mini|hochkant|Bert Hellinger, 2011 Bert Hellinger (bürgerlich Anton Hellinger; * 15. Dezember 1925 in Leimen; † 19. September 2019 in Bischofswiesen) war Psychoanalytiker, „Familientherapeut“, Buchautor. Einem breiten Publikum bekannt wurde er durch seine Arbeit mit Familienaufstellungen und einer vorwiegend kritischen Berichterstattung darüber. So gilt er bzw. seine Arbeit als umstritten.

Leben Während der Zeit des Nationalsozialismus verbrachte er seine Jugend in einer Schule der Mariannhiller Missionare. 1942 wurde er im Alter von 17 Jahren zur Wehrmacht eingezogen; 1944 geriet er in Belgien in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft. Ein Jahr später gelang ihm jedoch die Flucht aus dem Gefangenenlager. Er nahm erneut Kontakt zu den Mariannhiller Missionaren auf, besuchte ein Priesterseminar in Würzburg und studierte Philosophie, Katholische Theologie und Pädagogik. 1952 wurde er zum Priester geweiht und war viele Jahre lang Leiter einer südafrikanischen Missionsschule. Ab den späten 1970er Jahren entwickelte er, unter Abwandlung von Methoden der systemischen Familientherapie, mit seiner Form der Familienaufstellung eine von ihm selbst als „Lebenshilfemethode“ bezeichnete Gruppenarbeit. Bei der Aufstellungsmethode nach Hellinger handelt es sich nicht um ein eigenständiges Verfahren der Psychotherapie. Das zugrunde liegende Konzept und Hellingers Umgang mit Klienten sind stark umstritten. Als Ordensmitglied der Kongregation der Mariannhiller Missionare führte Hellinger den Namen Suitbert, abgekürzt als „Bert“. Seinen Kurznamen behielt er auch nach seinem Ordensaustritt und der Niederlegung seines Priesteramtes 1971 bei.

Anschließend ging er 1971 eine erste Ehe ein. Mit seiner zweiten Frau Maria-Sophie Hellinger-Erdödy zog er vorübergehend in eine Mietwohnung in der ehemaligen Kleinen Reichskanzlei in Stanggaß ein, einem Ortsteil von Bischofswiesen im Landkreis Berchtesgadener Land, wo sich einst Arbeitsräume Adolf Hitlers befunden hatten, was Kritik in der Presse auslöste.ARD, 19. April 2004: „Report München“ (von Andrea Mocellin).TAZ, 29. Juni 2004: Das Psycho-Hauptquartier

Ausbildung Nach seiner Rückkehr aus Südafrika absolvierte Bert Hellinger eine psychoanalytische Ausbildung (1968–1972). Er stellte sich einer psychoanalytischen Lehranalyse und absolvierte zahlreiche Aus- und Weiterbildungen in verschiedenen Bereichen der Psychotherapie. Die Anerkennung seiner psychoanalytischen Ausbildung sei ihm allerdings von der Psychoanalytischen Vereinigung„Er absolvierte, so zumindest die Legende, eine pychoanalytische Ausbildung, die psychoanalytische Vereinigung [Die Psychoanalytische Vereinigung existiert damals und heute nicht.] habe ihm allerdings die Anerkennung verweigert. Angeblich, weil er sich den Ideen des seinerseits (und bis heute) heftig umstrittenen Primärtherapeuten Arthur Janov geöffnet habe.“ (Ursula Nuber: Eine unheimliche Ordnung. Bedürfnis nach Autorität und Führung. In: Der Wille zum Schicksal [Hrsg.: Colin Goldner], Wien 2003, S. 10 f). verweigert worden, nachdem er wohlwollend über den unkonventionellen und umstrittenen Analytiker und Psychologen Arthur Janov referiert hatte.

1982 wurde Hellingers psychoanalytische Ausbildung von der Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse M.A.P. anerkannt.Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse: (PDF).

Hellinger ging in die USA und absolvierte Kurse u. a. in Primärtherapie bei Arthur Janov, in Provokativer Therapie bei Frank Farrelly und in Hypnosetherapie bei Jeff Zeig, Stephen Lankton und Stephen Gilligan. Er war tätig als Lehrtherapeut für Transaktions- und Skriptanalyse.Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse: (PDF), S. 1.

