mini|Der Buchstabe ß in verschiedenen Schrifttypen mini|ſ, s, ſs und ſʒ in der Reichsmatrikel der zehn Reichskreise von 1532 (Wikisource)

Das Schriftzeichen ẞ (Großbuchstabe) bzw. ß (Kleinbuchstabe) ist ein Buchstabe des deutschen Alphabets. Er wird als Eszett [], scharfes S oder Scharf-S bezeichnet,Duden zu ßDuden zur s-SchreibungAtlas zur deutschen Alltagssprache umgangssprachlich auch als „Doppel-S“ (in diesem Sinn nur vereinzelt in der Schweiz), „Buckel-S“, „Rucksack-S“, „Dreierles-S“ oder manchmal auch missverständlicherweise als „Ringel-S“, dies bezeichnet jedoch üblicherweise eine andere S-Variante.

Das ß dient zur Wiedergabe des stimmlosen s-Lautes . Es ist der einzige Buchstabe des lateinischen Schriftsystems, der heutzutage ausschließlich zur Schreibung deutscher Sprachen und ihrer Dialekte verwendet wird, so in der genormten Rechtschreibung des Standarddeutschen und in einigen Rechtschreibungen des Niederdeutschen, sowie in der Vergangenheit auch in einigen Schreibungen des Sorbischen. Allerdings wird es nicht in der SchweizSchweizerische Bundeskanzlei: Leitfaden zur deutschen Rechtschreibung. 3. Aufl. 2008. und Liechtenstein verwendet. Der offizielle Gebrauch der deutschen Sprache in Belgien,Deutschsprachige Gemeinschaft in Belgien: Zuständigkeiten Dänemark (Nordschleswig), und NamibiaBeispieltext: Lehrplan für Deutsch als Muttersprache Klassen 4–7; Republic of Namibia: Ministry of Education, Arts and Culture sowie Italien (Südtirol) orientiert sich bei der Verwendung des ß an den in Deutschland bzw. Österreich geltenden Rechtschreibregeln. Ebenso wird in Luxemburg verfahren.Ministerin für Erziehung und Berufsausbildung, Mady Delvaux-Stehres: Communiqué – Neuregelung der deutschen Rechtschreibung im luxemburgischen Schulsystem. 3. August 2005 ()

Historisch gesehen geht das ß in der deutschen Sprache auf eine Ligatur aus dem ſ (langen s) und z zurück.Siehe Abschnitt Entstehungsgeschichte. Bedeutsam für die Form des ß in den heutzutage üblichen Antiqua-Schriftarten war jedoch auch eine Ligatur aus langem ſ und rundem s, die bis ins 18. Jahrhundert auch in anderen Sprachen gebräuchlich war.Siehe Abschnitt #Die ſ-s-Ligatur in der Antiqua.

Das ß dient überdies in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Texten sowie allgemein in Dänemark und Norwegen bis ins 19. Jh. als Abkürzung für die Währung SchillingAbkürzungen von Münzen Eintrag im GenWiki, abgerufen am 9. September 2012. und „ßo“ steht für das Zählmaß Schock.

Seit dem 29. Juni 2017 ist das große ß – ẞ – Bestandteil der amtlichen deutschen Rechtschreibung. Über seine Aufnahme in das deutsche Alphabet wurde seit Ende des 19. Jahrhunderts diskutiert.

Entstehungsgeschichte mini|Eine dem ß ähnliche Verwendung des deutlich getrennten ſs (im Wort groſses) in Siebmachers Wappenbuch im Jahr 1777. mini|Langes s, z und ß in Deutscher Kurrentschrift (1866)

Entstehung des ß in der deutschen Sprache

Im Zuge der Zweiten Lautverschiebung im 7. und 8. Jahrhundert waren aus germanischem und // zwei verschiedene Laute entstanden – ein Frikativ und eine Affrikate –, die zunächst beide mit z oder zz wiedergegeben wurden. Zur besseren Unterscheidung gab es seit dem Althochdeutschen Schreibungen wie sz für den Frikativ und tz für die Affrikate.

