Der Reim ist im weiteren Sinne eine Verbindung von Wörtern mit ähnlichem Klang. Im engeren Sinne ist der Reim der Gleichklang eines betonten Vokals und der ihm folgenden Laute. Beispiel: lauf – kauf; laufen – kaufen; Laufender – Kaufender. In der linguistisch orientierten Lyriktheorie werden Reime als phonologische Überstrukturierung aufgefasst. In der hier nicht weiter behandelten Phonotaktik ist der Reim ohne Berücksichtigung klanglicher Ähnlichkeiten oder Betonungen der silbische (meist vokalische) Silbenkern plus der konsonantische Silbenschwanz, also die Silbe ohne den konsonantischen Silbenkopf; Silbenkopf und Silbenschwanz sind optional.

Das mittelhochdeutsche Wort rîm ist entlehnt aus dem Französischen: Das Substantiv rime für Reim stellt eine Rückbildung des Verbs rimer für „in Reihen ordnen, reimen“ dar (fränkisch und althochdeutsch rīm „Reihe“). Die englische Schreibweise rhyme beruht auf einer fälschlich angenommenen Verbindung zum griechischen rhythmos.

Geschichte Der Begriff „Reim“ bezeichnete bis ins 17. Jahrhundert den ganzen gereimten Vers. Martin Opitz (1597–1639), Dichter des Barock und Verfasser der ersten deutschsprachigen Poetik, begründete die heutige Definition: „Ein reim ist eine vber einstimmung des lautes der syllaben vnd wörter zue ende zweyer oder mehrer verse /welche wir nach der art die wir vns fürgeschrieben haben zusammen setzen.“Martin Opitz: Buch von der deutschen Poeterei. 7. Kapitel. Die ursprüngliche Bedeutung hat sich aber noch in Ausdrücken wie „Kinderreim“ und „Kehrreim“ erhalten.

In China wurde der Reim bereits zwischen dem 10. und dem 7. Jahrhundert v. Chr. verwendet, was durch das Buch der Lieder, die älteste Sammlung von Gedichten und die größte aus vorchristlicher Zeit, bezeugt ist.

כִּ֣י כֶ֜רֶם יְהוָ֤ה צְבָאֹות֙בֵּ֣ית יִשְׂרָאֵ֔לוְאִ֣ישׁ יְהוּדָ֔הנְטַ֖ע שַׁעֲשׁוּעָ֑יווַיְקַ֤ו לְמִשְׁפָּט֙וְהִנֵּ֣ה מִשְׂפָּ֔חלִצְדָקָ֖הוְהִנֵּ֥ה צְעָקָֽה׃ ס

Jes. 5:7 Die heidnische und christliche Dichtung der Spätantike im germanischen Sprachraum ist geprägt durch den Stabreim. Der Endreim wurde vermutlich über die christlich-lateinische Hymnendichtung eingeführt. Der Tanach (das hebräische Alte Testament) kennt den Reim kaum. Eine der wenigen Ausnahmen finden wir bei in , in zumindest einer deutschen Übersetzung () adäquat nachgeahmt. Stilmittel der biblischen Lyrik sind Alliteration, Akrostichon und vor allem Parallelismus membrorum. Auch die Dichter der griechischen und römischen Antike verwendeten keine Reime, da sie den Gleichklang der Laute als unschön ablehnten.

Der Koran, der im 7. Jahrhundert entstand, ist in Reimprosa abgefasst. Diese literarische Form, die durch Endreime am Satzende oder an syntaktischen Einschnitten ohne Bindung an ein Versmaß getragen wird, war damals auf der arabischen Halbinsel sehr verbreitet.

Die geistliche und weltliche lateinische Dichtung des europäischen Mittelalters ist entweder akzentuierend und reimend, oder sie erscheint reimlos und quantitierend, d. h., es werden die antiken Metren verwendet, vor allem der Hexameter. Eine Ausnahme bildet der leoninische Vers, der die Quantitäten mit dem Reim verband.

Als erste in Endreimen abgefasste deutsche (althochdeutsche) Schriftdichtung gilt das Evangelienbuch Otfrids von Weißenburg (um 870). Seit dem 12. Jahrhundert tritt der Reim den Siegeszug in der Dichtung aller europäischen Volkssprachen an, und er behält seine vorherrschende Stellung, bis diese sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark abschwächt. Die moderne Lyrik verzichtet häufig auf die klassischen poetischen Mittel von Reim und Versmaß und verwendet den freien Vers, der im 19. Jahrhundert in Frankreich als vers libre entwickelt wurde. Durch den völligen Verzicht auf die Regeln der Metrik nähert sich der „freie Vers“ der Prosa an.

