Die Dr. August Oetker KG ist einer der größten international tätigen deutschen Familienkonzerne mit Sitz in Bielefeld. Sie ist die Holding der Oetker-Gruppe und tritt unter diesem Namen in der Öffentlichkeit auf.

Im Juli 2021 gaben die Gesellschafter der Dr. August Oetker KG die Aufteilung der Unternehmen der bisherigen Oetker-Gruppe in zwei unabhängig voneinander agierende Unternehmensgruppen bekannt (Dr. August Oetker KG und Geschwister Oetker Beteiligungen KG). In: oetker-gruppe.de, abgerufen am 2. Dezember 2021 (PDF). Die Teilung ist seit dem 1. November 2021 wirksam. Zur Oetker-Gruppe gehören seit der vollzogenen Teilung rund 350 Unternehmen aus verschiedenen Branchen.

Die Oetker-Gruppe ist in den Geschäftsbereichen Nahrungsmittel mit den Unternehmen unter dem Dach der Marke Dr. Oetker und Coppenrath & Wiese, Bier und alkoholfreie Getränke mit der Radeberger Gruppe und Weitere Interessen unter anderem mit dem Lieferdienst Flaschenpost tätig.

Geschichte Gründungsphase mini|hochkant|Patent Backpulver mini|hochkant|„Dr Oetker's Schul-Kochbuch“ (1911) mini|10-g-Backin-Packung (1902) Im Januar 1891 übernahm August Oetker in der ostwestfälischen Stadt Bielefeld die Aschoff’sche Apotheke, eine von vier Apotheken der Stadt. In dieser baute er das Laboratorium aus, um zu experimentieren und neue Ideen umzusetzen. Zu den ersten Erzeugnissen gehörten ein Gesundheitskakao, eine Fußcreme und eine Warzentinktur.Seite 51

Im Laboratorium der Apotheke sowie im Haus Müller der gleichnamigen Bäckerei führte er erste Experimente zur Herstellung von Backpulver durch. Der Backvorgang war ihm aus der Backstube seines Vaters in Obernkirchen bekannt. Zur Auflockerung des Brotteigs verwendete man damals Sauerteig oder Hefe. In England war man schon Mitte des 19. Jahrhunderts dazu übergegangen, dem Teig Substanzen beizumischen, die während des Backvorgangs Kohlendioxid entwickelten, um ihn aufzulockern. In Deutschland hatte der Chemiker Justus Liebig in diese Richtung experimentiert, die von ihm entwickelten Stoffgemische besaßen jedoch durch vorzeitige Reaktion eine zu kurze Haltbarkeit.Seite 52 Ein Schüler hatte Liebigs Ideen nach Amerika mitgenommen und dort ein Backpulver auf Basis von Natron und Weinsäure industriell hergestellt. Möglicherweise wurde Oetker davon durch einen Verwandten in Kenntnis gesetzt. Unstrittig ist jedenfalls, dass Oetker nicht der Erfinder des Backpulvers war. 1901 meldete Oetker ein Patent für ein verbessertes, haltbares Backpulver an und verkaufte es, passend für ein Pfund Mehl, in kleinen Tüten à 10 Pfennige unter der Marke Backin, welche am 27. November 1902 registriert wurde.Deutsches Patent- und Markenamt: Registerauskunft Backin. Die geringen Kosten der Vorprodukte ermöglichten eine große Gewinnspanne. Anfangs wurde das Backpulver in der Küche seiner Frau produziert, die ihn aufgrund der ständigen Staubentwicklung aus dem Haus warf; so wurde dann in der Garage produziert und als diese zu klein wurde, hat Oetker seine Fabrik in der Bielefelder Lutterstraße gebaut, wo die Firma auch heute noch ihren Stammsitz hat.

Oetker setzte seinen Doktor-Grad gezielt als Marketing-Element ein, womit den Kunden das Backpulver als ein neues, professionell entwickeltes und getestetes Produkt mit garantierter Funktion suggeriert wurde. Die auf positive Werte wie Gesundheit und Qualität abzielende Werbestrategie war die eigentliche „Erfindung“ von Oetker, die sein Produkt so erfolgreich machte. Zu Oetkers Werbemaßnahmen gehörte auch das heute so genannte Content-Marketing, indem er ein eigenes Backbuch mit Rezepten herausgab, die sein Backpulver als Zutaten verwendeten. Ebenfalls fanden sich Rezeptvorschläge auf den Backin-Packungen. Das Dr. Oetker Schulkochbuch, 1911 erstmals herausgegeben, wurde eines der erfolgreichsten Kochbücher auf dem Markt. August Oetker besuchte Messen und gewann auf einer Kochkunstausstellung in Hamburg eine Goldmedaille, über die er dann in seinen Zeitungsanzeigen berichtete.Seite 61 1908 wurde die erste Werbeabteilung eingerichtet. Diese formulierte das Ziel, dass in jeder Zeitung in einem Ort mit mehr als 3.000 Einwohnern Annoncen geschaltet werden sollten.Seite 68

