mini|320px|Zentralanatolien während der kārum-Zeit Kültepe (türk. „Aschenhügel“) ist der moderne Name einer der bedeutendsten archäologischen Stätten in der Türkei. Am Anfang des 2. Jahrtausend v. Chr. blühte dort eine der größten Städte der Bronzezeit unter dem Namen Kaneš (und später auch Neša).Früher wurde häufiger der Vokal „i“ für die Transkription des Namens aus den Keilschrifttexten verwendet, und der Name als „Kaniš“ wiedergegeben. Seit Anfang der 2010er Jahre hat sich jedoch die Transliteration mit „e“ durchgesetzt. Vgl. Kulakoğlu 2010: Anatolia’s prologue Kultepe Kanesh; Larsen 2015: Ancient Kanesh; Michel 2020: Women of Assur and Kanesh. Sie liegt etwa zwanzig Kilometer nordöstlich von Kayseri, in Südkappadokien. Dort wurde die älteste und größte Gruppe privater Archive gefunden. In der Unterstadt wurden ungefähr 22.700 Tafeln ausgegraben und 97 % dieser Tafeln (also mehr als 22.000) stammen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts v. Chr. Sie wurden in Häusern gefunden, die überwiegend von Assyrern bewohnt waren.Eidem und Michel 2024: Some Mesopotamian Challenges, S. 34.
Der Ort besteht aus einer Oberstadt in Form eines Tells, der sich etwa 20 Meter über die heutige Ebene erhebt und einen Durchmesser von rund 520 Metern aufweist. Die Unterstadt liegt in der Ebene und umgibt die Oberstadt. Für die Oberstadt lässt sich archäologisch eine Besiedlung von der Frühen Bronzezeit bis in die Römische Kaiserzeit nachweisen, allerdings mit längeren Siedlungsunterbrechungen.
Lage Kültepe liegt 20 km nordöstlich der Stadt Kayseri, in einer Ebene im Nordosten des Vulkanmassivs Erciyes Dağı, der einem markanten Punkt in der Landschaft bildet und rund 20 km südlich des Flusses Kızılırmak. Direkt im Nordosten der archäologischen Stätte befindet sich das Dorf Karahöyük (türk. „Schwarzhügel“), eine Bedeutung, die der von Kültepe, „Aschenhügel“, ähnelt.
Name Kültepe (Kaneš) ist eine der wenigen archäologischen Stätten in Anatolien, deren bronzezeitlicher Name mit Sicherheit bekannt ist, neben Boğazkale (Ḫattuša), Kayalıpınar (Šamūḫa) und Alişar Höyük (Amkuwa). Anhand der am Ort gefundenen Keilschrifttexte hieß der Ort während der mittleren Bronzezeit Kaniš (Kaneš; kà-ni-išKI) und im Hethitischen Nēša (URUNe-e-ša); beide Namen wurden von den Hethitern synonym verwendet; die Annahme, dass Nēša die Oberstadt, Kaniš aber das kārum, einen Teil der Unterstadt, bezeichnete, ist wenig wahrscheinlich (kārum ist im altassyrischen Handelsnetz in Anatolien die allgemeine Bezeichnung für 'Markt, Handelsplatz, Niederlassung von Kaufleuten'). Der Name der antiken Siedlung war Anisa (ΑΝΙΣΑ), wie aus einer Inschrift aus Kültepe hervorgeht. Der Ort ist in einer osmanischen Rechtsurkunde des 17. Jahrhunderts als Kariye-i Kınış (Dorf Kiniş) genannt.Tahsin Özgüç 1950: Ausgrabungen in Kültepe 1948, S. 104 Die Etymologie des Ortsnamens ist unbekannt.
Die Hethiter nannten ihre Sprache nach dieser Stadt našili, nešili oder nešumnili, was als Hinweis dafür gilt, dass die Umgebung der Stadt zum hethitischen Stammland gehörte. Der Stadtname ist auch im neuassyrischen Wort allānkaniš, allākkaniš (Kaniš-Eichel) enthalten, was vermutlich die Haselnuss bezeichnet, die bereits in der Bronzezeit als Delikatesse von der Schwarzmeerküste über Kaniš nach Mesopotamien kam, wo die Hasel nicht gedeiht.Thomas Sturm: allānū – Haselnüsse als Delikatesse im kārum-zeitlichen Handel von Anatolien nach Nordmesopotamien. In: Altorientalische Forschungen 35, 2008, S. 296–311.
Ausgrabungen mini|Funde aus Kültepe im Museum Kayseri Seit 1880 tauchten auf dem Markt Keilschrifttafeln auf, die nach ihrer Herkunft Kappadokische Tafeln genannt wurden. Es handelt sich um über 3000 Texte, die meisten sind inzwischen publiziert. 1925 wurde Kültepe als ihr Herkunftsort identifiziert.Jan Gerrit Dercksen: The old Assyrian copper trade in Anatolia. Istanbul 1996, Nederlands Historisch-Archaeologisch Instituut te Istanbul; 75.
