mini|250px|Seattle Youth Symphony Orchestra, 1980er Jahre
Der Karneval der Tiere (Le Carnaval des animaux) ist eine Suite für Kammerorchester des französischen Komponisten Camille Saint-Saëns aus dem Jahr 1886. Das Werk ohne Opuszahl hat 14 kleine Sätze und dauert 22–25 Minuten. Zu Lebzeiten hat der Komponist es nicht zur Veröffentlichung freigegeben, heute ist es eines seiner bekanntesten Werke.
In der heutigen Aufführungspraxis werden die Stücke meist von einem Erzähler eingeleitet.
Geschichte Camille Saint-Saëns komponierte Karneval der Tiere mit dem Untertitel Grande fantaisie zoologique im Januar 1886 in einem kleinen österreichischen Dorf. Hier verarbeitete er in nur wenigen Tagen frühe Skizzen zum Carnaval, die aus einer Zeit stammten, als er als Lehrer an einer Privat-Musikschule in Paris tätig war (1861/65). Als dort musikalische Parodien auf dem Lehrplan standen, wurde Saint-Saëns von seinen Schülern überredet, eine seiner vielen Ideen für ein humorvolles Musikstück zu verwirklichen. Schon damals soll der Titel des Werkes entstanden sein. In den meisten Sätzen parodiert Saint-Saëns populäre Lieder sowie Kompositionen von vor allem französischen Komponisten und seinen eigenen Danse Macabre.Musical Parody in Saint-Saëns Carnival of Animals, Evanston Symphony Orchestra, abgerufen am 14. September 2024.
Als Anlass, das Werk niederzuschreiben, gilt ein Konzert, das der damals bekannte Cellist Charles Lebouc alljährlich am Fastnachtsdienstag gab. Am 9. März 1886 wurde der Karneval der Tiere, mit Camille Saint-Saëns und Louis Diémer als Pianisten, uraufgeführt.
Saint-Saëns entschied sich zunächst jedoch, das Werk für Kammerorchester nicht zu veröffentlichen. Denn abgesehen davon, dass der Komponist in den Stücken Tierstimmen durch die Instrumente imitierte, hatte er mehrere seiner Berufskollegen, zum Beispiel Jacques Offenbach bei den „Schildkröten“ und Hector Berlioz sowie Felix Mendelssohn Bartholdy beim „Elefant(en)“, zitiert. Die Tonfolge sol-do-re-do-ti erscheint allerdings bereits in dem Werk Nunc velit Navitas von Giovanni Pierberti da Cittadina, einem wenig bekannten italienischen Komponisten des 16. Jahrhunderts.Mark Alburger: The solfege project: Comparative melody classification – Sol through Ti. In: 21st-Century-Music 11(10), 2004, S. 5. Eine von Gioachino Rossinis Arien wurde offenbar unter den Fossilien parodiert. So erschien das Werk bei seinem Verleger Jacques Durand erst postum am 16. Dezember 1921. Die Wiederaufführung des Werkes fand zur Karnevalszeit am 25. Februar 1922 unter der Leitung von Gabriel Pierné in Paris statt.
Orchesterbesetzung Holzblasinstrumente: Flöte (spielt auch Piccoloflöte in Nr. 14), Klarinette (in B und C) Schlaginstrumente: Xylophon, Glasharmonika (häufig ersetzt durch Glockenspiel oder Celesta) Tasteninstrumente: Klavier I, Klavier II Streichinstrumente: Violine I, Violine II, Viola, Violoncello und Kontrabass
Stücke
Der Karneval der Tiere gehört zum Genre der Programmmusik.
1. Introduction et Marche royale du Lion (Introduktion und königlicher Marsch des Löwen) stellt den Einzug der Tiere in eine Arena dar, im Mittelplatz ist mehrfach deutlich der „König der Tiere“, nämlich der Löwe, zu vernehmen, der mit einem tiefen Brüllen sein Maul aufreißt.Instrumente: Klavier I, Klavier II, Streicher (1. + 2. Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass).Einleitung: Takte 1–12 Andante maestoso, -Takt. Beide Klaviere führen über alle Takte ein an einen Trommelwirbel gemahnendes Tremolo aus und enden im Schlusstakt mit einem ff-Glissando über die ganze Tastatur. Unterstützt werden sie von allen Streichern mit kleinen aufsteigenden Tonschritten.Überleitung zum Marsch: Takte 13–17, Allegro non troppo, hier leiten die Klaviere mit Fanfaren-Rhythmen zum Marsch über.Der Königsmarsch: ab Takt 18, Piu Allegro, gespielt von den Streichern und begleitet von markanten Marschrhythmen der Klaviere.Tierporträt: Tierstimme des Löwen. Das Löwengebrüll imitieren Klaviere und Streicher durch schnelle auf- und abwärtsführende, chromatische Triolenläufe, die dynamisch unterstützt werden (aufwärts crescendo, abwärts decrescendo).
