mini|Heerführer der Comitatenses und Limitanei im 5. Jahrhundert n. Chr. mini|Notitia Dignitatum: Die symbolische Darstellung des Castrum Britannia als Zeichen der Zuständigkeit dieses Comes für alle Provinzen der Insel mini|Die spätantiken Provinzen in Britannien (400 n. Chr.) mini|Solidus des Magnus Maximus. mini|Solidus mit dem Porträt des Usurpators Konstantin III.
Der Comes Britanniarum („Graf der Britannien“) war ein hoher Offizier (comes rei milites) in der spätrömischen Armee des Westens und Inhaber einer der höchsten Kommandostellen im Aufgebot des spätantiken Britanniens des 4. bis 5. Jahrhunderts n. Chr.
Definition Am kaiserlichen Hof zähte er als vir spectabilis zur höchsten Rangklasse des Reichsadels. Seine direkten Vorgesetzten waren die magistri militum, die unmittelbar dem Kaiser unterstellten Heermeister.
Namentlich bekannte Amtsinhaber:
Gratianus der Ältere (ab 340 n. Chr.) Magnus Maximus (Ende des 4. Jahrhunderts) Konstantin (um 410)
Kommandobereich Sein Befehlsbereich (comitativa) erstreckte sich, im Gegensatz zu seinen Kollegen, dem
Dux Britanniarum und dem Comes litoris Saxonici per Britanniam
d.h. über das ganze Territorium der aus fünf Provinzen bestehenden Dioecesis Britanniae:
Britannia prima Britannia secunda Maxima Caesariensis Flavia Caesariensis Valentia
Es beinhaltete damit auch das Oberkommando über das dort stationierte mobile Feldheer (Comitatenses), die Grenztruppen (Limitanei) und die Flottenverbände (Classis Britannica). In der Notitia Dignitatum (ND) wird das Überwachungsgebiet des Comes Britanniarum nicht als mehrere Städte oder Kastelle, sondern als 'Castrum Britannia', d. h. die ganze Diözese, dargestellt.
Entwicklung Dass die in der ND erwähnten britischen Heerführer in der Zeit der Abfassung dieses Dokuments noch existiert haben, ist unwahrscheinlich. Die Truppenabzüge der Jahre 383, 401 und 407 hatten die Provinzstreitkräfte dramatisch geschwächt, sodass kaum noch nennenenswerte Kontingente auf der Insel gestanden haben können. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts sagten sich die britannischen Eliten folgerichtig auch vom Reich los.Michael Zerjadtke: Das Amt Dux in Spätantike und frühem Mittelalter: Der ducatus im Spannungsfeld zwischen römischem Einfluss und eigener Entwicklung. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2018, S. 287. Es scheint sich dabei anfangs nicht um ein fix eingerichtetes Amt gehandelt zu haben und wurde wohl nicht vor 368 dauerhaft besetzt.A. H. M. Jones, The Later Roman Empire, 284–602, S. 1424; Ammianus Marcellinus 28,8 I. Möglicherweise etablierte es sich unter Constantius Chlorus, nach der Wiedereroberung Nordgalliens und Britanniens von Carausius. Im frühen 4. Jahrhundert wird Gratianus der Ältere, der Großvater des späteren Kaisers Gratian, als Amtsinhaber erwähnt.
Magnus Maximus diente schon 368–369 unter Flavius Theodosius in Britannien. Bald danach stieg er zum Oberbefehlshaber der Provinzarmee auf. Als diese sich, da ihre Soldaten sich in ständige, verlustreiche Kleinkriege mit Pikten, Skoten und Iren verwickelt waren, von Kaiser Gratian deswegen im Stich gelassen fühlten, erhoben sie im Frühjahr 383 ihren Comes Maximus zum Imperator. Maximus’ anschließender Gallienfeldzug hatte jedoch sicher zur Folge, dass der größte Teil der römischen Truppen die Insel verließ, um sie im verlustreichen Bürgerkrieg gegen den Regenten im Osten des Reiches, Theodosius I., einzusetzen. Er war vermutlich auch für den Abzug der römischen Garnisonen aus Wales verantwortlich. Ein Großteil seiner Armee sollte nicht mehr nach Britannien zurückkehren. Nach seiner Niederlage und Hinrichtung, im Jahre 388, siedelten sich viele der romano-britischen Soldaten in der Bretagne an.Michael Grant 1997, S. 346, Doel/Lloyd 2000.
