mini|Josef Winckler, ca. 1925 Alfred Joseph Werner Winckler (* 7. Juli 1881 in Bentlage bei Rheine; † 29. Januar 1966 in Bensberg) war ein westfälischer Schriftsteller.
Sein bekanntestes Werk Der tolle Bomberg von 1923 wurde ein Verkaufsschlager. Es wurde 1957 mit Hans Albers in der Hauptrolle verfilmt.
Leben Winckler wurde als zweites Kind des Salineninspektors Alfred Winckler und seiner Ehefrau Maria, geborene Nieland, geboren. Sein Vater verlor – bald nach der Geburt des vierten Kindes – seine Stellung als Inspektor und nahm daraufhin eine ehrenamtliche Stelle als Syndikus des Hessischen Bauernvereins in Marburg an. Seine Mutter Maria Winckler zog mit den vier Kindern in das benachbarte Hopsten (1889), wo ihre Familie ein altes Töddenhaus besaß, das Haus Nieland. Abgesehen von den sporadischen Besuchen des Vaters wurden Josef und seine Geschwister von seiner Mutter und den Großeltern Nieland erzogen.
Schule und Studium Nach der Grundschulausbildung an der Rektoratsschule in Hopsten siedelte der 13-jährige Josef Winckler mit seiner Familie 1894 nach Kempen um. Sein Vater hatte dort eine Anstellung beim Rheinischen Bauernverein gefunden. In Kempen besuchte er das dortige Thomasgymnasium, von 1899 bis 1902 das Gymnasium in Krefeld. Da das fehlende Abitur ein philologisches Studienfach nicht erlaubte, schrieb sich Winckler im Sommersemester 1902 für das Studienfach Zahnmedizin an der Universität Bonn ein, für das als Zugangsvoraussetzung die Unterprimareife (Abschluss Kl. 11) genügte. Seine zahnmedizinischen, aber auch übergreifenden philologischen Studien schloss er 1906 mit der Approbation zum Zahnarzt ab.
Schon während der Studienzeit veröffentlichte er 1904 mit zwei Bonner Studienfreunden, Wilhelm Vershofen (1878–1960) und Jakob Kneip (1881–1958), einen ersten Lyrikband, der unter dem Titel Wir Drei! in Bonn erschien und von der Öffentlichkeit durchaus positiv aufgenommen wurde.
Nach einer Assistentenzeit in Hildesheim und Berlin ließ sich Winckler 1907 in Moers am Niederrhein als Knappschaftszahnarzt nieder und eröffnete in Moers und Homberg Zahnarztpraxen, die er zusammen mit verschiedenen Assistenten und Kollegen führte.
Werkleute auf Haus Nyland mini|Frontansicht Haus Nieland in Hopsten
Mit Kneip und Vershofen, der inzwischen mit Wincklers Schwester Gustava verheiratet war, gründete Winckler 1912 den Autorenkreis Werkleute auf Haus Nyland, der seinen Namen vom Wincklerschen Stammhaus in Hopsten entlieh. Dieser Bund war eine lockere Verbindung von Schriftstellern, die sich literarisch mit der Industrie- und Arbeitswelt auseinandersetzten und häufig im Haus Nieland zusammentrafen. Die Intention der „Werkleute“ entsprach nicht dem, was man heute unter Arbeiterliteratur versteht: Anders als bei der Dortmunder Gruppe 61 um Fritz Hüser und Max von der Grün oder dem Werkkreis Literatur der Arbeitswelt fehlten den Werkleuten jene sozialkritischen Aspekte, die beispielsweise die Zusammenhänge zwischen Arbeitsrealität und Arbeiterrealität oder Kapital und Herrschaft aufdeckten. Pathos und Verklärung kennzeichneten die Sprache der Werkleute, deren Schriften sich fast ausschließlich an ein bürgerliches Lesepublikum richteten. Schriftsteller wie Gerrit Engelke (1890–1918), Carl Maria Weber (1890–1953), Karl Bröger (1896–1944), Heinrich Lersch (1889–1936), Max Barthel (1893–1975) oder Otto Wohlgemuth (1884–1965) gehörten neben Winckler, Vershofen und Kneip dem Bund an oder waren ihm freundschaftlich verbunden. Zu den Förder- und Ehrenmitgliedern zählten der AEG-Vorsitzende und spätere Außenminister Walter Rathenau (1867–1922) und der Lyriker Richard Dehmel (1863–1920).