Erste Ausgrabungen führte Ernest Chantre in den Jahren 1893 und 1894 durch. Auf der Suche nach der hethitischen Hauptstadt Ḫattuša unternahm Hugo Winckler 1906 Probegrabungen in Kültepe. Die Unterstadt wurde erst 1925 von Bedřich Hrozný entdeckt. Seit 1948 wird die Stätte systematisch von der Türk Tarih Kurumu, der türkischen historischen Gesellschaft unter der Leitung von Tahsin Özgüç erforscht. Seit 2006 leitet Fikri Kulakoğlu die Ausgrabungen.
Der überwiegende Teil der Funde aus Kültepe ist im Archäologischen Museum Kayseri aufbewahrt beziehungsweise ausgestellt.
Schriftzeugnisse Bei den Ausgrabungen wurden Tontafeln mit altassyrischer Keilschrift gefunden, die sogenannten Kappadokischen Tafeln, die sämtlich in der altassyrischen Sprache abgefasst waren. Seit der Wiederaufnahme der Ausgrabungen im Jahre 1948 fanden die türkischen Archäologen Tausende weiterer altassyrischer Tontafeln. Inzwischen wurden mehr als 23.000 Tafeln (2011) aus mindestens 70 Archiven ausgegraben.Klaas R. Veenhof: „Modern“ features in Old Assyrian Trade. In: Journal of the Economic and Social History of the Orient 40, 1997, S. 338. Die meisten stammen aus dem kārum II, gut 500 aus dem kārum Ib, etwa 50 aus der Oberstadt.Gojko Barjamovic: A Historical Geography of Anatolia in the Old Assyrian Colony Period; Kopenhagen 2011, ISBN 978-87-635-3645-5, S. 55. Weitere altassyrische Tafeln wurden auch in Boğazkale (altassyr. Ḫattuš), Alışar Höyük (altassyr. Amkuwa) und Acemhöyük gefunden. Die Tafeln sind meist Geschäftsdokumente wie Verträge, Schuldbriefe, Inventarlisten, Reisekosten, Rechtsurkunden oder Briefe. Dazu kommen unter anderem auch Heirats- und Erbverträge, Scheidungen, Zaubersprüche und Erzählungen; seltener werden aktuelle politische Ereignisse genannt. Teilweise ist dadurch der Name des Hauseigentümers und seiner Familie bekannt. Die Tontafeln umfassen einen Zeitraum von ca. 250 Jahren. Die seit 1948 in Kültepe gefundenen Keilschrifttafeln werden mit dem Kürzel 'kt' oder 'k' (für kārum) bezeichnet. Die Funde der Jahre 1948 bis 1972 werden durch die Buchstaben a–z bezeichnet, danach werden die letzten beiden Stellen der Jahreszahl genutzt.Klaas R. Veenhof: „Modern“ features in Old Assyrian Trade. In: Journal of the Economic and Social History of the Orient 40, 1997, S. 336.
Die immense Menge von über 23.000 Tafeln wird zurzeit (2013) von mehreren Wissenschaftlern aufgearbeitet, doch ist immer noch der größte Teil der Texte unveröffentlicht und dadurch nur wenigen Forschern zugänglich. Mit den neuen Texten werden fortlaufend neue Befunde bekannt, was dazu führt, dass Forschungsresultate manchmal relativ schnell revidiert werden müssen. So wurden bis vor kurzem Ḫurmeli und Ḫarpatiwa als Könige von Kaniš betrachtet; heute wird die Meinung vertreten, dass Ḫarpatiwa lediglich rabi simmiltim („Oberster der Treppe“) in Kaniš war und somit die mächtigste Position nach dem König innehatte. Ḫurmeli wurde kurze Zeit von der Forschung als König von Mama diskutiert, dann von Ḫarsamna und schließlich wieder zumindest als Oberkönig von Kaniš.
Seit 2015 stehen die Archive der altassyrischen Händler von Kültepe auf der Liste des UNESCO-Weltdokumentenerbes."The Old Assyrian Merchant Archives of Kültepe", UNESCO Memory of the World, abgerufen am 9. Februar 2016.
Chronologie Archäologisch lassen sich die Funde auf dem Hügel in 18 Fundschichten teilen, die von 1 bis 18 durchnummeriert werden, wobei 1 die oberste und somit jüngste Fundschicht bezeichnet. Die Bauten in der Unterstadt lassen sich in fünf Fundschichten unterteilen, die mit römischen Zahlen bezeichnet werden, wobei Fundschicht Ia mit der Fundschicht 6 der Oberstadt gleichzeitig ist.
