mini|„Wushan-Mensch“:Unterkiefer mit zwei Zähnen (Drei-Schluchten-Museum, Chongqing) Als Wushan-Mensch (, wörtlich: „Schamanenberg-Mann“) wird ein kleines Unterkiefer-Fragment mit zwei erhaltenen Zähnen bezeichnet, das Mitte der 1980er-Jahre im Kreis Wushan der regierungsunmittelbaren Stadt Chongqing in der Volksrepublik China entdeckt wurde. Das Fossil wurde auf ein Alter von 2,2 Millionen Jahren datiert. Die 1995 erfolgte Zuordnung zur Gattung Homo ist umstritten; möglicherweise stammt der Unterkiefer von einer bislang nicht wissenschaftlich beschriebenen Menschenaffen-Art.
Fundort Der Unterkiefer wurde in der Longgupo-Höhle () geborgen, einer seit 1984 bekannten archäologischen Fundstätte im Zentrum der Volksrepublik China. Zwischen 1985 und 1988 wurden vom Institut für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Zusammenarbeit mit dem Nationalmuseum von Chongqing erste Ausgrabungen vorgenommen und zahlreiche Fossilien und Steinwerkzeuge geborgen.
Mögliche hominine Funde und Datierung Aus den Bodenschichten 7 bis 8 wurden ein kleines, linkes Unterkiefer-Fragment mit zwei erhaltenen Backenzähnen und einer dritten Zahnwurzelhöhle sowie ein einzelner Schneidezahn freigelegt.Huang Wanpo, Russell L. Ciochon et al.: Early Homo and associated artefacts from Asia. In: Nature. Band 378, 1995, S. 275–278, doi:10.1038/378275a0. Diese Fossilien wurden 1995 paläomagnetisch in der Fachzeitschrift Nature dem frühesten Pleistozän zugeschrieben (Mindestalter rund 1,8 Millionen Jahre) und 2017 anhand der Elektronenspinresonanz auf ein Alter von 2,2 Millionen Jahren datiert.Fei Han et al.: The earliest evidence of hominid settlement in China: Combined electron spin resonance and uranium series (ESR/U-series) dating of mammalian fossil teeth from Longgupo cave. In: Quaternary International. Band 434, Part A, 2017, S. 75–83, doi:10.1016/j.quaint.2015.02.025. 1995 wurden die Unterkieferzähne in Nature zudem als Belege für die Anwesenheit einer sehr frühen Art der Gattung Homo in China interpretiert, die morphologische Merkmale mit frühen Homo-Arten aus Ostafrika und mit Homo erectus teilt; ausdrücklich erwähnt wurden in diesem Zusammenhang die afrikanischen Homo habilis und Homo ergaster. Nach dem Fundort im Kreis Wushan wurden die Funde aus Bodenschicht 7 bis 8 von chinesischen Forschern zeitweise auch als „Homo erectus wushanensis“bezeichnet.
Sollte die Datierung auf mehr als zwei Millionen Jahre und die Zuordnung zur Gattung Homo Bestand haben, wäre der „Wushan-Mensch“ der älteste Beleg für die Existenz der Hominini in China. Die Zuordnung zur Gattung Homo ist allerdings umstritten. So wurde bereits 1996 in Nature angemerkt, dass der Bau der Unterkiefer-Zahnkronen von anderen Homo-erectus-Funden deutlich abweicht und eher denen fossiler Orang-Utans ähnelt; das Fragment gehöre möglicherweise zu einer bislang nicht wissenschaftliche beschriebenen Menschenaffen-Art.Jeffrey H. Schwartz und Ian Tattersall: Whose teeth? In: Nature. Band 381, 1996, S. 201–202, doi:10.1038/381201a0.National Geographic, Mai 1997, S. 95. Russell L. Ciochon, Co-Autor der Nature-Veröffentlichung aus dem Jahr 1995, schloss sich 2009 dieser Sichtweise an: Der Unterkiefer stamme von einem Menschenaffen.Russell L. Ciochon: The mystery ape of Pleistocene Asia. In: Nature. Band 459, 2009, S. 910–911, doi:10.1038/459910a.War der Wushan-Mensch wirklich ein Mensch? In: Die Welt vom 17. Juni 2009.
Unklar ist ferner, auf welchem Wege der einzeln gefundener Schneidezahn, dessen Bau und Größe auf eine Herkunft von einem modernen Menschen hinweist, in die älteren Sedimentschichten geraten ist.Peter Brown: Chinese Middle Pleistocene hominids and modern human origins in east Asia. In: Lawrence Barham und Kate Robson Brown (Hrsg.): Human Roots. Africa and Asia in the Middle Pleistocene. Western Academic & Specialist Publishers, Bristol 2001, S. 136–137, ISBN 978-0953541843, Volltext (PDF; 3,5 MB).
Weitere Funde Neben zahlreichen anderen Wirbeltier-Fossilien entdeckte man in den Bodenschichten 5 bis 8 der Longgupo-Höhle insgesamt 16 Zähne von Gigantopithecus blacki.
Nach dem Fundort ist auch eine fossile Fauna, die Longgupo-Fauna () des frühen Pleistozäns, benannt, die „aus 29 Familien, 74 Gattungen und 116 Arten besteht“.Jin Chang-zhu et al.: A Preliminary Study on the Early Pleistocene Deposits and the Mammalian Fauna from the Renzi Cave, Fanchang, Anhui, China. In: Acta Anthropologica Sinica. Supplement to Vol. 19, 2000, S. 242.
Die Longgupo-Stätte () steht seit 1996 auf der Liste der Denkmäler der Volksrepublik China (4-1).
Literatur Jin Chang-zhu et al.: A Preliminary Study on the Early Pleistocene Deposits and the Mammalian Fauna from the Renzi Cave, Fanchang, Anhui, China. In: Acta Anthropologica Sinica. Supplement to Vol. 19, 2000, S. 235–245, Volltext (PDF). Deborah A. Bakken: Taphonomic Parameters of Pleistocene Hominid Sites in China. () Guangbiao Wei et al.: Paleolithic culture of Longgupo and its creators. In: Quaternary International. Band 354, 2014, S. 154–161, doi:10.1016/j.quaint.2014.04.003. Hao Li, ChaoRong Li und Kathleen Kuman: Longgudong, an Early Pleistocene site in Jianshi, South China, with stratigraphic association of human teeth and lithics. In: Science China – Earth Sciences. Band 60, 2017, S. 452–462, doi:10.1007/s11430-016-0181-1.
Weblinks Archaeological Excavation to Uncover Ancient Human Evolution in Chongqing. Mit einer Abbildung der Fundstätte. Neue menschliche Fossilienfunde schreiben Chinas Geschichte neu.
Belege
Kategorie:Chongqing Kategorie:Hominines Fossil aus China Kategorie:Archäologischer Fund (Asien)