Taiping Jing () ist die Bezeichnung für verschiedene daoistische Texte. Zumindest zwei Werke sind unter diesem Titel bekannt:
Tianguanli baoyuan taiping jing , 12 Kap., unbekannter Inhalt, Autor: Gan Zhongke 甘忠可 Taiping qinglingshu , 170 Kap., nur noch 57 im Daozang erhalten, Autor unbekannt.
Die Bezeichnung Taiping jing bezieht sich gewöhnlich auf das im Daozang (aus der Ming-Zeit) enthaltene Werk, das als eine wertvolle Quelle für die Erforschung des frühen daoistischen Glaubens und der Gesellschaft am Ende der Östlichen Han-Dynastie betrachtet wird. Die Form des Daoismus, der Taiping-Daoismus (太平道) von Zhang Jue (gest. 184), dem Anführer des Aufstands der Gelben Turbane, gründete auf diesem Werk.
Der Inhalt des Taiping jing ist vielgestaltig, beschäftigt sich aber primär mit Themen wie Himmel und Erde, der Fünf-Elemente-Lehre, Yin und Yang und dem Sechzigerzyklus.
Der Text Der überlieferte Text untergliedert sich im Wesentlichen in drei unterschiedliche Abschnitte: Abschnitt A: Der Himmelsmeister-Abschnitt: Dialoge zwischen Tianshi, dem Himmelsmeister, und seinen Schülern Abschnitt B: Celestial Gentleman, Schüler und „Great Divine“, der zwischen beiden ersteren vermittelt Abschnitt C: Texte ohne viele Gemeinsamkeiten
Während die Abschnitte A und B sehr lebendig und interessant für den Leser geschrieben sind, weil es sich um Dialoge zwischen Lehrer und Schüler handelt, ist Abschnitt C nur schwierig zu verarbeiten. Es handelt sich dabei um gesammelte Texte, die kaum zueinander passen und die im Gegensatz zu den anderen Abschnitten nicht in Dialogform verfasst wurden. Die Texte sind inhaltlich sehr unterschiedlich und lassen sich nicht in einen größeren Gesamtkontext einfassen. Barbara Hendrischke glaubt, Abschnitt A sei auch tatsächlich der, der zuerst geschrieben wurde.Barbara Hendrischke (1992), The Daoist Utopia of Great Peace, in: Oriens Extremus Nr. 35, Wiesbaden., S. 63.
Der Text beschreibt umfangreich, wie die Menschen durch entsprechend richtiges Verhalten den Großen Frieden erreichen können, er macht allerdings auffallend wenig deutlich, wie dieser Taiping dann letztendlich aussehen wird. Dieses kann damit erklärt werden, dass die Vorstellung vom Taiping während der damaligen Zeit bereits umfangreich in der Bevölkerung vorhanden war. Das Taiping Jing wurde also nicht einfach aus dem Nichts von dessen Autoren kreiert, sondern fasste vielmehr die bereits bestehenden Vorstellungen der Utopie des Großen Friedens in einem Werk zusammen. Da nun aber schon klar war, wie das Ergebnis eines Großen Friedens aussehen würde, war es nicht mehr unbedingt nötig, dieses auch genauestens und in all seinen Facetten niederzuschreiben. Die Bevölkerung wünschte sich vielmehr eine Art Anleitung, wie denn eine solche paradiesische Vorstellung verwirklicht werden könne.
Sprache Die Sprache des TPJ unterscheidet sich ähnlich dem Inhalt mit seinen praktischen und politischen Ambitionen vom Rest der damaligen philosophischen Texte. Er ist deutlich weniger literarisch geprägt und zeichnet sich vielmehr durch eine einfache Schreibweise aus. An vielen Stellen ist der Text so geschrieben, wie zur damaligen Zeit vermutlich gesprochen wurde, zeigt also umgangssprachliche Tendenzen. Hendrischke denkt, dass dieses darauf schließen lässt, dass der Text von Leuten geschrieben wurde, die nicht aus der Elite kamen, wie die, die normalerweise klassische Texte im Alten China verfassten.Barbara Hendrischke (2006), The Scripture on Great Peace, Berkeley, S. 41. Der Text könnte möglicherweise aus Transkriptionen kommen, die von den Schülern der Bewegung des Taiping Jing gemacht wurden. Das Werk wäre damit eine Niederschrift der Dialoge zwischen Lehrern und Schülern des Taiping.