Versuche deutscher Dichter im 18. Jahrhundert, den Reim durch den Blankvers und antike Metren zu ersetzen (Klopstock, Voß, Goethe, Schiller, Hölderlin), bleiben eine – wenn auch sehr bedeutsame – Episode.

Sehr lebendig ist der Reim auch noch im 21. Jahrhundert innerhalb der Rap-Poetry und beim Spoken Word, wo er auf vielfältigste Weise und bei weitem nicht nur auf den Endreim beschränkt als Stilmittel verwandt wird. Der Slam-Poet und Medienkünstler Bas Böttcher programmierte eine Reimmaschine, die Worte auf Basis von Lautschrift analysiert und entsprechende Reime und Assonanzen ausgibt.Bas Böttcher: Der Slam-Poet hat (...) eine Reim-Maschine gebaut, die auf Lautsprache basiert.

Funktion Eine Funktion des Reims im Gedicht ist es, zusätzlich zu der metrischen Struktur der Silben, eine Struktur der Reime zu eröffnen, und damit diese beiden Perzeptionsebenen zu einer übergeordneten komplexeren Ebene in Beziehung zu setzen. Reim dient also nicht bloß der Gliederung, sondern die Reimstruktur bildet eine eigene ästhetische Dimension der Lyrik.

Lyrik hat eine musikalische Dimension. Der Gleichlaut ist vergleichbar mit einem phonetischen Idiom, das die Rückkehr zu bzw. das Ausgehen von einem Referenzpunkt (siehe Kadenz) ermöglicht. Er schmeichelt dem Ohr und wirkt nach dem ästhetischen Prinzip der Einheit in der Vielfalt vor allem dann überzeugend, wenn die Reimwörter in ihrer Bedeutung und ihren Konnotationen weit auseinander liegen. Als Echo des Gedankens haben reimende Wörter oft für die Sinngebung der Dichtung ein besonderes Gewicht. Karl Kraus vertrat die Ansicht, dass ein Reim umso höher zu bewerten sei, je mehr Widerstand er zu überwinden hätte, sei es, dass ein einsilbiges Wort auf ein mehrsilbiges reimt oder die beiden Reimwörter aus verschiedenen sprachlichen Sphären stammen.Die Lehre vom Reimwiderstand nach Karl Kraus.

Gereimtes bleibt zudem besser im Gedächtnis haften, daher haben Sprichwörter, Wetterregeln, Merkverse, Werbesprüche und dergleichen oft die Form des Reims. So hat das Reimen von Botschaften auch einen pragmatischen Nutzen, z. B. bei den Wandersängern des Mittelalters und der Renaissance zur Übermittlung von Nachrichten.

Der Endreim markiert das Ende der Zeile und setzt die einzelnen Zeilen zueinander in Beziehung. Diese Funktion ist besonders wichtig in Gedichten, die dem syllabischen metrischen Prinzip folgen (insbesondere romanische Sprachen), in denen der Vers also nur durch die Silbenzahl (z. B. im Alexandriner zwölf oder dreizehn Silben) bestimmt wird.

Reimformen Reime können nach ihrer Silbenzahl, der Stellung im Vers, ihrer phonologischen und morphologisch-lexikalischen Struktur und ihrem Reimschema beschrieben werden. Regelmäßige Reimschemata deuten in Zusammenhang mit bestimmten Versformen auf festgelegte lyrische Strophenformen hin. Bertolt Brechts Gedicht Erinnerung an die Marie A. mag als Beispiel dienen: Und über uns im schönen Sommerhimmel War eine Wolke, die ich lange sah Sie war sehr weiß und ungeheuer oben Und als ich aufsah, war sie nimmer da. – Bertolt Brecht in Erinnerung an die Marie A.

Das Reimpaar „sah/da“ beispielsweise ist einsilbig (Silbenzahl), endreimend (Stellung im Vers), rein (phonologisch) und reimt nur jede zweite Zeile (Reimschema). Morphologisch-lexikalisch weist es keine Besonderheiten auf. Formal steht Brechts Gedicht damit der Volksliedstrophe nah.

Reime nach der Silbenzahl

Männlich oder stumpf, einsilbig Die Zeile endet auf einer betonten Silbe. Es stand vor eines Hauses Tor Ein Esel mit gespitztem Ohr. – Wilhelm Busch Der männliche Reim wird auch als Maskulinus bezeichnet.

Weiblich oder klingend, zweisilbig Beide Zeilen enden auf reimenden Silben, die erste ist betont, die zweite unbetont. Womit man denn bezwecken wollte, dass sich der Esel ärgern sollte. – Wilhelm Busch Der weibliche Reim wird auch als Femininus bezeichnet.

Gleitend oder reich, dreisilbig Beide Zeilen reimen auf drei Silben, deren erste betont ist. Wunderschön Prächtige, Große und Mächtige – Maria, Gnadenmutter zu Freyberg in Des Knaben Wunderhorn

Zu Reimformen, die mehr als die letzte betonte Silbe einbeziehen, siehe erweiterter Reim.