1900 gründete Oetker eine Fabrik an der Lutterstraße in Bielefeld, dem heutigen Stammhaus. Von hier aus belieferte er bald das gesamte Deutsche Reich mit Backpulver. Bis zu 100.000 Päckchen wurden hier täglich ausgeliefert. Dort wurden auch weitere Produkte wie Puddingpulver, Aromen und Speisestärke entwickelt. Schon nach einem Jahr entstand ein zweites Fabrikgebäude. Seine Vertreter bekamen die Anweisung, dass Oetkers Produkte ab 1907 in jedem Geschäft vertreten sein müssten.Seite 64 In dem wachsenden Unternehmen stellte Oetker 1904 seinen jüngeren Bruder Eduard Oetker, einen Naturwissenschaftler, als Leiter des Labors ein. 1906 folgte sein Bruder Louis Oetker, der den Außendienst und die Werbeabteilung übernahm. 1913 starb Eduard im Alter von 38 Jahren an Krebs, Louis hatte ein Jahr vorher Bielefeld verlassen und in Hameln den Betriebsteil Reese übernommen.

Oetker schuf bessere Arbeitsbedingungen für seine Arbeiter und ließ in seinem Betrieb eine Lehrküche einrichten, die der Ausbildung der Arbeiterinnen diente, um sie auf die Ehe vorzubereiten.Seite 66 Oetkers Arbeitsdisziplin war berüchtigt. Seine Regeln formulierte er 1908 und hängte sie im Betrieb auf: Arbeite, arbeite unter Anspannung aller Kräfte. Sei sparsam! Die Zeit ist dein Kapital, jede Minute muss dir Zinsen bringen!

Erster Weltkrieg und die Folgen mini|hochkant|Werbung für Dr. Oetker's Produkte von 1903

Rudolf Oetker, einziger Sohn von August und Karoline Oetker, promovierte im Jahre 1914 nach einem Chemiestudium und trat danach in das väterliche Unternehmen ein.Seite 85 Im kurz darauf begonnenen Ersten Weltkrieg wurde er zu den Ulanen eingezogen, unter anderem an die Front nach Frankreich versetzt, wo er ab dem Jahreswechsel 1914/15 in der Gegend von Verdun kämpfte und am 8. März 1916 fiel. Er hinterließ eine kleine Tochter und einen nachgeborenen Sohn.

August Oetker verlor aufgrund des Verlustes seines Sohnes seine Kraft und den Lebensmut. Er erkrankte schwer und regelte seine Nachfolge, indem er den Mitarbeiter Fritz Behringer zum Teilhaber und Geschäftsführer machte. Er sollte das Unternehmen als Sachverwalter für den Enkel weiterführen und dieses dann an ihn übergeben. Am 10. Januar 1918 starb August Oetker im Alter von 56 Jahren, als sein Enkel noch nicht zwei Jahre alt war.

Die Firma Oetker konnte von der Kriegswirtschaft profitieren, indem sie Heeresaufträge bekam. Zudem wuchs die Nachfrage nach Backpulver, als die Behörden Ende 1915 verboten hatten, Hefe für Backwaren einzusetzen. 1918 lag der Umsatz doppelt so hoch wie 1914. Außerdem hatte August die nationale Karte gespielt: „Deutsche Hausfrauen! Kauft von jetzt an nur noch das deutsche Gustin statt des englischen Mondamin.“Seite 101

Nach dem Ersten Weltkrieg Karoline Oetker überließ die Führung des Betriebs dem als Geschäftsführer eingesetzten Fritz Behringer. Ihre verwitwete Schwiegertochter Ida heiratete 1919 Richard Kaselowsky, einen alten Jugendfreund von Rudolf Oetker, der aus einer Bielefelder Industriellenfamilie kam. Am 9. Februar 1921 starb Behringer. Seine Nachfolger wurden Richard Kaselowsky und Louis Oetker, ein Bruder des Firmengründers. Beide wurden am 1. März 1921 Teilhaber bei Dr. Oetker. Kaselowsky führte die Firma als Sachwalter für den minderjährigen Erben Rudolf-August Oetker, nicht als Eigentümer.

