miniatur|Grabmal mit Büste Starostins auf dem Wagankowoer Friedhof in Moskau Nikolai Petrowitsch Starostin (; * In verschiedenen Quellen wird als Geburtsjahr Starostins 1898 angegeben, insbesondere auch in seinen Gerichtsakten. Seine Tochter bestätigte in einem jedoch das hier angeführte Geburtsjahr und begründete die Angabe des Jahres 1898 als Mittel, um Starostin in seinen Jahren in den Arbeitslagern aus Altersgründen von schwerer körperlicher Arbeit zu befreien. in Moskau; † 17. Februar 1996 ebenda) war ein sowjetisch-russischer Fußballspieler, Eishockeyspieler, Fußballtrainer und -funktionär. Er war einer der erfolgreichsten sowjetischen Fußballer der Zwischenkriegszeit und Mitgründer von Spartak Moskau, dessen langjähriger Präsident er auch wurde. In den 1940er und 1950er Jahren verbrachte er über elf Jahre in Haft, in Arbeitslagern und im Exil, ehe er nach Stalins Tod rehabilitiert wurde.
Spielerkarriere Die Anfänge Starostin wurde 1902 als ältester von vier Söhnen eines Jagdführers der zaristischen Jagdgesellschaft geboren. Mit dem Fußballspiel begann er im Alter von neun Jahren und besuchte ab dem 14. Lebensjahr eine Handelsakademie.Edelman, Rz 13 Als der Vater bei einer Typhusepidemie im Jahr 1920 starb, wurde der 18-Jährige zum Familienoberhaupt und verdiente das nötige Geld als Fußballspieler im Sommer und Eishockeyspieler im Winter.Riordan, S. 1; über Starostins Eishockeykarriere ist wenig Literatur verfügbar, laut Riordan soll er es bis zum Kapitän der Nationalmannschaft geschafft haben, nach redwhite.ru soll er zwei sowjetische Meistertitel gewonnen haben, allerdings wird die Sportart dort mit Bandy angegeben. Durch die Liberalisierungen der NEP war in diesen Bereichen ein gewisser Professionalismus möglich und die Vereine wurden wie Wirtschaftsunternehmen geführt.Edelman, Rz 16
Starostin spielte beim Moskauer Sportzirkel im von der Arbeiterklasse dominierten Industrievorort Presnia.Edelman, Rz 14 Bei dem von einem Komsomolfunktionär geleiteten Verein, der bald in Krasnaia PresniaDies bedeutet Rote Presnia, ein Beiname, den der Vorort auf Grund der Militanz seiner Bewohner während der Revolution erhielt. Siehe Edelman, Rz 12 umbenannt wurde, konnte sich der Rechtsaußen schnell etablieren und spielte ab 1922 in der Moskauer Stadtauswahl, mit der er auch den russischen Meistertitel holte. (Überregionale Vereinsbewerbe gab es zu dieser Zeit in der Sowjetunion nicht.) Auch seine Brüder Alexander, Petr und Andrei traten sukzessive dem Verein bei, der neben den regionalen Meisterschaftsspielen auch Tourneen bestritt, die bis nach Zentralasien führten.