Besondere Bedeutung für Hellinger hatten die Gruppendynamik, die therapeutische Arbeit von Leslie B. Kadis und Ruth McClendon aus den USA,Ein langer Weg, S. 73. die Familientherapie von Salvador Minuchin (1923–2017), Jay Haley (Perverses Dreieck) und Iván Böszörményi-Nagy (1920–2007),Oliver König: Geben und Nehmen. Soziologische Anmerkungen zu einem psychotherapeutischen Konzept (PDF; 346 kB). die Skriptanalyse von Eric Berne (1910–1970) und die lösungsorientierten Ansätze des Hypnotherapeuten Milton H. Erickson (1901–1980).

Geschichte Mit der ersten Publikation zu Hellingers Familienstellen „Zweierlei Glück“, 1993 herausgegeben von Gunthard Weber, entstand vermehrtes Interesse für seine Arbeit.TAZ, Andrea Schneider (2001): bert hellinger, Gute Lösungen finden 1994 gründete Gunthard Weber (Heidelberger Schule) die Septembergruppe (25 Personen) in Krähberg/Odenwald. Diese Gruppe bildete den organisatorischen Kern für die nachfolgenden Hellinger-Gruppen und -Vereine:

1995 Gründung der Internationale Arbeitsgemeinschaft für systemische Lösungen nach Bert Hellinger IAG 2000 Gründung der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Systemische Lösungen nach Bert Hellinger (IAG e. V.) als gemeinnütziger Mitgliederverein 2004 Gründung der vereinseigenen GfS(D)gGMbH 2005 Umbenennung des Vereins in Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen – Internationale Arbeitsgemeinschaft nach Bert Hellinger e. V. Ende 2007 Umbenennung der DGfS-IAG in Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen e. V. (DGfS)Chronik der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS), www.systemaufstellung.com, abgerufen am 2. Dezember 2022

Der 1. Internationale Aufstellerkongress wurde 1997 in Wiesloch durchgeführt, die 1. Ausgabe der Zeitschrift Praxis der Systemaufstellung erschien 1998.