Bis ins Jahr 402 hatte man zahlreiche Einheiten aus der britischen Provinzarmee herausgezogen, um mit ihrer Hilfe das Kernland des Reiches, Italien, gegen die Gotenarmee Alarichs zu verteidigen; unter den verbliebenen Soldaten, die vermutlich auch nicht mehr regelmäßig von der Regierung in Ravenna besoldet wurden, wuchs der Unmut darüber immer mehr an. Anders als noch zur Zeit des frühen und mittleren Kaiserreiches galt ihre Loyalität nicht mehr der Armee und dem regierenden Kaiser, sondern hauptsächlich ihrer Heimatprovinz. Viele von ihnen waren auf der Insel geboren und aufgewachsen. Da sie durch die spätantiken Armeereformen auch oft zu einem kleinen Stück Land gekommen waren, auf dem sie ihre Höfe steuerfrei bewirtschaften konnten, waren sie in erster Linie daran interessiert ihre Familien und ihren Besitz zu verteidigen.
407 wurde Konstantin III. von den Soldaten und der Nobilität zum Kaiser ausgerufen. Wahrscheinlich hatte er schon vor seiner Usurpation das Amt des obersten Heerführers der Provinzstreitkräfte bekleidet. Er erhielt aber vermutlich seine neue Würde nur, um mit seiner kleinen aber kampfstarken Feldarmee die britannischen Grenztruppen gegen die zunehmenden Angriffe der nördlichen Piktenstämme, sowie irischer, schottischer und angelsächsischer Piraten zu unterstützen. Sein Imperium sollte sich auf Britannien beschränken und die ihm zufließenden Steuereinnahmen mutmaßlich ausschließlich zum Unterhalt seiner Streitmacht verwendet werden. Konstantin verfolgte jedoch bald andere Pläne. Entweder folgte er einem Hilferuf des gallischen Adels oder die dortige Anarchie weckte in ihm den Ehrgeiz, die offensichtliche Handlungsschwäche des Kaisers in Ravenna auszunutzen und seinen Einflussbereich (wie einst auch Carausius) weiter auszudehnen. Möglich wäre auch, dass er befürchtete, sich in Britannien nicht lange halten zu können, ohne die gallischen Küstenländer und ihre Häfen zu kontrollieren. Er überquerte daher den Ärmelkanal und landete seine Truppen bei Bononia (Boulogne) an. Dieses Ereignis markiert das Ende der römischen Herrschaft über Britannien. Konstantins Armee bestand wohl nur aus der (wahrscheinlich ohnehin auf ihn persönlich eingeschworenen) mobilen Einheiten (Comitatenses) und (wenn überhaupt) aus wenigen Grenzsoldaten (Limitanei). Möglicherweise zog er für seinen Feldzug auch die letzten regulären Besatzungen aus den Kastellen in Wales ab, so dass die Insel nur noch von den Garnisonstruppen am Hadrianswall im Norden und denen der Sachsenküste im Südosten verteidigt wurde. Der Befehlshaber der Nordgrenze, der Dux Britanniarum und sein Kollege im Südosten, der Comes litoris Saxonici per Britanniam, weigerten sich vermutlich ihre Garnisonen wegen des kontinentalen Abenteuers ihres – ohnehin nur mehr nominell – übergeordneten Kollegen noch weiter zu schwächen und gingen wohl bald ihre eigenen Wege.Doel/Lloyd, 2000, S. 22
Verwaltungsstab Das Officium (Verwaltungsstab) des Comes umfasste folgende Ämter:Officium autem habet idem vir spectabilis comites Britanniarum
Principem ex officiis magistrorum militum praesentalium alternis annis. (Kanzleileiter, wird jedes Jahr vom Heermeister neu bestellt) Numerarios ex utrisque officiis omni anno (zwei Zahlmeister aus dem Stab des Heermeisters, werden jedes Jahr neu bestellt) Adiutorem (Assistent) Commentariensem ut supra (= wie oben, Buchführer und Rechtskundiger aus der Armee) Subadiuuam (Hilfskraft) Regrendarium (Verwalter) Exceptores (Juristen) Singulares et reliquos officiales (Leibwächter und sonstige Beamte)
Truppen Die Herkunft der Infanterieeinheiten des Comes ist in den meisten Fällen unklar. Dies gilt auch für seine Kavallerieeinheiten. Die britische Feldarmee war erst relativ spät aufgestellt worden. Ihre Einheiten wurden wohl zur Gänze aus der gallischen Armee herausgezogen. Viele von ihnen standen dort unter dem Befehl des Magister Equitum und waren vorher den Limitanei des Dux Britanniarum an der Nordgrenze oder dem Befehlshaber der Kanal- bzw. der Sachsenküstenverteidigung (Litus saxonicum) dem Comes litoris Saxonici per Britanniam zugeteilt gewesen. Danach wurden die Soldaten der Feldarmee des Comes Britanniarum als Pseudocomitatenses eingegliedert um dann später – wegen der dortigen militärisch prekären Lage – wieder in die gallische Armee eingereiht zu werden. Der Dienst in der britischen Feldarmee könnte auch eine Art Bewährungsprobe für eine spätere Aufwertung zu Comitatenses gewesen sein. Vermutlich zwischen dem Zeitraum als die Notitia in ihrer Erstfassung zusammengestellt wurde – also in den frühen 390er Jahren – und dem ihrer letzten Aktualisierung um 425. Die Zusatzbezeichnungen der Comitatenses,
seniores (= „die Älteren“) und iuniores (= „die Jüngeren“),
gehen auf die Reichsteilung zwischen Valentinian I. (364–375) und seinem Mitregenten Valens (364–378) zurück. Im Zuge dessen musste auch die Armee aufgeteilt werden, als seniores betitelte man die im Westen verbleibenden Truppenteile, während die aus ihnen herausgelösten Abteilungen, die iuniores, in den Osten abkommandiert wurden.
