Die Geschichte Äthiopiens umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Demokratischen Bundesrepublik Äthiopien und historischer äthiopischer Reiche von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Zu den historischen äthiopischen Reichen gehören das spätantike Aksumitische Reich und das vom Mittelalter bis 1974 bestehende Kaiserreich Abessinien.
Vorgeschichte In Äthiopien wurden Überreste Millionen Jahre alter Vor-Menschen (Australopithecus afarensis) gefunden, unter anderem 1974 von Donald Johanson das gut erhaltene Skelett „Lucy“ im Afar-Dreieck.
Das Land in der Antike Äthiopien ist der älteste durchgehend unabhängige und heute noch bestehende Staat Afrikas und einer der ältesten der Welt. Der heute wieder weit verbreitete Landesname geht auf die altgriechische großräumige Regionsbezeichnung Aithiopia zurück: „Αιθιοπία“, über aithiops („mit verbranntem Gesicht“), von αίθαλο/aíthalo, „das Sonnengebräunte“ und οψ/ops, „das Gesicht“. Sie umfasste das gesamte damals bekannte Schwarzafrika, schloss also neben dem eigentlichen Abessinien auch die Regionen südlich der mittelmeerischen Küstenregionen des antiken Mauretanien, Libyen und Ägypten ein, vor allem auch Nubien und den Sudan sowie im Westen das Gebiet der ehemaligen Spanischen Sahara, während die Gebiete Innerafrikas den Menschen des griechisch-römischen Kulturkreises unbekannt waren. Bei Homer wird Äthiopien, wo Poseidon sich aufhielt, in der Odyssee erwähnt.Hans-Albert Bruns: Vom Land, das schon Poseidon liebte. Schmuck aus Äthiopien. In: Materia Medica Nordmark. Band 20, Nr. 12, Dezember 1968, S. 672 ff., hier S. 672.
Einwanderungen Das Alte Testament berichtet, wie die Königin von Saba die Stadt Jerusalem bereiste. Nach äthiopischer Überlieferung gründete Menelik I., angeblich Sohn von König Salomon und der Königin von Saba, das äthiopische Reich. Tatsächlich wurde das äthiopische Reich von dem Stamm der Ḥbšt (habashat / habeshtew; Habescha), aus deren Name sich die Bezeichnung „Abessinien“ entwickelte, die im 1. Jahrtausend v. Chr. aus Südarabien auswanderten, gegründet. Ihre Hauptstadt Aksum wurde erstmals von Claudius Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. erwähnt. Ein realer historischer Bezug der Königin von Saba zu Äthiopien ist über das Reich Da’amot denkbar, das vor dem Reich Aksum im heutigen nördlichen Äthiopien und in Eritrea bestand und vom arabischen Reich Saba beeinflusst war.
Reich von Aksum
Gemäß der Apostelgeschichte der Bibel, Kapitel 8 Vers 26–39, wurde der damalige Schatzmeister der „äthiopischen“ Königin der erste „äthiopische“ Christ. Über den Ursprung der Kirche im heutigen Äthiopien berichtet der lateinische Geschichtsschreiber Rufinus von Aquileia: Die Brüder Frumentius und Aidesios wurden auf ihrer Heimreise nach Tyros an der Küste des Roten Meeres überfallen und an den Hof des Königs von Aksum verkauft. Dank ihrer griechischen Bildung seien sie zu Erziehern der Prinzen aufgestiegen und hätten der Königsfamilie ihren christlichen Glauben vermittelt. Frumentius sei später zum Bischof von Alexandria, Athanasius, gereist und sei von ihm zum Bischof von Aksum geweiht worden. Der Übertritt des Königs Ezana zum Christentum in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts ist durch Münzfunde archäologisch belegt. Unter Ezana wurde das Christentum Staatsreligion. Das Reich von Axum, von Semiten begründet, gewann die Vorherrschaft über Südarabien. Es trieb Handel mit den zentralen Regionen Afrikas, anderen arabischen Reichen, Ägypten und Byzanz. Die heute noch verwendete Äthiopische Schrift wurde im Aksumitischen Reich auf Grundlage der sabäischen Schrift entwickelt. Mit der Ausdehnung des Islam im 7. Jahrhundert wurde die äthiopische Christenheit weitgehend vom Einfluss der Weltkirche isoliert, behielt jedoch durch ihre aus Ägypten entsandten Metropoliten Kontakt mit der koptischen Kirche (Siehe auch: Sultanat Adal). Seit dem 6. Jahrhundert sind auf dem Gebiet des heutigen Äthiopiens auch muslimische Handelsorte, wie Harlaa bezeugt.