Starostin nahm bald eine führende Rolle im Verein ein, nicht nur sportlich, wo er Kapitän der Mannschaft wurde, sondern auch als Organisator, der über eine Reihe von Kontakten zu Politik, Wirtschaft und Intellektuellen verfügte. Als im Jahr 1926 die sowjetischen Sportvereine neu organisiert wurden und nunmehr nach Industriebranchen gegliedert wurden, fand Starostin die Gewerkschaft der Arbeiter der Lebensmittelindustrie als Trägerorganisation und der Verein nahm deren Namen Pischtschewik an.Edelman, Rz 17 In den frühen 1930er Jahren lief man unter dem Namen der Tabakfabrik Dukat auf. Zwei weitere Male konnte Starostin, der mittlerweile auch Kapitän der Moskauer Auswahl war, den russischen Titel holen (1927, 1931), darüber hinaus auch zweimal den Unionstitel (1928, 1932).redwhite.ru (russisch)
Nationalmannschaft Ab Mitte der 1920er Jahre bestritt die Sowjetunion mehrere Jahre lang keine Länderspiele, danach war die Türkei der einzige Verband, der inoffizielle Spiele gegen die sowjetische Auswahl austrug. Nikolai Starostin gab sein Debüt im Oktober 1932 bei einem 2:2 gegen die türkische B-Mannschaft in Istanbul gleich als Kapitän der Mannschaft, wobei bei diesem Spiel auch seine Brüder Alexander und Andrei mitwirkten. Insgesamt sechsmal nahm der Rechtsaußen zwischen 1932 und 1934 an derartigen Begegnungen teil, wobei ihm 1933 auch ein Tor gelang.rsssf.org
Gründung von Spartak 1934 nutzte Starostin seine Beziehungen zu Promkooperatsiia, einer Organisation, die die Angestellten des Dienstleistungs- und Handelssektors vertrat und im Handelsministerium angesiedelt war, und unterstellte den Verein dessen Trägerschaft, was auch zu einem neuerlichen Namenswechsel führte. Durch diesen Schritt standen dem Verein auch erhebliche finanzielle Mittel zur Verfügung, die dazu genutzt wurden, entsprechend gute Spieler zum Verein zu holen und eine führende Rolle im Moskauer Fußball auszubauen.Edelman, Rz 18
Etwa zur gleichen Zeit gelang es auch, den Leiter von Komsomol, Alexander Kosarew, der die Kontrolle seiner Organisation auf den Sport ausdehnen wollte, für den Verein zu interessieren, und so erhielt Starostin den Auftrag, eine Sportvereinigung zu schaffen und für diese einen neuen Namen zu suchen. Starostin schlug den Namen Spartak vor, welcher auf allgemeine Zustimmung der Beteiligten stieß. Über den Ursprung dieses Namens gibt es verschiedene Versionen, nach einer Version kam Starostin beim Lesen eines Buches über den Sklavenführer Spartacus auf diese Idee,Wilson, S. 283 nach einer anderen Version soll der Name auf ein 1927 veranstaltetes Spiel gegen eine deutsche Arbeitermannschaft zurückzuführen sein, welche nach dem Spartakusbund benannt war.Riordan, S. 1
Starostin beendete seine aktive Karriere weitgehend, um sich nunmehr der neuen Sportvereinigung zu widmen.
Trainer- und Funktionärskarriere Neuordnung im sowjetischen Fußball Die Spartakorganisation nahm ihre Tätigkeit im April 1935 auf und war als polysportive und überregionale Sportvereinigung konzipiert. Politisch hatte sie die Unterstützung des Komsomol, wirtschaftlich jene der Promkooperatsiia, welche nach Angaben Starostins rund 15 % ihrer Einnahmen dem Verein zur Verfügung stellte.Edelman, Fn. 50 Im Gegensatz zu anderen großen Sportvereinigungen, welche wie Dynamo und ZDKA staatlichen Organisationen wie der Polizei oder der Armee unterstanden, wurde Spartak wegen seiner Gewerkschaftsnähe als ziviler Verein wahrgenommen und erfreute sich großer Popularität.Heidbrink S. 45
Etwa zur selben Zeit waren im sowjetischen Sport auch eine Abwendung vom reinen Körperkulturgedanken und eine Annäherung an den internationalen Wettkampfsport zu verzeichnen, was auch zum Teil auf eine Neuorientierung in der Außenpolitik zurückzuführen war.Keys, S. 415 Starostin hatte bereits zur Hebung der Klasse des sowjetischen Fußballs stärkere und internationale Gegner gefordert und im Herbst 1934 trat eine Moskauer Stadtauswahl unter seiner Betreuung in Brünn gegen den SK Židenice an und konnte mit 3:2 siegreich bleiben, was der Trainer mit folgender Aussage kommentierte: „Wir haben uns das Recht gesichert, als erstklassige Fußballspieler in der internationale Einschätzung angesehen zu werden.“Keys, S. 421f