Der mit s bzw. ss geschriebene Laut, der auf ein ererbtes germanisches /s/ zurückgeht, unterschied sich von dem mit sz geschriebenen; das s(s) wurde als stimmloser retrahierter apiko-alveolarer Frikativ [s̠̺] ausgesprochen (d. h. mit deutlicher Tendenz zum /sch/-Laut, aber ohne Lippenrundung), das sz hingegen als stimmloser lamino-dentaler Frikativ [s̪̻] (d. h. mit starkem Zischton). Auch als damals (im 13./14. Jahrhundert?) diese zwei Laute zu einem nicht-retrahierten [s] zusammenfielen (im Zimbrischen, einer südbairischen Sprachinselmundart in Italien, ist der Unterschied bis in die Neuzeit erhalten gebliebenTITUS: Remigius Geisers Zimbrischkurs – Grundkurs in klassischem Zimbrisch: 1. Lektion (Aussprache) – vor allem im besonders konservativen Dialekt der Sieben Gemeinden,TITUS: Remigius Geisers Zimbrischkurs – Grundkurs in klassischem Zimbrisch: Ergänzungslektion E2: Wieso „klassisches“ Zimbrisch? wie in Asiago, aber auch in manchen anderen konservativen Dialekten wie Gottscheerisch, vgl. Mittelhochdeutsche Sprache § Konsonanten), behielt man beide Schreibungen bei. Man brachte sie aber dadurch durcheinander, weil niemand mehr wusste, wo ursprünglich ein sz gestanden hatte und wo ein ss.

Bei der Einführung des Buchdrucks im späten 15. Jahrhundert wurden Druckschriften aus den damals geläufigen gebrochenen Schriften geschaffen. Dabei wurde für die häufig auftretende Buchstabenkombination aus langem ſ und z mit Unterschlinge („ſʒ“) eine Ligatur-Letter geschnitten. Diese Ligatur behielt man auch bei später eingeführten Druckschriften wie der Fraktur bei.

Möglicher Einfluss tironischer Noten Der Typograph Max Bollwage vermutet,Max Bollwage: Ist das Eszett ein lateinischer Gastarbeiter? Mutmaßungen eines Typografen. In: Gutenberg-Jahrbuch, Mainz 1999, ISBN 3-7755-1999-8, S. 35–41.Max Bollwage: Kein Zett im Eszett? Mutmaßungen eines Typographen. In: Buchstabengeschichte(n) : wie das Alphabet entstand und warum unsere Buchstaben so aussehen, Graz 2015, ISBN 978-3-201-01998-9, S. 119–123. dass der Ursprung des Zeichens auf die tironischen Kürzungszeichen „-is“, „-um“, „et“ o. ä. in Form einer drei bzw. „sed“ und „ser“ in Form eines Hakens zurückzuführen sei. Der Typograph und Sprachwissenschaftler Herbert Brekle widerspricht dieser These.Herbert E. Brekle: Zur handschriftlichen und typographischen Geschichte der Buchstabenligatur ß aus gotisch-deutschen und humanistisch-italienischen Kontexten. In: Gutenberg-Jahrbuch, Mainz 2001, ISBN 3-7755-2001-5, S. 67–76 (online) Die Es-Zett-Ligatur lasse sich bis ins 14. Jahrhundert nachweisen. Die Kürzungszeichen seien nur für eine Übergangszeit „zur Repräsentation des stimmlosen s-Lautes umfunktioniert“ worden, druckschriftlich „setzt sich dagegen in der Schwabacher- und Frakturschrift ab dem frühen 16. Jh. die eigentliche Es-Zett-Ligatur durch.“ Bollwage vertritt die typographische Sichtweise, z und das „einer 3 gleichende Abkürzungszeichen“ bzw. der Haken sei vereinzelt aus offensichtlichen Gründen mit der Form des z zusammengefallen, bemerkenswert sei jedoch, „dass die Form der 3 unverändert geblieben ist und jahrhundertelang die Wandlung des Z nicht mitgemacht hat“.

Das ß in der Antiqua mini|hochkant|Das „ß“ als „ſs“-Ligatur in einer Antiqua-Schrift sowie als „ſz“-Ligatur in Textura- und Fraktur-Schrift. mini| Ligaturen von ſf, ſſ, ſs (ß) und ſt in der Cancellaresca von Arrighi 1522, darüber unligiertes ſs mini|ß in kursivem italienischem Text für ss bzw. ſs: „preßo alla“ statt „presso alla“. Venedig 19. Jahrhundert

In einigen der ab dem 15. Jahrhundert entstehenden Antiquaschriften ist es eine Ligatur von langem ſ und rundem s. Für das deutsche Eszett der gebrochenen Schriften wurde erst im 19. Jahrhundert ein Antiqua-Gegenstück entworfen. Dagegen gibt es für eine ſs-Ligatur viel ältere Belegstellen. Die genaue Beziehung des Antiqua-ß zu Eszett und ſs-Ligatur ist umstritten.

Die ſ-s-Ligatur in der Antiqua In Italien, wo die Antiqua entwickelt worden war, entstand eigenständig eine kursive Ligatur aus langem ſ und rundem s, lange bevor das lange ſ im Laufe des 18. Jahrhunderts außer Gebrauch geriet. Die beiden Buchstaben wurden mit einem losen Bogen verbunden; dies war eine rein kalligrafische und typografische Variation ohne orthografische Funktion. Sie erscheint sowohl in Handschriften als auch im Druck bis Ende des 17. Jahrhunderts als eine Alternative für ſſ bzw. ss im Wortinneren. Die kursive Ligatur erscheint vor allem in Werken in lateinischer, italienischer und französischer Sprache.

