mini|hochkant|Philipp Sonntag Philipp Sonntag (* 28. Dezember 1938 in Halle (Saale)) ist ein deutscher Physiker, Kybernetiker, Programmierer, Politikwissenschaftler, Zukunftsforscher, Autor und Publizist. Als Mitarbeiter von Carl Friedrich von Weizsäcker (1964–1978) war er an dessen Kriegsfolgen- und Kriegsverhütungsforschung beteiligt und veröffentlichte dazu, aber auch zu anderen gesellschaftspolitischen Themen eigene Arbeiten. In jüngerer Zeit publiziert er Zeitzeugenberichte und verfasst gesellschaftskritisch-satirische Belletristik, z. T. als Kunstfigur „Zeitmaschinennavigator Phila“.

Kindheit, Ausbildung, Studium Philipp Sonntags Mutter war jüdischer Herkunft. 1944, als er 5 Jahre alt war und sein Bruder 13, nahm sie sich das Leben, in der Hoffnung, ihre Kinder zu retten, wenn der Vater eine „arische“ Frau heiratet. So geschah es, und Philipp konnte als „Child Survivor“ die Verfolgung der Nazis überleben.Sylvia Dienel: Der Selbstmord der Mutter rettete ihm das Leben. In: Freie Presse, Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co vom 15. Juni 2017.

Dieses tragische Ereignis und eine schwierige Kindheit in München mit einer neuen Mutter und neuen Geschwistern – er lebte „wie in einem mürrischen Hotel“So beschreibt Philipp Sonntag selbst diese Situation. (philipp-sonntag.de) war prägend für sein Leben und sein Engagement gegen Gewalt und Krieg.

Nach dem Abitur 1958 am Realgymnasium Gräfelfing bei München studierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) 1958 bis 1964 Physik und 1959–1967 einige Fächer Ökonomie an der LMU und der Universität Hamburg sowie einige Semester Politische Wissenschaften an der „Hochschule für Politische Wissenschaften“ in München. Als Diplom-Physiker ging er 1964 nach Hamburg.

1970 promovierte er an der Technischen Hochschule Hannover mit der Dissertation „Mathematische Analyse der Wirkungen von Kernwaffenexplosionen in der BRD“ zum Doktor der Naturwissenschaften (Dr. rer. nat.).Philipp Sonntag: Mathematische Analyse der Wirkungen von Kernwaffen in der BRD. In: C.-F. von Weizsäcker (Hrsg.): Kriegsfolgen und Kriegsverhütung. Hanser. München 1971, S. 75–198 (zugleich Dissertation, TU Hannover).

Zur Wahl seiner Studienrichtungen erklärte Sonntag später: „Ich hatte als Child Survivor die Verfolgung der Nazis überlebt und studierte 1958–1964 zugleich Physik und Politische Wissenschaften mit dem erklärten Ziel, zur Vermeidung von Krieg und sonstiger Gewalt beizutragen.“Philipp Sonntag: Deutsche Atomphysiker übernahmen Verantwortung wegen Atomrüstung. Umstrittene Rollen sensibler Akteure vor und in der Demokratie. Vortrag, gehalten am 26. Oktober 2017 bei einer Veranstaltung der Zeitzeugenbörse Berlin zeitzeugenboerse.de in der Berliner Landeszentrale für politische Bildung, Hardenbergstr. 22, S. 1 (Philipp Sonntag: Deutsche Atomphysiker …) pdfphilipp-sonntag.de

Forschungen zu Kriegsfolgen und Kriegsverhütung und zu Technik und Gesellschaft bei Carl-Friedrich von Weizsäcker in Hamburg und Starnberg Sonntag war 1964 bis 1978 Mitarbeiter von Carl Friedrich von Weizsäcker, bis 1969 in der „Forschungsstelle der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler“ (VDW), danach im „Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“, in Starnberg. Er war 1964 bis 1971 Chefprogrammierer für eine breit angelegte Studie „Kriegsfolgen und Kriegsverhütung“, sowohl was die möglichen Auswirkungen eines Atomkrieges in Deutschland betraf, als auch mit Modellen bezüglich der Eskalationsgefahren. Die Studie entstand im Kontext der „Göttinger Achtzehn“, welche sich geweigert hatten, Atomwaffen zu bauen, und die dann öffentlich darlegen wollten, welche Gefahren auch von Atomwaffen der NATO und des Warschauer Paktes ausgehen.

Im Ergebnis gab von Weizsäcker 1971 das Buch „Kriegsfolgen und Kriegsverhütung“ heraus.Carl Friedrich von Weizsäcker (Hrsg.): Kriegsfolgen und Kriegsverhütung. München, Hanser Verlag, (1971), 599 Seiten.