2. Poules et coqs (Hühner und Hähne), Allegro moderato, -Takt, fInstrumente: Klarinette in B, Klavier I, Klavier II, 1. Violine, 2. Violine, Viola.Tierporträt: Tierstimmen der Hühnervögel – werden durch die Streichinstrumente vorgestellt. Wildes „Gezeter“ lässt den Gedanken an eine Schar pickender und streitender Hühner zu. Das „Gackern“ der Hühner imitieren die Streicher, das „Kikeriki“ der Hähne die Klaviere und die Klarinette.
3. Hémiones (Animaux veloces) (Halbesel (schnelle Tiere)), Presto furioso, -Takt, fInstrumente: Klavier I, Klavier II.Tierporträt: Von der Schnelligkeit der SteppentiereDie Darstellung bezieht sich in ihrem Wesen auf Fluchttiere (wie Gazellen, Zebras etc.). Die hierzu durch die Klaviere intonierten Läufe werden in rasendem Tempo über vier Oktaven präsentiert. Sie lassen so ein Bild von der Schnelligkeit der Steppentiere entstehen.
4. Tortues (Schildkröten), Andante maestoso, -Takt, ppDie Instrumente: Klavier I, StreicherTierporträt: Von der Langsamkeit der Kriechtiere.Parodie I: „La,la,la,la,la, partons, marchons!“Parodie II: „Ce bal est original d’un galop infernal…!“ aus Orpheus in der Unterwelt von Jacques Offenbach.Dieses Stück ist eine der erwähnten Veralberungen eines Komponisten, die Saint-Saëns sich leistete. Grundlage für dieses Stück ist der bekannte Can-Can, zu dessen wilder Musik die Tänzerinnen kreischend und juchzend ihre Beine so weit hochreißen, dass der Zuschauer Einblick unter ihre Röcke erhält. Bei den Tortues gewinnt der Zuhörer den Eindruck, das Stück von Offenbach sei der Zeitlupe zum Opfer gefallen. Dreimal langsamer (und damit müde und schleppend) wird der Can-Can, der ehemals schnellste Tanz der Welt, von den Streichinstrumenten unisono präsentiert. Die Triolen im Klavier unterstreichen noch diese Langsamkeit (Achtel gegen Triolen).
5. L’Éléphant (Der Elefant), Allegretto pomposo, -Takt, fmini|L’Éléphant: Beginn des Mittelteilsmini|Hector Berlioz: Tanz der Sylphen, Beginn, Violine 1mini|L’Éléphant: Fortsetzung des Mittelteilsmini|Felix Mendelssohn Bartholdy: Sommernachtstraum, Scherzo, Ausschnitt der ViolinstimmeIn der Klavierbegleitung schwerfälliger Walzertakt, die eigentlich leichtfüßige Melodie wird – auch durch bewusst schwerfälliges Spiel auf dem Kontrabass – ins Groteske gezogen.Instrumente: Klavier II, KontrabassTierporträt: Dressurakt in der ArenaParodie: Danse des sylphes aus La damnation de Faust op. 24 von Hector Berlioz, Scherzo aus der Schauspielmusik zum Sommernachtstraum von Felix Mendelssohn Bartholdy.Hier fügt Saint-Saëns mit feiner Ironie zwei weitere Zitate ein. Der Kontrabass versucht sich an dem aus Fausts Verdammnis entnommenen filigranen Elfentanz (Danse des Sylphes) und am äußerst lebendigen Scherzo aus dem Sommernachtstraum.Die normalerweise Diskantinstrumenten vorbehaltenen Themen klingen damit eher unbeholfen und trampelig. Das Klavier II übernimmt die Begleitung im Walzertakt.
6. Kangourous (Kängurus), Moderato, -Takt.Instrumente: Klavier I und Klavier IITierporträt: Hüpfende Fortbewegung der Beuteltiere.Die Kängurus werden von den zwei Klavieren vorgestellt und sind in ihrer hüpfenden Art zu erkennen. Sie bewegen sich abwechselnd fort. Ihre Sprünge beginnen langsam und werden immer schneller (accelerando), bis sie schließlich ihr Tempo wieder verlangsamen (ritardando).
