Fiat Lux (lat. „es werde Licht“) ist eine neue religiöse Bewegung, die von Erika Bertschinger Eicke (1929–2019), genannt „Uriella“, gegründet und angeführt wurde. Da sich Uriella als „Sprachrohr Gottes“ verstand, handelt es sich um eine Neuoffenbarungsbewegung. Nach eigenem Verständnis ist Fiat Lux ein Orden. Kennzeichnend sind, neben der Verehrung Uriellas als Medium Gottes und Heilerin, unter anderem die weiße Kleidung der Mitglieder, die Ernährung ausschließlich von Rohkost sowie der Verzicht auf den Konsum von Radio, Fernsehen und „weltlicher Lektüre“. Von kirchenunabhängigen wie auch von katholischen und evangelischen Stellen wird Fiat Lux als Sekte bezeichnet.

Die Bewegung wurde 1980 von Uriella in der Schweiz gegründet. 1990 wurde das Zentrum der Gemeinschaft nach Ibach in Deutschland verlegt. Um diese Zeit hatte Fiat Lux rund 1000 Mitglieder. Die umstrittene Tätigkeit Uriellas als Heilerin zog Kranke an, die auf Heilung hofften. Unter anderem wegen der strengen Ordensregeln verlor Fiat Lux Mitglieder, besonders als Uriella selbst erkrankte und ab 2005 kaum noch in Erscheinung trat. Schon vor ihrem Tod im Jahr 2019 hatte Fiat Lux nur noch wenige Mitglieder.

Geschichte Vorgeschichte Vor der Gründung von Fiat Lux hatte Erika Bertschinger Eicke Kontakte zu „neuoffenbarerisch-mediumistischen Kreisen“ in Großbritannien und den USA. Seit 1971 behauptete sie, mehrere Offenbarungen und Visionen gehabt zu haben. Sie meinte nach einem schweren Reitunfall 1973 „hellsichtig“ zu sein. Am Weihnachtstag 1975 soll sie im „Lichtzentrum Bethanien“ in der Schweiz in tiefer Trance eine erste Offenbarung empfangen haben und verstand sich seitdem als „Sprachrohr Gottes“. Nach einer ersten Ehe, über die wenig bekannt ist, hatte sie als zweiten Ehemann den Unternehmer Max Bertschinger geheiratet.

Gründung und Ausweitung Nach dem Tod ihres Ehemannes Max gründete sie am 12. Januar 1980 den Orden Fiat Lux und das „Heiligtum“ in Egg bei Zürich als Ausgangs- und Zentralpunkt der Bewegung. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon 47 Anhänger um sich geschart. Die ersten Gottesdienste, bei denen sie als „Uriella“ auftrat und die „Offenbarungen Jesu Christi“ weitergab, fanden in Egg statt. An den Gottesdiensten nahmen bis 1988 nur Mitglieder teil.Uriella – Orden Fiat Lux relinfo.ch. Manuskript eines Vortrags von Christian Ruch am 22. November 2000 in Waldshut.

Im März 1984 gab Uriella an, vom Heiland den Auftrag erhalten zu haben, nun mit der Missionstätigkeit zu beginnen. Noch im selben Monat fand in Böblingen die erste öffentliche Fiat-Lux-Veranstaltung statt. Zwischen 1984 und 1988 erwarb bzw. baute die Gemeinschaft mehrere Häuser im Görwihler Ortsteil Strittmatt und expandierte damit nach Deutschland. 1988 wurde auch in Sittersdorf in Kärnten (Österreich) ein Zentrum eröffnet.Uriella – Orden Fiat Lux relinfo.ch, Informationsblatt vom August 1989. Im selben Jahr fiel Uriella in Zürich erstmals öffentlich in Volltrance, um Botschaften zu erhalten. Seitdem waren ihre Gottesdienste auch Außenstehenden zugänglich, sofern sie sich angemeldet hatten und die Anmeldung akzeptiert worden war.

Der ehemalige katholische Priester Kurt Warter, der sich im Jahr 1983 Fiat Lux angeschlossen hatte und „Uriello“ genannt wurde, spielte in dieser Zeit eine wichtige Rolle. 1984 wurde er Uriellas dritter Ehemann. Er vereinheitlichte Uriellas Offenbarungen, prägte die Entwicklung der Ordenslehre und bereitete den Umzug nach Deutschland vor. Er starb 1988 bei einem Autounfall.

Umzug nach Deutschland mini|Zentrum von Fiat Lux in Ibach im Schwarzwald, Hauptgebäude (2004) mini|Zweites Gebäude in Ibach (2004). Anhänger von Fiat Lux haben weiße Autos, wie hier zu sehen. mini|Garten mit Kruzifix und „wintertauglichen“ Plastikblumen

Im September 1990 bekam Uriella angeblich von Jesus Christus den Auftrag, nach Deutschland umzuziehen. Das „Heiligtum“ wurde nach Ibach im Schwarzwald verlegt, nachdem der Orden den ehemaligen Gasthof Adler im Ibacher Ortsteil Lindau erworben, aufwendig renoviert und ausgebaut hatte. Görwihl-Strittmatt, wo schon Anhänger in Wohngemeinschaften lebten, ist von hier nur etwa 10 Straßenkilometer entfernt.Straßenverbindungen zwischen Görwihl-Strittmatt und dem Zentrum in Ibach-Lindau bei Google Maps Die beiden Orte liegen nordwestlich von Waldshut im Hotzenwald, einer Region im südlichen Schwarzwald.

