde im Alten Orient. Band 2, Walter de Gruyter 2003, ISBN 3-11-017749-8, S. 422.
Ebenso problematisch ist die Feststellung der Funktion von Kammer B. Da hier Tudhalija zweimal repräsentiert ist, einmal in der Darstellung mit Šarruma und einmal durch seine Namenskartusche, ist ein Zusammenhang mit dem Großkönig wahrscheinlich. Der Schwertgott Nergal neben dem Tudhalija-Relief gilt als Unterweltgott, auch die gegenüberliegende Reihe der zwölf Götter wird allgemein als Unterweltsgötter interpretiert. Dies lässt darauf schließen, dass die Kammer zumindest eine Gedenkstätte, wenn nicht sogar das Grab Tudhalijas darstellt. Der Aufbewahrungsort der königlichen Asche könnte dann Kammer C oder die zwischen der Kartusche und dem Nergalrelief liegende Felsspalte gewesen sein. Aufgrund fehlender Vergleichsmöglichkeiten – es wurde noch kein Grab eines hethitischen Königs gefunden – bleiben derlei Interpretationen jedoch Spekulation.Jürgen Seeher: Götter in Stein gehauen. Das hethitische Felsheiligtum von Yazılıkaya. Verlag Ege Yayınları, Istanbul 2011, ISBN 978-605-56-0753-1, S. 159–164.
2019 veröffentlichten die Archäologin und Astronomin Rita Gautschy und der Geoarchäologe Eberhard Zangger eine Theorie, nach der das Felsheiligtum eine Kalenderfunktion hatte. Demnach stehen die zwölf Unterweltsgötter in Kammer A für die zwölf Mondmonate des Jahres. Die folgenden 30 männlichen Götter der linken Prozession stellen die 30 Tage des Mondmonats dar, während den 19 weiblichen Göttinnen auf der rechten Seite die Bedeutung von 19 Jahren zukommt. Dies entspricht dem Meton-Zyklus, einer Zeitspanne, in denen sich das Sonnen- und das Mondjahr jeweils angleichen. Auch in einigen Aspekten der Architektur der Vorbauten, insbesondere ihrer Ausrichtung, sehen die Forscher eine astronomische Bedeutung. Gleiches gilt ihrer Meinung nach für einige Bauten der Hauptstadt Ḫattuša.Eberhard Zangger, Rita Gautschy: Celestial Aspects of Hittite Religion: An Investigation of the Rock Sanctuary Yazılıkaya. In: Journal of Skyscape Archaeology. Bd. 5, Nr. 1, 2019, S. 5–38.
Vorbau mini|Lageplan der Kammern und Reliefs Die beiden Kammern waren ursprünglich durch eine Mauer nach außen abgeschlossen, die aber im Zuge der Ausgestaltung im 13. Jahrhundert durch ein tempelartiges Gebäude ersetzt wurde, das den Eingang zum Heiligtum bildete. Es war in der typischen auch in Ḫattuša vielfältig zu findenden Lehmziegelbauweise erstellt. Daher sind heute nur noch die niedrigen Mauerfundamente aus Stein zu sehen.
Man betrat den Tempel von der Schmalseite über Treppen durch ein allein stehendes Torgebäude. Dahinter führten weitere Stufen in den Innenhof des eigentlichen Tempelgebäudes, der von verschiedenen Räumlichkeiten, wahrscheinlich Wirtschaftsräumen und Depots, umgeben war. Ein Altar im Innenhof lässt Seeher darauf schließen, dass hier Reinigungen und erste rituelle Handlungen stattfanden. Wiederum über Treppen gelangte man hinaus in offenes Gelände, das geradeaus in die größere Kammer A übergeht, während rechts ein schmaler Gang in Kammer B führt.
Kammer A
Übersicht über die Darstellungen Die erheblich größere der beiden Kammern ist zu Anfang etwa 20 m breit und verjüngt sich, bis nach etwa 30 m die Wände aufeinandertreffen. Der Fußboden war ursprünglich gepflastert, im hinteren Teil von einer Stufe unterbrochen und stieg danach bis zur Rückwand leicht an. Die Felswände sind fast vollständig mit Reliefs versehen. Unterhalb der Reliefs sind teilweise aus dem Fels gehauene, teilweise aus Steinen gebaute Podeste, die vermutlich dem Abstellen von Weihegaben dienten. Durch die Pflasterung mit Steinplatten, die heute sämtlich verschwunden sind, deren Höhe aber durch Anschlussstellen im Felsen rekonstruiert werden kann, lag der Fußboden der Kammer 50–60 Zentimeter höher als heute, sodass der damalige Besucher die Reliefs etwa auf Augenhöhe sah.Jürgen Seeher: Götter in Stein gehauen. Das hethitische Felsheiligtum von Yazılıkaya. Verlag Ege Yayınları, Istanbul 2011, ISBN 978-605-56-0753-1, S. 33.