Germania Sacra (lateinisch für „Geheiligtes Germanien“ oder „Geheiligtes Deutschland“) war ursprünglich ein Begriff zur Bezeichnung der von Kirchenfürsten beherrschten Geistlichen Territorien des Heiligen Römischen Reiches.
Historischer Begriff mini|250px|Das Heilige Römische Reich am Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648. Die unter geistlicher Herrschaft stehenden Gebiete sind violett gefärbt. Nicht gezeigt werden die unter einem benachbarten evangelischen Fürsten stehenden geistlichen Territorien.
Als geistliche Fürsten wurden im Alten Reich hohe Würdenträger der katholischen Kirche bezeichnet, insbesondere die drei geistlichen Kurfürsten, die Fürstbischöfe, Fürstpröpste und Fürstäbte sowie der Hochmeister des Deutschen Ordens und der Großmeister des Johanniterordens, die neben ihrem geistlichen Amt in der Hierarchie der katholischen Kirche (der Verwaltung einer Abtei, eines Bistums, Erzbistums oder geistlichen Ritterordens) zugleich das weltliche Amt eines Reichsfürsten im Heiligen Römischen Reich ausübten und über Sitz und Stimme im Reichsfürstenrat verfügten. Während der Zuschnitt und die kirchlichen Angelegenheiten der (meist sehr viel größeren) Diözesen sich allein nach Kirchenrecht richteten, unterstanden die Reichsstifte dem Reichsrecht, denn sie waren keine kirchenrechtlichen Institutionen, sondern formal Zepterlehen des römisch-deutschen Königs an einen bestimmten Prälatenstuhl der Kirche. Die Kirchenfürsten regierten also mit zweifacher Autorität, kirchlicher und weltlicher – und unterlagen dabei zwei ganz unterschiedlichen Rechtssystemen, innerhalb derer sie jeweils dem Papst bzw. dem römisch-deutschen König verantwortlich waren.
Seit der Reformation wurden manche geistlichen Fürstentümer auch von evangelischen Fürstbischöfen regiert, darunter die Erzstifte Magdeburg und Bremen sowie die Hochstifte Lübeck und Osnabrück, letzteres seit 1648 zwischen den Konfessionen alternierend besetzt. Andere wie Brandenburg, Halberstadt, Meißen, Naumburg-Zeitz oder – außerhalb des Reiches – die Bistümer der Livländischen Konföderation waren faktisch von weltlichen Nachbarfürsten säkularisiert worden und bestanden nur noch dem Namen nach. Zum Ende des Reichs lebte mit mehr als drei Millionen Einwohnern ein Achtel der Bevölkerung des Heiligen Römischen Reichs in geistlichen Territorien, flächenmäßig gehörte mit knapp 95.000 Quadratkilometern sogar ein Viertel des Reiches zur „Germania Sacra“. Besonders entlang des Rheins reihten sich zahlreiche geistliche Territorien, sodass man von der „Pfaffengasse“ von Chur bis Köln sprach.
Forschungsprojekt mini|Band 44 der Neuen Folge mini|Band 12 der Dritten Folge
Heute ist Germania Sacra der Name eines langfristigen Projektes zur Erforschung der deutschen Kirchengeschichte vom Beginn bis zur Reformation im 16. Jahrhundert beziehungsweise der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
Geschichte und Struktur Nach Vorläufern – als deren wichtigster und eigentlicher Begründer Martin Gerbert gilt – hat Paul Fridolin Kehr seit 1917 im Rahmen des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Deutsche Geschichte versucht, die Germania Sacra als ein landesgeschichtliches Bindeglied zu allgemeinen kirchengeschichtlichen Projekten zu etablieren. An diese Tradition knüpfte ab 1956 Hermann Heimpel am Max-Planck-Institut für Geschichte (MPI) in Göttingen an. An diesem war ein verantwortlicher wissenschaftlicher Leiter angesiedelt, der die Arbeit von externen Experten koordinierte.