7. Aquarium (Das Aquarium), Andantino, -Takt, pp Instrumente: Flöte, Glasharmonika, Klavier I, Klavier II (una corda), Violine I, Violine II, Viola und Violoncello (con sordino). Die hier eingesetzte Glasharmonika ist ein idiophones Friktionsinstrument, dessen feiner ätherischer Klang durch Reiben der Glasschalen mit wasserbenetzten Fingerkuppen entsteht. Zur Zeit Camille Saint-Saëns’ hatte das Instrument seine Hochblüte längst überschritten und war wegen seines geringen Klangvolumens aus der Mode gekommen. Saint-Saëns hat die Glasharmonika mit dem Aquarium (Glasbehälter) verknüpft: hier das Glasgehäuse zum Aufnehmen von Wasser als Lebensraum für Wassertiere, dort die Glasharmonika mit Glasschalen und Wasser zum Erzeugen von Klängen. In der heutigen Aufführungspraxis nimmt man auch anstelle der Glasharmonika als Ersatzinstrument das Orchesterglockenspiel, das Klaviaturglockenspiel oder die Celesta. Tierporträt: Zierfische Ein Stimmungsbild. Die Bewegungen in der Musik und die perlenden Läufe der Klaviere gemahnen an ein sich sanft bewegendes Wasser mit von der Glasharmonika „gemalten“, aufsteigenden Luftblasen.
8. Personnages à longues oreilles (Persönlichkeiten mit langen Ohren), ad lib., ¾-Takt, ff Instrumente: Violine I, Violine II Tierporträt: Tierstimmen Mit diesem Titel sind Hausesel gemeint. Der typische Eselsschrei, das langgezogene „I-aah“, wird von den Violinen präsentiert.
9. Le Coucou au fond des bois (Der Kuckuck in der Tiefe des Waldes), Andante, ¾-Takt, pp. Instrumente: Klarinette in B (dans la coulisse), Klavier I, Klavier II Tierporträt: Kuckucksruf aus der Ferne Ein Stimmungsbild. Die ruhige Musik steht für die Atmosphäre eines unbelebten Waldes, dargestellt durch die Klavierbegleitung, die aus leise gespielten Akkorden besteht. Aus der Ferne ist immer wieder der Ruf des Kuckucks (intoniert durch eine Klarinette mit fallender großer Terz d2 – b1 (klingend: c2 – as1)) zu vernehmen.
10. Volière (Das Vogelhaus), Moderato grazioso, ¾-Takt, p Instrumente: Flöte, Klavier I, Klavier II, Streicher Tierporträt: Vogelstimmen Ganz anders präsentiert sich die Volière. Lebhaft geht es in dem Vogelkäfig zu, ein Stück, das ganz auf die Querflöte zugeschnitten ist, die ein fröhliches Vogelgezwitscher imitiert: schnelle, ausgeschriebene Trillerketten, Akkordbrechungen und chromatische Läufe ahmen das Fliegen und Flattern der kleinen Vogelhausbewohner nach. Die Klaviere mit ihren kurzen Tonrepetitionen, chromatischen Läufen, Vorschlägen und Trillern in hohen Lagen imitieren den Gesang exotischer Vögel. Das Tremolo der hohen Streicher vermittelt ein ständiges Schwirren in der Luft; nur die Celli und Bässe mit ihren Pizzicati sorgen für etwas Ruhe.
11. Pianistes (Pianisten), Allegro moderato, -Takt, f Instrumente: Klavier I, Klavier II, Streicher Tierporträt: PianistenTiere locken in Tiergärten Jahr für Jahr viele Neugierige an, und auch Pianisten verstehen sich darauf, mit ihrer Musik immer wieder ihr Publikum anzuziehen. Saint-Saëns, der selbst ein hervorragender Pianist war und zahlreiche anspruchsvolle Klavierwerke sowie fünf Klavierkonzerte komponiert hatte, lässt hier die zwei Klavierspieler, die an einer an Carl Czerny gemahnenden Klavier-Etüde ihre Fingerfertigkeiten beweisen wollen, Tonleitern exerzieren. Nach anfänglichem „Warmspielen“ bringen sie nunmehr ihre Etüde mit Begleitung der Streicher bravourös zu Ende, Applaus.