Distributio Numerorum Die folgende Truppenliste findet sich in der ND Occ. im Kapitel VII (Magister peditum):Intra Britannias cum uiro spectabili comite Britanniarum
Kavallerie Einheit Bemerkung Abbildung Comitatenses (unbestimmt) Farbgebung nach der Überlieferung im Oxford-Manuskript der Notitia Dignitatum Equites Catafractarii iuniores Diese Panzerreiter sind in der ND occ. nicht in der Liste des Magister Equitum verzeichnet. In der Armee des Dux Britanniarum findet man auch einen Präfekten der Equites catafractarii im Kastell Morbio (möglicherweise Piercebridge, County Durham) befehligt. Diese dürfte von der britischen Feldarmee entweder dem Dux kurzfristig zugeteilt oder dorthin versetzt worden sein. Die britischen Katafrakten sind die einzigen, die in der westlichen Notitia aufgelistet werden, höchstwahrscheinlich waren sie also ein und dieselbe Einheit. Der Zusatz iuniores impliziert, dass es aber auch eine Senior-Einheit (Equites Catafractarii seniores) gegeben haben muss, von denen sie im Zuge der Reichsteilung unter Valentinian I. (364–375) und Valens (364–378) herausgezogen wurden. Die Senior-Einheit wird jedoch in der westlichen Notitia Dignitatum nicht verzeichnet, taucht aber auf einer Grabinschrift aus Lyon auf. Obwohl aus Britannien ansonsten keine Inschriften der Equites catafractarii erhalten sind, kann dies daran liegen, dass sie vor Abfassung der Notitia unter einem anderen Namen geführt wurde.D. Woods: Some Eunapiania, in Eklogai: studies in honour of Thomas Finan and Gerard Watson'; Ed. K. McGroarty, NUI Maynooth, 2001, S. 93–94. mini|hochkant=0.7|Schildzeichen unbekannt Equites Scutarii AureliaciVermutlich dieselbe Einheit wie die der Numerus Maurorum Aurelianorum. Diese zählten allerdings zu den Limitanei, befehligt von einem Praefectus unter dem Dux Britanniarum. Die Einheit ist noch aus einer anderen Quelle bekannt: Eine Inschrift, die aus dem Kastell Aballava (Burgh by Sans) stammt (253–258), nennt einen Numerus Maur(o)rum Aur(elionorum) Valeriani Gallienia(ue). Der Begriff ‚Numerus‘ unterscheidet aber nicht, ob es sich um Legionäre oder Auxiliare handelt, oder zu Fuß oder zu Pferd; es bezeichnet einfach nur eine Schar Soldaten. Gallienus löste die Legionskavallerie in den 250er-Jahren aus dem Grenzheer und stellte mit ihnen neue mobile Einheiten auf, diese war offenbar eine von ihnen.mini|hochkant=0.7|Schildzeichen unbekannt Equites Honoriani SenioresDie Reitereinheit stand ursprünglich wohl in der Armee des Magister Equitum per Gallias (Atecotti Honoriani seniores). Insgesamt sind in der Notitia sechs Honoriani-Einheiten angeführt, die den Namen des Flavius Honorius, von 384–423 weströmischer Kaiser, als Ehrenbezeichnung führten. Die Herkunft der anderen fünf Einheiten ist unbestimmt. mini|hochkant=0.7|Schildzeichen unbekannt Equites StablesianiEs gibt zwei Einheiten der Gardereiterei die beide ursprünglich unter dem Befehl des Magister Equitum, stationiert in Afrika, in der ND Occ. verzeichnet werden. Die
Equites italicani stablisiani und die Equites stablisiani seniores.