hochkant|mini|Lucas Cranach der Altere, 1530

Aristoteles und Phyllis ist ein mittelhochdeutsches Märe, das von einem unbekannten höfischen Dichter verfasst wurde. Dargestellt wird das Motiv des Weisen, der durch eine schöne Frau verführt, überlistet und bloßgestellt wird. Es sind zwei deutsche Fassungen bekannt, die so genannte Straßburger Fassung und die ältere Benediktbeurer Fassung. Diese war wahrscheinlich die Vorlage für die spätere Straßburger Fassung. „Aristoteles und Phyllis“ wurde in den Jahren zwischen 1260 und 1287 in dem Gebiet der oberrheinischen Städte Basel und Straßburg verfasst. Im Vergleich zu anderen Mären hat ihr Erzählstil romanhafte Züge. Die Verserzählung ist in drei Handschriften belegt, die nur noch teilweise erhalten sind. Der ursprüngliche Text umfasste zwischen 314 und 565 Verse. Das Märe ist stark von den Werken zeitgenössischer Dichter beeinflusst, so dass es an mehreren Stellen wörtliche Anklänge zu diesen gibt. In der Forschung gibt es bis heute Uneinigkeit über die Aussageabsicht der Verserzählung.

Inhalt Der mächtige makedonische König Philipp und seine schöne, edle Frau haben einen tugendhaften Sohn namens Alexander (VV. 1–37).Im Folgenden immer zitiert nach: Schulz-Grobert, Jürgen: Kleinere mittelhochdeutsche Verserzählungen, Stuttgart: Reclam 2006. Der König bestellt den weisen Aristoteles als Lehrmeister für den heranwachsenden Prinzen. Dieser soll Alexander auf seine zukünftigen Pflichten als Herrscher vorbereiten. Zunächst fällt es dem Jungen schwer zu lernen, jedoch wird er unter der Anleitung seines Lehrers zu einem fleißigen Schüler. (VV. 38-81) Dies ändert sich, als Alexander sich in die hübsche Phyllis verliebt. Sie ist ein Mädchen aus der Gefolgschaft der Königin und selbst von hoher Abstammung. Alexander ist so sehr in Liebe zu Phyllis entbrannt, dass er sich nicht mehr auf seinen Unterricht konzentrieren kann. Er besucht sie heimlich und schließlich verliebt sich auch Phyllis in Alexander. In der nächsten Zeit treffen die Liebenden sich so oft wie möglich heimlich in einem Garten (VV. 82-145). Aristoteles erkennt jedoch bald Alexanders Liebe zu Phyllis. Der Lehrer warnt den Prinzen vor der Liebe und bewacht ihn Tag und Nacht so gut er kann. Dies hält Alexander und Phyllis jedoch nicht von ihren Verabredungen ab. Aristoteles setzt daraufhin bei dem König durch, dass die Liebenden getrennt werden. Phyllis leugnet vor dem König ihre Beziehung mit Alexander. Die Königin schenkt Phyllis Glauben und bestreitet ihre Schuld. Alexander und Phyllis sind sehr traurig und leiden stark unter ihrer Trennung (VV. 146–208).

Durch ihren Liebeskummer wird Phyllis wütend auf Aristoteles. Sie fühlt sich ihrer Liebe durch den Alten bestohlen und will dafür Rache an ihm nehmen. Daraufhin schmückt sie sich mit einem leichten Kleid und einem Stirnreif aus Gold und Edelsteinen und beginnt Blumen vor Aristoteles Fenster zu pflücken (VV. 209-339). Dieser ist hingerissen von ihrer Lieblichkeit und bittet sie, die Nacht mit ihm für Geld zu verbringen (VV. 340-390). Sie geht zum Schein auf seine Bitte ein. Dann sieht Phyllis einen Sattel an der Wand und verlangt für ihre Liebe, dass sie Aristoteles satteln darf und wie auf einem Pferd von ihm durch den Garten getragen wird. Blind vor Liebe willigt Aristoteles ein. Phyllis schnallt ihm einen Sattel auf und reitet, ein Liebeslied singend, auf seinem Rücken durch den Garten (VV. 390-489). Dieses Schauspiel beobachten zufällig einige Hofdamen und die Königin. Phyllis beschimpft den liebestollen Alten und freut sich, dass ihre Rache gelungen ist. Sie zeigt damit, dass Aristoteles seinem eigenen Ideal nicht gerecht werden kann und sich ebenso wie Alexander in Phyllis verliebt. Daraufhin ist Aristoteles der Lächerlichkeit und der Schande preisgegeben und flieht. In einem fernen Land meditiert er über die Verderblichkeit der Weiberlist (VV. 490–554).

