mini|Johannes Bugenhagen porträtiert von Lucas Cranach d. Ä. 1537, Öl auf Holz, Lutherhaus Wittenberg rahmenlos|zentriert|klasse=skin-invert-image mini|Johannes Bugenhagen porträtiert von Lucas Cranach d. Ä. 1543, Öl auf Eichenholz, 20 × 14 cm, Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig Johannes Bugenhagen (* 24. Juni 1485 in Wollin, Herzogtum Pommern; † 20. April 1558 in Wittenberg, Kurfürstentum Sachsen), auch Doctor Pomeranus genannt, war ein bedeutender deutscher Reformator und Weggefährte Martin Luthers.
Nach dem Studium in Greifswald und Wirken in Treptow an der Rega schloss sich Bugenhagen 1521 den Ideen Luthers an, wurde 1523 Pfarrer an der Stadtkirche Wittenberg, Lehrer an der Universität Wittenberg und Generalsuperintendent des sächsischen Kurkreises. Als Reformator entwickelte er neue Kirchenordnungen für Braunschweig, Braunschweig-Wolfenbüttel, Dänemark, Hamburg, Hildesheim, Holstein, Lübeck, Norwegen, Pommern und Schleswig. Bei der Entwicklung der Kirchenordnungen und bei der Übersetzung der Bibel hat er eine nachhaltige Bedeutung für die sich herausbildende Evangelisch-lutherische Kirche erlangt. Als Freund Martin Luthers war er nicht nur dessen Vertrauter und Beichtvater, sondern schloss auch dessen Ehe mit Katharina von Bora, vollzog die Taufe ihrer Kinder und hielt die Leichenpredigt für Luther.
Leben Anfangsjahre mini|hochkant|De captivitate Babylonica ecclesiae. Praeludium Martini Lutheri.1520. Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche mini|hochkant|Martin Luther um 1526, porträtiert von Lucas Cranach dem Älteren, Öl auf Eichenholz, 21,5 × 15,5 cm, Privatsammlung Über Bugenhagens Jugend ist fast nichts bekannt. Sein Vater Gerhard Bugenhagen war Ratsherr, möglicherweise auch Bürgermeister, in Wollin. Die Familie erhielt Unterstützung von der Äbtissin Maria des Zisterzienserklosters in Wollin, einer Schwester des Pommernherzogs Bogislaw X. Bugenhagen hat vermutlich bis zu seinem 16. Lebensjahr die Schule in Wollin besucht, denn Anhaltspunkte für einen Schulbesuch in Stettin ließen sich nicht erbringen.Hans Günter Leder: Johannes Bugenhagen Pomeranus - Vom Reformer zum Reformator. Studien zur Biographie (= Greifswalder theologische Forschungen, 4). Hrsg. Volker Gummelt, 2002, ISBN 3-631-39080-7, S. 44. Daraufhin immatrikulierte er sich am 24. Januar 1502E. Friedländer: Aeltere Universitäts-Matrikeln II. Universität Greifswald, Band 1, Leipzig 1893, S. 149, Sp. B. an der Universität Greifswald und lernte hier die Grundthemen der Artes kennen. Im Sommer 1504 verließ er die Universität, ohne einen akademischen Grad erworben zu haben.Leder: Johannes Bugenhagen Pomeranus – Vom Reformer zum Reformator, S. 14. Ende des Jahres ging er zunächst als Lehrer an die Stadtschule in Treptow an der Rega und wurde dort zum Rektor berufen.Gerhard Müller: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG4). Mohr Siebeck, 1997, ISBN 3-16-118452-1, Band 1, Spalte 1852.
Hier hielt er Lateinunterricht und legte aus eigenem Antrieb die Bibel aus. Dabei fand er interessierte Zuhörer unter den Bürgern der Stadt wie auch den Mönchen aus dem nahe gelegenen Kloster. Der Ruf der Schule drang bis nach Livland und Westfalen und zog von dort auch Schüler an. Obschon er nicht Theologie studiert hatte, wurde Bugenhagen 1509 zum Priester geweiht und als Vikar an der Treptower Marienkirche bestätigt. Er vertiefte sich autodidaktisch in die Lehre der Theologie und stand 1512 mit dem Humanisten Johannes Murmellius in Verbindung, der ihn auf die Schriften des Erasmus von Rotterdam aufmerksam machte. Dabei hielt er Kontakt zu den Mönchen des Klosters Belbuck und übte dort einen starken Einfluss aus. Im Jahr 1517 wurde ihm deshalb im Kloster Belbuck die Stelle eines Lektors an der vom Abt Johann Boldewan kurz zuvor eingerichteten Mönchsschule vermittelt. Im Auftrag des Abtes legte er hier den Mönchen die Heilige Schrift und die Kirchenväter aus.Leder: Johannes Bugenhagen Pomeranus – Vom Reformer zum Reformator. S. 95–121.
