Kim ist ein Roman des britischen Schriftstellers Rudyard Kipling aus dem Jahr 1901.Der Roman erschien in Fortsetzungen in McClure’s Magazine vom Dezember 1900 bis Oktober 1901 und in Cassell’s Magazine von Januar bis November 1901, bevor ihn 1901 Macmillan & Co. Ltd. als Buch veröffentlichte. Der Roman gilt als sein „wahrscheinlich bestes Werk“„Probably his best prose work.“ G. Sampson, Concise Cambridge History of English Literature, 3. Edition 1975, S. 739. und „Kiplings Meisterwerk der erzählenden Literatur“.„Kim is acknowledged as Kipling’s masterpeace [masterpiece?] in fiction.“ Stapleton, Cambridge Guide to English Literature, 1983, S. 488. So auch Sayyed Rahim Moosavinia: Untold Stories about India: Rudyard Kipling and E.M. Forster. Sarup Book Publishers, New Delhi 2009, ISBN 978-81-7625-909-5, S. 11. Der Titelheld Kim (Kimball O’Hara) ist ein gewitzter irischer Waisenjunge, der im Slum von Lahore zur Zeit der britischen Herrschaft über Indien aufwächst und als Schüler eines tibetischen Lama durch den Norden Indiens zieht. Nach Aufdeckung seiner Herkunft wird er zunächst an einer britischen Schule in Lucknow, Indien, ausgebildet und soll dann nach dem Willen seiner Mentoren in den britischen Geheimdienst eintreten. Nebenbei hilft Kim seinem geliebten Lama dabei, Erleuchtung zu erlangen.
Historischer Hintergrund der Geschichte ist die Kolonialzeit in Britisch-Indien um 1880 sowie der Konflikt zwischen Russland und Großbritannien um die Vorherrschaft in Zentralasien, das sogenannte Great Game. In Kim kann Kipling auf Erinnerungen an seine Kindheit in Britisch-Indien Ende des 19. Jahrhunderts zurückgreifen.Zohreh T. Sullivan: Narratives of Empire. The Fictions of Rudyard Kipling. Cambridge University Press, Cambridge 1993, ISBN 978-0-521-06313-5, S. 148. Der Roman ist heute vor allem als Jugendbuch beliebt und Ursprung des Kim-Spiels. In postkolonialer Perspektive wird dem Roman eine Legitimierung des britischen Imperialismus vorgeworfen.
Übersicht mini|"Eine Straße in Lahore", Farblithografie von Alexis Soltykoff, März 1842 Der Waisenjunge Kim, eigentlich Kimball O’Hara, lebt zur Zeit der britischen Herrschaft über Indien im Slum von Lahore. Der gewitzte Knabe verdient seinen Lebensunterhalt mit Betteln und kleinen Botendiensten, darunter gelegentlich für Mahbub Ali, den Kim als Pferdehändler am Markt von Lahore kennt, der aber auch für den britischen Geheimdienst arbeitet.
Kim stammt von einem irischen Ehepaar, das verarmt in Indien starb. Obwohl von Geburt Ire, wird Kim von einer Hindufrau großgezogen und ist so sehr in die indische Kultur integriert, dass er Hindustani besser spricht als Englisch. Kims Geburtsurkunde befindet sich in seinem Halsamulett, ohne dass dem Kind dessen Bedeutung klar ist. Sein Vater hat ihm im Opiumrausch geweissagt, dass sich sein Schicksal eines Tages mit Hilfe eines geheimnisvollen roten Stiers auf grüner Wiese zum Guten wenden wird.
Kims Leben ändert sich grundlegend, als er vor dem Museum von Lahore einen reisenden tibetischen Lama kennenlernt, der auf der Suche nach einem legendären Fluss ist, dessen Wasser vom Kreislauf der Wiedergeburten, dem Rad des Lebens, befreit. Kim schließt sich dem Lama als sein Chela (Schüler) an und geht mit ihm auf Wanderung. Bevor die beiden Lahore verlassen, nimmt Kim noch einen Botengang für Mahbub Ali an, die Übergabe eines Briefes an einen britischen Offizier in Umballa. Kim ahnt, dass es sich nicht, wie behauptet, um den Stammbaum eines Pferdes, sondern um eine wichtige Botschaft handelt.