Sonntag schreibt zu seinem Anteil: „In meiner Verantwortung waren die umfangreichen Computerprogramme zu den beiden Themen: Kriegsfolgen verschiedener Atomkriege in Deutschland Kriegsverhütung und vor allem Vermeidung von Eskalation, von Ausweitung eines einmal begonnenen Krieges.“,

und er beschreibt seine Arbeitsweise: „Es gab nur einen geeigneten Großcomputer in Hamburg und ich mietete mich in einer wilden WG dort ganz nahe ein, um mitten in der Nacht ein paarmal meine Lochkarten einzufüttern – tagsüber war der Rechner überlaufen.“

Sonntag verweist auf drei grundlegende Resultate seiner Forschungen:

„Bereits der Einsatz von sehr wenigen Atombomben wie für militärische Gefechte (Panzerkrieg) vorbereitet, würde enorme Schäden verursachen, medizinisch, wirtschaftlich, ökologisch. Der Versuch einer atomaren Verteidigung Deutschlands hätte unser Land auf sehr lange Zeit zerstört und weitgehend unbewohnbar gemacht. Das galt 1971 schon bei Einsatz eines Bruchteils der damals auf uns gerichteten Atomwaffen, so für 10 % der taktischen, d. h. für militärische Gefechte vorgesehenen Atombomben. Es galt gleichermaßen für 3 % der Mittelstreckenwaffen, die auf deutsche Großstädte gerichtet waren, Beispiel Cruise Missiles, Marschflugkörper, die von Flugzeugen gestartet werden können und ihr Ziel durch eigene Vorprogrammierung des Geländes selbst ansteuern, und bei diesem Einsatz kaum abzuwehren waren – und sind. Ein einmal begonnener Atomkrieg wäre weder technisch, noch militärisch noch politisch zu stoppen. Die Dynamik in Richtung Eskalation ist enorm!“Philipp Sonntag: Deutsche Atomphysiker …, S. 14.

Sein Verhältnis zu von Weizsäcker und anderen Atomphysikern charakterisiert er ebenfalls:

„Vierzehn Jahre lang hatte ich als enger Mitarbeiter von Carl Friedrich von Weizsäcker Kontakt zu deutschen Atomphysikern und weiteren Personen, welche mit dem rüstungstechnischen und politischen Umgang mit Atomwaffen (Atombomben und Trägerwaffen), zu tun haben. Es war mein „harter Traum-Job“, um etwas gegen Atomkrieg zu tun. Dabei war ich bei weitem der Jüngste in der VDW. Für all die ehrwürdigen Professoren war klar: Ich hatte in Ehrfurcht zu erstarren! Und ja, ich hatte Ehrfurcht: Ich bewunderte den vorbildlichen Einsatz in der VDW gegen die Gefahr der Atombomben! Carl Friedrich von Weizsäcker war federführend. Die Aktion war moralisch einwandfrei.“Philipp Sonntag: Deutsche Atomphysiker …, S. 9.

Ein weiteres Projekt betraf von 1973 bis 1977 die Frage: „Was bedeutet das Bruttosozialprodukt für die Lebenskultur des Menschen?“, untersucht mit dem Werkzeug der Arbeit-Konsum-Rechnung.mit U.-P. Reich, H.-W. Holub: Arbeit Konsum Rechnung. Axiomatische Kritik und Erweiterung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Bund, Köln 1977.

Die Tätigkeit im Rahmen der VDW, im Max-Planck-Institut und danach im Internationalen Institut für Vergleichende Gesellschaftsforschung des Wissenschaftszentrum Berlin (IIVG) ermöglichte ihm die Nutzung jeglicher Literatur seiner Fachgebiete Rüstungskontrolle, Atomkriegsschäden und Eskalationsgefahr sowie Militärelektronik und den Besuch entsprechender Institute (meist in den USA), um sich zu vernetzen.

Grundlegende Themen betrafen die Ursachen von Gewalt. So war er mit von Weizsäcker beispielsweise 1974–1977 in der Gruppe „Östliche Weisheit und westliche Wissenschaft“.

Forschungen zu Kriegsursachen und zur Informationsgesellschaft bei Karl W. Deutsch in Berlin Sonntag war mit Karl W. Deutsch (1912–1992) engagiert in der "General Systems Society", auf der Grundlage des von ihm 1957 entworfenen und laufend weiterentwickelten Neuronen-Modells "Cayenne".Siehe auch Projekt 33 im IFIAT ifiat.org und eine Zusammenstellung der Anwendungen philipp-sonntag.de Deutsch hatte Sonntag deshalb bereits 1972 für ein halbes Jahr nach Littauer Center Harvard eingeladen.

Von 1978 bis 1986 war Sonntag Mitarbeiter von Karl W. Deutsch im IIVG.

