Hellmuth Carl Elbrechter (* 19. Januar 1895 in Elberfeld; † 10. August 1971 in Düsseldorf)Lebensdaten nach ifz-muenchen.de (PDF; 632 kB); Standesamt Wuppertal Elberfeld Geburtsregisternummer 323/1895; Standesamt Düsseldorf-Nord: Sterberegisternummer 1451/1971. Der zweite Vorname wird bei Ralf Meindl: Ostpreussens Gauleiter. Erich Koch. Eine politische Biographie, 2007, S. 570 „Karl“ geschrieben. (Pseudonym: Hermann Vensky) war ein deutscher Zahnarzt und Journalist. Elbrechter wurde vor allem bekannt als Mitglied des sogenannten TAT-Kreises um Hans Zehrer und als Mitarbeiter des Generals Kurt von Schleicher in der Spätphase der Weimarer Republik.
Leben und Wirken Jugend und Studium (1895 bis 1921) Hellmuth Elbrechter war Sohn des Rektors Karl Elbrechter. Von Ostern 1906 bis Ostern 1914 besuchte er das humanistische Gymnasium in Elberfeld. Anschließend trat er in das 19. bayerische Infanterieregiment in Erlangen ein. Gleichzeitig nahm er das Studium der Germanistik und Kulturgeschichte auf.
Von August 1914 bis Dezember 1918 nahm er im Jäger-Regiment zu Pferde Nr. 7, als Jagdflieger und später – nachdem er die Folgen von zwei Abstürzen auskuriert hatte – als Führer einer Genesungskompanie in Trier eingesetzt wurde. Nach der Novemberrevolution von 1918 gehörte er zeitweise dem Soldatenrat der Trierer Garnison an. Nach dem Krieg begann Elbrechter im Februar 1919 in Münster in Westfalen mit dem Studium der Zahnmedizin. Im Sommersemester 1919 wechselte er an die Albert Ludwig Universität in Freiburg im Breisgau, wo er im Januar 1920 das Physikum ablegte. Es folgte ein klinisches Semester in Leipzig und weitere in Freiburg. 1921 promovierte Elbrechter an der medizinischen Fakultät der Freiburger Universität zum Dr. med. dent. Seine Promotionsschrift, zu der ihm Wilhelm Herrenknecht das Thema vermittelt hatte, behandelte das Thema Üble Zufälle in der Zahnextraktion. Bereits im März 1921 hatte er bereits das Staatsexamen bestanden und am 13. April 1921 wurde ihm die Approbation zum Zahnarzt ausgestellt.
Tätigkeit im NS-Umfeld (1921 bis 1928) Nach seinem Studium ließ Elbrechter sich als praktizierender Zahnarzt in Elberfeld nieder.Udo Kissenkoetter: Gregor Strasser und die NSDAP. 1978, S. 217. Dort kam er im Laufe der Zeit mit der nationalsozialistischen Bewegung in Kontakt, deren „linker“, norddeutscher Flügel um Gregor Strasser zeitweise sein Zentrum in Elberfeld hatte.Jeremy Noakes: A Documentary Reader. 1983, S. 43. 1923 erfolgte die erste Begegnung mit Strasser, zu dessen Mitarbeitern Elbrechter in den Jahren 1925/26 zählte, ohne selbst Mitglied der NSDAP zu werden.Udo Kissenkoetter: Gregor Strasser. S. 111. Enge freundschaftliche Bande schloss Elbrechter zu dieser Zeit insbesondere mit dem Gauleiter Karl Kaufmann. Mit Kaufmanns Gaugeschäftsführer, dem jungen Joseph Goebbels, verband Elbrechter dagegen eine ausgeprägte gegenseitige Abneigung.