Mittelalter
Dynastie der Zagwe bis 1270
Mit dem Rückgang der christlichen Schifffahrt im Roten Meer verloren die Städte in Aksum an Bedeutung. Das Reich von Aksum breitete sich weiter nach Süden in das fruchtbare Hochland aus. Es kam zu neuen Kloster- und Kirchengründungen wie zum Beispiel am Hayksee im 8. Jahrhundert. Die Agau, eines der einheimischen Völker, lernte Ge’ez und trat zum Christentum über. Die fürstlichen Familien übernahmen die Macht im Reich und gründeten die Zagwe-Dynastie. Die Hauptstadt verlegten sie von Aksum nach Roha in Lasta, wo Negus Negest (Kaiser) Lalibela (1185–1225) elf Felsenkirchen in Auftrag gab, die heute zu den größten von Menschen aus Stein gehauenen Strukturen der Welt gehören.Harold G. Marcus, Assefa Mehretu et al.: Ethiopia. History. The Zagwe and Solomonic dynasties. In: Encyclopædia Britannica.
Herrschaft der Salomoniden
Die Vorherrschaft der Zagwe wurde immer wieder angezweifelt, da sie nicht „salomonischer“ Abstammung (d. h. Nachkommen von Salomon und Königin Saba) waren. Insbesondere die Tigray im Norden und die Amharen im Süden hatten sich nie vollständig unterworfen. 1270 lehnte sich Yekuno Amlak, ein Adliger aus der Provinz Shewa, gegen die Zagwe auf und tötete Kaiser Yetbarak. Mehrere einflussreiche Kirchenvertreter unterstützten ihn, indem sie ihn als rechtmäßigen Nachfolger Salomons legitimierten. Die Abstammung der Salomonischen Dynastie vom erstgeborenen Sohn Salomos wird auch im Kebra Negest erklärt, der Ende des 13. Jahrhunderts entstand.
Am Rand des äthiopischen Herrschaftsbereichs konvertierten immer mehr Menschen zum Islam. Ende des 13. Jahrhunderts eroberte das Sultanat Ifat, welches sich über das östliche Shewa-Plateau und das Tal des Awash erstreckte, verschiedene muslimische Sultanate an Äthiopiens Südgrenze. Der äthiopische Kaiser Amda Seyon I. dehnte seine Grenzen weiter nach Süden und nördlich bis zum Roten Meer aus und bekämpfte auch östlich das Sultanat Ifat. Die neu eroberten Regionen sicherte er mit strategisch platzierten Garnisonen und etablierte ein System von gults, ähnlich einem Lehnswesen, bei dem der Besitzer eines gults Tribute von den Einwohnern einfordern durfte. Die hohe Besteuerung von Exportgütern, insbesondere von Gold, Elfenbein und Sklaven, die von Ifat nach Arabien verschifft wurden, stieß auf Widerstand. Amda Seyon und seine Nachfolger reagierten mit brutalen Befriedungsaktionen, die zur Eroberung des Awash-Tales und zur Kontrolle der Handelswege bis zur Hafenstadt Zeila am Golf von Aden führten.
Die Ausdehnung in nichtchristliche Gebiete wurde von internen Reformen und der Konsolidierung des christlichen Staates begleitet. Die salomonischen Herrscher gestalteten als Kirchenoberhäupter aktiv die Entwicklung der religiösen Kultur mit, indem sie Kirchen bauten und verschönerten, heidnische Praktiken unterdrückten und die Verfassung theologischer und dogmatischer Werke förderten. Die Beziehungen zwischen Kirche und Staat waren aber auch von Konflikten gekennzeichnet. In der Amhara-Region, wo das Mönchwesen eine Wiederbelebung erfuhr, hatten die Mönche ein schwieriges Verhältnis zur neuen Dynastie. Sie verurteilten die von den Herrschern ausgeübte Praxis der Polygynie. Der Konflikt wurde erst Ende des 14. Jahrhunderts durch Landschenkungen an die Mönche beigelegt. Der Mönch Ewostatewos (1273–1352) forderte für die Kirche eine Loslösung von den verderblichen Einflüssen des Staates und eine Rückkehr zu den biblischen Lehren. Er befürwortete auch die Einhaltung des jüdischen Schabbats am Samstag zusätzlich zum Sonntag – eine in Äthiopien bereits weit verbreitete Idee, die 1450 auf dem Konzil von Debre Mitmaq offiziell durchgesetzt wurde. Kaiser Zara Yaqob trieb weitere Kirchenreformen voran, beseitigte Missstände durch harte Bestrafungen und ließ häretische Sektenführer exekutieren. Er führte auch einen erfolglosen Feldzug gegen die Falaschen, eine Gruppe von Agau-sprechenden Juden, die eine vom Talmud losgelöste Form des Judentums praktizierten.