Ebenfalls 1517 begann Bugenhagen im Auftrag seines Landesherrn, Herzog Bogislaw X., mit den Arbeiten zu einer Chronik von Pommern. Dazu begab er sich auf eine ausgedehnte Reise durch Pommern, um historische Materialien und Überlieferungen zu sammeln. Am 27. Mai 1518 übergab er die fertiggestellte Chronik dem Herzog mit einem Widmungsschreiben.Otto Vogt: Dr. Johannes Bugenhagens Briefwechsel. Hildesheim 1966. Mit einem Vorwort und Nachträgen von Eike Wolgast, Reprint der Ausgaben Stettin 1888–99 und Gotha 1910, weiter ergänzt. Diese mit leicht humanistischen Zügen versehene Chronik Pomerania ist die erste zusammenhängende Darstellung der pommerschen Geschichte, geschrieben auf Latein und Vorbild für die späteren hoch- und niederdeutschen Chroniken Pommerns von Thomas Kantzow. Der Auftrag Bogislaws X. erfolgte auf Bitten des Kurfürsten Friedrichs des Weisen von Sachsen als Pendant zu einer in Arbeit befindlichen Geschichte Sachsens.Leder: Johannes Bugenhagen Pomeranus – Vom Reformer zum Reformator, S. 123–146.
Bald erreichten Bugenhagen Martin Luthers Schriften. Nach der Überlieferung soll ihm bei einem Abendessen mit der Treptower Geistlichkeit im Hause des Pfarrherrn der Marienkirche Otto Slutow (Schlutow) der Hausherr den Traktat „De captivitate Babylonica ecclesiae, praeludium“ (Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche) Martin Luthers vorgelegt haben. Zunächst soll er diese Schrift als Ketzerei abgetan haben. Als er sie aber sorgfältiger bearbeitete, soll in ihm ein Sinneswandel stattgefunden haben. Aufgrund dessen schrieb er an Luther, um mehr von ihm zu erfahren.Leder: Johannes Bugenhagen Pomeranus – Vom Reformer zum Reformator, S. 147–181. Luther blieb freundlich und übersandte Bugenhagen seinen „Tractatus de libertate Christiana“ (Traktat von der Freiheit des Christenmenschen), welcher die Summe des von Luther damals entwickelten Glaubensverständnisses enthielt.Vogt: Dr. Johannes Bugenhagens Briefwechsel, S. 8.
Erste Wittenberger Jahre Studium und erste Vorlesungen an der Universität mini|hochkant|Philipp Melanchthon um 1537 porträtiert von Lucas Cranach dem Älteren, Öl auf Buchenholz, 35,9 × 23,3 cm, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Innerlich von den neuen Gedanken berührt, begab sich Bugenhagen im März 1521 nach Wittenberg, wo er mit Luther und Melanchthon in einen engen Gedankenaustausch trat. In seiner Zeit am Kloster Belbuck hatte er noch einen scholastischen Ansatz gehabt, wobei er aber durch eine besondere Hinwendung zur biblischen Hermeneutik einen unverstellten Zugang zum biblischen Denken zu gewinnen suchte. Nachdem er mit Schriften des Johannes Murmellius bekannt geworden war, gewannen bei der Feststellung eines authentischen Textes in der Treptower Zeit humanistische Einflüsse an Bedeutung. Durch die Begegnung mit Luthers Schriften änderte sich sein theologisches Interesse entscheidend. Von nun an ist der Sündenbegriff nicht mehr vom Verständnis der Sünde als Übertretung der Gebote bestimmt, sondern in der Richtung seines charakteristischen Ausspruchs „Unser ganzes Leben ist Sünde, auch nachdem wir durch Christus fromm geworden sind“.
