mini|Der Begriff Dekonstruktion wird vom Philosophen Jacques Derrida unter anderem unter Rückgriff auf eine Analyse der Natur von Zeichen entwickelt.
Das Wort Dekonstruktion (vgl. ‚Zerlegung, Abbau‘; ein Kofferwort aus „Destruktion“ und „Konstruktion“) bezeichnet eine Reihe von Strömungen in Philosophie, Philologie und Werkinterpretation seit den 1960er-Jahren. Dekonstruktivisten bemühen sich um den Nachweis, dass – und vor allem: wie – ein Text seine Bedeutung selbst hinterfragt, durchkreuzt und gerade mit solchen Paradoxien Sinn schafft, z. B. durch Widersprüche zwischen inhaltlicher Aussage und sprachlicher Form. Die Methode der Dekonstruktion ist ein kritisches Hinterfragen und Auflösen eines Textes im weiteren Sinn.
Sie wird oft auch als Dekonstruktivismus bezeichnet. Dies ist eine distanzierende Bezeichnung durch außenstehende Autoren. Der Philosoph Jacques Derrida hat die Dekonstruktion kritisch von „Dekonstruktivismus oder Dekonstruktivismen“ als dogmatischen Erscheinungsformen unterschieden.Jacques Derrida: Einige Statements und Binsenweisheiten über Neologismen, New-Ismen, Post-Ismen, Parasitismen und andere kleine Seismen. Übersetzt von Susanne Lüdemann. Merve, Berlin 1997, ISBN 3-88396-134-5, S. 43.
Das Wort wurde von Derrida als Bezeichnung für ein Lektüre- und Analyseverfahren von Texten geprägt, das sich von hermeneutischen Theorien und deren Praxis der Interpretation abgrenzt. Ein ähnlicher Ansatz findet sich in den Yale CriticsThe Yale Critics - Deconstruction in America, ed. Jonathan Arac u. a., Univ. of Minnesota Press 1983. von Harold Bloom, Geoffrey Hartman, Paul de Man und J. Hillis Miller, die darum bemüht sind, den „Deutungswahn“ zu zerstören.
Der Unterschied zwischen hermeneutischen und dekonstruktiven „Textbefragungen“ besteht darin, dass die Hermeneutik von einem quasi dialogischen Verhältnis zwischen Text und Interpret ausgeht, das auf ein zunehmend besseres Verständnis einer im Text enthaltenen Botschaft abzielt. Dabei wird eine rekonstruierbare Sinneinheit, ein Sinnzusammenhang, unterstellt.
Begriff der Dekonstruktion und Einflüsse Historisch knüpft der Begriff der Dekonstruktion unter anderem an Martin Heideggers Verwendung der Begrifflichkeiten „Konstruktion“ und „Destruktion“ und deren methodische Verschränkung an.Vgl. etwa Sein und Zeit, 22f.: „Die Destruktion hat ebenso wenig den negativen Sinn, einer Abschüttelung der ontologischen Tradition. Sie soll umgekehrt diese in ihren positiven Möglichkeiten, und das besagt immer, in ihren Grenzen abstecken, die mit der jeweiligen Fragestellung und der aus dieser vorgezeichneten Umgrenzung des möglichen Feldes der Untersuchung faktisch gegeben sind“. Hier ist ein „konstruktives“ Moment bereits impliziert.U. a. in Grundprobleme der Phänomenologie, GA 24, 31 und passim. In der Paraphrase durch R. Capurro, Art. „Die Grundprobleme der Phänomenologie“, in: Lexikon philosophischer Werke, 322, geht es hier um die drei Momente: „die Erfassung des Seienden auf das Verstehen von dessen Sein (phänomenolog. Reduktion), das Entwerfen des vorgegebenen Seienden auf sein Sein und dessen Strukturen (phänomenolog. Konstruktion) und den kritischen Abbau überkommener Begriffe (Destruktion)“.
Weitere Einflüsse liegen im Strukturalismus und unter anderem daraus hervorgegangenen Theorien über die Natur und den Gebrauch von Zeichen (Semiotik).Vgl. dazu Derridas Auseinandersetzungen mit dem Strukturalismus in Grammatologie und Schrift und Differenz. Zu den philosophischen Grundlagen der Dekonstruktion siehe den Hauptartikel Jacques Derrida. Derrida entwickelte die Dekonstruktion in Zusammenhang mit seinem Konzept der Différance (der Artikel ist in Bezug auf die Erklärung der Dekonstruktion sehr aufschlussreich).