Utopie und Weltbild
Leben
Laut der Theorie im Taiping Jing (TPJ) verläuft der Weg hin zum Großen Frieden Taiping (太平), neben der richtigen Verwaltung des Staates, über die Verlängerung des Lebens und lebenserhaltende Maßnahmen. Die Art und Weise, wie diese Idealvorstellung einer Welt erreicht werden kann, ist also klar daoistisch geprägt, denn es gibt starke Anlehnungen an den Religiösen Daoismus mit seinen Praktiken, die Unsterblichkeit durch unterschiedlichste Maßnahmen zu erreichen. Dennoch sind auch große Unterschiede festzustellen, denn während innerhalb des Religiösen Daoismus auch chemische Mittel, wie Zinnober eingenommen wurden, die dann zumeist das Gegenteil von dem bewirkten, was sie sollten, beschreibt das TPJ den Weg hin zum langen Leben vielmehr durch moralisch korrektes Verhalten, Meditation und richtige Ernährung. Chemisch zusammengebraute Mittel dagegen brauchten nicht eingenommen zu werden. Der Zusammenhang zwischen Leben und Lebensalter kommt aus dem daoistischen Weltbild, dass Geschehnisse im Himmel das Leben der Menschen beeinflussen und andersherum. Es besteht eine Dreiteilung zwischen den Sphären:
Himmel Erde Menschen
Der Himmel wird innerhalb dieser Vorstellung als agierende Person betrachtet, die einen eigenen Willen hat und diesen auch durchsetzt. Dieser stellt auch Regeln auf, an die sich die Menschen zu halten haben. Bei Verstoß gegen die Regeln des Himmels, kann dieser Katastrophen schicken. Überschwemmungen und Missernten wurden demnach als Strafe des Himmels für das Fehlverhalten der Menschen interpretiert. Nach dem TPJ hat nun der Himmel den Menschen ursprünglich Methoden gegeben, ihr Leben möglichst lange zu gestalten Sein Hauptinteresse liegt darin, das Leben aufrechtzuerhalten. Zwar wird akzeptiert, dass grundsätzlich jedes Leben irgendwann zu Ende gehen muss, aber der Mensch hat nicht nur die Aufgabe, sondern geradezu die Pflicht, nicht zu früh zu sterben. Die Methoden, wie die Menschen nun zu einem langen Leben kommen können, beschreibt das TPJ. Diese korrekten Verhaltensweisen lassen sich zusammenfassen zu:
einem moralisch richtigem Leben Meditation hygienische Praktiken medizinische Substanzen und Nutzen von Talismanen zur Heilung therapeutischer Nutzen von Musik
Das moralisch richtige Leben nimmt unter diesen Punkten den Herausragenden ein. Moralisch zu leben meint nach der Lehre des Taiping ein Verhalten, das lebensverlängernd wirkt. Und zwar ist dabei nicht bloß das eigene Leben gemeint, sondern auch das anderer Menschen, der Tiere und generell seiner gesamten Umwelt. Diese Moralvorstellung ist demnach eine völlig andere als in anderen Philosophien, bei denen sich Moral vielmehr auf das soziale Leben bezieht. Hier wird aber ein weiterer, deutlich individualistischer Aspekt betont: Das eigene Leben.
Hierbei ist es wichtig zu wissen, was das Gegenteil des Taiping, also der idealen Welt, ist. Auf den ersten Blick könnte dieses das Chaos Luan (乱) sein, was allerdings im Falle des TPJ nicht zutrifft. Vielmehr ist das Gegenteil des Großen Friedens die Unterbrechung Jue (绝), was gleichbedeutend mit „zu einem Ende bringen“ oder noch konkreter, töten, ist. Dieses zeigt abermals die herausragende Bedeutung des Lebens für die Vorstellungen vom Großen Frieden. Es ist demnach unmoralisch und dem Erreichen des Ideals abträglich, andere Menschen, sich selbst oder sogar Tiere aus Eigennutz umzubringen.
Die anderen vier Punkte sind eher praktische Vorgehensweisen, die im Alltag angewendet werden können. Meditation und Musik sollen zur inneren Ruhe führen und den Geist beruhigen. Bestimmte hygienische Praktiken und die Einnahme von medizinischen Substanzen dagegen dienen der Gesundheit, denn auch diese ist selbstverständlich lebensverlängernd und damit ein wichtiger Schritt hin zum Taiping. Allerdings hielt sich die Taiping-Bewegung fern von chemischen Mitteln. Hier kamen im Wesentlichen nur Pflanzen und Kräuter der Traditionellen Chinesischen Medizin zum Einsatz. Zur Ernährung wird empfohlen, möglichst wenig zu essen und noch dazu am besten „Nichtkörperliches“. Damit ist z. B. Reis gemeint. Eine vegetarische Ernährung wird befürwortet. Gar nichts zu essen ist aber ebenfalls verboten, weil damit laut TPJ nicht nur der Darm aufhört zu arbeiten, sondern es natürlich auch einleuchtet, dass die Nulldiät irgendwann zum Tode führt. Empfohlen wird hier ganz konkret eine Mahlzeit pro Tag. Das TPJ preist nicht nur die Vorteile, die dieses Fasten für ein langes Leben haben, sondern auch, dass es den Staat entlastet und Frieden schafft.
