mini|Henry Morton Stanley (um 1884) rahmenlos|klasse=skin-invert-image|Unterschrift Stanleys Sir Henry Morton Stanley (* 28. Januar 1841 als John Rowlands in Denbigh, Wales; † 10. Mai 1904 in London), auch Bula Matari („der die Steine bricht“), war ein britisch-amerikanischer Journalist, Afrikaforscher und Buchautor. Er wurde bekannt durch die Suche nach David Livingstone und die Kolonialisierung des Kongo im Auftrag des belgischen Königs Leopold II. Stanleys Literaturagent war G. W. Appleton.
Leben und Wirken Kindheit (1841–1856) mini|Stanley und Kalulu (1872) Das Geburtsregister der walisischen Stadt Denbigh vermeldet für den 28. Januar 1841 die Geburt eines nichtehelichen Kindes: „John Rowlands, Bastard“. Unter seiner nichtehelichen Geburt sollte der spätere Henry Morton Stanley sein Leben lang leiden. Seine Mutter, Betsy Parry, arbeitete als Hausmädchen und gebar in den kommenden Jahren noch vier weitere nichteheliche Kinder. Wer sein Vater war, erfuhr er nie. Es gibt Spekulationen, es könne John Rowlands gewesen sein, ein stadtbekannter Trinker, oder ein verheirateter Anwalt namens James Vaughan Home.
Das Kind kam zunächst in die Obhut des Großvaters. Nach dessen Tod – Henry Morton Stanley war zu diesem Zeitpunkt fünf Jahre alt – gab ihn sein Onkel zunächst zur Pflege in eine Familie und später, als er das Pflegegeld nicht mehr zahlte, in das Arbeitshaus St. Asaph’s Union Workhouse in dem kleinen Ort St Asaph. Später stellte eine Untersuchung fest, dass die älteren Bewohner des Hauses „allen möglichen Lastern anhingen“. Der Leiter, ein Alkoholiker, nahm sich gegenüber den Bewohnern alle Freiheiten heraus. Die Kinder teilten zu zweit die Betten, und wenn sie nicht von Erwachsenen missbraucht wurden, dann quälten die Älteren die Jüngeren, auch nachts.
Immerhin vermittelte der Aufenthalt in diesem Arbeitshaus ihm eine gewisse Schulbildung. Er war ein guter Schüler, besonders an Geographie interessiert, und erhielt für seine guten Leistungen eine Bibel mit Widmung des Bischofs Thomas Vowler Short.
Seine Mutter traf Henry in dieser Zeit nur ein einziges Mal, als er etwa neun war, und sie zwei weitere Kinder nach St. Asaph brachte.
Amerika (1856–1861) Mit 15 Jahren verließ er das Arbeitshaus, freiwillig – anders als er es selbst darstellte. Er arbeitete in verschiedenen Stellungen als Tagelöhner und heuerte dann mit 17 Jahren auf der Windermere an, einem Schiff, das nach New Orleans segelte. Dort angekommen, suchte er Arbeit und stellte sich dem Baumwollhändler Henry Hope Stanley vor, den er mit seiner Preisbibel beeindrucken konnte.
Rowlands Schilderungen dieser Zeit – und wohl nicht nur dieser – weichen von der Wirklichkeit ab. Er schreibt, er habe bei den Stanleys gewohnt, sei adoptiert worden und habe das Ehepaar Stanley auf Reisen begleitet. Doch leider sei erst die Frau und dann ganz plötzlich auch der Mann im Jahre 1861 gestorben. Nach dem Melderegister der Stadt New Orleans hingegen starb der ältere Stanley erst 1878. Er und seine Frau hatten zwar zwei Kinder adoptiert, doch beide waren Mädchen. Sein junger Angestellter Rowlands hatte auch nie bei ihm gewohnt, und schließlich zerstritten sich Rowland und Henry Hope Stanley derart, dass sie den Kontakt zueinander abbrachen.
Soldat und Schreiber (1861–1867) mini|Henry Morton Stanley (1872) 1861 trat der junge Mann, der sich nun Henry Stanley nannte (Morton fügte er später hinzu), der Konföderierten Armee bei, um im Amerikanischen Bürgerkrieg zu kämpfen. Im April 1862 wurde er bei der Schlacht von Shiloh in Tennessee gefangen genommen und in ein Kriegsgefangenenlager bei Chicago gebracht. Wer zu den Truppen der Union überlief, durfte das Lager verlassen. Da im Gefangenenlager Typhus umging, entschied sich Stanley für diesen Schritt. In der Armee der Nordstaaten erkrankte er und wurde daraufhin ausgemustert.