Die ältere Vorlage und das Märe teilen die wesentlichen Handlungsabläufe. Trotzdem zeigen die mittelalterlichen Fassungen unterschiedliche inhaltliche Akzentuierungen. Näheres unter: Fassungsunterschiede.

mini|Abbildung des Motivs auf dem Maltererteppich

mini|Der Holzschnitt „Weibermacht“ (1513) von Hans Baldung Grien

mini|Ausschnitt eines Basler Wirkteppich aus den 1470er Jahren

mini|Schlussstein, Dorfkirche in Mesum vom Ende des 15. Jahrhunderts

Motivik Das Motiv des Vorführens und Demütigens des Weisen durch eine überlegene Frau ist schon seit dem 5. Jahrhundert in der Weltliteratur bekannt. So findet es sich schon in chinesischen, arabischen und persischen Erzählungen aus dieser Zeit. Beispiele sind die buddhistischen Erzählungen „Tripitaka“ aus dem Jahr 516 n. Chr. oder die persische Erzählung „Über die guten und schlechten Seiten der Dinge“ aus dem 9. Jahrhundert. Grubmüller, Klaus: Novellistik des Mittelalters. Märendichtung, (Bibliothek des Mittelalters; Band 23). Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a. M. 1996, S. 1185 ff. ISBN 3-618-66230-0, S. 1188. In Europa war dieses Motiv besonders vom 13. bis ins 16. Jahrhundert verbreitet. Es kam vermutlich zur Zeit der Kreuzzüge aus dem Orient nach Europa. Die Rolle des Weisen wurde jedoch erst in den abendländischen Erzählungen auf den Philosophen Aristoteles übertragen. Einige der zahlreichen Beispiele, in denen das Weiberlistmotiv literarisch ausgeführt wird, sind Hugo von Trimbergs „Der Renner“, Lamprecht von Regensburgs „Tochter Syon“, Heinrich von dem Türlins „Crône“, Hartmann von Aues „Erec“ oder Wolfram von Eschenbachs „Parzival“. Ott, Norbert: „Minne oder amor carnalis?. Zur Funktion der Minnesklaven – Darstellung mittelalterlicher Kunst.“ In: Jeffrey Ashcroft, Dietrich Huschenbett, William Henry Jackson (Hrsg.): Die Liebe in der deutschen Literatur des Mittelalters. Niemeyer, Tübingen 1987, ISBN 3-484-10551-8, S. 107–125. S. 111.

Neben den Textzeugnissen war dieses Motiv auch stark in den bildlichen Darstellungen des Spätmittelalters verbreitet. Abbildungen der Reiterszene sind auf Gegenständen des höfischen Alltags, wie beispielsweise auf Messergriffen, Kämmen oder Ofenkacheln nachgewiesen worden. Außerdem sind Skulpturen und Fassadenreliefs in verschiedenen Kirchen und Kathedralen dokumentiert. In der Kunst wurden vielfältige Gestaltungstechniken benutzt, um das Motiv darzustellen. Es sind neben Skulpturen und Fassadenreliefs beispielsweise auch Zeichnungen, Holzschnitte, Kupferstiche, Stickereien und Elfenbeinschnitzereien belegt. Konkrete Beispiele sind der Maltererteppich oder der Holzschnitt „Weibermacht“ aus dem Jahr 1513 von Hans Baldung Grien. Es gibt verschiedene Erklärungsansätze zu der Beliebtheit dieses Motivs. Einerseits wird vermutet, dass die Darstellung als Warnung vor der Frauenlist an das Publikum appellieren sollte, und daher besonders im kirchlichen Kontext vertreten war. Dagegen spricht, dass viele der kirchlichen Abbildungen der Öffentlichkeit nicht zugänglich waren und ihre Lehre damit nicht nach außen drang. Aufgrund der oft privaten Darstellungsorte wird andererseits vermutet, dass dieses Motiv schlicht der Unterhaltung diente und daher oft aufgegriffen wurde. Ott, Norbert: Minne oder amor carnalis?. Zur Funktion der Minnesklaven – Darstellung mittelalterlicher Kunst., S. 107–125.