Goebbels beschrieb Elbrechter – nach einer kurzen Phase der Sympathie („Elbrechter ist ein lieber Kerl. Ich werde gut mit ihm fertig.“) – in seinen Tagebüchern als seinen „bösen Feind“ und goss häufiger lange Schimpftiraden über ihn aus. So charakterisierte er den Arzt als den „bösen Geist“ seines Freundes Kaufmann, der eigentlich ein „armer“ und „unglückseliger Mensch“ sei, „der das Gute“ wolle.Roger Manvell: Goebbels. Eine Biographie. 1960, S. 104. Geburtstagsgrüße von Goebbels und Viktor Lutze zum 19. Januar 1926 reden Elbrechter als „Mitarbeiter“ und „Freund und Kampfgenosse“ an. Ferner verlieh Goebbels seiner Furcht Ausdruck, seinen Freund Kaufmann „über kurz oder lang“ durch Elbrechters unheilvolles Wirken („Schuld daran wird Elbrechter tragen.“) zu verlieren, was „schon immer“ seine, Goebbels’, „schlechte Ahnung“ gewesen sei.Roger Manvell: Goebbels. Eine Biographie. 1960, S. 88. Ebendort auch: „Kaufmann behandelt mich nicht, wie man einen Freund behandelt. Dahinter steckt natürlich Elbrechter.“ An anderen Stellen beschimpft der spätere Propagandaminister Elbrechter als „Fuchsdackel“,Elke Fröhlich: Die Tagebücher von Joseph Goebbels. 1998, S. 332. „Freimaurer“Helmut Heiber: Das Tagebuch. 1961, S. 77. „Dr. Elbrechter und die ganze Freimaurermischpoke.“ und als „Schuft“, der „unschädlich“ gemacht werden müsse.Elke Fröhlich (Hrsg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels. 1998, S. 138. Kaufmann führte Goebbels’ Haltung zu Elbrechter später darauf zurück, dass „dieser ein Intrigant sein konnte und sich wie eine eifersüchtige Primadonna benahm, wenn man nicht ihn, sondern [einen anderen wie] zum Beispiel den Dr. Elbrechter um seine Meinung zu irgendwelchen Problemen fragte.“Roger Manvell: Goebbels. Eine Biographie. 1960, S. 88. Elbrechter selbst gab im Rückblick an, dass er Goebbels „nie besonders gut leiden“ habe mögen und ihn für „geschwätzig und zu hochtrabend gehalten“ habe.Roger Manvell: Goebbels. Eine Biographie. 1960, S. 88. Als die Äußerungen Goebbels’ Elbrechter Jahrzehnte später vorgelesen wurden, meinte Elbrechter, dass die aggressiven Ausfälle gegen ihn, Elbrechter, von verletzter Eitelkeit diktiert worden seien: „Ich habe wohl den Goebbels damals unterschätzt.“
Im September 1925 leitete Elbrechter eine Tagung der Strasser-Gruppe der NSDAP in Hagen, auf der er und Goebbels von Strasser „als junge ehrgeizige Parteimänner“ vorgestellt wurden.Gerhard Schulz: Aufstieg des Nationalsozialismus. 1975, S. 389. Zur selben Zeit beteiligte er sich am Bamberger Programm der NSDAP.
Während seiner Elberfelder Jahre heiratete Elbrechter auch eine Frau Speth,Der Name Speth als Nachname von Kaufmanns Ehefrau, der Schwester von Elbrechters Ehefrau, findet sich bei Karl Höffkes: Hitlers politische Generale. Die Gauleiter des Dritten Reiches, Grabert Verlag, Tübingen 1986, S. 172. die Tochter eines Uhrmachermeisters und Juweliers aus Elberfeld, deren Schwester später Karl Kaufmann heiratete (den Umstand, dass Kaufmanns Ehefrau die Schwägerin von Elbrechter war („Kaufmann heiratet die Schwägerin von Dr. Elbrechter.“), vermerkt Goebbels in seinem TagebuchZitiert bei Claus-Ekkehard Bärsch: Der junge Goebbels. Erlösung durch Vernichtung. 2004, S. 111.).
Im Tatkreis und als Berater Schleichers (1928 bis 1933) Ab 1928 ist Elbrechter im Berliner Adressbuch als Zahnarzt mit einer Praxis in der Brückenallee Nr. 14 verzeichnet. 1929 begann Elbrechter, der sich in seiner Freizeit als Journalist betätigte, auf Bitten von Hans Zehrer an der politischen Monatsschrift Die Tat mitzuarbeiten, deren Redaktionsleitung Zehrer zu dieser Zeit übernahm. Die Tat, für die Elbrechter vor allem außenpolitische Beiträge beisteuerte, wurde in den folgenden Jahren zu einem der einflussreichsten publizistischen Organe des Landes. Insbesondere galt die Zeitschrift als Ideenlieferant des politisch mächtigen Reichswehrgenerals Kurt von Schleicher.Udo Kissenkoetter: Strasser und die NSDAP. S. 128. Bemerkenswert ist zudem die Angabe Zehrers, in einem Schreiben von 1933, Elbrechter sei sein einziger wirklicher Freund im Leben gewesen.
Seine Mitarbeit an der Tat beschränkte sich dabei auf vier größere Aufsätze, deren ergiebigster eine Interpretation des Konservatismus auf Grundlage von Arthur Moeller van den Brucks Das Dritte Reich und Quabbes Tar a Ri war. Ferner schrieb Elbrechter auch für die Tägliche Rundschau.
