Nachrücker bezeichnet einen Abgeordneten im Deutschen Bundestag, einem Landesparlament, dem Europäischen Parlament, oder prinzipiell auch allen anderen Gremien, der das Mandat nicht gleich bei der Wahl erhalten hat, sondern als Ersatz nachgerückt ist für einen regulär gewählten Abgeordneten, der das Mandat nicht angenommen hat oder während der Legislaturperiode ausgeschieden ist. In manchen Fällen stand der Nachrücker als Ersatzbewerber bereits mit auf dem Wahlzettel, unterhalb des Namens des eigentlichen Kandidaten.

Bundestag nach Wahlrecht seit 2025 Bei der Bundestagswahl 2025 blieben 23 Erststimmengewinner aufgrund der Wahlrechtsreform von 2023 ohne Direktmandat. Diese sind in den jeweiligen Bundesländern die ersten Nachrücker ihrer Partei. Erst dann kommen Listenkandidaten zum Zug.

Bundestag nach Wahlrecht bis 2023 In der Legislaturperiode ab 2021 änderte sich die Zusammensetzung der Bundestagsfraktionen deutlich, bei SPD und CDU in zweistelliger Anzahl.

Bei Bundestagswahlen ist der Nachrücker der erste, der auf der Landesliste des Bundeslandes der jeweiligen Partei steht, für die der ausgeschiedene Abgeordnete das Mandat innehatte, der noch nicht dem Bundestag angehört. Bei Wahlen, bei denen die Bewerber nach ihrer Stimmenzahl gewählt werden, rückt auch der noch nicht gewählte Kandidat einer Liste nach, der bei der Wahl die höchste Stimmenzahl erreicht hat.

Bekam bei der Bundestagswahl die Landesliste der Partei eines ausscheidenden Wahlkreisabgeordneten nach dem Zweitstimmenverhältnis weniger Sitze zugeteilt, als ihre Kandidaten Direktmandate gewannen, so wurde das freigewordene Mandat nach einem Urteil (Nachrücker-Urteil) des Bundesverfassungsgerichts nicht wieder besetzt. Die Zahl der Überhangmandate und damit die Gesamtzahl der Bundestagsmitglieder reduzierte sich entsprechend.

Rotationsprinzip bei den Grünen Als Versuch, das Entstehen von Berufspolitikertum zu verhindern bzw. zu erschweren, befürworteten die Grünen in ihrer Anfangsphase das Rotationsprinzip. Vor allem nach dem Ersteinzug 1983 in der 10. Legislaturperiode des Deutschen Bundestages schickten sie neben ihren gewählten Abgeordneten auch die entsprechenden Anzahl von Nachrückern nach Bonn. Diese sollten in den Abgeordneten-Büros als Referenten oder Berater mitarbeiten und in der Mitte der Legislaturperiode die Abgeordneten ablösen. Diese wiederum sollten nach dem Niederlegen des Mandates den Rest der Legislaturperiode als Berater in der Fraktionsgemeinschaft verbleiben. Die Fraktionsgemeinschaften nannten die Grünen Bundestagsgruppe und entsprechend in den Landtagen Landtagsgruppe.

Ausnahmen: Ausscheidende Abgeordnete ohne Nachrücker Bundestag + Fälle, in denen ausgeschiedene Abgeordnete im Bundestag nicht durch Nachrücker ersetzt wurden Datum Abgeordnete(r) Partei Grund des Ausscheidens 23. Oktober 1952 Fritz Dorls SRP SRP-Verbot 8. Oktober 1965 Jakob Franzen CDU Mandatsniederlegung, Ende der WP 13. Oktober 1965 Helene Wessel SPD †, Ende der WP 15. Oktober 1965 Friedrich Zimmermann CSU Mandatsniederlegung, Ende der WP 9. August 2000 Ilse Schumann SPD †, Überhangmandat 6. Juni 2001 Olaf Scholz SPD Mandatsniederlegung, Überhangmandat 30. Juni 2001 Eberhard Brecht SPD Mandatsniederlegung, Überhangmandat 13. September 2002 Peter Friedrich SPD Mandatsniederlegung, Überhangmandat 17. April 2004 Anke Hartnagel SPD †, Überhangmandat 1. Juli 2004 Christoph Matschie SPD Mandatsniederlegung, Überhangmandat 1. Juli 2007 Matthias Wissmann SPD Mandatsniederlegung, Überhangmandat 25. Februar 2008 Johann-Henrich Krummacher CDU †, Überhangmandat 14. Juli 2009 Peter Jahr CDU Mandatsniederlegung, Überhangmandat 3. März 2011 Karl-Theodor zu Guttenberg CSU Mandatsniederlegung, Überhangmandat 28. Mai 2011 Julia Klöckner CDU Mandatsniederlegung, Überhangmandat 4. September 2015 Katherina Reiche CDU Mandatsniederlegung, Landesliste erschöpft 4. März 2025 Lars Lindemann FDP Wiederholungswahl in Berlin 1. April 2025 Andreas Scheuer CSU Mandatsniederlegung, Überhangmandat 31. Mai 2025 Stefan Müller CSU Mandatsniederlegung, Überhangmandat