Die Schichten der Mittleren Bronzezeit können durch assyrische Jahreseponymen genauer bestimmt werden und folgen hier der Mittleren Chronologie, die die Eroberung Babylons durch den hethitischen Großkönig Muršili I. ins Jahr 1595 v. Chr. setzt. Obschon die absolute Chronologie nach wie vor umstritten bleibt, hat sich in der altassyrischen Forschung der Konsens eingestellt, die Daten durchwegs in der Mittleren Chronologie anzugeben. Bei den aufs Jahr genau angegebenen Daten ist zu beachten, dass sich diese Resultate bezüglich Kültepe jederzeit durch Neufunde oder neue Forschungsergebnisse ändern können. Wichtige Eckdaten konnten zudem durch die Dendrochronologie bestimmt werden, deren Daten allerdings auch mit einer gewissen Unsicherheit behaftet sind.
+ Stratigraphie von Kültepe Hügel Ebene Epoche Name, Bedeutung 18 — Frühe Bronzezeit I 17–14 — Frühe Bronzezeit II 13–11 — Frühe Bronzezeit III 10 IV Mittlere Bronzezeit Beginn der Stadtentwicklung 9 III Mittlere Bronzezeit 8 II kārum-Zeit1974/1927–1836 v. Chr. Kaniš; anatolisches Zentrum des assyrischen Handels 7 Ib kārum-Zeit1832/1800–1719 v. Chr. Kaniš; assyrisches Handelszentrum 6 Ia Althethitische Zeit Neša; der Ort hat keine Zentralfunktion mehr Siedlungslücke 5–4 — Eisenzeit9./8. Jahrhundert v. Chr. wichtiger Zentralort im spätluwischen Land Tabal Siedlungslücke 3 Gräber Hellenistische Zeit Anisa; Polis; Münzfunde ab 323 v. Chr. 2–1 Gräber Römerzeit unbedeutende Siedlung; Münzfunde bis 180 n. Chr.
Außerdem wurden im Gebiet der Unterstadt einige frühmittelalterliche Gräber gefunden. Siedlungsstrukturen aus dieser Epoche fehlen bislang.Gojko Barjamovic: A Historical Geography of Anatolia in the Old Assyrian Colony Period; Kopenhagen 2011, ISBN 978-87-635-3645-5, S. 231.
Dendrochronologie Dendrochronologische Untersuchungen aus dem Palast der Schicht 8 ergaben, dass er nach 2024 v. Chr. erbaut worden sein muss, wobei Hölzer wiederverwendet wurden, die mehrere hundert Jahre alt waren. Dieser alte Palast (türk. Eski Saray) wurde durch Brand zerstört. Das Holz für den neuen Palast (Schicht 7) wurde im Jahr 1833 gefällt.Maryanne W. Newton et al.: A Dendrochronological Framework for the Assyrian Colony Period in Asia Minor; TÜBA-AR VII 2004 (PDF). Da in ihm ein an König Waršama von Kaniš gerichteter Brief gefunden wurde, wird er Waršama-Palast (türk. Warşama Saray) genannt.
Jahreseponyme Aus dem kārum II stammen mehrere Listen mit Jahreseponymen (līmum), die meist mit dem Jahr 1 des assyrischen Königs Erišum I. (= 1974 v. Chr.) beginnen und total 129 Jahreseponyme nennen. Dazu kommt eine Liste aus dem kārum Ib, die im achten Jahr von Naram-Sîn (= 1864 v. Chr.) beginnt und 142 Jahreseponyme enthält.Canit Günbattı: An Eponym List (KEL G) from Kültepe. In: Altorientalische Forschungen 35, 2008, S. 103–132.
Zurzeit werden zwei Zeitmodelle für wahrscheinlich gehalten. Das erste lässt kārum II mit dem ersten Jahr von Erišum I. beginnen. Nach der Zerstörung von Siedlung und Palast um 1835 wurde der Palast zwar sofort aufgebaut, das kārum Ib aber erst nach etwa 30 Jahren.Klaas R. Veenhof: The Old Assyrian list of year eponyms from Karum Kanish and its chronological implications; Turkish Historical Society, Ankara 2003. Die etwas jüngere Deutung lässt das kārum II erst mit dem siebten Jahr von Ikūnum (= 1927 v. Chr.) beginnen und die Lücke zwischen kārum II und Ib wird auf 2 bis 3 Jahre geschätzt.Canit Günbattı: An Eponym List (KEL G) from Kültepe. In: Altorientalische Forschungen 35, 2008, S. 103–132. Anhand der im kārum Ib gefundenen Liste, die aber unvollständig erhalten ist und kleinere Fehler enthält, kann das Ende von kārum Ib nach 1720 datiert werden.
Münzen In den Gräbern der hellenistischen und römischen Zeit wurden Münzen gefunden, die mit dem Jahr 323 v. Chr. einsetzen und 180 n. Chr. aufhören. Damit kann ebenfalls die Mindestdauer der antiken Siedlung eruiert werden.
Geschichte mini|Figurine einer doppelköpfigen Gottheit aus der Frühbronzezeit
Sagen Mit Kaniš/Neša sind zwei Sagen verbunden, aus denen keinerlei historische Rückschlüsse gezogen werden können.