Studiointerview (auch Das Interview oder Plastologie)In Loriots Dramatische Werke und Gesammelte Prosa erschien der Text als Studiointerview. In Das Frühstücksei erschien der Text unter dem Titel Das Interview. So heißt der Trickfilm auch in der VHS-Sammlung Loriots Vibliothek. In der DVD-Sammlung Sein großes Sketch-Archiv heißt der Sketch Plastologie. In der DVD-Gesamtausgabe Die vollständige Fernseh-Edition heißt er Plastologie (Studiointerview). Die von Loriots Erbengemeinschaft betriebene Website loriot.de schreibt „Studiointerview (auch: Plastologie)“. In der Folge selbst wird wie bei den meisten Beiträgen Loriots kein Titel genannt. Felix Christian Reuter nennt den Sketch in seiner Dissertation Studiointerview, Stefan Neumann verwendet den Titel Das Studiointerview und Uwe Ehlert betitelt seine Analyse mit Studiointerview [Pneumatische Plastologie]. ist ein Zeichentrick-Sketch des deutschen Humoristen Loriot. Aufgeteilt in vier einzelne Abschnitte ist er Teil der ersten Folge der Fernsehserie Loriot, die erstmals im März 1976 ausgestrahlt wurde. Inhalt des Sketches ist ein Fernsehinterview mit einem Wissenschaftler, der durch Atemtechniken in der Lage ist, eigene Körperteile zu vergrößern. Mit der Fernseh- und der Wissenschaftsparodie sowie der Darstellung von gescheiterter Kommunikation greift der Sketch drei Grundmotive des Fernsehwerks von Loriot auf. Daneben enthält er einige sexuelle Anspielungen, ein für Loriot typisches Gestaltungsmittel.
Studiointerview wurde auch in der Neuschnittfassung der Serie Loriot aus dem Jahr 1997 gezeigt. Der Text des Sketches erschien erstmals 1981 und wurde seitdem in mehrere Sammelbände Loriots aufgenommen.
Handlung Der Sketch hat eine Gesamtlänge von etwa sechs Minuten. Man sieht zwei Männer auf Stühlen in einem Fernsehstudio sitzen. Beide sind als für Loriot typische Knollennasenmännchen gezeichnet. Der linke ist der Fernsehmoderator Gilling, der rechte ist Professor Häubl, Inhaber des Lehrstuhls für Pneumatische Plastologie. Gilling möchte Häubl interviewen, muss jedoch auf den Beginn der Sendung warten, da, wie er vermutet, irgendetwas mit der Technik nicht stimmt. Gilling versucht die Wartezeit mit Smalltalk zu überbrücken. So spricht er von seinem Sternzeichen (Fische) und dem seiner Frau (Steinbock). Häubl geht darauf jedoch nur sehr bedingt ein, indem er von seinen Langhaardackeln spricht. Da sie immer noch nicht auf Sendung sind, fragt Gilling Häubl, ob er drei (nicht prominente) Personen aus Gillings Umfeld kenne. Häubl verneint dies jedes Mal und reagiert seinerseits mit einer Frage nach dem für Gilling unbekannten Professor Duwe,Loriot: Gesammelte Prosa. 2008, S. 351. um Gilling die Unsinnigkeit seiner Fragen zu verdeutlichen.
Als das Interview endlich beginnt, hat Häubl aufgrund der langen Wartezeit zunächst keine Lust mehr, das Interview zu führen. Nach der Bemerkung Gillings, dass jeder andere froh wäre, seinen Quatsch im Fernsehen verbreiten zu dürfen, gibt er dann doch noch Auskunft. So ermögliche die Pneumatische Plastologie durch Atemtechnik plastische Veränderungen am eigenen Körper. Dies demonstriert er auf Nachfrage Gillings auch. Er hält den Atem an, bis sein Kopf rot wird, und vergrößert damit seinen Zeigefinger, der etwa 30 Zentimeter lang und 8 Zentimeter dick wird. Kurz darauf vergrößert er auch seine Ohren auf das Zehnfache. Außerdem leitet er Gilling bei einem Selbstversuch an, bei dem dieser seine Nase auf eine Länge von etwa 20 Zentimetern und eine Dicke von 15 Zentimetern vergrößert.Alle Zahlen zu den vergrößerten Körperteilen stammen aus den Regieanweisungen des veröffentlichten Sketchtextes. Im Gegensatz zu Häubl, dessen Körperteile nach kräftigem Ausatmen wieder Normalgröße annehmen, gelingt es Gilling jedoch nicht, seine Nase wieder zu verkleinern. Häubl macht dafür Gillings Ungeschick verantwortlich und rät ihm, Ende August in seine Sprechstunde zu kommen.