Das Schriftverständnis ist ganz von der Rechtfertigung (iustificatio impii) bestimmt, indem die Schrift und der rechtfertigende Glaube an Christus aufeinander bezogen werden. Das Thema der Rechtfertigung des Sünders entfaltet Bugenhagen im Rahmen einer Theologie der Anfechtung.Hans Hermann Holfelder: Theologische Realenzyklopädie (TRE), 7 (1981), S. 354–363. In Wittenberg wollte er diesen Ansatz weiterentwickeln und immatrikulierte sich deshalb am 29. April 1521,Karl Eduard Förstemann: Album Academiae Vitebergensis, 1. Teil, Leipzig 1841, S. 104, Sp. a, Z. 7 (Digitalisat). um die reformatorische Theologie aus berufenem Munde zu hören. In der Elbestadt fand er zunächst Aufnahme bei Philipp Melanchthon, der ihn in sein Haus und an seinem Tisch aufnahm. Seit dem 3. November 1521 hielt er akademische Vorlesungen über die Psalmen, die 1524 veröffentlicht wurden.Volker Gummelt: Bugenhagens Tätigkeit an der Wittenberger Universität. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte (ZKG), 1994. Bugenhagen war Augenzeuge der Ereignisse der Wittenberger Bewegung, hielt sich jedoch auffällig zurück.Nikolaus Müller: Die Wittenberger Bewegung 1521 und 1522. ARG 1907–1909, S. 161–226, 261–325, 386–469 und 1909–1911, S. 185–224, 233–293, 353–412, 1–43. Dennoch haben ihn die Ereignisse nicht unbewegt gelassen. So bezog er durch seine Heirat mit Walpurga am 13. Oktober 1522Vogt: Dr. Johannes Bugenhagens Briefwechsel, S. 582. eine klare Stellung zur Frage des Zölibats.
Beginn seiner Tätigkeit als Stadtpfarrer Nachdem der alte Stadtpfarrer Simon Heins Anfang September 1523 verstorben war, wurde Bugenhagen auf Luthers Empfehlung um den 25. Oktober 1523 vom Rat der Stadt und den Vertretern der Gemeinde Wittenberg als Stadtpfarrer an der Stadtkirche gewählt.Leder: Johannes Bugenhagen Pomeranus – Vom Reformer zum Reformator, S. 210. In dieser Eigenschaft erwies er sich als treuer Gefolgsmann Luthers, dessen Beichtvater und Freund er wurde. Seine Predigten, die er offenbar gern hielt, fielen oft sehr lang aus, was auch humorvolle Kritik bei Luther und seinen Freunden hervorrief. Trotzdem entfaltete er dabei in schlichter, aber eindrücklicher Art und Weise den Reichtum des Wortes. Er unterließ es nicht, in seinen Predigten aktuelle Fragen anzusprechen, um seiner Gemeinde die notwendige Orientierung zur christlichen Lebensführung zu vermitteln.Leder: Johannes Bugenhagen Pomeranus – Vom Reformer zum Reformator, S. 287.
Theologische Tätigkeit Neben dem vielfältigen Pfarrdienst führte Bugenhagen seine exegetischen Vorlesungen an der Universität weiter, bearbeitete Vorlesungsmanuskripte für den Druck und autorisierte Nachschriften für Publikationen. Nachdem zahlreiche seiner Kommentare zu alt- und neutestamentlichen Publikationen erschienen waren, wurde sein Ruf als reformatorischer Schriftenausleger gefestigt und machte ihn als Theologen über die Grenzen des Reiches bekannt. Im September 1524 bemühte sich die Stadt Hamburg um ihn, was jedoch am Einspruch des Rates, der sich an das Wormser Edikt gebunden sah und seine Ehe als anstößig empfand, scheiterte. Auch eine einjährige Berufung nach Danzig scheiterte am Veto der Wittenberger Stadtgemeinde.
Nach der exegetischen theologischen Grundlegung begannen zunehmend praktische Aufgaben in der kirchlichen Gestaltung wie auch pastoraltheologische Probleme sein Denken und Handeln zu bestimmen. In kurzen Schriften behandelte er die Gestaltung und den rechten Gebrauch des Abendmahls mit der Beichte und anderen Zeremonien. So verfasste er 1525 die Gratulationsschrift De conjugio episcoporum et diaconorum auf die Heirat des Lichtenburger Präzeptors des Augustinerordens Wolfgang Reissbusch. Darin begrüßt er die Ehe eines Geistlichen als Gottesordnung und versucht, sie theologisch zu begründen. Hier spiegelt sich ein zu beobachtender Übergang von der reformatorischen Bewegung zur Gestaltung des protestantischen Kirchenwesens wider. In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass er es war, der am 13. Juni 1525 bei der Eheschließung Luthers mit Katharina von Bora amtierte.