Er heuerte zuerst auf verschiedenen Schiffen der Handelsmarine und im Jahre 1864 erneut bei der Kriegsmarine der Union an. Wegen seiner schönen Handschrift machte man ihn zum Schiffsschreiber auf der Minnesota. Kurz vor dem Kriegsende 1865 desertierte er und schlug sich nach St. Louis durch, wo er einen Vertrag als freier Korrespondent einer Lokalzeitung bekam. Er schrieb Berichte aus dem Wilden Westen: Denver, Salt Lake City, San Francisco. Im Tross von Generalmajor Hancock nahm er an den Indianerkriegen teil. Obwohl das Jahr seiner Berichterstattung von Friedensverhandlungen geprägt war, schrieb er über die dramatischen Schlachten, wie es sein Verleger erwartete. Damit weckte er das Interesse von James Gordon Bennett Jr., dem Herausgeber des New York Herald, einer Boulevardzeitung.
„New York Herald“ (1867–1878) Bennet erkannte Stanleys journalistisches Talent und schickte ihn als Kriegsberichterstatter nach Abessinien, um von den dortigen Unruhen zu berichten. Stanley bestach auf der Durchreise in Ägypten den Cheftelegrafen und stellte so sicher, dass seine Berichte von der Front auch dann zuerst telegrafiert wurden, wenn andere Berichte vorher eingetroffen waren. Am Tag nach der einzigen wichtigen Schlacht riss das Telegrafenkabel nach Malta, unmittelbar nachdem Stanleys Bericht (als einziger) übertragen worden war. Sein Verleger war begeistert.
Der Herald machte ihn zum festangestellten Sonderkorrespondenten und schickte ihn in der Folgezeit unter anderem nach Spanien, um vom dortigen Bürgerkrieg zu berichten, bei dem Königin Isabella II. ihren Thron verlor. In Madrid, so will es Stanleys eigene Legende, erreichte ihn am 16. Oktober 1869 ein Telegramm seines Verlegers, das ihn sofort nach Paris beorderte. Dort erteilte ihm Bennett den Auftrag „Finden Sie Livingstone!“
Draw a thousand pounds now, and when you have gone through that, draw another thousand, and when that is spent, draw another thousand. . . and so on; but find Livingstone!Oliver Carlson: The Man Who Made News: James Gordon Bennett. Duell, Sloan and Pearce, 1942, S. 386.
Afrika mini|Rot: Expedition 1871/1872; Grün: Expedition 1874–1877; Blau: Expedition 1888/1889
Suche nach Livingstone (1870/1871) Vom schottischen Missionar und Afrikaforscher David Livingstone, einem Arzt, der im Auftrag der London Missionary Society unterwegs war, gab es seit seinem Aufbruch zu einer Forschungsreise in das Gebiet der ostafrikanischen Seen 1866 kein Lebenszeichen mehr. Obwohl Stanley die Geschichte später sehr dramatisch darstellte, brach er erst ein ganzes Jahr später auf. Zwischendurch berichtete er für seine Zeitung noch von der Eröffnung des Suezkanals, von Ausgrabungen in Jerusalem und schließlich aus Konstantinopel. Erst 1870 brach er von Bombay aus auf, um Livingstone zu finden.
mini|„Doktor Livingstone, nehme ich an“ Wie er es im Abessinienkrieg gelernt hatte, brach er mit einem riesigen Tross auf, 190 Männer, nur zwei weitere Briten, die übrigen afrikanische Träger. Er bewegte sich von Osten aus Richtung Zentralafrika und begegnete am 10. November 1871 in Ujiji, in der Nähe des Tanganjikasees einem Europäer. Doctor Livingstone, I presume? – „Doktor Livingstone, nehme ich an“, soll er gesagt haben. Da Stanleys europäische Begleiter die Reise nicht überlebten, die Afrikaner nie befragt wurden und Livingstone bis zu seinem Tod ein Jahr später nichts aufschrieb, liegt nur Stanleys Bericht vor.
Die beiden Männer waren sehr verschieden: Hier der Missionar Livingstone, der Afrika und die Afrikaner liebte, ihre Sprachen lernte und keinen Profit aus seinen Reisen zog. Dort Stanley, der ehrlich zugab, den Kontinent von ganzem Herzen zu verabscheuen. Seine Bücher über Afrika hießen dann auch Durch den dunklen Weltteil oder Im dunkelsten Afrika.
Während Stanley in Afrika war, schrieb er seiner Verlobten Katie Gough-Roberts, einer jungen Frau aus seiner Heimatstadt Denbigh, viele Briefe, die er ihr von Häfen aus auch schickte. In einem gestand er seine wahre Herkunft, uneheliche Geburt und unglückliche Kindheit. Nach seiner Rückkehr musste er feststellen, dass sie in der Zwischenzeit einen Anderen geheiratet hatte. Stanley, der zeit seines Lebens Angst hatte, seine Herkunft könne bekannt werden, versuchte vergeblich, diese Briefe wieder an sich zu bringen.