Produktion und Veröffentlichung mini|hochkant|Loriot 1971 während einer Autogrammstunde Der Trickfilm entstand im Trickfilmstudio Loriots, das er Anfang der 1970er Jahre in Percha am Starnberger See unweit seines Wohnorts Ammerland gegründet hatte und in dem er bis zu fünf Mitarbeiter beschäftigte.Stefan Neumann: Loriot und die Hochkomik. 2011, S. 45. Wie bei Loriots Trickfilmen üblich, sind die Mundbewegungen Häubls und Gillings mit ihren gesprochenen Worten synchron. Um dies zu erreichen, war eine hohe Anzahl einzeln gezeichneter Phasen notwendig. Wie bei fast allen seiner Trickfilme übernahm Loriot die beiden Sprechrollen selbst.Stefan Neumann: Loriot und die Hochkomik. 2011, S. 226.
Erstmals gezeigt wurde der Trickfilm in der ersten Folge der Serie Loriot, die den Titel Loriots Sauberer Bildschirm trägt und am 8. März 1976 im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde.Stefan Neumann: Loriot und die Hochkomik. 2011, S. 255. Der Film ist darin in vier Abschnitte unterteilt, die über die gesamte Folge verteilt gezeigt werden. Der erste Teil wird noch vor der Einblendung des Titels gezeigt und ist damit der erste Beitrag der gesamten Serie. Hier geht es zunächst nur um Gillings Vermutung, dass etwas mit der Technik nicht stimme. Der zweite Teil enthält das Gespräch über Sternzeichen und Langhaardackel. Im dritten Abschnitt des Films sieht man den Dialog über die unbekannten Personen. Der vierte und letzte Teil des Trickfilms wird durch eine Ansage vom auf einem grünen Sofa sitzenden Loriot eingeleitet. In ihr erfährt man zum ersten Mal die Namen der beiden dargestellten Personen. Im Gegensatz zum Trickfilm werden hier auch die Vornamen Gillings (Hartmut) und Häubls (Wilhelm) sowie die Universität Tübingen als Sitz des Lehrstuhls für Pneumatische Plastologie genannt.
Loriots Sauberer Bildschirm wurde nach der Ausstrahlung von Manfred Sack in der Zeit positiv rezensiert. Man müsse viel und laut über die spöttischen Späße lachen. Den Trickfilm Studiointerview bewertete er als „ein[en] schöne[n], harmlose[n], nicht ganz bedeutungslose[n] Quatsch.“
1997 ordnete Loriot sein Fernsehwerk neu und verteilte die sechs alten, 45-minütigen Loriot-Folgen auf 14 Folgen mit einer Länge von 25 Minuten. In dieser Neuschnittfassung, die ebenfalls den Titel Loriot trägt, wurden auch Beiträge anderer Loriotsendungen wie Cartoon und Loriots Telecabinet aufgenommen. Nötig geworden war sie, da zu der Zeit deutsche Fernsehsender für Comedy-Formate keine Sendeplätze mehr vorsahen, die eine Länge von mehr als 30 Minuten hatten.Stefan Neumann: Loriot und die Hochkomik. 2011, S. 304. Studiointerview ist Teil der sechsten Folge Ungewöhnliches aus dem Konzertsaal, Pech im Studio und eine Wohnzimmerkatastrophe, die am 27. Mai 1997 bei Das Erste Premiere feierte. Darin ist der Sketch in dieselben vier Teile geteilt wie in der ursprünglichen Fassung, allerdings fehlt Loriots Ansage zum letzten Teil.Stefan Neumann: Loriot und die Hochkomik. 2011, S. 415. Daneben wurde der Film in der Show zu Loriots 70. Geburtstag vom 12. November 1993 am Stück gezeigt.Stefan Neumann: Loriot und die Hochkomik. 2011, S. 411–412.
In der 1984 erschienenen VHS-Sammlung Loriots Vibliothek, die viele Sketche von Loriot und einige wenige von Cartoon enthält, ist das Studiointerview in einer Fassung ohne Unterbrechung enthalten.Uwe Ehlert: „Das ist wohl mehr ’ne Kommunikationsstörung“. 2004, S. 459–460. Die DVD-Sammlung Die vollständige Fernseh-Edition aus dem Jahr 2007 enthält neben dieser Fassung den Trickfilm auch als Teil von Loriots Sauberer Bildschirm. Während der Zusammenstellung der DVD-Sammlung fiel auf, dass es zwei Versionen des Films gab, die sich nur im Muster von Häubls Krawatte unterschieden. Während er auf dem MAZ-Band von Radio Bremen eine gepunktete Krawatte trug, war sie in einem Film aus dem Archiv Loriots gestreift.Die Version mit gepunkteter Krawatte wurde bei Loriots 70. Geburtstag verwendet, die mit gestreifter in der Loriot-Schnittfassung von 1997. Die beiden Versionen unterscheiden sich auch in der Farbe von Gillings Pullunder und des Bildhintergrunds. Aufgrund der besseren Qualität entschied sich Loriot zusammen mit seinem Freund und Mitarbeiter Stefan Lukschy für die gestreifte Variante.