Der Lama und Kim stoßen auf der Grand Trunk Road auf ein irisches Regiment, dessen Fahne einen roten Stier auf grünem Grund zeigt. Zwei Priester des Regiments finden in Kims Amulett seine Geburtsurkunde und ein Papier, das die Zugehörigkeit seines Vaters zum Regiment belegt. Das Regiment beschließt, Kim auf eine englische Schule zu schicken. mini|Kim und Lama wandern auf dem nördlichen Zweig der Grand Trunk Road Kim lernt auf der Schule nicht nur Schreiben und Rechnen, sondern auch die Grundlagen des Vermessungswesens. Er soll nach seiner Ausbildung Landvermesser im National Survey werden, was er für eine spätere Tätigkeit im britischen Geheimdienst benötigt. Während der dreijährigen Ausbildung trifft Kim den Lama in den Ferien. Der Juwelenhändler Lurgan in Simla bringt ihm für seine Geheimdiensttätigkeit einige Techniken wie z. B. das Verkleiden bei. Unter anderem spielt Kim bei Lurgan auch ein Gedächtnisspiel, bei dem er sich die Größe und Farbe von Edelsteinen merken muss, das heute noch unter dem Namen Kims Spiel bekannt ist.
Nach drei Jahren verlässt Kim die Schule und mit dem Spion Hurree Babu, übernimmt er den Auftrag, in den Bergen des Himalayas nach zwei russischen Spionen zu suchen. Kim kann deren Papiere an sich nehmen, doch während dieser Aktion wird der Lama verletzt und krank. Mit der Hilfe eines Stammes aus den Bergen gelingt es, den Lama wieder in die Ebene Indiens zu befördern, wo sie sich im Haus einer Gönnerin erholen. Hurree Babu und Mahbub Ali treffen dort ebenfalls ein und nehmen die Papiere der russischen Spione an sich. Das Buch endet damit, dass der Lama in der Nähe in einen Fluss steigt, sich als befreit und erleuchtet betrachtet und hofft, dass auch Kim den Pfad der Erleuchtung einschlägt.
Hauptpersonen Kimball „Kim“ O’Hara – Hauptfigur des Romans, Waise in den Straßen von Lahore, Sohn eines irischen Soldaten in Indien Teshoo Lama – tibetischer Lama aus dem Kloster Such-zen im Himalaya, zurzeit auf einer spirituellen Suche nach der Quelle eines Flusses, der durch einen Pfeil Buddhas entsprang Mahbub Ali – paschtunischer Pferdehändler im Punjab und Spion für den britischen Geheimdienst Colonel Creighton – britischer Offizier, Spion und Hobby-Ethnologe Lurgan Sahib – Juwelenhändler in Simla und britischer Spion Hurree Babu – bengalischer Spion für den britischen Geheimdienst und Kims direkter Vorgesetzter Sahiba – alte adlige Dame aus den Rajput-Dynastien mit Anwesen in der Nähe von Saharanpur, Gönnerin und Anhängerin des Lamas Lispeth – alte Frau in Shamlegh im Himalaya, die Kim und seinem Lama hilft, den russischen Spionen zu entkommen und den Himalaya wieder zu verlassen Reverend Arthur Bennett – Priester der anglikanischen Kirche, Kaplan der Mavericks, dem irischen Regiment, dem Kims Vater angehörte Vater Victor – der römisch-katholische Kaplan der Mavericks, der Kim zur Ausbildung in die katholische Schule St. Xavier in Lucknow schickt
Komposition Der Roman gliedert die Handlung in 15 zeitungsgerecht kurze Kapitel von meist um die zwanzig DruckseitenDie Unabhängigkeit der Kapitel (keine Rück- oder Vorgriffe) war dadurch erforderlich, dass der Roman 1900 und 1901 zuerst in Fortsetzungen in zwei Zeitungen erschien und erst 1901 als Buch. Abweichend hiervon: „Die relativ starke Selbständigkeit der Kapitel zeugt noch davon, dass der Roman zunächst wohl als Kurzgeschichtensammlung konzipiert war.“ Getabstract.com und in drei Teile zu je etwa fünf Kapiteln: Die ersten fünf schildern Kims Erlebnisse in Begleitung seines Lamas auf der Grand Trunk Road, gefolgt von fünf Kapiteln, in denen Kims Ausbildung in einer britischen Schule in Lucknow und durch den Geheimdienst in den Schulferien beschrieben wird. Die letzten fünf Kapitel befassen sich mit Kims Pilgerfahrt an der Seite seines Lamas im Himalaya, wo Kim auch seinen ersten Geheimdienstauftrag ausführt. Die auktoriale Erzählstimme nimmt meist Kims Perspektive ein und beschreibt sowohl die äußeren Ereignisse als auch die Gedanken der Hauptfiguren. Die erzählte Zeit umfasst das Leben Kims von seinem dreizehnten bis in sein siebzehntes Lebensjahr und entspricht der historischen Zeit am Ende der 1870er Jahre.Siehe Jaydeep Chakrabarty: Re-reading Rudyard Kipling’s "Kim". A Postcolonial Approach. Während die ersten sechs Kapitel die ersten zehn Tagesabläufe der gemeinsamen Wanderung von Kim und Lama und damit die Verknüpfung ihrer Moral und Ethik beschreiben, nimmt das Erzähltempo nach der Aufnahme Kims in die englische Schule mit dem siebten Kapitel in größeren Sprüngen zu: Zunächst werden Tage zusammengefasst, dann verliert die Erzählung die nachvollziehbare Ordnung nach Tagen, dann nach Monaten oder Jahren; zugleich vergrößert sich der Radius ihrer Erkundungen.