Um 1990 hatte der Orden etwa 1000 Mitglieder. Die Zahl der Anhänger hatte damit ihren Höhepunkt erreicht.Uriella gestorben relinfo.ch, 25. Februar 2019. 1991 heiratete Uriella ihren vierten Ehemann Eberhard Bertschinger-Eicke, genannt „Icordo“. Seit dem Jahr 1992 kam es zu vielfacher öffentlicher und medialer Kritik und zu mehreren Verurteilungen von Erika Bertschinger Eicke. Nach einer Phase der Verunsicherung stabilisierte sich die Gemeinschaft jedoch wieder und war auch missionarisch tätig.

In den 1990er Jahren trat Uriella immer wieder im Schweizer Fernsehen auf, so in den Sendungen Arena, Kassensturz, Viktors Spätprogramm und Ventil. Dabei erwies sie sich wegen ihrer Erscheinung und ihren teils skurrilen Äußerungen als Publikumsmagnet. Beispielsweise antwortete sie in Viktors Spätprogramm auf die spontane Frage des Moderators, ob sich Hitler heute in der Antarktis befinde: „Nein, der ist auf dem Mond und läuft dort in Ketten rum.“Als Uriella auf Porno-Heidi traf – die bizarrsten TV-Auftritte der Sektenführerin aargauerzeitung.ch, 25. Februar 2019. Roger Schawinski, der sie mehrmals in seine Sendungen einlud, sagte zu Uriellas Auftritten im Fernsehen: „Sie war eine einmalige Figur, mit ihrem Ornat, ihrem entrücktem Auftritt – und sie brachte wahnsinnige Einschaltquoten. […] Für 99 Prozent war sie eine Witzfigur. Sie selber hoffte wohl, im verbleibenden einen Prozent neue Anhänger gewinnen zu können.“Michèle Binswanger, Christian Zürcher: Die Bachelorette Gottes Tages-Anzeiger, 25. Februar 2019 (Archiv).

Icordo gab im Oktober 1997 eine Mitgliederzahl von 723 Personen an, von denen in Ibach und Strittmatt schätzungsweise 70 bis 100 lebten. Im Jahr 2000 wurde die Zahl der Anhänger auf 400 bis 500 geschätzt. Einige Mitglieder verließen von sich aus den Orden, andere wurden als unzuverlässig empfunden und aus der Gemeinschaft gedrängt. Icordo war zu dieser Zeit bereits der Anführer von Fiat Lux, obwohl er offiziell nur Pressesprecher, Seminarleiter und Geschäftsführer der Rohkost-Eremitage war. Er trat immer öfter ohne Uriella im Fernsehen auf.

Rückzug Uriellas Etwa zu Beginn des Jahres 2005 zog sich Uriella aus der Öffentlichkeit und auch vor ihren Anhängern zurück. In den Gottesdiensten wurden nun Tonbandaufnahmen mit Botschaften von Uriella abgespielt. Selbst nähere Bekannte von Uriella gaben im September 2006 an, sie hätten Uriella seit mindestens eineinhalb Jahren nicht mehr gesehen. Dies löste die Vermutung aus, Uriella müsse ernsthaft krank sein. Fiat Lux wurde faktisch von Uriellas Ehemann „Icordo“ übernommen. Auch die Anhänger selbst traten kaum noch öffentlich in Erscheinung. Im Mai 2007 schätzte ein Aussteiger, es gebe noch etwa 300 aktive Mitglieder.

Bereits 2009 soll die Gruppe nur noch weniger als 100 Mitglieder gezählt haben. Gründe für den starken Rückgang waren einerseits Uriellas schwere Krankheit und die Erwartung, dass sie bald sterben würde, andererseits die Tatsache, dass sie 1991 und 1998 irrtümlich den Weltuntergang vorhergesagt und dadurch an Glaubwürdigkeit verloren hatte. Laut dem Sektenexperten Georg Otto Schmid waren auch die strengen Ordensregeln dafür verantwortlich, dass viele Mitglieder davonliefen.Lilian Spörri: «Uriella ist in den letzten Zügen». In: blick.ch, 24. April 2009. Mehreren Presseberichten von Ende 2011 zufolge war die Sekte damals schon weitgehend zerfallen und hatte nur noch ein bis zwei Dutzend Mitglieder. Öffentliche Aktivitäten der Gruppe fanden nicht mehr statt. Ebenso waren die Versuche von Fiat Lux, die Dorfgemeinde zu beeinflussen, zum Erliegen gekommen.In Ibach ist Ruhe eingekehrt, Badische Zeitung, 19. Februar 2011, von Verena Pichler

Im Oktober 2017 bot die Gemeinschaft eines der beiden Häuser ihres Seminarzentrums in Kärnten – das Gästehaus mit 790 Quadratmeter Wohnfläche – zum Kauf an.Sekten-Chefin Uriella (88) verkauft Haus in Österreich blick.ch, 30. Oktober 2017.