Besonders mit dem – den Impressionisten verbundenen – Schriftsteller und Lyriker Richard Dehmel verband Winckler ein inniges Verhältnis. Dehmel, der ältere, etablierte Künstler, nahm Winckler unter seine Fittiche und ebnete ihm den Weg in die literarische Welt. Diese Förderung ging so weit, dass Dehmel bei einer Lesung 1914 in Berlin nicht eigene Werke las, sondern aus den Wincklerschen Sonetten rezitierte. Später, als anerkannter Autor, dankte Winckler für Dehmels Protektion, indem er seinerseits zeitlebens junge Begabungen förderte, etwa den rheinischen Maler Franz M. Jansen (1885–1958) oder den Dortmunder Schriftsteller Josef Reding (1929–2020). In ihrem noch unveröffentlichten, hunderte von Briefen, Postkarten und Billets umfassenden Briefwechsel diskutierten Dehmel und Winckler sowohl persönliche Probleme als auch literarische Belange. Dehmels kritische Kommentare zu seinen Texten empfand Winckler als hilfreich. So übernahm er die handschriftlichen Änderungen von Dehmel im Manuskript seines Gedichts Dichtersaga, als er es 1914 in der Zeitschrift Quadriga veröffentlichte.
Zwischen 1912 und 1914 gaben Winckler und Vershofen die Zeitschrift Quadriga heraus, die dem Werkleute-Bund als Forum der literarischen Auseinandersetzung diente, mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs aber eingestellt wurde. Nun beteiligten sich der Bund und Winckler, wie viele ihrer intellektuellen Zeitgenossen, an der propagandistischen Unterstützung des Krieges, von dem sie eine „Reinigung“ erhofften, – so in ihren „Kriegsgaben“ Das brennende Volk (1916), zu dem Winckler das Verswerk Die mythische Zeit schrieb, und Schulter an Schulter (1916). Winckler selbst veröffentlichte in den Büchern Mitten im Weltkrieg (1915) und Ozean – Des deutschen Volkes Meeresgesang (1917) „kriegsbejahende Lyrik“ (Hanns Martin Elster), außerdem Gedichte in Tageszeitungen und Anthologien. Er beteiligte sich an einem Wettbewerb der Frankfurter Zeitung zur Zeichnung der neunten Kriegsanleihe im Jahre 1918 und gewann mit dem Gedicht Der Ruf des Rheins den zweiten Preis in der Kategorie „Literarische Beiträge“ in Höhe von 500 Reichsmark. Tragisch war für Winckler der Verlust des einzigen Bruders Alfred, der im Dezember 1916 an der Westfront bei Cambrai getötet wurde, und mit dem Winckler seine familiäre Bezugsperson verlor.
Nach dem Ende des Krieges, der Auflösung des alten Wertesystems und der Erkenntnis des eigenen Versagens, zog sich Winckler zunächst aus der literarischen Produktion zurück, um sich zu besinnen. Bis 1922 veröffentlichte er keine Bücher mehr. Zwar lebte der Bund durch seine neue Zeitschrift Nyland beim renommierten, national-konservativen Verlag Eugen Diederichs noch einmal auf, und Winckler war wieder als Herausgeber tätig, doch engagierte er sich bei den Werkleuten weit weniger als in der Vorkriegszeit. Er veröffentlichte in Nyland ausschließlich vor 1918 entstandene Beiträge.
1919 heiratete er Adele Gidion (1895–1951), die aus einer Kölner Kaufmannsfamilie stammte. Sie war die Schwester von Elise Bauwens, geb. Gidion, der Ehefrau des späteren DFB-Präsidenten Peco Bauwens. Zu dieser Zeit arbeitete er bereits an seinen nihilistischen, stark expressionistisch eingefärbten Büchern Der Irrgarten Gottes (Lyrik, 1922) und Der chiliastische Pilgerzug (1923). Daneben verfasste er Erzählungen, zum Beispiel die in der Trilogie der Zeit (1924), die menschliche Grunderfahrungen wie Vereinsamung, Misshandlung oder Gleichgültigkeit wiedergeben.
Der tolle Bomberg Obwohl Winckler seine Zahnarztpraxen in Homberg und Moers nominell bis 1925 aufrechterhielt, ließ er sich zu Anfang der 1920er Jahre immer häufiger vertreten. Er hatte sich für den Beruf des Schriftstellers entschieden und arbeitete nun systematisch am Aufbau seiner literarischen Karriere. Seinen Durchbruch erzielte er 1923 mit dem „großen Wurf“ Der tolle Bomberg – Ein westfälischer Schelmenroman, mit dem er sich aus der persönlichen Krisis der Nachkriegszeit – wie er in späteren Jahren immer wieder betonte – „durch Lachen befreit hat“ und der eine völlige Abwendung von seiner ersten Schaffensperiode bedeutete. Während Winckler sich bis dahin fast ausschließlich mit Themen der rheinischen Industriewelt beschäftigt hatte, griff er nun heimatverbundene Themen auf.