Bei der Dekonstruktion geht es um die Analyse von Sprache bzw. Texten, genauer gesagt von Zeichen, Sinn und Bedeutung.siehe das entsprechende Unterkapitel im Artikel zu Derrida Dabei werden selbst diese Begriffe in Frage gestellt, ebenso wie der ontologische Status des Subjekts.
Dekonstruktion in der Praxis Identifikation der begrifflichen Konstruktion eines gegebenen theoretischen Feldes bzw. Textes. Meist stößt Dekonstruktion dabei auf Gegensätze (Dichotomien). Untersuchung der Gegensätze hinsichtlich ihrer hierarchischen Verhältnisse zueinander. (Welches Element kommt häufiger, welches seltener, welches gar nicht vor? Welches Element wird im Text höher bewertet als das andere?) Umkehrung und Abschwächung der vorgefundenen Gegensatzpaare und deren Verdrängung durch das Nicht-Gesagte. Entwicklung eines weiteren, „dritten“ (bei zweiteiligen Gegensätzen), „vierten“ (bei dreiteiligen Gegensätzen) usw. Terminus für jeden gefundenen Gegensatz, der den geschichtlich gefestigten Gegensatz in Bewegung versetzt bzw. seine ihm immer schon innewohnende Bewegung verständlich macht. (Z. B.: Konstruktion vs. Destruktion → Dekonstruktion, Leben versus Tod → Gespenst, oder: Vergangenheit versus Gegenwart versus Zukunft → Vorzukunft) Die hierarchische Ordnung wird somit gebrochen, neu geordnet und die textlichen Konstruktionen als geschichtlich bedingt vorgeführt. Das Wichtigste dabei ist, dass die somit dekonstruierten Gegensätze als „im Fluss bleibend“, also vor wie nach dem dekonstruktiven Eingriff als bedingt verstanden werden, da eine neue, andere Festlegung eines Gegensatzes den geschichtlichen Werdungsprozess der Welt zurückweisen würde. Die Dekonstruktion will hingegen genau diesen unendlichen Werdungsprozess aufzeigen und bewegt sich praktisch in diesem. Nachdem ein Gegensatz dekonstruiert ist, eröffnen sich neue Wege des Umgangs mit bzw. in der Welt. So versteht Derrida bspw. Leben und Tod nicht als unabänderlich und auch nicht als klar und ein für alle Mal trennbare Abschnitte des Werdens, sondern die Bedingungen von Leben und Tod verändern sich selbst fortwährend: Neue medizinische, genetische, ökonomische, mediale, epistemologische usw. Techniken ändern z. B. die Länge eines Lebens oder die Möglichkeiten von Geburt und Wiedergeburt von jemandem oder etwas. Auch das für tot erklärte Erbe von Marx hat so nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise ab 2007 eine Art Wiedergeburt erfahren und kann auch wieder sterben. In jedem Falle spukt es als Gespenst herum – wie alles andere auch. Da für die Dekonstruktion also nichts jemals unabänderlich ist, ergibt sich aus der Dekonstruktion des Gegensatzes von Leben und Tod das Gespenst(ische) als neues Modell des Werdens der Welt. Wie erklärt, ist für Derrida niemals etwas vollkommen tot oder lebendig, sondern es besetzt verschiedenste Formen der Gespenstigkeit. Derridas eigener Tod (der insofern vorübergehend, also im Fluss ist, als es bislang keine Möglichkeiten zur teilweisen oder vollständigen Wiedergeburt gibt) ist eine Form der Gespenstigkeit davon. Deswegen ist der Tod genau wie das Leben selbst gespenstisch. Der Text wird vom neu gewonnenen bzw. entdeckten, bisher ausgeschlossenen Element (in unserem Bsp.: Gespenst) her nochmals, aber anders gelesen. (Was sagen uns ein Text oder andere Texte, wenn der Gegensatz von Leben und Tod zum Gespenst als einem nicht an sich fest Existierenden hin umgewandelt wird? Wie funktioniert er mit Gespenst statt mit Leben und/oder Tod?) Verhindern des Wiederherstellens von Festigkeiten jedweder Art durch alle Felder bzw. Texte hindurch mithilfe weiterer dekonstruktiver Praxis.