In diesem Institut wurden Kriegsursachen systematisch ermittelt. Der Übergang von der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft wurde mit einer Vielzahl von historischen und zukunftsweisenden Indikatoren untersucht.

Zu den Publikationen zählten:

eine politometrische Untersuchung der globalen Aufrüstung“,Ein Planet verteidigt sich. Politometrische Untersuchung der globalen Aufrüstung. Schriftenreihe des WZB, 1981.

eine Darstellung der Steuerungsprobleme in Wirtschaft und Politik,mit Peter Otto: Wege in die Informationsgesellschaft – Steuerungsprobleme in Wirtschaft und Politik. dtv, München 1985.

und einige Bände zur Interdisziplinären Ökonomie (Siehe weiter unten: Von Philipp Sonntag herausgegebene Werke).

Forschungen zu Technik und Wirtschaft am VDI/VDE Technologiezentrum Informationstechnik in Teltow Zwischen 1986 und 2000 war Sonntag als Mitarbeiter der GmbH VDI/VDE Technologiezentrum Informationstechnik in Teltow aktiv. Für die EU wurde eine Reihe von Technologiefolgenabschätzungen bereitgestellt.Jahresberichte Mikrosystemtechnik. VDI/VDE-IT. Jährlich 1994 bis 1999. Er veröffentlichte Schriften zu Technik und Wirtschaft u. a. zusammen mit Heinrich Revermannmit Heinrich Revermann: Schlüsseltechnologien – Wo Europas Wettbewerbschancen liegen. VDE, Berlin 1987. und Ulrich Braschemit Ulrich Brasche: Intelligent Sensors – Technology, Applications and European Markets. VDE, Berlin 1989. und ferner Evaluationen zur technischen und industriellen Entwicklung für die Europäische Kommission und für regionale Technikförderprogramme.

Dozententätigkeit Sonntag war in den 1970er- und 1980er-Jahren Dozent für Innovationsmanagement, Soziale Indikatoren, Konfliktregelung usw. an der Hochschule für Politische Wissenschaften, München und an der FU Berlin, Fb Kommunikationswissenschaft.

Tätigkeit für Unternehmen 1963–1978 war Sonntag Gesellschafter bei Rossmann Feinelectric GmbH, Gauting bei München. Es ging um die Produktion von Transformatoren und Motoren sowie die Entwicklung von Sicherheitstechnik und kybernetischer Modelle.

Als Gründungsmitglied und Publizist des IFIAT (Institut für Interdisziplinäre und Alternative Technologieentwicklung, Steiermark) war er 2001 bis 2008 aktiv in der Industrialisierung der Forschungsergebnisse, insbesondere der Bionischen Sägen. Mit seinem Geschäftsplan für die Bionische Säge wurde das Unternehmen „Biberzahn“ einer der fünf Bundessieger 2000 im Startup-Gründerwettbewerb.

Seine Tätigkeit im Rahmen des bis 2007 aktiven Unternehmens PI Patent Interconsulting umfasste Geschäftspläne für Firmen, Förderanträge, Werbetexten, strategisches und pragmatisches Innovationsmanagement, Produktwerbung zur Mikrosystemtechnik, Markteinführung für Drahtspanner, Biografien.

2001–2004 unterstützte er seinen Sohn Leo in der FTS Fördertechnik Sonntag GmbH, Büro Berlin beim Projekt der Modernisierung von Gabelstaplern.

Publizistisches und journalistisches Engagement in Vereinen Sonntag ist seit einigen Jahren ehrenamtlich im Vorstand von drei Vereinen vor allem publizistisch tätig. In zwei weiteren war oder ist er als Mitglied beteiligt.

Child Survivors Deutschland e. V.

Für „Child Survivors Deutschland e. V.“Homepage Child Survivors Deutschland e.V. (child-survivors-deutschland.de), dessen Mitglieder den Holocaust als Kinder überlebt haben, hat er zwei Buchreihen herausgegeben:

Die vier Bände der Buchreihe der Child Survivors in Deutschland „Bittere Vergangenheit! – Bessere Zukunft?“ mit dem einführenden Band von Philipp Sonntag, den Erinnerungen von Liesel Binzer an Theresienstadt im Band 2, den Erfahrungen im Umgang mit Child Survivors in Band 3 und den Beiträgen zum „Unbekannten Holocaust im Osten Europas“ im Band 4.

Die sechs Bände der Buchreihe „Die Unruhe der Zeitzeugen des Holocaust“ im Beggerow Verlag.Die Buchreihe „Die Unruhe der Zeitzeugen des Holocaust" im Beggerow-Verlag beggerow-verlag.de

Band V Forever Alert ist eine Zusammenfassung auf Englisch, von der ein kostenloser Download erhältlich ist.Forever Alert ist als kostenloser Download erhältlich. (philipp-sonntag.de)