Neuzeit
Frühe Kontakte zu Europa Äthiopien hatte bereits unter Kaiser David I. (1382–1411) Kontakt zu Europa, wenn auch die Reisen durch das muslimische Ägypten schwer waren. Es kam zum Gedankenaustausch mit den italienischen Handelsstädten, vor allem mit Venedig. Während der Herrschaft von Zara Yaqob (1434–1468) reiste eine äthiopische Delegation auf Wunsch von Papst Eugen IV. sogar zum Konzil von Ferrara/Florenz. Der Wunsch der Europäer, mit den Äthiopiern gemeinsam gegen den Islam vorzugehen, stieß dort jedoch auf wenig Gegenliebe. Äthiopien sah sich der muslimischen Streitmacht nicht gewachsen. 1493 erreichte der Portugiese Pêro da Covilhã den Hof des Negus. Er sollte für ein portugiesisch-äthiopisches Bündnis werben, da Portugal zu dieser Zeit begann seine Herrschaft im Indischen Ozean aufzubauen. Covilhã wurde zwar ehrenvoll behandelt und Na’od I. und David II. schenkten ihm Ländereien, aber sie hielten an der Tradition fest, dass kein Fremder das Land wieder verlassen durfte. Immerhin konnte Covilhã den Negus überreden, den Armenier Matthäus 1509 als Gesandten nach Lissabon zu entsenden.
Eingreifen der Portugiesen Erst 1520 wurde mit Rodrigo de Limas eine portugiesische Delegation an den Hof von Ankober entsandt, die angeblich Covilhã dort in bester Gesundheit und mit einer äthiopischen Adligen verheiratet antraf. Zu diesem Zeitpunkt war die fortgesetzte äthiopische Expansion ins Stocken geraten, insbesondere weil sich die östlich benachbarten islamischen Reiche Ifat und später Adal etabliert hatten. Nachdem Adal zunächst unter äthiopischen Tribut gezwungen worden war, kehrten sich um 1530 die Machtverhältnisse um und Adal eroberte fast ganz Äthiopien. Von 1541 bis 1543 brachten portugiesische Hilfstruppen unter dem Sohn von Vasco da Gama, Cristóvão da Gama, die militärische Wende. Sie brachten auf Hilferuf des Negus hin dem adalischen Herrscher Ahmed Grañ mehrere Niederlagen bei und zerstörten so dessen Ruf der Unbesiegbarkeit. Das portugiesische Eingreifen verhinderte die weitere Konsolidierung der Machtstellung Grañs im Land und verschaffte dem Negus auch wertvolle Zeit zur Aufstellung einer neuen Armee, mit der er Grañ in der Schlacht von Wayna Daga schließlich besiegte. Mit Grañs Tod in dieser Schlacht – verursacht durch einen portugiesischen Schützen – wurde auch dessen erkennbare Absicht vereitelt, Äthiopien zu islamisieren und es dauerhaft dem islamischen Machtbereich einzuverleiben.
Expansion der Oromo Inzwischen nahm bei den Oromo – einem im 16. Jahrhundert im heutigen Südäthiopien und Nordkenia lebenden Hirtenvolk – der Bevölkerungsdruck zu. Die oromische Gesellschaft basierte auf einem Altersklassensystem (Gada), bei dem alle männlich Geborenen in einem Rhythmus von acht Jahren verschiedene Lebensstufen durchlaufen. Die Kriegerklassen begannen im 16. Jahrhundert Fernexpeditionen zu unternehmen und in von Christen und Muslimen bewohntes Gebiet vorzudringen. Dabei nutzten sie die Schwächung beider Religionsgruppen im Krieg gegeneinander aus. Ende des 16. Jahrhunderts waren die Oromo in Äthiopien so weit verbreitet, dass Kaiser Sarsa Dengel (1563–1597) sich gezwungen sah, sich in den Norden zurückzuziehen. Sein Herrschaftsgebiet umfasste daraufhin nur noch die nördlichen Regionen von Tigray und Gondar, Teile von Gojam, Shewa und Welo und das Gebiet des heutigen Eritreas, wo ein Großteil christlich-semitischsprachiger Bauern lebte.Harold G. Marcus, Assefa Mehretu et al.: Ethiopia. History. Challenge, revival, and decline (16th–19th century). In: Encyclopædia Britannica.
Katholizismus