Die Firma Dr. Oetker erzielte zunächst einen spektakulären Absatzerfolg, Folgen der durch den Krieg aufgestauten Nachfrage. Jedoch brachen ab 1920 die Absatzzahlen gewaltig ein, die Bestellungen fielen um 75 %. Oetker konnte die Rechnungen der Lieferanten nicht bezahlen, und die Schulden nahmen zu. Sein Lieferant für das biologische Säuerungsmittel Weinstein war die Chemische Fabrik vorm. Goldenberg, Geromont und Cie. aus Winkel im Rheingau, die in Deutschland das Alleinvertretungsrecht des amerikanischen Herstellers hatte. Beide Firmen waren voneinander abhängig und hatten ab 1916 kreuzweise Beteiligungen ausgehandelt. Aufgrund der Schulden von Oetker versuchte Goldenberg, Dr. Oetker zu übernehmen, indem man drohte, den Kredit fällig zu stellen. Kaselowsky versicherte, die Schulden würden bezahlt, dafür aber eine höhere Menge des Gewinns abgeführt.Seite 112

Die neuen Geschäftsführer nutzten die wirtschaftliche Situation der Inflationszeit, als die Inflationsrate schon 1922 den Wert von 1.300 % erreichte. In dem Vertrag mit Goldenberg war nicht von solchen Inflationsraten ausgegangen worden. Oetker musste kaum noch etwas für seine von Goldenberg gelieferten Rohstoffe zahlen, da der Preis der Rohstoffe nicht angepasst werden konnte, während der Verkauf der Oetkerwaren sich in immer größere Preisstufen erhöhte. Richard Kaselowsky weigerte sich, den Liefervertrag auf die inflationssichere Goldmark umzustellen. Das anschließende Gerichtsverfahren endete mit einem Vergleich, die Ware wurde zu realen Preisen bezahlt, aber die gegenseitige Beteiligung wurde aufgelöst, Oetker war wieder komplett in Familienhand.Seite 118 Im Jahre 1923 erwarb Oetker die Chemische Fabrik Budenheim, die die nötigen Vorprodukte für die Backtriebmittel herstellte.

Nach der Währungsreform Nach der Währungsreform 1923 ging es wieder aufwärts. Im Rahmen des Dawes-Plans wurden Deutschlands Schulden neu geregelt und erträglicher gestaltet. Die Unternehmen konnten wieder Kredite aufnehmen. Richard Kaselowsky entschloss sich 1924, ein Zweigwerk in Hamburg aufzumachen, um von dort aus den norddeutschen Raum zu beliefern. In einer weiteren Hamburger Produktionsstätte stellte das Familienmitglied Albert Oetker Marzipan her. In Danzig wurde ein Zweigwerk für den osteuropäischen Markt gegründet. In Bielefeld investierte man in neue Abfüll- und Verpackungsanlagen in einem neuen Fabrikgebäude an der Steinmetzstraße.

Paul Sackewitz setzte neue Werbestrategien um. Unter anderem fuhren Fahrzeuge auch in kleinste Dörfer und verteilten dort Süßspeisen an die Kinder. In der anschließenden Dr.-Oetker-Backstunde konnten die Produkte unter das Volk gebracht und neue Kunden gewonnen werden. In den Großstädten wurden zusammen mit der Firma Henkel sogenannte Oetker- und Persilschulen eingerichtet.

Richard Kaselowsky expandierte und übernahm 1925 die Mehrheit an der renommierten Bielefelder Druck- und Verlagsgesellschaft E. Gundlach AG, deren Aufsichtsratsvorsitz er übernahm. Gundlach stellte neben den Verpackungen und Plakaten die Zeitung Westfälische Neueste Nachrichten sowie weitere Fachzeitschriften und Bücher her. Hier ließ Oetker in hoher Auflage Koch- und Backbücher drucken.

Im Jahr 1930 saß Richard Kaselowsky laut Aktienhandbuch in mehreren Aufsichtsräten, und zwar bei der Chemischen Fabrik Budenheim AG in Mainz, der E.Gundlach AG, der Fleischwarenfabrik Vogt & Wolf Aktiengesellschaft in Gütersloh und der Deutschen Bank.

Während der Weltwirtschaftskrise musste Oetker Personal entlassen.

Zeit des Nationalsozialismus mini|Sitz der Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG in Bielefeld

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 trat der Geschäftsführer der Oetker-Werke, Richard Kaselowsky, am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein. Nach der Reichstagswahl am 5. März 1933 prangte auf der von Oetker gestifteten Oetkerhalle ein großes, hellleuchtendes Hakenkreuz, und an der Fassade der Halle war ein riesiges Porträt Adolf Hitlers angebracht. Der direkt danebenliegende Bürgerpark wurde am 20. April desselben Jahres durch die Stadt Bielefeld in Adolf-Hitler-Park umbenannt.Seite 137damals gab es zahlreiche solche Umbenennungen, siehe Adolf Hitler als Namensgeber von Straßen und Plätzen