Zudem muss angemerkt werden, dass die Dekonstruktion, je nachdem, mit welcher Struktur und Verfassung von Gegensätzen und ihren Kräfteverhältnissen sie praktisch zu tun hat, ihre „neuen Termini“ entweder
per Neologismus neu bildet, zum Beispiel Zirkumfession aus den Wörtern „Zirkumzision“ und „Konfession“, Différance aus „différence“ und der Endung „-ance“ oder eben dem aus „Destruktion“ und „Konstruktion“ gebildeten Wort Dekonstruktion selbst. das abgewertete Element aufwertet und verallgemeinert (so z. B. Schrift gegenüber dem gesprochenen Wort oder die Gabe gegenüber der Ware) einen bereits existierenden, aber (im jeweiligen Text) nicht oder kaum vorkommenden oder geschichtlich verschütteten Terminus umsetzt (z. B. Gespenst) oder eine Mischung aus den drei vorgenannten Versionen darstellt (z. B. Grammatologie, was sowohl ein auf das griechische Wort gramma sich beziehender Teil-Neologismus darstellt, der nicht nur beabsichtigt, die Schrift aufzuwerten und zu verallgemeinern, da gramma in der Antike den geschriebenen Buchstaben des Alphabets bezeichnete, sondern sie auch aus ihrer geschichtlichen Verschüttung heraus um- und versetzt).
Dekonstruktive Werkinterpretationen Dialektische Systemversuche hatten vorausgesetzt, dass sich grundsätzlich Gegensätze und Gegenthesen zu einer Synthese fügen lassen. Die Dekonstruktion ist demgegenüber skeptisch, etwa insofern sie betont, dass in einer derartigen Synthese immer einer der beiden vorangegangenen Gegensätze bevorzugt wird. Darüber hinaus besteht ein Text nicht aus These und Antithese, sondern aus einer Vielzahl weiterer Perspektiven, die gleichzeitig vorhanden sind und häufig in Konflikt zueinander stehen. Dieser Konflikt ist aber nicht direkt erkennbar, sondern erst mittels dekonstruktiver Analysen offenzulegen.
Die Dekonstruktion geht grundsätzlich davon aus, dass die Thematisierung bestimmter Gegenstände (sei es in wissenschaftlicher Theoriebildung, sei es in anderen Wissenssystemen, Darstellungsformen oder Gattungen) andere zugleich ausgrenzt. Anstatt nur auf explizit mitgeteilte Information konzentrieren sich dekonstruktive Analysen daher auch und besonders auf diejenigen Faktoren, welche ausgegrenzt wurden. Systematisch grundlegend dafür ist eine sinnkritische Einklammerung der Sinn- und Verweisungsbeziehungen etwa der Elemente eines Textes. Dies ermöglicht dann Fragen zu stellen wie: welche Ausgrenzungs- und Etablierungsmechanismen, welche Strategien des Glaubwürdigmachens, welche hierarchischen Strukturen eines Signifikantengefüges erlauben, das entsprechende materielle Gefüge als sinnhaften Bedeutungsträger zu verstehen und auf eine bestimmte Bedeutung oder „Aussageabsicht“ zu reduzieren? An welche Konstitutionsbedingungen sind die entsprechenden Sinn- und Geltungsansprüche gebunden? Dies kann insbesondere auch Konflikthaftigkeit, Aggressivität, verdeckte Gehalte und Intentionen sichtbar machen.
Unter anderem durch die Bindung an kontingente extrinsische Faktoren der Sinnerzeugung wird die Abgrenzung eines Textes als handhabbares Objekt problematisch. Insbesondere sind Texte nicht nur in ihrer inneren Struktur, sondern auch in ihrem Bezug auf andere Texte zu erfassen. Dies verbindet die Dekonstruktion mit Theorien der Intertextualität, wie sie etwa Michail Bachtin oder Julia Kristeva entwickelt haben.Vgl. U. Broich, M. Pfister (Hrsg.): Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien, Tübingen 1985. H.F. Plett (Hrsg.): Intertextuality, Berlin u. a. 1991. Außerdem bezieht die Dekonstruktion Begriffe auf ihre Geschichte und Etablierungsweisen zurück. Von der Methode der Begriffsgeschichte unterscheidet sie jedoch, dass die Dekonstruktion eine intrinsisch stabile Begriffsbedeutung für eine ungedeckte Unterstellung hält.
Gegenstände und Anwendungen der Dekonstruktion Jeder potentielle Bedeutungsträger ist laut Derrida ein dekonstruierbarer Text:
Derrida selbst hat sich dagegen ausgesprochen, seine Philosophie als eine literaturwissenschaftliche Methode zu etablieren und beispielsweise zu einem Regelwerk auszuarbeiten. Er selbst, wie auch ihm nahestehende Interpreten, sprechen stattdessen gern von einer Haltung der Dekonstruktion. Trotzdem wurden seine Ideen innerhalb der Literatur- und Kulturwissenschaft aufgegriffen, anfangs vor allem im angelsächsischen Kontext, insbesondere innerhalb der sog. Yale-School, der u. a. Paul de Man angehörte.Peter Engelmann: Postmoderne und Dekonstruktion: Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Reclam, Stuttgart 2004, S. 30.