Am Neujahrstag 1936 unterlag eine kombinierte Mannschaft von Spartak und Dynamo in Paris dem Racing Club de France mit 1:2 und obwohl die Sowjets eine respektable Leistung erbracht hatten, nutzte Starostin die Niederlage für einen Vorschlag zur radikalen Umstrukturierung des sowjetischen Fußballs.Edelman, Rz 19 In einem Schreiben an die Sportbehörde und den Komsomol führte er im Februar 1936 aus: „In den letzten zwei oder drei Jahren hat der sowjetische Fußball gezeigt, dass er auf derselben Ebene mit den besten europäischen Mannschaften steht. (…) Gleichzeitig zeigte uns eine bessere Bekanntschaft mit den Arbeitsbedingungen für ausländische Berufsfußballer – und sämtliche der besten Mannschaften in Europa bestehen aus Berufsfußballern – dass der Berufsfußball eine Reihe von Vorteilen gegenüber dem Amateurfußball hat.“Keys, S. 428 Er schlug eine professionelle Liga vor, die aus acht Vereinen aus sechs Städten bestehen sollte und meinte, dass dadurch jener Professionalismus legalisiert würde, „der bereits jetzt in unserem Fußball besteht.“
Starostins Vorschlag wurde von den Behörden aufgenommen und im selben Jahr wurde eine landesweite Liga eingeführt, welche aus Meisterdemonstrationsmannschaften bestand, die jeweils unter Führung einer Sportvereinigung oder einer Fabrik standen. Obwohl der Begriff des Professionalismus nicht offiziell verwendet wurde, war allgemein bekannt, dass die Spieler und Trainer bezahlt wurden.Keys, S. 429f Starostin und seine Brüder erhielten bei Spartak Monatsgehälter von 2.000 Rubeln, rund das zehnfache eines durchschnittlichen Industriearbeitergehaltes.Edelman, Fn. 123
Die Rivalität Spartak – Dynamo Von Beginn an entwickelte sich die neue Liga zu einem Zweikampf zwischen Spartak und Dynamo. Als Ergebnis des Kontaktes mit ausländischen Mannschaften hatten die beiden Vereine ihre Taktik auf das WM-System ausgerichtet.Keys, S. 429 Die Frühjahrsmeisterschaft 1936 ging an den Polizeiverein, in der Herbstmeisterschaft hatte Starostins Mannschaft die Nase vorne.rsssf.org 1936
Im Sommer dieses Jahres fand auch erstmals ein Fußballspiel auf dem Roten Platz statt. Für den Tag der Körperkultur war ursprünglich ein Demonstrationsspiel zwischen Spartak und Dynamo vorgesehen, die Dynamoverantwortlichen zogen ihre Zusage jedoch zurück, weil sie befürchteten ein Ball könnte irrtümlich die Kremlmauer oder gar Stalin selbst treffen. So traten dann zwei Spartakmannschaften auf einer Spielfläche aus grünem Filz an. Nikolai Starostin war Kapitän der einen Mannschaft, seine drei Brüder waren ebenfalls aufgestellt. Während des gesamten Spiels hatte Starostin stets ein Auge auf Kosarew, der neben Stalin stand und mit dem ein Zeichen mit einem Taschentuch vereinbart war, um für den Fall, dass Stalin sich langweilen sollte, das Spiel zu beenden.Kuper, S. 43
1937 wurde auf eine Ganzjahresmeisterschaft umgestellt, die von Dynamo mit einem Punkt Vorsprung auf Spartak gewonnen werden konnte, im Folgejahr hingegen war Spartak sowohl in der Meisterschaft als auch im Cup erfolgreich.rsssf.org 1937 und rsssf.org 1938 Schon 1937 kam es zu einer Tournee der Baskischen Fußballauswahl durch die Sowjetunion, um für die Sache der spanischen Republik zu werben und finanzielle Mittel aufzutreiben. In sechs von sieben Spielen zeigten sich die Basken deutlich überlegen.Edelman, Rz 31 Obwohl ausgerechnet Spartak als einziges Team einen Sieg erreichen konnte, nahmen die Sportbehörden den aufgezeigten Klassenunterschied zum westeuropäischen Fußball zum Anlass, um neben verschiedenen organisatorischen Änderungen auch Untersuchungen gegen Spartak und seine Leitung anzustrengen. Dabei wurde den Starostins vorgeworfen, Spieler zu kaufen und zu verkaufen, unzureichende politische Arbeit zu leisten, öffentliche Mittel zu verschwenden, ausländische Waren von Tourneen mitzubringen und „bourgeoise Arbeitsmethoden im Sport einzuführen.“ Im Rahmen dieser Untersuchungen wurde Nikolai Starostin auch von Leichtathleten aus der Spartak-Organisation denunziert, die ihm kapitalistische Methoden vorwarfen, unter anderem mit der Aussage: „Nikolai Starostins Verhalten ist nicht jenes eines Vorsitzenden einer sowjetischen Sportvereinigung, sondern wie jenes eines Besitzers eines privaten Sportclubs, wie des Besitzers des Palais de Sport in Paris.“Keys, S. 430 Trotz dieser Vorwürfe konnte Starostin – wohl auch auf Grund seiner politischen Verbindungen – aber zunächst weiterarbeiten.
Der Geheimdienstchef als Gegenspieler