Die ß-Ligatur in der Antiqua findet sich erstmals bei einer um das Jahr 1515 entstandenen Schrift von Lodovico Vicentino degli Arrighi. Er nahm sie auch 1522 in sein Kalligrafielehrbuch La Operina auf. In der „lateinischen“ Alltagsschrift des 17. und 18. Jahrhunderts erschien in Frankreich, England und eingeschränkt in Deutschland als Äquivalent zu ß die Ligaturform ſs, wobei das lange s die Schleifen erhielt. Im Druck lässt sich die kursive ß-Ligatur bis auf einige Seiten (f. 299v.–302v.) einer Livius-Ausgabe aus dem Jahre 1518 zurückverfolgen, wo sie in freier Variation zur ſſ-Ligatur steht, die auch im restlichen Werk exklusiv vorkommt. Die Ausgabe trägt das Zeichen von Aldus Manutius, erschien aber drei Jahre nach seinem Tod als Gemeinschaftsarbeit nach seiner Grundidee.

Im Jahre 1521 erschien in Basel eine deutsche Übersetzung (Leonis Judae) von Enchiridion militis Christiani von Erasmus von Rotterdam. Sie ist in einer Kursiv-Antiqua mit ß-Ligaturen gedruckt, wobei diese sich in Wortformen wie wyßheit, böß und schloß findet.

Bis weit in das 17. Jahrhundert hinein gehörte es zu den typografischen Satzkonventionen in Italien, Frankreich und etwas weniger in Deutschland, vor allem in lateinischen, aber auch teilweise in italienischen und französischen Werken bei Antiquakursivsatz, die ß-Ligatur zu verwenden. Sie kommt auch auf einigen Titelblättern von um 1620 gedruckten Werken von Johannes Kepler vor.

Erst mit zunehmendem Druck deutscher Texte in Antiqua im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert erhielten auch gerade Antiquaschriften eine ß-Ligatur, die je nach orthografischer Konvention alternierend zu ſs- oder ss-Sequenzen verwendet wurde. Davor gab es vereinzelte Vorkommen dieser Typen.

Als die Nationalsozialisten in Deutschland im Jahr 1941 die Fraktur und sonstige gebrochene Schriften abschafften und die Antiqua als „Normal-Schrift“ einführten, wurde von den zuständigen Ministerien auch eine Abschaffung des ß in Antiqua beschlossen, da der Buchstabe im Ausland unbekannt und selten in Antiqua-Schriften vorhanden war. Hitler intervenierte aber. Aus einem Schreiben des Reichsministers der Reichskanzlei: „Der Führer hat sich für eine Beibehaltung des ‚ß‘ in der Normalschrift entschieden. Er hat sich aber gegen die Schaffung eines großen ‚ß‘ ausgesprochen. Bei der Verwendung großer Buchstaben soll das ‚ß‘ vielmehr als ‚SS‘ geschrieben werden.“Schreiben des Reichsministers und Chefs der Reichskanzlei an den Reichsminister des Innern vom 20. Juli 1941. BA, Potsdam, R 1501, Nr. 27180. Enthalten in: Der Schriftstreit von 1881 bis 1941 von Silvia Hartman, Peter Lang Verlag, ISBN 978-3-631-33050-0

Die deutsche Ersatzschreibung in Antiqua mini|hochkant=1.9|Zeitablauf 1790–1920 anhand dreier Wörter aus den Google-Ngram-Daten, deren OCR-Software oft ein langes s für ein f hält. Kurz vor 1800 breite Einführung der Antiqua mit „ſs“-Ersatz (orange); Wiedererstarken der Fraktur (blau) bis zirka 1830 und gleichzeitige Zunahme der „ss“-Schreibung (rot), die sich in der wiederkehrenden Antiqua durchsetzt; nach 1876 (Konferenz) und 1880 (Dudenempfehlung) ein kleines Revival von „ſs“ bis zur entscheidenden Konferenz 1901. Überproportional hervorgehoben die „sz“-Versuche (grün) nach 1850 bis 1880 und ein kleines Aufflackern um 1900.

mini|Claßen (oben) in lateinischer Schreibschrift durch ſs wiedergegeben und als Gegenüberstellung Clahsen (unten) in der spitzen Kurrentschrift. Man sieht die Ähnlichkeit und damit die Verwechslungsgefahr des ſ (langen-s) der lateinischen Schreibschrift mit dem kleinen h, wie es in derselben Form in der spitzen Kurrentschrift verwendet wird.

Antiquasatz