mini|300px|Börse Frankfurt, Handelssaal Die Wertpapierbörse (auch Effektenbörse; ) ist eine Börse, an der als Handelsobjekte Wertpapiere gehandelt werden.
Allgemeines Börsen unterscheiden sich durch die an ihnen gehandelten Handelsobjekte. Während es bei Wertpapierbörsen als Handelsobjekte Wertpapiere gibt, sind bei Warenbörsen die Handelsobjekte standardisierte Rohstoffe und Naturprodukte wie etwa Erdöl, Getreide, Metalle, elektrischer Strom oder Baumwolle (Commodities).Wilfried Fuhrmann, Warenterminbörse in Deutschland; in: Wirtschaftswissenschaftliches Studium – WiSt, Heft 3, 1997, S. 137 Als Geschäftsarten kennen die Wertpapierbörsen das Kassageschäft oder das Termingeschäft (auch Terminkontrakt), die sowohl Börsengeschäfte mit kommerziellem Hintergrund als auch Spekulationsgeschäfte ermöglichen.
Geschichte Die Anfänge des Kreditwesens liegen in Italien im Spätmittelalter. Die ersten Börsen entstanden als Warenbörsen. Als erste gilt die Warenbörse von Lucca, die seit dem Jahre 1111 Geldwechsler und Gewürzhändler im Hof der Kathedrale zusammenbrachte.Heinz Bremer, Grundzüge des deutschen und ausländischen Börsenrechts, 1969, S. 2
Um 1300 trugen venezianische Kreditgeber Schiefertafeln mit Informationen über die verschiedenen zum Verkauf stehenden Anleihen bei sich und trafen sich mit ihren Kunden, ähnlich wie es heute ein Makler tut. Venezianische Kaufleute führten das Prinzip des Schuldentauschs zwischen Geldverleihern ein; ein Kreditgeber, der einen risikoreichen, hochverzinslichen Kredit loswerden wollte, konnte ihn gegen einen anderen Kredit bei einem anderen Kreditgeber eintauschen. Diese Kreditgeber kauften auch Staatsanleihen. Jahrhunderts, Schuldtitel an die ersten Privatanleger zu verkaufen. Die Venezianer waren führend auf diesem Gebiet und begannen als erste mit Wertpapieren anderer Regierungen zu handeln, ohne jedoch in den privaten Handel mit Indien einzusteigen. Auch auf dem Landweg stellten die Italiener keine Verbindung zur chinesischen Seidenstraße her. Entlang der potenziellen Handelsroute auf dem Landweg schlug der habsburgische (österreichische) Kaiser Friedrich II. im Jahr 1241 die Vorstöße des mongolischen Batu Kahn (Goldene Horde) zurück.
Die ab 1409 in Brügge vor dem Haus der Gründerfamilie van der Beurse stattfindende Börse vermittelte abwesende Güter und Wechsel.Detlef Wienecke-Janz (Hrsg.), Die große Chronik-Weltgeschichte: 1204-1492, Band 9, 2008, S. 262 Weil hier auch Wechsel als Wertpapierart gehandelt wurden, gilt sie als weltweit erste Wertpapierbörse.