Uriellas Tod Uriella starb im Februar 2019 im Alter von 90 Jahren. Kurz zuvor hatte die Aargauer Zeitung geschrieben, dass nach einer Schätzung des Bürgermeisters von Ibach noch „bis zu 20 Mitglieder“ in der Gemeinde leben. Sonntags reisten regelmäßig weitere Mitglieder an. Sie seien an der weißen Kleidung und ihren weißen Fahrzeugen zu erkennen.Was macht eigentlich Uriella? Die Sektenführerin aus Ibach wird heute 90 Jahre alt aargauerzeitung.ch, 20. Februar 2019, mit Aktualisierung am 25. Februar 2019. Anlässlich von Uriellas Tod gab Infosekta, eine Fachstelle für Sektenfragen, ihre Einschätzung bekannt, es gebe „maximal noch zwei Dutzend“ Mitglieder. Zu Uriellas Beerdigung am 1. März 2019 auf dem Friedhof in Ibach kamen etwas mehr als 100 Menschen, überwiegend in weiß und beige gekleidet.

Auf der Trauerfeier sprach auch das deutsche Medium Ira Wolff und wurde vom Schweizer Fernsehen interviewt. Dies führte zeitweise zu Spekulationen über eine mögliche Nachfolge als geistiges Oberhaupt von Fiat Lux. Weder der Orden selbst noch Ira Wolff äußerten sich hierzu.

Aktivitäten Die Mitglieder sind weiß gekleidet. Die weiße Farbe soll den Strahl Luzifers („Schamanah“) abwehren. Der Eintritt in den Orden ist mit der schriftlichen Verpflichtung zur Einhaltung zahlreicher Ordensregeln verbunden. Die Mitglieder dürfen keine warmen Mahlzeiten, kein Fleisch und kein Brot essen. Sie ernähren sich ausschließlich von rohem Obst und Gemüse sowie von eingeweichten oder gekeimten Körnern. Alkohol, Tee und Kaffee sind tabu. Die Einnahme von Medikamenten ist wegen des Vorrangs der Geistheilung durch Uriella verpönt.Durch Rohkost zum Heil! Ernährung bei Fiat Lux relinfo.ch Voraussetzung zur Mitgliedschaft ist auch der „Verzicht auf weltliche Lektüre und Vergnügungen jeglicher Art, wie fernsehen, Radio hören“. Die Ordensmitglieder sollen stattdessen danach streben, „sich intensiv in die Geistesschulung zu vertiefen und nach ihr zu leben“. Außerdem sollen sie sich bemühen, absolut keusch zu leben, auch wenn sie verheiratet sind. Wenn zwei Fiat-Lux-Mitglieder heiraten wollten, mussten sie zuerst Uriella fragen, ob Jesus ihnen die Ehe erlaube.

Uriella als Heilerin Uriella war auch als Geistheilerin tätig. Zu Heilungen diente auch das „Athrum-Wasser“, zu dessen Herstellung Uriella in Trance mit einem Silberlöffel mit Linksdrehungen in einer wassergefüllten Badewanne rührt. Bei diesem Verfahren werde das Wasser „umgepolt“ und „mit dem himmlischen Athrum-Strahl aufgeladen“. Danach wurde es in Kanister gefüllt, an Mitglieder verteilt und an Kranke abgegeben, allerdings nicht für Geld. Die Gesundheitsdirektion Zürich stellte 1989 fest, dass das Wasser mit Bakterien und Schimmelpilzen kontaminiert sei und deshalb keine Trinkwasserqualität habe. Eine spätere Untersuchung vom WDR für eine Reportage von Felix Kuballa kam zu ähnlichen Ergebnissen.Athrumwasser – das kostbare Nass, Relinfo.ch

Uriella betrieb auch sogenannte Heilungen von aus medizinischer Sicht schweren bis unheilbaren Erkrankungen. Nach eigenen Aussagen konnte sie die Patienten „durchleuchten“ und so Erkrankungen erkennen. Häufig diagnostizierte sie Krebs. Alle Erkrankungen wurden anschließend „geheilt“, ohne dass die Krebserkrankung von Ärzten zuvor bestätigt wurde. Während einer Heilung saßen die zu Heilenden im Kreis auf Stühlen, während hinter ihnen die Heiler standen. Zu Zwecken der sogenannten Fernheilung befanden sich in der Mitte des Kreises Abbildungen von abwesenden Personen oder Haustieren, die ebenfalls unter einer schweren Erkrankung litten.