Das Projekt ist seit 2008 an der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen angesiedelt, da das MPI für Geschichte umgewidmet wurde. Das Projekt wird derzeit (Stand: August 2020) von Hedwig Röckelein geleitet. Die derzeit etwa 50 Mitarbeiter – meist Archivare – arbeiten nebenberuflich, aber mit teilweise erheblichen Aufwand an den einzelnen Projekten. Die enge Zusammenarbeit von Archiven und der institutionalisierten Forschung ist in Deutschland singulär. Im Februar 2017 feierte das Projekt sein 100-jähriges Bestehen.Christian Popp: Geisteswissenschaftliche Großforschung gestern, heute, morgen. Paul Fridolin Kehr (1860–1944) und die Folgen. In: H-Soz-Kult, 17. Januar 2017. Das Projekt wird seit 2008 aus dem Akademienprogramm gefördert. Siehe Forschungsprojekt Germania Sacra aus der Seite akademienunion.de Als Laufzeitende ist das Jahr 2032 vorgesehen.Wissenschaftspolitische Stellungnahme zum Akademienprogramm, Wissenschaftrat 2020 PDF, mit einer Übersicht der laufenden Projekte im Akademienprogramm für 2018, abgerufen am 7. Juli 2024
Ziele und Methoden Ziel der Germania Sacra ist es, eine historisch-statistische Beschreibung der Institutionen der Kirche im Heiligen Römischen Reich zu liefern. Dabei sollen die gesamten Quellen und die Literatur der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen geistlichen Institutionen von den Bistümern (mit Schwerpunkt auf den Bischofsreihen), über Domkapitel bis hin zu den Klöstern bis zu ihrem Ende in Reformation oder Säkularisation erschlossen und dargestellt werden.
Das Ziel des Projekts ist es, grundlegende Informationen für weitergehende Forschungen zur Verfügung zu stellen. Die Veröffentlichungen gliedern sich in eine Alte und eine Neue Folge; im Jahre 2008 wurde mit der „Dritten Folge“ begonnen, die sich auf die Beschreibung der Bistümer und der Domkapitel auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland konzentriert. Hinzu kommen die Studien zur Germania Sacra sowie eine neu eröffnete Reihe Supplementbände zur Germania Sacra.
Die Website des Projekts stellt eine Personendatenbank zur Verfügung, die eine Durchsuchung der Personallisten der erschienenen Bände ermöglicht.Digitales Personenregister der Germania Sacra. Darüber hinaus bietet das Projekt eine Datenbank zu Klöstern und Stiften des Alten Reiches an.Klöster und Stifte des Alten Reiches.
Schriften und Digitalisate Die bereits erschienenen Bände der Alten und Neuen Folge stehen fast vollständig als Digitalisate online frei zur Verfügung. Die Bände der Dritten Folge erscheinen jeweils 3 Jahre nach ihrer Publikation als Open Access Online-Ausgaben.
„Alte Folge“
Nr. Titel Bearbeiter Jahr online AF Abt 1 Das Bistum Brandenburg 1 (Germania Sacra A. F. Abt. 1: Die Bistümer der Kirchenprovinz Magdeburg) Gustav Abb, Gottfried Wentz 1929 Digitalisat AF Abt 1 Das Bistum Brandenburg 2 (Germania Sacra A. F. Abt. 1: Die Bistümer der Kirchenprovinz Magdeburg) Fritz Bünger, Gottfried Wentz 1941 Digitalisat AF Abt 1 Das Bistum Havelberg (Germania Sacra A. F. Abt. 1: Die Bistümer der Kirchenprovinz Magdeburg) 1933 Digitalisat AF Abt 1 Das Erzbistum Magdeburg 1,1: Das Domstift St. Moritz in Magdeburg (Germania Sacra A. F. Abt. 1: Die Bistümer der Kirchenprovinz Magdeburg) Gottfried Wentz, Berent Schwineköper 1972 Digitalisat AF Abt 1 Das Erzbistum Magdeburg 1,2: Die Kollegiatstifte St. Sebastian, St. Nicolai, St. Peter und Paul und St. Gangolf in Magdeburg (Germania Sacra A. F. Abt. 1: Die Bistümer der Kirchenprovinz Magdeburg) Gottfried Wentz, Berent Schwineköper 1972 Digitalisat AF Abt 2 Das Bistum Bamberg 1 (Germania Sacra A. F. Abt. 2: Die Bistümer der Kirchenprovinz Mainz) Erich von Guttenberg 1937 AF Abt 2 Das Bistum Bamberg 2: Die Pfarreiorganisation (Germania Sacra A. F. Abt. 2: Die Bistümer der Kirchenprovinz Mainz) Erich von Guttenberg, Alfred Wendehorst 1966 AF Abt 3 Die Bistümer der Kirchenprovinz Köln: Archidiakonat von Xanten (Germania Sacra A. F. Abt. 3: Die Bistümer der Kirchenprovinz Köln) Wilhelm Classen 1938 Digitalisat
„Neue Folge“