mini|Die ursprüngliche Royal Exchange kurz vor dem Großen Brand 1666 Als erste ausschließliche Wertpapierbörse im heutigen Sinne gilt die in London am 23. Januar 1571 eröffnete Royal Exchange, deren Gebäude dem Großen Brand vom September 1666 zum Opfer fiel. Die zuvor im Jahre 1558 eröffnete Hamburger Börse war eine Mischbörse, an der Großhandelsgeschäfte aller Art, Geld- und Wechselgeschäfte, Versicherungs- und Frachtgeschäfte sowie auch Geschäfte mit Wertpapieren abgeschlossen wurden.Otto Hintner, Wertpapierbörsen, 1961, S. 14 ff. Es folgte 1611 die zunächst als Warenbörse () gegründete und 1612 als Wertpapierbörse () eröffnete Amsterdamer Börse,Hans Heinrich Peters, Wertpapierbörsen, 1981, S. 3 nachdem die im März 1602 gegründete Niederländische Ostindien-Kompanie ihren hohen Kapitalbedarf durch Aktienverkauf in der Öffentlichkeit finanzierte.Amsterdam Stock Exchange, The Organization and Functioning of the Amsterdam Stock Exchange, 1991, S. 1 Im Jahre 1747 zeigte ihr „Fonds-Courszettel“ insgesamt 35 Anleihen und 6 Aktien.Wolfgang Michalski, Hamburg: Erfolge und Erfahrungen in der globalisierten Welt, 2010, S. 121
Unter den Wissenschaftlern herrscht wenig Einigkeit darüber, wann zum ersten Mal mit Unternehmensaktien gehandelt wurde. Einige sehen das Schlüsselereignis in der Gründung der Niederländischen Ostindien-Kompanie im Jahr 1602, während andere auf viel frühere Entwicklungen verweisen (Brügge, Antwerpen 1531 und Lyon 1548). Das erste Buch in der Geschichte der Wertpapierbörse, Das Verwirrspiel der Verwirrungen, wurde von dem niederländisch-jüdischen Händler Joseph de la Vega verfasst, und die Amsterdamer Börse wird oft als der älteste „moderne“ Wertpapiermarkt der Welt angesehen. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Ulrike Malmendier von der Universität von Kalifornien in Berkeley behauptet hingegen, dass es bereits im antiken Rom einen Aktienmarkt gab, der auf die etruskischen „Argentari“ zurückgeht.
In der Römischen Republik, die jahrhundertelang vor der Gründung des Imperiums existierte, gab es societates publicanorum, Organisationen von Bauunternehmern oder Pächtern, die für die Regierung Tempel bauten und andere Dienste leisteten. Einer dieser Dienste war die Fütterung von Gänsen auf dem Kapitolshügel als Belohnung für die Vögel, die 390 v. Chr. durch ihr Hupen vor einer gallischen Invasion gewarnt hatten. Die Teilnehmer an solchen Organisationen hatten Partes oder Anteile, ein Konzept, das der Staatsmann und Redner Cicero mehrfach erwähnt. In einer Rede spricht Cicero von „Anteilen, die damals einen sehr hohen Preis hatten“. Diese Belege deuten nach Ansicht von Malmendier darauf hin, dass die Instrumente handelbar waren und ihr Wert je nach Erfolg einer Organisation schwankte. In der Kaiserzeit gerieten die societas in Vergessenheit, da die meisten ihrer Aufgaben von direkten Vertretern des Staates übernommen wurden.
Handelbare Anleihen als gängige Form der Sicherheit sind eine jüngere Innovation, die von den italienischen Stadtstaaten des späten Mittelalters und der frühen Renaissance vorangetrieben wurde.Stringham, Edward Peter; Curott, Nicholas A.: On the Origins of Stock Markets [Part IV: Institutions and Organizations; Chapter 14], pp. 324–344, in The Oxford Handbook of Austrian Economics, edited by Peter J. Boettke and Christopher J. Coyne. (Oxford University Press, 2015). Edward P. Stringham & Nicholas A. Curott: "Business ventures with multiple shareholders became popular with commenda contracts in medieval Italy (Greif, 2006, p. 286), and Malmendier (2009) provides evidence that shareholder companies date back to ancient Rome. Yet the title of the world's first stock market deservedly goes to that of seventeenth-century Amsterdam, where an active secondary market in company shares emerged. The two major companies were the Dutch East India Company and the Dutch West India Company, founded in 1602 and 1621. Other companies existed, but they were not as large and constituted a small portion of the stock market (Israel 1991, 109–112; Dehing and 't Hart 1997, 54; dela Vega 1996, 173)."
Joseph de la Vega, auch bekannt als Joseph Penso de la Vega und unter anderen Varianten seines Namens, war ein Amsterdamer Händler aus einer spanisch-jüdischen Familie und ein produktiver Schriftsteller sowie ein erfolgreicher Geschäftsmann im Amsterdam des 17. Jahrhunderts. In seinem 1688 veröffentlichten Buch Confusion of ConfusionsDe la Vega, Joseph, Confusion de Confusiones (1688), Portions Descriptive of the Amsterdam Stock Exchange, introduction by Hermann Kellenbenz, Baker Library, Harvard Graduate School of Business Administration (1957) erläuterte er die Funktionsweise der Amsterdamer Börse. Es war das erste Buch über den Aktienhandel und das Innenleben der Börse, das in Form eines Dialogs zwischen einem Kaufmann, einem Aktionär und einem Philosophen verfasst wurde. Das Buch beschrieb einen Markt, der anspruchsvoll war, aber auch zu Exzessen neigte, und de la Vega gab seinen Lesern Ratschläge zu Themen wie der Unvorhersehbarkeit von Marktveränderungen und der Bedeutung von Geduld bei Investitionen.