mini|Aristoteles und Phyllis (Meister des Amsterdamer Kabinetts) Autor und Entstehung Der Dichter, der die Verserzählung verfasste, ist namentlich nicht bekannt. Es ist jedoch sicher, dass er ein gebildeter Mann war, da er genaue Kenntnisse von den Schriften Gottfried von Straßburgs und Konrad von Würzburgs hatte und eine große sprachliche Gewandtheit besaß. Seine geografische Herkunft wird durch die niederalemannische Sprache in seiner Verserzählung auf das Gebiet um die oberrheinischen Städte Basel und Straßburg eingegrenzt. Aufgrund mehrerer wörtlicher Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten zu Konrad von Würzburgs Werken „Herzmäre“, „Engelhard“ und „Trojanerkrieg“ gilt es heute als sicher, dass der namenlose Dichter diese Werke kannte und mit in seine Märe einfließen ließ. Dieser Umstand bietet einen Anhaltspunkt über die Lebensdaten des Dichters, da andere eingearbeitete Werke wie Gottfried von Straßburgs „Tristan“ deutlich älter sind. Konrad von Würzburg schrieb seine Erzählungen nach heutigem Wissen in der Zeit zwischen den Jahren 1260 und 1287. Es ist also anzunehmen, dass auch „Aristoteles und Phyllis“ am Ende des 13. Jahrhunderts entstand.Klaus Grubmüller: Novellistik des Mittelalters. Märendichtung, S. 1185.

Erzählstil Im Vergleich zu anderen Mären des 13. Jahrhunderts wirkt „Aristoteles und Phyllis“ romanhafter. Dieser Eindruck entsteht einerseits durch die namentliche Vorstellung und Charakterbeschreibung der Personen. König Philipp wird beispielsweise sehr ausführlich als groß, machtvoll, freigiebig, ehrenhaft und fehlerlos beschrieben (VV1-9). Auch die Schönheit seiner Frau, sowie Alexanders Eigenschaften werden umfangreich beschrieben (VV. 13-35). Andererseits entsteht das Romanhafte auch durch die weitreichende Ausarbeitung der Nebenszenen. Ein Beispiel für eine solche detaillierte Nebenszene ist das Gespräch König Philipps mit Aristoteles (VV. 40-67). Im Gegensatz zum Großteil der Verserzählungen ist das Publikum hier durch die genaue Wiedergabe der Worte sehr nah an der Handlung. Zusätzlich ist dieses Märe von einer großen Detailliertheit in seinen Beschreibungen gekennzeichnet. Besonders Phyllis’ Kleidung und Erscheinung wird sehr ausführlich in über 60 Versen beschrieben (VV. 228-292). Während die ältere Vorlage von „Aristoteles und Phyllis“ nur einen schlichten, reihenden Erzählstil aufweist, zeigt das Märe selbst eine elegante Ausdrucksweise.Burghart Wachinger: Zur Rezeption Gottfrieds von Straßburg im 13. Jahrhundert. In: Wolfgang Harms, Peter Johnson (Hrsg.): Deutsche Literatur des späten Mittelalters. Hamburger Kolloquium. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1973, ISBN 3-503-01213-3, S. 77–78.

Überlieferung Das Märe „Aristoteles und Phyllis“ ist in drei mittelalterlichen Handschriften überliefert worden. Zwei dieser Handschriften sind nicht mehr erhalten. Die Straßburger Fassung (Fassung S) umfasste 554 Verse und entstand in den Jahren um 1330–1350. Sie war Teil einer Straßburger Sammelhandschrift aus Pergament. Die Handschrift umfasste 80 Blätter und gehörte der Stadtbibliothek in Straßburg. Sie verbrannte bei einem Feuer während des Deutsch-Französischen Krieges 1870. Von der Straßburger Fassung ist nur noch ein Abdruck erhalten. Heinrich Myller in seiner „Sammlung deutscher Gedichte III“. Die Regensburger Fassung (Fassung r) war 486 Verse lang und wird auf das 14. Jahrhundert datiert. Sie war Bestandteil einer 65-seitigen Handschrift aus Papier, die im Besitz der Jesuitenbibliothek in Regensburg war. Die Handschrift trug keine Signatur und ist seit der Schlacht bei Regensburg von 1809 verschollen. Die jüngste und am wenigsten wertvolle Fassung ist die 565 Verse umfassende Karlsruher Fassung (Fassung k), die aus der Zeit zwischen 1430 und 1435 stammt und erhalten geblieben ist. Sie ist Teil des 191 Blätter umfassenden Codex Karlsruhe aus Papier und befindet sich in der Badischen Landesbibliothek.

Literarische Vorlage