Für seinen Bomberg betrieb Winckler umfangreiche Recherchen und Quellenstudien. Obwohl der Roman eine historische Vorlage in der Figur des Barons Gisbert von Romberg besaß, literarisierte er diese im Münsterland sagenverklärte Person, indem er neue Mythen hinzufügte, die sich nur mit geringen Teilen der historischen Überlieferung decken. Dem Bomberg vor allem verdankt sich Wincklers literarisches Nachleben. Mit ihm schuf Winckler so etwas wie einen westfälischen „Nationalheiligen“. Der Longseller Der tolle Bomberg, von dem bis heute über 750.000 Exemplare verlegt wurden, begründete seinen – von Winckler nicht immer geschätzten Ruf – als „Heimatdichter“. Die spätere Bezeichnung Wincklers als „Westfalen von echtem Schrot und Korn“So eine wiederholte Zuschreibung westfälischer Zeitungen, z. B. der Münsterschen Zeitung vom 10. Juli 1961. lässt außer Acht, dass sich durch Bomberg und Pumpernickel viele Westfalen verächtlich gemacht und bloßgestellt fühlten. Nach dem Erscheinen von Pumpernickel hätte sich Winckler in Hopsten zunächst nicht sehen lassen können.
Der Bomberg wurde zweimal verfilmt (1932 mit Hans Adalbert von Schlettow und 1957 mit Hans Albers in der Titelrolle). Weitere „Bombergiana“ (Winckler) waren die Benennung eines Intercity-Zuges der Deutschen Bundesbahn oder zahlreicher Restaurants und Gaststätten.
Freier Schriftsteller Der finanzielle Erfolg des Buches ermöglichte Winckler seit 1923/24, endlich das Leben eines freien Schriftstellers zu führen, so wie er es sich – seinem großen Vorbild Richard Dehmel folgend – vorgestellt hatte: ein luxuriöses Leben mit großer persönlicher Freiheit. Er besaß zeitweise mehrere Wohnsitze in Köln, Bonn und in den 1930er-Jahren Honnef (in einem Gartenhaus des Hagerhofs); Lesungen führten ihn durch ganz Deutschland; er gönnte sich mehrmonatige Reisen durch Europa; mindestens einmal jährlich besuchte er ein Kurbad. Wohl mehr aus persönlicher Eitelkeit als aus beruflicher Notwendigkeit promovierte Winckler 1923 zum Dr. med. dent. Seine mit „sehr gut“ bewertete Doktorarbeit Kunsttheoretische Untersuchungen über die graphische, malerische und plastische Darstellung der Zahnheilkunde mutet wie die Vorarbeit zum 1928 erschienenen Historien-Roman Doctor Eisenbart an, dessen Hauptfigur (gestaltet nach dem Vorbild des Johann Andreas Eisenbarth) er in seiner interdisziplinären Dissertation viel Platz einräumt.
Neben seinen Prosa-Werken veröffentlichte Winckler nach Wir Drei! weitere Lyrikbände, mit denen er sich auf seine eigentliche literarische Vorliebe besann, denn schon aus den Pennäler-Tagen lassen sich bei Winckler erste lyrische Versuche in Sonett-Form nachweisen. Mit den Eisernen Sonetten (1912–14) integrierte er das Thema Arbeitswelt in die bürgerliche Literatur. In seiner lyrischen Lieblingsform, dem Sonett, hatte er die Industrie- und Arbeitswelt emphatisch und pathetisch überhöht. Seine Industrielyrik entsprach den „bildungspolitischen Vorstellungen der (nichtkommunistischen) Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften doch weit mehr als der 'Kulturbolschewismus' jener linken Bohème, die sich ... dem Proletkult verschrieben hatte“.Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Handbuch der deutschen Arbeiterliteratur. Edition Text und Kritik, München 1977, ISBN 3-921402-34-4, S. 132. 1929 versuchte er, die zeitgebundene Ausdrucksform der Eisernen Sonette in überarbeiteter Form – als Eiserne Welt – wiederauferstehen zu lassen. Im 1923 erschienenen Gedichtband Der Ruf des Rheins betonte er seine Verbundenheit mit dem Rheinland, das ihm zur zweiten Heimat geworden war.