Alle fünfzehn Kapitel werden von Versen aus Gedichten Kiplings eingeleitet, die als Motti auf zentrale Aspekte der kommenden Handlung vorausdeuten: Respekt gegenüber anderen Menschen, Tieren und Religionen (Kapitel I), Ablehnung von Stolz (II), Wichtigkeit des moralischen Strebens (III), die zivilisatorische Armut von Kims neuen, englischen Schulkameraden (VI), die Hilflosigkeit des Individuums in den Wirren des Planeten Erde (VII), die Freude Kims über seine doppelte Identität (VIII), die alle weltliche Macht überwindende Wahrheit (XV) usw.
Die Verknüpfung der Ereignisse ist weder kausal noch korrelativ, sondern rein chronologisch: „Zentrales Thema des aus lose aneinandergereihten Episoden bestehenden und vom Autor selbst als ‚handlungslos‘ bezeichneten Romans ist die Freundschaft zwischen dem schlauen, wirklichkeitsnahen Kim und dem weltentrückten Lama, der nur noch den Wunsch nach Vergeistigung kennt.“Kindlers Neues Literaturlexikon, Ka-La, Bd. 9, S. 406. Kim ist „eine episch-breite, kunterbunte und vergnügte Reisephantasie aus unzähligen Episoden.“Tobias Döring: Wir sind, was wir von uns erzählen, FAZ, 12. Mai 2015 Die narrative Funktion dieser „road novel“,Ian Mackean: Kim, by Rudyard Kipling dieses episodischen Überblicks der Gegensätze Indiens in den Ebenen und den Bergen, ist, die Lebensmöglichkeiten des Landes dem kritischen Blicken Kims und des Lamas auszusetzen."Basically, while jouneying from Lahore to the northern border, Kim and the lama serve an inspection eye of the setting which draws an interpretative diagram of several cultures blended in India where Hindu, Buddhist, Sikh and Muslim positively live and interact.” Alaa Abbas Ghadban: Rereading Rudyard Kipling’s Kim in the Light of the Notion 'Dialogue of Civilizations': A Multicultural Perspective „Die Gesamtdarstellungen laufen jedoch immer wieder auf eines hinaus, was J. H. Millar in Blackwood’s Magazin (Dez. 1901) bereits formulierte: ‚Aber der Zauber von Kim liegt nicht in der Geschichte (so aufregend und einfallsreich dieses auch ist) noch in der Darstellung von Charakteren (so kunstfertig und überzeugend sie auch ist). Das Geheimnis liegt in dem wunderbaren Panorama des Lebens auf der großen Halbinsel.‘“G. Haefs: Anhang, in: R. Kipling: Kim, Frankfurt: Fischer 2021, S. 383.Siehe auch Sharad Keskar: Kim – an Introduction
Erzählweise mini|Vornehme Reisegesellschaft (Buchillustration von 1873) Die mit vielen Ornamenten erzählten Höhepunkte sind für Kim die Erlebnisse auf den Straßen, vor allem auf der „Große[n] Heerstraße, die das Rückgrat ist von ganz Hind. […] Alle Arten und Kasten tummeln sich hier […] – ein Strom von Leben. […] Dies hieß in Wahrheit die Welt sehen; das war Leben, wie es ihm gefiel.“R. Kipling: Kim, München: dtv 1995, S. 67, 85. Aus der großen Verkehrsdichte auf der alten, von England aus strategischen Gründen ausgebauten Fernstraße wird, scheinbar in eurozentristischer Perspektive, „das glückliche asiatische Durcheinander, das, wenn man nur warten kann, alles bringt, was ein einfacher Mensch braucht.“R. Kipling: Kim, München: dtv 1995, S. 75. Aber diese Romantisierung der Exotik, die man als Einstellung des noch naiven Dreizehnjährigen auffassen kann, wird durch den Erzähler schnell unterhöhlt, der vom Zwang einer niederen Kaste zur Benutzung der ihr bestimmten Straßenseite berichtet und die nur den Brahmanen ausweichende „halbkönigliche Prozession“ der alten Dame aus Kulu beobachtet. Sie, der sich der Lama und Kim zeitweilig anschließen, ist die Witwe eines Raja und so von hohem Rang – die sichtbare Oberfläche ist brüchig und das erfahrene Auge entdeckt die Klassenstrukturen schon in der Art der Bewegung.R. Kipling: Kim, München: dtv 1995, S. 71, 87.