In den Jahren 1932 und 1933 fungierte Elbrechter, der nun auch persönlich in engem Kontakt zu Schleicher stand, als Vermittler zwischen der Tat-Redaktion und dem Reichswehrministerium. Demant sieht hierin die „eigentliche Bedeutung“ von Elbrechters Person für die deutsche Politik der frühen 1930er Jahre.Ebbo Demant: Von Schleicher zu Springer. Mainz 1971, S. 64. Mit Schleicher war Elbrechter bekannt geworden, als sich der General auf der Suche nach einem Verbindungsmann zu dem NSDAP-Politiker Gregor Strasser an den Zahnarzt wandte, zu dessen Patienten Strasser gehörte. Auf die Idee, sich an Strasser zu wenden, verfiel Schleicher aufgrund einer Empfehlung von Bodo von Alvensleben. Schleicher zeigte sich sofort beeindruckt durch Elbrechter, den er als intelligent und verschwiegen schätzte und von dem er meinte, er sei „Endlich mal ein Mensch, mit dem man reden kann!“, und machte ihn fortan zu einem seiner engsten persönlichen Berater.Gottfried Treviranus: Das Ende von Weimar. Heinrich Brüning und seine Zeit. 1968, S. 345. Elbrechter agierte seither als Mittelsmann oder, mit den Worten Rohrers, als „eine Art graue Eminenz“Christian Rohrer: Nationalsozialistische Macht in Ostpreußen. 2006, S. 185. zwischen den beiden Politikern und stellte unter anderem auch seine Privatwohnung in der Schaperstraße 29 für geheime Treffen und Verhandlungen der beiden zur Verfügung.Harry Schulze-Wilde: Die Reichskanzlei 1933-1945. Anfang und Ende des dritten Reiches. 1966, S. 29. Einige Autoren billigen ihm daher für das Jahr 1932 den Rang einer „Schaltstelle für eine mögliche Anti-Hitler-Koalition“ zu.Andreas Dornheim: Röhms Mann fürs Ausland: Politik Und Ermordung Des SA-Agenten Georg Bell. 1998, S. 113. Andere Politiker, zu denen Elbrechter persönliche Kontakte unterhielt, waren der Reichskanzler Heinrich Brüning und der Rechtskonservative Gottfried Treviranus, die beide zu seinen Patienten zählten und lose mit ihm befreundet waren.
Der Historiker Axel Schildt identifiziert Elbrechter für diese Zeit auch jenseits seiner Mitarbeit an der Tat als wichtigen Ideengeber Schleichers und Strassers. So vertreten Schildt, in seiner Arbeit zum Kabinett Schleicher, und Ursula Hüllbüsch in ihrer Arbeit zum Verhältnis von Gewerkschaften und Staat die Meinung, Elbrechter sei der eigentliche Verfasser der aufsehenerregenden Rede gewesen, die Gregor Strasser am 10. Mai im Reichstag hielt. In dieser trug Strasser die Umrisse eines Arbeitsbeschaffungsprogramms vor, das wahrscheinlich auch von Elbrechter miterarbeitet worden war. In der historischen Forschung wird Strassers Programm, als das einzige konstruktive Programm zur Arbeitsbeschaffung, das zu dieser Zeit der Öffentlichkeit von einer Partei unterbreitet wurde, mit als ein Grund für den immensen Wahlerfolg der NSDAP bei der bald darauf erfolgenden Reichstagswahl vom Juli 1932 angesehen. In der Frage der Finanzierung von zu fördernden Projekten und in dem Grundsatz der tarifmäßigen Bezahlung stimmte das Strasser-Programm weitgehend mit dem späteren Gereke-Programm Schleichers überein: Dieser Umstand – beide von Elbrechter beratenen Spitzenpolitiker entwickeln ähnliche Wirtschaftsprogramme – bekräftigt die Annahme einer maßgeblichen Beteiligung seinerseits an diesen Programmen.Axel Schildt: Das Kabinett Kurt von Schleicher. (= Die Weimarer Republik Bd. II). Ursula Hüllbüsch: Gewerkschaften und Staat, 1961. Hierin würde sich auch die Kontinuität von Elbrechters politischen Ideen und die Beständigkeit, mit der er sie den politisch Mächtigen nahebrachte, zeigen. Strassers Rede im Protokoll der Reichstagssitzung
Am 5. Januar 1933 setzte Elbrechter Schleicher – „Kurtchen“Gottfried Reinhold Treviranus: Das Ende von Weimar. Heinrich Brüning und seine Zeit. 1968, S. 355. – über die geheimen Verhandlungen von Hitler und Papen im Haus des Kölner Bankiers Kurt Freiherr von Schröder in Kenntnis („Fränzchen hat Sie verraten!“), die er durch den pensionierten Hauptmann Johansen hatte beschatten und durch Fotoaufnahmen belegen lassen. Die Aufnahmen veröffentlichte Hans Zehrer am 5. Januar in einem Enthüllungsbericht („Papen und Hitler gegen Schleicher“) in der Täglichen Rundschau, der das Kölner Treffen publik machte und der noch heute als eine journalistische Meisterleistung gilt. Wie genau Elbrechter von dem geplanten Treffen erfahren hatte, ist nicht vollständig gesichert: Treviranus gibt an, Elbrechter hätte „in seiner ärztlichen Praxis Gerüchte“ gehört, dass Papen mit Hitler „Tuchfühlung“ aufgenommen habe, und er habe Papen fortan beschatten lassen.
Elbrechters Plan für einen „kalten Staatsstreich“ (1933)