Methode Bei der klassischen Familienaufstellung nach Hellinger werden vom Aufstellenden möglichst Männer für Männer und Frauen für Frauen aus dem Kreis der Anwesenden stellvertretend für Familienmitglieder räumlich so angeordnet, dass sie der subjektiven Wirklichkeit des Klienten entsprechen. Daraus resultiere die Möglichkeit, das (vom Klienten) subjektiv erlebte Beziehungsgeflecht innerhalb seines (aufgestellten) Systems wahrzunehmen und Verstrickungen (dysfunktionale Beziehungskonstellationen) zu erkennen.Vgl. Marco de Carvalho, Jörgen Klußmann, 2010: Konfliktbearbeitung in Afghanistan. Die Systemische Konflikttransformation im praktischen Einsatz bei einem Großgruppenkonflikt (PDF; 791 kB), S. 35. Familienaufstellung bringe etwas „Verborgenes“ ans Licht, das sich jenseits von Manipulation und bewusstem Hintergrundwissen zeigen könne. Bei Aufstellungen sei immer wieder zu beobachten, dass Stellvertreter recht genaue Auskunft über Befindlichkeiten von vertretenen Personen geben können.Vgl. Marco de Carvalho, Jörgen Klußmann, 2010: Konfliktbearbeitung in Afghanistan. Die Systemische Konflikttransformation im praktischen Einsatz bei einem Großgruppenkonflikt (PDF; 791 kB), S. 35 f. Nach Bert Hellinger war das Familienstellen zunächst nur eine Methode, um festzustellen, wie die Beziehungen in einer Familie beschaffen sind und was dort wirkt. Es war in erster Linie zielneutral. Der Hauptfokus der Methode richtet sich weniger auf den Aufstellenden selbst als vielmehr auf die Beziehungen unter den Beteiligten seines Systems. Maßgeblich für Lösungen sei die Identifikation der unterschiedlichen Kategorien von Gewissen, die in Systemen wirken.Hellinger: Familienstellen und Gewissen. In: Praxis der Systemaufstellung, Heft 2/2001, S. 8: „„Es [das Familienstellen] bringt die Ordnungen des kollektiven Gewissens wieder zur Geltung, ohne jedoch die Errungenschaften des persönlichen Gewissens preiszugeben. Vielmehr verbindet es sie auf einer höheren Ebene, die es dem einzelnen ermöglicht, über die Grenzen seiner eigenen Gruppe hinaus sich in ein größeres Ganzes einzufügen, das die Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen und Gruppen so weit aufhebt, dass sie das Trennende überwinden können, ohne das ihnen je Eigene zu opfern. In diesem Sinne dient das Familien-Stellen vor allem der Versöhnung.“ “Marco de Carvalho, Jörgen Klußmann, 2010: Konfliktbearbeitung in Afghanistan. Die Systemische Konflikttransformation im praktischen Einsatz bei einem Großgruppenkonflikt (PDF; 791 kB), S. 42: „Der Druck des schlechten Gewissens bietet dem Menschen bzw. der Gruppe die Gelegenheit zur Korrektur. Einige systemische Analysten sprechen von zwei verschiedenen Ebenen des Gewissens: das individuelle Gewissen, das über den Bestand der nahen Bindungen wacht und damit deutlicher als gutes oder schlechtes Gewissen wahrnehmbar ist, und das kollektive Gewissen, das weniger bewusst wahrgenommen wird und über die Gesamtheit der Kollektive wacht sowie auf einer höheren Ebene für Ausgleich sorgt. Die höhere Ebene sorgt dafür, dass die Kräfte unbewusst und im Verborgenen wirken. Durch systemische Ansätze können sie sichtbar gemacht und in den Dienst der Versöhnung gestellt werden.“

Für Hellinger stellten Aufstellungen nicht primär eine therapeutische Methode dar, sondern sind ein Werkzeug, welches in vielen Bereichen zu sinnvollem Einsatz kommen könne. Später sprach Hellinger davon, dass er selbst in seiner Arbeit „Lebenshilfe“ leiste, Hilfe für Betroffene, über einen veränderten Zugang zu einem besseren Leben zu kommen. Einen psychotherapeutischen Anspruch lehnte er zuletzt ab. Hellinger bezeichnete sein weiterentwickeltes Aufstellungsformat als „Neues“ oder „Geistiges Familienstellen“.

Die von Hellinger bei Familienaufstellungen entwickelten Vorgehensweisen wurden seit den 1990er Jahren auch auf andere Systeme (Arbeitsteams und Organisationen) übertragen und werden in allgemeinem Kontext systemische Aufstellungen oder Systemaufstellungen genannt. Aufstellungen im Unternehmenskontext werden als Organisationsaufstellungen bezeichnet. Ferner können innerhalb von Systemaufstellungen auch abstrakte Begriffe, z. B. „die Krankheit“, „das Hindernis“ (repräsentierend durch Stellvertreter) aufgestellt werden.

Bert Hellinger hat sich vom Versuch einer Verwissenschaftlichung seiner Methode distanziert. 1999 gründete er mit Maria-Sophie Erdödy eine „Hellingerschule“, 2002 erfolgte die Eheschließung.Vita Sophie Hellinger www.hellinger.com, abgerufen am 11. Dezember 2022 Der Arbeitsschwerpunkt liegt seither auf einer Weiterentwicklung, dem so genannten „geistigen Familienstellen“. Dadurch sei es möglich, durch ein „Gehen mit dem Geist“ sich jener Bewegung anzuschließen, die hinter allen Bewegungen wirke. Dadurch könne man sich allem in gleicher Weise zuwenden, so wie es sei.Michael Utsch (Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen): Der Sitz der Hellinger Sciencia GmbH & CO. KG wurde 2022 nach Bad Reichenhall verlegt.Hellingen Sciencia GmbH & CO. KG www.North Data.de, abgerufen am 11. Dezember 2022

Hellingers Grundkonzept