Das Merkmal der Silbenzahl beim Reim wird auch als Reimgeschlecht bezeichnet. Wechseln männliche und weibliche Reime regelmäßig ab, so bezeichnet man das als Reimalternanz.

Reime nach der Stellung im Vers

Endreim Beim Endreim oder auch Ausgangsreim stehen die Reimworte am Ende des Verses. Dies ist die im Deutschen und zahlreichen anderen Sprachen häufigste Reimform.

Klingt im Wind ein Wiegenlied, Sonne warm herniedersieht, Seine Ähren senkt das Korn, Rote Beere schwillt am Dorn, Schwer von Segen ist die Flur – Junge Frau, was sinnst du nur? – Theodor Storm: Juli

Binnenreim

Beim Binnenreim stehen die Reimwörter ganz oder teilweise im Versinneren. Nach der jeweiligen Stellung der Reimworte werden mehrere Formen unterschieden: Innenreim oder Inreim: Reimwörter am Versende und im Versinneren desselben Verses. Mittelreim: Reimwörter im Inneren aufeinanderfolgender Verse. Eine spezielle Form des Mittelreims ist der Zäsurreim, bei dem die Reimwörter vor einer Zäsur stehen. Mittenreim: ein Wort am Versende reimt mit einem Wort im Inneren des folgenden oder vorangehenden Verses. Schlagreim: Reimwörter folgen unmittelbar aufeinander. Spezielle Formen des Schlagreims sind: Echoreim: die Wiederholung der Reimsilben bildet ein Echo nach. Übergehender oder überschlagender Reim: Reimwörter sind durch ein Versende getrennt.

Anfangsreim Beim Anfangsreim oder auch Eingangsreim reimen die ersten Wörter zweier Verse. Zeilen, die sich hinten reimen, nennt man darum ein Gedicht. Feilen muss man da nicht lange. Kennt man eine andre Form? – Michael Schönen

Pausenreim Beim Pausenreim steht das Reimpaar am Anfang und am Ende der reimenden Verse. Der Vers mit dem Reimwort am Anfang erscheint deshalb reimlos und erweckt den Eindruck der Pause. Beispiele finden sich hauptsächlich in Minne- und Meistersang. wol vierzec jar hab ich gesungen oder me von minnen und als iemen sol. – Walther von der VogelweideDer Alterston. In: Walther von der Vogelweide: Die Lieder Walthers von der Vogelweide. Bd. 1: Die religiösen und die politischen Lieder. 3. Auflage. Hrsg. von Friedrich Maurer. Niemeyer, Tübingen 1967, S. 14.

Reime nach phonologischer Struktur

Reiner Reim mini|Das Lied von der Glocke (1800) In einem reinen Reim stimmt die hörbare Lautfolge ab dem letzten betonten Vokal genau überein: Herz – Schmerz; Rose – Dose

Unreiner Reim

Beim unreinen Reim stimmt die hörbare Lautfolge der Reimsilben nur annähernd überein, Abweichungen treten in Klangfärbung und Betonung auf. Wie ein Gebild aus Himmels Höh’n, mit züchtigen, verschämten Wangen sieht er die Jungfrau vor sich stehn. – Friedrich Schiller: Das Lied von der Glocke

Zu den Formen des unreinen Reims gehören insbesondere: historischer Reim: war zur Zeit seiner Entstehung rein, ist es aber heute aufgrund anderer Sprechgewohnheiten nicht mehr (prove – love, slay – shey) unebener Reim: zwar Gleichklang der reimenden Silben, jedoch unterschiedliche Betonung (Zeit – Ewigkeit) Assonanz: nur die Vokale, aber nicht die Konsonanten stimmen überein (wagen – laben) Konsonanz: nur die Konsonanten, nicht aber die Vokale stimmen überein; die Vokalquantität bleibt erhalten (wagen – Wogen) Endsilbenreim: reimt zwischen unbetonten oder nebentonigen Endsilben

Erweiterter Reim

Der erweiterte Reim ist ein unscharfer Oberbegriff für Formen des Reims, bei denen die Übereinstimmung der Reimwörter über den für den Endreim maßgeblichen Teil ab der letzten betonten Silbe hinausgeht. Zu den erweiterten Reimformen zählen:

Doppelreim: Reim ab der vorletzten und der letzten betonten Silbe (Winde wehen – Linde gehen) Mehrfachreim: Reim mit zwei oder mehr betonten Silben, also Verallgemeinerung des Doppelreims. vokalischer Halbreim: Reim mit dem letzten betonten und dem nachfolgenden, unbetonten Vokal, also eine Abschwächung gegenüber dem Doppelreim. (licht war – sichtbar)