Landtage + Fälle, in denen ausgeschiedene Landtagsabgeordnete nicht durch Nachrücker ersetzt wurden Datum Landtag Abgeordnete(r) Partei Grund des Ausscheidens vor/nach Wahl für nächste WP Beginn der nächsten WP Dauer der verkleinerten Zusammen-setzung 20. August 1946 Schleswig-Holstein (Ernannter Landtag) Ernst Nagel fl. Mandats-niederlegung - 2. Dezember 1946Beginn der 2. Ernennungsperiode. 104 Tage 10. November 1946 Nordrhein-Westfalen (Ernannter Landtag) Anton Gilsing CDU † - 19. Dezember 1946 39 Tage 19. April 1947 Nordrhein-Westfalen (Ernannter Landtag) Michael Rott CDU † (Autounfall) vor 20. April 1947 1 Tag 4. Mai 1947 Rheinland-Pfalz (Beratende Landesversammlung) Wilhelm Rautenstrauch FDP † vor 18. Mai 1947 14 Tage 13. Dezember 1949 Schleswig-Holstein Heinz Kock SPD Mandats-niederlegung vor 7. August 1950 8 Monate 30. Mai 1950 Schleswig-Holstein Richard Schenck fl. (vorher SPD) Mandats-niederlegung vor 7. August 1950 69 Tage 17. Juni 1950 Nordrhein-Westfalen Konrad Adenauer CDU Mandats-niederlegung vor 5. Juli 1950 18 Tage 26. Oktober 1950 Hessen Jakob Husch CDU † (Autounfall) vor 1. Dezember 1950 35 Tage 8. November 1950 Württemberg-Baden Christian Härle SPD † vor 10. Dezember 1950 32 Tage 2. Juli 1954 Niedersachsen Theodor Schmidt CDU Mandats-niederlegung, keine LandeslisteSchmidt war bei einer Nachwahl als Direktkandidat für die CDU gewählt worden, nicht für das bei der Hauptwahl 1951 angetretene Parteienbündnis DP/CDU. Sein Wahlvorschlag war deshalb nicht mit der Landesliste verbunden, weshalb niemand von dieser nachrücken konnte. vor 13. Mai 1955 10 Monate 18. Juli 1958 Nordrhein-Westfalen Hilde Röskau FDP † nach 21. Juli 1958 -Die 3. Wahlperiode war am 12. Juli 1958 beendet, es gab eine kurze parlamentslose Zeit, in die der Tod von Hilde Röskau fiel. Genau genommen entstand also keine Vakanz. 8. November 1958 Hessen Ernst Schauss FDP Mandats-niederlegung vor 1. Dezember 1958 23 Tage 18. November 1958 Bayern Georg Hagen SPD † vor 23. November 1958 5 Tage 2. Dezember 1958 Bayern Claus Pittroff CSU † nach 23. November 1958 -Die konstituierende Sitzung des folgenden Landtags fand zwar erst am 4. Dezember 1958 statt, aber die Wahlperiode begann bereits am Wahltag, dem 23. November 1958 (gemäß einer Präzisierung durch den Landtagspräsidenten 1974). Genau genommen entstand also keine Vakanz. 8. Januar 1963 Berlin Willy Großmann SPD † vor 8. März 1963 59 Tage 19. Februar 1963 Berlin Karl-Heinz Gutjahr SPD † nach 8. März 1963 21 Tage 7. März 1963 Rheinland-Pfalz Ernst Kunkel CDU † vor 18. Mai 1963 73 Tage 18. März 1967 Berlin Alfred Keil SPD † nach 6. April 1967 19 Tage 14. Mai 1971 Rheinland-Pfalz Nikolaus Weis CDU † nach 18. Mai 1971 4 Tage 14. Februar 1974 Hamburg Hans Duncker CDU † vor 17. April 1974 62 Tage 22. März 1974 Hamburg Wilhelm Drexelius SPD † nach 17. April 1974 26 Tage 30. September 1994 Thüringen Ekkehardt Dietze SPD Mandats-niederlegung (weggefallenes Überhang-mandat) vor 10. November 1994 41 Tage 19. Oktober 1995 Berlin Jürgen Wohlrabe CDU † vor 30. November 1995 42 Tage 12. Oktober 2000 Brandenburg Angelika Thiel-Vigh SPD Mandatsentzug (weggefallenes Überhang-mandat) vor 13. Oktober 2004 4 Jahre 16. September 2016 Berlin Gerwald Claus-Brunner Piraten-partei † (Suizid), Landesliste erschöpft vor 27. Oktober 2016 41 Tage 13. Mai 2019 Bremen Jörg Kastendiek CDU † vor 8. Juni 2019 26 Tage 19. September 2021 Berlin Bernd Schlömer FDP Mandats-niederlegung vor 4. November 2021 46 Tage

Weblinks Martin Fehndrich, Matthias Cantow: Nachrücker, bei Wahlrecht.de, Stand 2006 Der Sitz eines direkt gewählten Abgeordneten des Bundestags darf nach dessen Ausscheiden nicht aus der Landesliste besetzt werden, solange die Partei in dem betreffenden Land über Überhangmandate verfügt, Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichts, 7. April 1998 BVerfG, Beschluss vom 26. Februar 1998

Einzelnachweise

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