Der Text von Studiointerview erschien 1981 erstmals in Sammelband Loriots dramatische Werke, der die Texte der meisten Sketche der Serie Loriot sowie einiger weiterer Fernseharbeiten Loriots enthält. Der Sketch ist darin dem Kapitel Kultur und Fernsehen zugeordnet. Der Text wurde seitdem in weiteren Sammelbänden von Loriot veröffentlicht.
Analyse In der Person Gillings ist deutliche Kritik am Fernsehen zu erkennen, die Loriot bereits in früheren Sketchen zum Ausdruck brachte. An mehreren Stellen stellt Gilling seine offensichtliche Inkompetenz sowie schlechte Vorbereitung auf das Interview unter Beweis. So muss Häubl ihn auf das rote Licht an der Kamera aufmerksam machen, das den Beginn des Interviews anzeigt.Uwe Ehlert: „Das ist wohl mehr ’ne Kommunikationsstörung“. 2004, S. 305. Den Namen von Häubls Lehrstuhl wandelt er zu „plasmatische Pneutologie“ ab. Auch nach einer Korrektur durch Häubl ist er nicht in der Lage, den richtigen Namen auszusprechen, und verwendet stattdessen noch einmal seine Abwandlung.Uwe Ehlert: „Das ist wohl mehr ’ne Kommunikationsstörung“. 2004, S. 306. Ein weiterer Wortdreher unterläuft ihm bei der Aussage, Häubl befinde sich in einer „rechtlichen öffentlichen Anstalt“, eine Verdrehung der Wendung öffentlich-rechtlich.Uwe Ehlert: „Das ist wohl mehr ’ne Kommunikationsstörung“. 2004, S. 308. Auch Gillings Ausruf „Sa-gen-haft!“ auf Häubls einfache Aussage, die pneumatische Plastologie beruhe auf neuen Erkenntnissen im psychosomatischen Bereich, verdeutlicht aus Sicht des Germanisten Uwe Ehlert, der sich in seiner Dissertation mit der Darstellung von Missverständnissen in Loriots Werk beschäftigte, Gillings nur sehr oberflächlichen Umgang mit dem Thema des Interviews.Uwe Ehlert: „Das ist wohl mehr ’ne Kommunikationsstörung“. 2004, S. 307.
Auch das Verhalten Häubls wird negativ bewertet. Seine Behauptung, Gilling könne sein Verfahren ohne Vorkenntnisse selbst anwenden, zeige laut Uwe Ehlert Häubls Selbstüberschätzung als Wissenschaftler. Nachdem Gilling an der Rückwandlung seiner Nase scheitert, geht Häubl schnell dazu über, Gilling Vorwürfe zu machen, womit er jede Verantwortung für den Unfall von sich weisen und sich als Wissenschaftler unangreifbar machen wolle.Uwe Ehlert: „Das ist wohl mehr ’ne Kommunikationsstörung“. 2004, S. 311–312. Häubls Reaktion auf Gillings Frage nach der Nützlichkeit seiner Entwicklung erinnert den Germanisten Stefan Neumann, der über Loriots Leben und Werk promovierte, an klischeehafte Antworten von realen Wissenschaftlern auf solche Fragen. So arbeite laut Häubl der Wissenschaftler uneigennützig im Dienste der Menschheit und die Wissenschaft sei keine Frage der Nützlichkeit, sondern des Fortschritts. Die Uneigennützigkeit Häubls wird jedoch am Ende von ihm selbst in Frage gestellt, als er Gilling in seine Sprechstunde zitiert.Stefan Neumann: Loriot und die Hochkomik. 2011, S. 256. Zudem weist Uwe Ehlert auf einen logischen Fehler in Häubls Argumentation hin, denn eine Forschung „im Dienste der Menschheit“ setze auch eine Nützlichkeit der Ergebnisse voraus.Uwe Ehlert: „Das ist wohl mehr ’ne Kommunikationsstörung“. 2004, S. 309.