Die Royal Geographical Society empfing Stanley mit Hochmut, denn auch sie hatte eine Expedition ausgeschickt, Livingstone zu finden, doch zu spät. Die Echtheit der Briefe, die er von Livingstone mitgebracht hatte, wurde angezweifelt, und Königin Victoria empfing ihn zwar, urteilte danach aber, er sei ein „grässlicher kleiner Mann“.
Zweite Afrikaexpedition (1874–1877) Ziel der zweiten Expedition war es, herauszufinden, woher der Nil kommt. Livingstone dachte, der Lualaba sei die Quelle des Nils, während der Brite John Speke dachte, der Nil entspringe am Nordufer des Viktoriasees. Doch Stanley wollte außerdem beweisen, dass der Erfolg bei seiner ersten Reise kein Zufallstreffer war.
Am 17. November 1874 brach er von der Küste vor Sansibar mit 3 weißen und 356 einheimischen Gefährten (darunter einige Frauen) auf. Er hatte ein in zehn Teile zerlegbares Schiff dabei, die Lady Alice. Das Schiff war nach seiner Verlobten Alice Pike benannt, nach der er noch einige geographische Entdeckungen benennen sollte, etwa Alice Island und Alice Rapids. Doch nach seiner Rückkehr musste er feststellen, dass auch diese zweite Verlobte unterdessen einen Anderen, einen Eisenbahnbesitzer aus Ohio, geheiratet hatte.
Nach dreieinhalb Monaten erreichte er den Viktoriasee, den er vom 8. bis 29. März 1875 auf einer 3170 km lange Fahrt erkundete. Im August traf er am Hof des Königs Mutesa von Uganda ein. In Uganda begleitete er den König auf Kriegszügen, befuhr den Tanganjikasee und entdeckte einen weiteren See, den er nach Albert Edward benannte (Edwardsee).
Am 27. Mai 1876 erreichte er Ujiji, wo er fünf Jahre zuvor Livingstone getroffen hatte. Gemeinsam mit seinem englischen Gefährten Frank Pocock (die beiden anderen Weißen waren mittlerweile an Krankheiten gestorben; Pocock ertrank später im Kongo-Fluss) beschloss er, weiter nach Westen zu ziehen und Afrika ganz zu durchqueren. Der Sklaven- und Elfenbeinhändler Tippu Tip stellte ihm für 5000 US-Dollar 140 Mann für ein Vierteljahr zur Verfügung. Am 22. November 1876 erreichten sie den Lualaba und fuhren ihn die nächsten acht Monate, unterbrochen von zahlreichen Katarakten, hinab. Der Fluss trug bei den Einheimischen unterschiedliche Namen, aber am 8. Februar hörten sie erstmals den Namen „Kongo“ und wussten nun, welcher Fluss es war und wohin er sie führen würde. Je mehr sie sich dem Atlantik näherten, desto wertloser wurden aber ihre Tauschgüter, wie Draht, Stoffe oder Kauris, und sie konnten kaum noch Lebensmittel erwerben. Die letzten Tage mussten sie ausgehungert über Land reisen. Stanley schickte drei Männer voraus mit einem Brief „an irgendeinen Herrn in Embomma, der englisch versteht“ und bat um Hilfe. Drei Tage später erreichte sie eine Lebensmittellieferung aus einer Handelsniederlassung in Boma an der Kongomündung. Per Schiff kehrte Stanley mit seinen Begleitern von Boma zurück nach Sansibar.
Die 11.500 km lange Reise quer durch den Kontinent (einschließlich Erkundung der Seen per Boot) hatte fast 1000 Tage gedauert. 157 Begleiter waren umgekommen – die meisten durch Kämpfe, Pocken oder Ruhr. Bei seiner Ankunft in Boma am 9. August 1877 war Stanley 36 Jahre alt, doch durch die Strapazen ausgemergelt und früh weißhaarig. Er schrieb erste Artikel, nach seiner Rückkehr nach England hielt er Vorträge und schrieb Bücher.
Er war bestrebt, Zentralafrika und den Kongo dem britischen Kolonialreich einzugliedern, doch im Vereinigten Königreich ging niemand auf seine Ideen ein.
Leopold II. und der Kongo mini|alternativtext=Eine Alte Aufnahme ist zu sehen von Henry Morton Stanley, mit seinem typischen Schnurrbart. Dieser sitzt in einem Stuhl, sichtlich gealtert mit bereits weißen Haar und trägt einem hellen Anzug.|Porträt von Henry Morton Stanley, Schriftsteller und Abenteurer, aufgenommen von Herbert Rose Barraud (um 1880)