In England wollte der niederländische König Wilhelm III. die Finanzen des Königreichs modernisieren, um seine Kriege zu finanzieren, und so wurden 1693 die ersten Staatsanleihen ausgegeben und im Jahr darauf die Bank of England gegründet. Bald darauf begannen englische Aktiengesellschaften, an die Börse zu gehen.
Die ersten Börsenmakler Londons wurden jedoch aus dem alten Handelszentrum, der Royal Exchange, verbannt, angeblich wegen ihrer rüden Umgangsformen. Stattdessen wurde der neue Handel von den Kaffeehäusern entlang der Exchange Alley aus betrieben. Im Jahr 1698 gab ein Makler namens John Castaing, der in Jonathan's Coffee House arbeitete, regelmäßig Listen mit Aktien- und Rohstoffpreisen heraus. Diese Listen markieren den Beginn der Londoner Börse.
Eine der größten Finanzblasen der Geschichte ereignete sich um 1720. Im Mittelpunkt standen die Südseekompanie, die 1711 gegründet worden war, um den englischen Handel mit Südamerika zu betreiben, und die Mississippi-Kompanie, die sich auf den Handel mit der französischen Kolonie Louisiana konzentrierte und von dem transplantierten schottischen Finanzier John Law angepriesen wurde, der in Wirklichkeit als Frankreichs Zentralbanker fungierte. Investoren stürzten sich auf Anteile an beiden Unternehmen und auf alles, was sonst noch verfügbar war. Im Jahr 1720, auf dem Höhepunkt der Manie, gab es sogar ein Angebot für „eine Gesellschaft zur Durchführung eines Unternehmens von großem Vorteil, aber niemand weiß, was es ist“.
Am 9. September 1585 eröffnete die Börse Frankfurt vorwiegend noch als Wechselbörse,Frankfurter Wertpapierbörse, Geschichte-Organisation-Arbeitsweise, 1990, S. 5 1797 erschien hier erstmals ein gedruckter Effektenzettel; als erste Aktie notierte hier 1820 die Aktie der Oesterreichischen Nationalbank. Die erste kommerzielle Pariser Börse gab es im Jahre 1639, als die Funktionen von Waren- und Aktienbörse getrennt wurden. Ein Dekret vom 2. April 1639 gab den Händlern die Bezeichnung Aktienhändler (), deren amtlicher Handel die Bezeichnung „Parkett“ () erhielt.Verlag Dr. Th. Gabler, Gabler Bank Lexikon, 1988, Sp. 1652 Seitdem wird jeder Börsensaal als Parkett und der Handel hierin als Parketthandel bezeichnet. Die Züricher Sensalenordnung vom 13. Mai 1663 regelte die Organisation der Börsenmakler („Sensalen“).Albert Maag, Die Entwicklung und Organisation der schweizerischen Effektenbörsen, 1915, S. 28 Im Jahre 1698 mussten die Londoner Aktienhändler wegen ihres rüpelhaften Benehmens die Royal Exchange verlassen und schlossen ihre Geschäfte vorerst im „Jonathan's Coffee-House“, bis sie 1773 das neue Gebäude der London Stock Exchange beziehen konnten. Die Wiener Börse wurde am 1. August 1771 durch Patent von Maria Theresia gegründet.Ferdinand Buchaczek/C. Henop/C. Parreiss/Heinrich Spitzer/J. Michalek (Hrsg.), Oesterreichischer Handels- und Börsen-Kalender, 1864, S. 23 Anfangs wurden nur Anleihen, Wechsel und Devisen gehandelt. Die Oesterreichische Nationalbank war 1818 die erste Aktiengesellschaft, die an der Wiener Börse notierte.