Ein möglichst langes Leben lässt sich laut TPJ also über die erwähnten Vorgehens- und Verhaltensweisen erreichen und dieses führt schließlich zur idealen Welt, dem Taiping.
Chengfu
Mit Chengfu (承负) bezeichnet das TPJ ein Konzept des „vererbten Bösen“. Dieses stellt ein gesellschaftliches Problem dar, was jeden Einzelnen in seinem persönlichen Handeln betrifft. Das TPJ geht davon aus, dass sich das Fehlverhalten eines jeden Einzelnen über Generationen hinweg kollektiv sammelt und anhäuft. Jede einzelne „Sünde“ besteht sozusagen auch, nachdem sie bereits für Jahrzehnte von den Menschen vergessen ist, als feste Masse in der Welt weiter. Sie lässt sich nicht erkennen oder einfach entfernen, sondern addiert sich zu den bisherigen Sünden dazu und es kommt zu einem Chengfu-Maximum, dem Chenfu Zhi Ji (承负之极).
Nun ergänzt sich diese Vorstellung um ein deutliches Weltuntergangsszenario, das die ganze Situation massiv verschärft. Die Anhäufung des Bösen kann nach dem TPJ nicht einfach ewig so weiter gehen, sondern hat irgendwann ein Ende. Wie mit der bekannten Metapher des Fasses, das irgendwann überläuft, ist es auch beim Chengfu des TPJ. Das Fass ist mit Bösem voll, wenn es das Chengfu-Maximum erreicht hat und läuft dann über. Konkret bedeutet dieses wiederum, genau wie beim Einfluss des Himmels auf die Menschen, Naturkatastrophen und Elend. Dieses Schreckensszenario wird von dem Werk sogar noch bis zur vollständigen Auslöschung allen Lebens ausgeweitet.
Numerische Berechnungen verschärften das Ganze weiter. Das TPJ spricht vom Xuanjia (玄甲) als Beginn von nötigen Reformen um das drohende Unheil noch aufzuhalten. Als Ausweg sieht das TPJ nur das Erreichen des Taiping möglichst bald. Es existiert also die extrem schlechte Aussicht, dass bei Nicht-Erreichen des Großen Friedens, alles Leben zu Ende gehen wird und das das Ende von Himmel, Erde und der gesamten Menschheit sei. Nach dem TPJ ist nun jeder einzelne dazu aufgefordert, das Taiping zu verwirklichen. Barbara Hendrischke dazu:
Die Regierung könnte diese Behauptung als Vorwand nehmen, Verantwortung von sich selbst auf die Bevölkerung zu schieben, falls es zu Katastrophen und Missernten kommt. Zwar wird Taiping kollektiv erreicht, aber es ist trotzdem die Aufgabe des Einzelnen, sich richtig zu verhalten, um dorthin zu gelangen. Das TPJ ist damit ein ideales Werk für Geheimgesellschaften, Rebellen und Aufständische, denn es verbindet ein gemeinsames Ziel, dessen Verwirklichung über Leben und Tod entscheidet mit der politischen Aufforderung, dieses Ziel durch die Mitglieder einer solchen Rebellengruppe selbst in die Hand zu nehmen und dabei störende Faktoren, wie eine das Ziel behindernde Regierung, zu entmachten. Die Bedeutung des Ziels ist wiederum so groß, dass auch radikale oder gewalttätige Maßnahmen trotz des an sich daoistischen Hintergrundes zur Verwirklichung möglich und akzeptiert werden.
Moral
Sünden
Ein wichtiger Aspekt des Taiping ist es, dass bestimmte Taten vermieden werden, die als Sünden gelten. Wie bereits erwähnt, kann jedes einzelne Individuum das Erreichen des Taiping schon durch sein Fehlverhalten gefährden, was auch als bezeichnet wird. Die Bevölkerung sollte deshalb nicht ihre politische Führung kritisieren, da diese ja nur mittelbar überhaupt für die schlechte Situation und für das Nicht-Bestehen des Taiping verantwortlich gemacht werden kann.